Die Zeiten des Ereignisses. Neuvermessung einer historischen Kategorie

Ort
Köln
Veranstalter
Dr. Anna Karla (Köln), Dr. Jörn Eiben (Hamburg), Dr. Theo Jung (Freiburg)
Datum
09.11.2018 - 10.11.2018
Bewerbungsschluss
15.11.2017
Von
Arbeitskreis Geschichte + Theorie

200 Jahre Waterloo, 500 Jahre Luther, 100 Jahre Novemberrevolution – die Jubiläen historischer Großereignisse stehen aktuell wieder ganz im Mittelpunkt von Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. Diese Tendenz will der Arbeitskreis Geschichte + Theorie zum Anlass nehmen, um neu über das Ereignis als historische Grundkategorie nachzudenken.

Das Verhältnis der Geschichtswissenschaft zum Ereignisbegriff ist paradox: Einerseits ist Geschichte ohne das Ereignis kaum denkbar, andererseits gilt die Ereignisgeschichte seit längerem als unzulängliche, unzeitgemäße Form der Geschichtsschreibung. Vor diesem Hintergrund setzt sich die Tagung zum Ziel, in Auseinandersetzung mit den jüngeren Debatten um die historische Grundkategorie der Zeit ein neues theoretisches Verständnis von Ereignissen zu begründen. Denn Ereignisse – sei es im alltäglichen, im biographischen oder im ‚historischen‘ Sinn – zeichnen sich durch eine spezifische Zeitlichkeit aus. Als temporale Fokuspunkte ergeben sie sich aus der Art und Weise, wie sich Individuen, Gruppen und Gesellschaften zu ihrer eigenen Zeit verhalten. Im Brennpunkt temporaler Perspektiven und Handlungsmuster ist das Ereignis somit stets eingebettet in ein komplexes Geflecht sich überlagernder sozialer, kultureller, wirtschaftlicher, technischer und medialer Kontexte. Aus demselben Grund rückt seine Identität ins Zentrum gesellschaftlicher Konflikte und Aushandlungsprozesse.

Auf der Grundlage historischer Fallstudien erprobt die Tagung verschiedene Zugänge zu den historischen Dimensionen von Ereignissen und erschließt so Wege zu einer neuen Ereignisgeschichte jenseits althergebrachter Chronologien.

Mögliche Themengebiete, aus denen wir um theoretisch orientierte und empirisch argumentierende Beiträge bitten, sind etwa:

- Praktiken der Ereigniserzeugung: Nicht selten werden Zeitabschnitte anhand ihrer relativen ‚Ereignisdichte‘ kontrastiert. Ein Ereignis existiert erst vor dem Hintergrund des bloßen Geschehens, es wird als Einschnitt zwischen vorher und nachher erfahren. Wie aber werden solche temporalen Differenzen hergestellt? Welche Akteure sind daran beteiligt und welche Motive verfolgen sie? Wie verhalten sich der Vorgriff auf antizipierte Ereignisse, die Erfahrung ihrer unmittelbaren Aktualität und ihre rückblickende Aneignung zueinander? In welchem Verhältnis stehen Ereignisse zu den etablierten Routinen und Kontinuitäten, die sie durchbrechen, und wie werden gesellschaftliche Sequenzen, Rhythmen und Geschwindigkeiten durch die An- und Zuordnung von Ereignissen strukturiert?

- Ereigniskonflikte und -konkurrenzen: Nicht nur die nachträgliche Deutung des Ereignisses, sondern schon die Frage, was überhaupt als solches anerkannt wird, ist eng mit gesellschaftlichen Hierarchien und Gegensätzen verknüpft. Muss also einerseits nach der Rolle von Machtverhältnissen und Deutungshoheiten bei der Bestimmung des Ereignisses gefragt werden, sind andererseits die Folgen solcher konflikthaften Aushandlungsprozessen genauer zu bestimmen. Unter welchen Umständen werden einmal konstituierte Ereignisse neu zur Diskussion gestellt? Wann kommt es zu konkurrierenden Ereignisbegriffen und welche langfristigen Folgen zeitigen diese?

- Medien des Ereignisses: Medien tragen wesentlich dazu bei, einzelne Geschehnisse als Ereignisse zu charakterisieren, ihre jeweilige Bedeutung zu strukturieren, zu kommunizieren und zu debattieren. Ereignisse konstituieren sich in Abhängigkeit von den Tempi und Rhythmen von Nachrichtenübermittlung, sind aber auch Ausdruck historisch spezifischer Aufmerksamkeitsökonomien. Deshalb ist nach den medialen Produktions-, Kommunikations- und Rezeptionsweisen von Ereignissen ebenso zu fragen wie nach den materiellen, wirtschaftlichen, sozialen und technischen Bedingungen gesellschaftlicher Diskursformationen, in denen um Ereignisse gerungen wird.

- Ereignisse und Historizität: In der Überlieferung, Überformung und Wiederaneignung von Ereignissen spielen geschichtswissenschaftliche, aber auch geschichtskulturelle Zeitpraktiken wie Periodisierung, Erzählung, Chronologie und neuerdings reenactment eine Schlüsselrolle. Wie stellen solche und andere Praktiken Ereignisse her, inwiefern schreiben sie einzelne Ereignisse in ein jeweiliges historisches Narrativ ein und in welche gesellschaftlichen Deutungsbemühungen sind sie eingebunden? Öffnen diese Strategien der Historisierung von Ereignissen umgekehrt methodische und theoretische Perspektiven auf eine neue Ereignisgeschichte jenseits der Chronologie?

Interessierte Geistes- und Sozialwissenschaftler/innen, die zu diesen und verwandten Themen forschen, sind herzlich eingeladen, bis zum 15. November 2017 einen Vorschlag von max. 600 Wörtern für einen zwanzigminütigen Vortrag an Theo Jung (theo.jung@geschichte.uni-freiburg.de) zu senden. Eine Übernahme der Reise- und Unterbringungskosten wird vorbehaltlich der Finanzierungszusage angestrebt.

Kontakt

Theo Jung

Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
79085 Freiburg i. Br.

theo.jung@geschichte.uni-freiburg.de

Zitation
Die Zeiten des Ereignisses. Neuvermessung einer historischen Kategorie, 09.11.2018 – 10.11.2018 Köln, in: H-Soz-Kult, 20.09.2017, <www.hsozkult.de/event/id/termine-35036>.