kritische berichte 3/2018: „Vakanz: Ästhetiken und Semantiken architektonischen Leerstands“

kritische berichte 3/2018: „Vakanz: Ästhetiken und Semantiken architektonischen Leerstands“

Veranstalter
Julian Blunk
Veranstaltungsort
Ort
Berlin
Land
Deutschland
Vom - Bis
08.12.2017 -
Deadline
08.12.2017
Website
Von
Julian Blunk

Im Leerstand verfehlt Architektur ihre Bestimmung. Dennoch wurde der Leerstand einer im weitesten Sinne architektonisch gestalteten Umwelt im Laufe der Geschichte immer wieder bildlich in Szene gesetzt: Das motivische Spektrum reicht vom leeren Grab Christi bis zu den fotografischen Trophäenjagden der Urban Exploration-Community, von intakten oder ruinierten, privaten oder öffentlichen Herrschafts- und Nutzarchitekturen über Fabrik- und Ausstellungshallen bis hin zu leeren Plätzen, Straßen oder zur exponierten Leere einzelner Fenster, Türen oder Möbel.
Heft 3/2018 der kritischen berichte möchte das Bildsujet der architektonisch gefassten Leere in seinen Ursachen, Funktionen und Ästhetiken diskutieren und über den Begriff der Vakanz insbesondere den Umstand fokussieren, dass entsprechenden Bildern gemeinhin ein transitorischer Charakter und eine doppelte Appellstruktur innewohnt: Leere Architekturen verpflichten ihre Betrachter auf die Rekonstruktion einer ihrem gegenwärtigen Zustand vorangegangenen Bestimmung und Geschichte einerseits und auf die Imagination einer dem Ort gemäßen Zukunft andererseits. Selbst kalendarisch oder topografisch kaum zu fixierender architektonischer Leerstand verlangt als Folge eines Ereignisses, eines Prozesses, eines Verbrechens oder einer Stunde null, als verlassener Tatort oder historischer Schauplatz nach detektivischer, archäologischer oder historischer Rekonstruktion, die stets mit dem Versuch der Konkretisierung seiner raumzeitlichen Koordinaten zu beginnen hat. Leerstand kann als memento mori, Mahnung oder Anklage fungieren, zuerst aber ist er Rätsel und Vermisstenanzeige. So öffnet er einen Imaginationsraum, der sich längst nicht nur mit Fragen der Denkmalpflege, Umnutzung oder Vermarktung füllen lässt. Immer aber bedingen die retrospektiven und prospektiven Blicke in die Leere einander: Als Chance oder Bürde determiniert die Vergangenheit vakanter Architekturen auch deren Zukunft, indem sie in Entsprechung des sprichwörtlichen Fußstapfens juristische, pragmatische, soziale, ethische, funktionale oder ästhetische Bedingungen an ihre potenziellen Erben stellt.
Über diese zeitlichen Dimensionen hinaus haben Bilder des Leerstands stets auch ihr „Off“ in Gestalt eines zeitgleichen Anderswo fest im Blick. Weist die Leere eine Architektur als verlassen, vergessen oder marginalisiert aus, so zeigt sie damit zwingend an, dass die Musik derzeit woanders spielt und erweist sich mithin auch topografisch als relationale Größe. Im Ausweis einer akuten Perspektivlosigkeit des Ortes verschafft etwa gerade die sichtbare Absenz von Material, Werkzeug oder Know-How, von Mitteln oder Investoren, von Glaube, Wille oder Hoffnung all diesen eine gewisse Präsenz im Bilde.
Abseits der Scheinwerfer gewährt der Leerstand indes zunächst dem Verschämten, Verdrängten und Verbotenen Obdach, entwirft Seelenlandschaften des Unpässlichen, Tabuisierten und Abgründigen. Seine scheinbar verborgenen Bühnen inszenieren den Zauber des Entdeckens wie den Schrecken des Entlarvens, lassen den ersten Kuss und den Meuchelmord geleichermaßen erahnen. So generieren sie ihre Aura nicht allein aus dem Schauer der Zeitlichkeit, sondern auch aus Motiven des voyeuristischen Hausfriedensbruchs, insofern schon die die Geste seiner Abbildung gemeinhin das Ende eines Leerstands einläutet und seine Einsamkeit befleckt.
Unter umgekehrten Vorzeichen bestätigen auch die Bilder entlegener Sehnsuchtsorte das Prinzip, nach dem der, der noch nicht resp. nicht mehr hier ist, folglich woanders sein muss - oder sollte. Auch wenn sich Highways, Hotels, Restaurants, Pools und Strände insbesondere dank jener visuellen Lockrufe füllen, die ihren Leerstand als Ausdruck maximaler Exklusivität, Wahl- und Handlungsfreiheit behaupten, steht die Leere im Konjunktiv.
Mit der Frage, welche Bilder sich eine Gesellschaft vom leeren Ort als einer Vakanz und einem Abseits, von seinen Ursachen, Konsequenzen und Potenzialen macht, rücken insbesondere folgende Problemfelder in den Fokus:
- Typologie, Ikonografie, Ästhetik: Welche Gebäudetypen und Baustile werden bevorzugt mit ihrem Leerstand assoziiert? Welche Entwicklungslinien ihrer Darstellung lassen sich nachzeichnen, welche gattungsspezifische Ästhetiken konnte der Bildtypus ausbilden und welche formalen und historischen Referenzen standen Pate bei der Entwicklung seiner originären Bildsprache? Aus welchen Narrativen und Ikonografien generiert er seinen Motivfundus - welche Spuren, Relikte und Fragmente füllen die Leere und weisen aus dieser heraus? Wie regelt sich die Semantisierung des leeren Raums auch in Hinblick auf die Kanalisierung der Imagination seiner jeweiligen Zukunft?
- Leere als theoretische Figur: Wie lässt sich das Verhältnis zwischen exponierter architektonischer Leere und den vermeintlich nächstverwandten in Kunstbetrieb und Kunsttheorie etablierten Konzepten, Modellen, Denkfiguren oder Metaphern wie dem genius loci, dem universalen Kompatibilitätsversprechen des White Cube oder den Schreckgespenstern leerer Blicke, Blätter oder Leinwände als Chiffren künstlerischer oder identitärer Krisen bestimmen? Inwieweit nehmen die Bilder leerer Architekturen ferner auch (wahrnehmungs-)psychologisch wirksame Größen (von der Leerstelle zum horror vacui) strategisch in ihren Dienst?
- Soziale Kontexte: Welchen Beitrag leisten Bilder leerstehender Architekturen zu den Entwürfen gesellschaftlicher Ursprungs- und Herkunftserzählungen, wie generieren sie historische Authentizität, Stil und Bedeutung einer Gegenwart? In wieweit lassen sich die Konjunkturen architektonischer Leerstandsinszenierungen aus dem Wissen um die Entropien alter Ordnungen herleiten (aktuell: Flucht- resp. Flüchtlingserfahrung, Landflucht und demografische Prognostik, Wohnungsmangel und steigende Mieten, Ausbau digitaler zulasten realer Lebensräume)? Welche Agenden entwerfen sie und welche ökonomischen, touristischen, ethischen oder ästhetischen Ressourcen vermeinen sie zu heben? Welche Position beziehen die Bilder architektonischen Leerstands zwischen zeitgenössischen Be- und Entschleunigungsphantasien, zwischen schatzgräberisch-ruhmsüchtiger Landnahme und vervollständigender Welterschließung einerseits und radikaler Weltflucht resp. asketischer Verinnerlichung andererseits? Betreiben sie in erster Linie Vergemeinschaftung oder Individuation oder ist es ihnen an einer tatsächlichen denkmalpflegerischen, unternehmerischen oder gar gesellschaftlichen Mobilisierung gelegen?
Textvorschläge können in Form eines Exposés (max. 2500 Zeichen auf Deutsch oder Englisch) mitsamt einer Kurzbiografie bis zum 8. Dezember 2017 (Julian.Blunk@fu-berlin.de) eingereicht werden. Ausgewählte BewerberInnen werden bis zum 5. Januar 2018 informiert. Abgabefrist für die vollständigen Beiträge (max. 25.000 Zeichen) ist der 15. Juni 2018. Willkommen sind neben Beiträgen aus benachbarten Disziplinen insbesondere auch solche zur vormodernen Kunst.

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Deutsch
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