Normkonzepte hegemonialer Deutungsmacht: Race, Class, Gender und Ability im Spannungsfeld von Diversitäts- und Identitätskonzepten

Ort
Ludwigsburg
Veranstaltungsort
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Veranstalter
Netzwerk (Neo)Rassismus & Bildung; Bärbel Völkel (Pädagogische Hochschule Ludwigsburg); Tony Pacyna (Universität Heidelberg)
Datum
11.10.2018 - 13.10.2018
Bewerbungsschluss
15.01.2018
Von
Bärbel Völkel

Konferenz des Netzwerks:
(Neo)Rassismus & Bildung
Prof. Dr. Bärbel Völkel (PH Ludwigsburg)
Dr. Tony Pacyna (Universität Heidelberg)
Normkonzepte hegemonialer Deutungsmacht: Race, Class, Gender und Ability im Spannungsfeld von Diversitäts- und Identitätskonzepten

In unserer seit der Moderne durch scheinbare Eindeutigkeit geprägten Welt wird Vielfalt zur Herausforderung, denn: Vielfalt stört Eindeutigkeit. Als Folge davon werden Diversity und Intersectional Konzepte allzu leicht als postmoderne Auflösungserscheinungen gebrandmarkt: `Postmoderne` Vielfalt gerät in einen Gegensatz zur `modernen` Ordnung (auch der Blicke).

So äußerte sich der Historiker und Geschichtstheoretiker Jörn Rüsen jüngst: „Also für Ihre Generation ist Zukunft Katastrophe. Für Sie ist nicht der Nationalsozialismus die Herausforderung, woraus Orientierungsprobleme erwachsen, sondern das wirkliche Orientierungsproblem ist für Sie die Moderne. Denn die machen Sie verantwortlich für sämtliche Probleme, die wir in der Gegenwart haben. Und das ist das zweite: Sie haben keinen historischen Boden mehr unter den Füßen, sondern schweben gleichsam in einer ganz interessanten negativistischen Einstellung, die einen klaren sprachlichen Befund hat. Ich nenne das Postism. Einige Beispiele der Selbstbezeichnung: postmodern, postdiskursiv, postnational, postsäkular, Poststrukturalismus, Posthumanismus, Postkapitalismus, Postkolonialismus, Postfeminismus, Postkonstruktivismus und so weiter.“ (Streitgespräch Rüsen-Völkel in: Völkel/Pacyna (Hrsg.) (2017): Neorassismus in der Einwanderungsgesellschaft. Eine Herausforderung für die Bildung. Bielefeld:transcript, S. 215.)

Der Befund scheint provokant: Ist es tatsächlich so, dass diejenigen Historiker*innen, die sich mit postkolonialer Theorie, Diversity History sowie Diversity und Intersectional Studies befassen, den historischen Boden unter den Füßen verloren haben? Oder ist es nicht vielmehr so, dass wir es mit unterschiedlichen Theoriekonzepten innerhalb der Geschichtswissenschaften zu tun haben, die sowohl disziplinintern wie auch interdisziplinär unter der Perspektive hegemonialer Normkonzepte kontrovers diskutiert werden können? Über den vorliegenden call werden gezielt auch Historiker/innen angesprochen, ihre Perspektive in die Debatte einzubringen.

Immer wieder begegnen uns im Alltag Begriffe wie z.B. Geschlecht (gender) oder Ethnie (race). Meist werden sie verwendet, um auf einen Missstand hinzuweisen: Wer die Berücksichtigung von gender- Aspekten einfordert, verweist z.B. darauf, dass Frauen trotz Gleichheitsgrundsatz auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt werden. Die Bezugnahme auf ethnische Konzepte zeigt an, dass die so sichtbar gemachten Personen nicht aus dem eigenen Kulturkreis stammen, was offensichtlich bemerkenswert und für die Betroffenen folgenreich ist.

Etablieren sich solche Begriffe im Sprachgebrauch, geht dies mit einer Festsetzung der Bestimmung einher. Begriffe werden im Sinne bloßer Behauptungen definiert, wir haben es sozusagen mit Definitionen ohne Definition zu tun. Die Bedeutung wird nicht mehr am Gebrauch gezeigt und von diesem her abgeleitet, sondern als unhintergehbare Norm vorausgesetzt. Konzepte werden ausgearbeitet, die eine Verwendung auf bestimmte (Wissenschafts-) Bereiche festlegen, in denen die gleichen Begriffe eine disziplininterne Rolle spielen. So findet der Begriff ‚Geschlecht’ beispielsweise Verwendung in der Biologie, in der er als eine kulturelle Setzung ein weibliches und männliches Geschlecht definiert. Gleichzeitig ist er aber auch nicht allein auf biologische Aspekte zu begrenzen: in den Kulturwissenschaften wird in diesem Zusammenhang von `Geschlecht` (gender) als einem sozialen und damit wandelbaren Konstrukt ausgegangen. Zudem verwenden wir Geschlecht ebenso in der Musik (Dur/Moll) oder historisch/sozialpolitisch, wenn es um Adelsgeschlechter geht. Im Spiel unserer Sprachspiele legen wir jeweils die Norm für einen bestimmten Geltungsbereich fest. Es liegt damit an uns, wie viele Familienähnlichkeiten wir unter dem Begriff Geschlecht gebrauchen wollen, wie wir diesen Gebrauch inner- bzw. interdisziplinär verhandeln und in seiner gesellschaftlichen Relevanz mit Blick auf Identitäts- und Diversitätskonzepte diskutieren. Die gegenteilige Annahme setzt eine metaphysische Normierung voraus, deren wir nicht habhaft werden. Vollständige Determination ist dann die Folge, bei der unser Sprachgebrauch vollständig fremdgelenkt wird.

Im Diskurs erfahren solche Begriffe eine Hierarchisierung, denn ihre Bedeutung wird nicht mehr diskutiert. Sie werden schlicht vorausgesetzt, um ihre Bedeutungshoheit kann nur noch gestritten werden. Hierarchisierende Konzeptualisierungen haben meist zur Folge, dass sie für einen kreativen interdisziplinären Diskurs, der bestehende Probleme lösungsorientiert angehen
will, nicht mehr tragfähig sind. Sie verkommen zu leeren Worthülsen, deren ursprünglich dynamische Verwendungsweise auf ein statisches Fundament reduziert wurde: die Norm.
Im Fokus der geplanten Konferenz steht daher eine kritische Auseinandersetzung mit beobachteten Deutungsmachtkonflikten innerhalb aber auch zwischen unterschiedlichen Fachdisziplinen, sowie deren Umgang mit diesen Konflikten. Gleichzeitig kann eine solche Auseinandersetzung zur Schärfung scheinbar konsensfähiger Begrifflichkeiten beitragen.

Deutungsmachtkonflikte zeigen sich in den machtbesetzten Diskursen um die Deutungshoheit eines Begriffs. Wer verfügt über die richtige Bedeutung des Begriffs? – derjenige wird zum `Hüter der Wahrheit`. Nur darum geht es im Wettstreit um die eine richtige Bedeutung.

Die Konferenz zielt entsprechend auf einen kritischen und differenzierten Umgang mit hegemonialen Deutungskonzepten und den an diese gebundenen Machtstrukturen, die sich in den jeweiligen Disziplinen – und auch interdisziplinär – finden lassen. Ziel der Debatten wird dezidiert nicht sein, die ausgemachten Differenzen dann wieder zu eigenen Konzepten zu verdichten. Vielmehr können diese Differenzen als die verschiedenen Aspekte eines komplexen Phänomens wahrgenommen werden, das sich an konkreten Erfahrungen orientiert. Die Rückübersetzung dieser Offenheit in die jeweiligen Bezugsdisziplinen kann dann als Aufgabe wissenschaftlicher Reflexionen verstanden werden.

Eingereicht werden können Abstracts einer Länge von bis zu 500 Wörtern bis zum 15. Januar 2018.
Abstracts bitte an: tony.pacyna@wts.uni-heidelberg.de
Eine definitive Entscheidung wird spätestens bis 15. Februar 2018 bekannt gegeben.
Die Tagung findet vom 11.–13. Oktober 2018 an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg statt.

Kontakt

Bärbel Völkel

Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Reuteallee 46, 71634 Ludwigsburg
07141 140-396
07141 140-406
voelkel@ph-ludwigsburg.de

Zitation
Normkonzepte hegemonialer Deutungsmacht: Race, Class, Gender und Ability im Spannungsfeld von Diversitäts- und Identitätskonzepten, 11.10.2018 – 13.10.2018 Ludwigsburg, in: H-Soz-Kult, 23.10.2017, <www.hsozkult.de/event/id/termine-35484>.
Redaktion
Veröffentlicht am
23.10.2017