Komik und Kolonialismus

Ort
St. Denis
Veranstaltungsort
St. Denis
Veranstalter
Anne Peiter, Département d'études germaniques, Université de La Réunion, France
Datum
21.12.2017 - 30.01.2018
Bewerbungsschluss
30.01.2018
Von
Anne Peiter

Komik und Kolonialismus, CfA

In einer der berühmtesten Lachtheorien der europäischen Philosophiegeschichte – in der Henri Bergsons – spielt ein Sturz eine Rolle, den man als “Klassiker” von slapstickartig-komischen Szenen bezeichnen könnte: ein kleiner Stein nämlich, der einen unachtsamen Passanten stolpern lässt, um ihn so zum Objekt der sozialen Sanktionen werden zu lassen, die sich im Gelächter der Beobachter über seinen Fall verdichten. Vielleicht ist es aber nicht immer ein Stein, von dem diese Wirkung ausgeht? Vielleicht ist der Stein im Zuge der Kolonialgeschichte schrittweise von einer exotischen Frucht – der Banane nämlich – abgelöst worden? Ihre achtlos weggeworfene Schale als neuer, kolonialer Stolperstein? Wenn sie es war, die im Zuge des europäischen Ausgreifens auf die Welt immer stärker den Ruf nach bestimmten Normierungen hervorrief, wenn sie es war, die die “manque de souplesse”, die vermeintliche fehlende Anpassungsfähigkeit und die ebenso vermeintliche “Unfähigkeit” der Kolonialisierten, “Geschichte aktiv zu gestalten”, zum Vorschein brachte, dann ist sie (nämlich die Banane) zum Komplizen der Durchsetzung europäischer Konzeptionen von Selbstbeherrschung und sozialer Eingliederung geworden, die praktisch keine Ausnahme duldeten. Woher jedoch die Banane selbst kam, das blieb und bleibt ein blinder Fleck der Theorie, und um diesen Fleck soll es in dem geplanten Band – augenzwinkernd und zugleich doch ernst – gehen. Genauer: Im Rahmen der seit 2011 existierenden Reihe “Komik und Gewalt” des Projektverlags soll nach dem Zusammenhang von Komik und kolonialer Gewalt (in Südamerika, Afrika, Asien und anderswo) gefragt werden, und dies in all seinen historischen, politischen und künstlerischen Spielarten.

Ein paar Fragen können skizzenhaft die Breite des Spektrums möglicher Beiträge aufspannen: Auf welche Weise nutzten die europäischen Kolonisatoren das Lachen für propagandistische Zwecke und kolonialpädagogische Werbung? Welche argumentativen und visuellen Strategien entwickelten sie, um für die Zuhausegebliebenen die “zivilisatorische Unterlegenheit” fremder Kulturen anschaulich zu machen? Die Hervorrufung von Komik war z.B. intendiert bei der Vorführung von unbekannten technischen Geräten (man denke etwa an Grammophone) – die staunenden oder entsetzten Reaktionen der Fremden wurden gefilmt und Zuhause der Lächerlichkeit preisgegeben. Welche Darstellungspraktiken und -muster lassen sich in Dokumenten dieser Art beobachten? Gibt es Objekte, die immer wieder zum Einsatz kamen? Entwickelten sich Stereotypen, anhand derer das Lachen auf Seiten der Europäer gleichsam “automatisiert”, standardisiert und damit vorhersehbar gemacht werden konnte?

Die immense Produktivität, die Karikaturisten, Fotografen und Filmemacher des kolonialen Zeitalters und nachfolgender, kolonialrevisionistischer Zeiten entwickelten, um herrschende Stereotype bezüglich der Körper und “rassebedingten” Charaktereigenschaften z.B. von Afrikanern oder Asiaten zu bestätigen und zu zementieren, fordert gleichfalls eine systematische Analyse heraus. Der Zusammenhang von Komik und Rassismus gehört zu den bedrückendsten Aspekten der europäischen Kolonialgeschichte, weil das befreiende Potential, das dem Lachen vielfach zuerkannt worden ist, sich hier radikal in sein Gegenteil verkehrte. Lachen wurde zum blossen Herrschaftsinstrument. Die Ambivalenz, die in Freuds Lachtheorie eine so grosse Rolle spielt, trat in aller Dramatik hervor.
Allgemein kann gesagt werden, dass das Forschungsfeld förmlich übersät ist von den Bananenschalen des europäischen Überlegenheitsgefühls, auf die man die zu Kolonialisierenden ausrutschen lassen wollte. Aber natürlich verriet das Bedürfnis nach Abwertung der Fremden eine tiefsitzende, kollektive Unsicherheit, die man durch die Lächerlichmachung des Anderen zu kompensieren versuchte. Die Gewalt, die daraus resultierte, war im Wortsinn “mit Händen zu greifen”, wo Vertreter der fremden Kolonien als eine Art “Ausstellungsstück” mit nach Europa gebracht und den neugierigen Blicken des Publikums (zu denen auch lachbereite Ärzte, Anthropologen und andere Wissenschafler gehören konnten) dargeboten wurden. Welche Rolle spielte das Lachen in solch asymmetrischen Machtkonstellationen? Inwieweit konnte hier überhaupt noch von “Kulturkontakt” die Rede sein? Inwieweit muss hier nicht ein neuer, ernster Blick auf Wissenschaftsgeschichte und ihre Unfähigkeit gewonnen werden, sich den Fremden gegenüber ernsthaft zu nähern?

Lachen ist aber natürlich nicht nur und nicht immer ein Instrument zur Stabilisierung von Herrschaft gewesen. Umgekehrt konnten Komik und Gelächter auch als Form des Widerstands der Kolonialisierten gegen die genannten Zuschreibungen fungieren, und auch dieser Aspekt soll in dem geplanten Band gebührend berücksichtigt werden. Gefragt werden könnte z.B. nach komischen Verfahren in literarischen oder journalistischen Texten, in Film und Bild, in Tanz, Theater und Kunst, und zwar sowohl aus Europa als auch (und ganz besonders!) aus den kolonialisierten oder entkolonialisierten Ländern. Beiträge zu südamerikanischen, afrikanischen, asiatischen und anderen Literaturen, Filmproduktionen, KünstlerInnen etc. sind ausdrücklich erwünscht. Lohnen würde sich die Analyse der komischen Umkehr (das, was seit Iser in Lachtheorien als “Kipp-Phänomen” bezeichnet zu werden pflegt), wie sie etwa Abdourahman A. Waberis Roman Aux Etats-Unis d'Afrique zwischen dem reichen “West” und dem armen “Rest” der Welt vornimmt (die Schweiz verkommt hier “ganz natürlich” zum hungernden Entwicklungsland, das auf Hilfe der reichen Hilfsorganisationen Afrikas angewiesen ist). Auch Filmproduktionen aus den verschiedensten Ländern bieten anregendes Material. Könnte Jean Rouchs Les maîtres fous nicht auch einmal auf seine komischen Komponenten hin befragt werden? Werden hier Franzosen und Briten durch die Hauka nicht mit dem Ziel inkarniert, ihre Gewalt hin zu neuer, befreiender Erkennbarkeit zu entstellen? Und bestätigt sich nicht die Idee aus Elias Canettis poetischer Anthropologie Masse und Macht, im besten (gewaltlosesten) Falle, lache man, “statt es zu essen”? Kann Komik einen Gewaltverzicht darstellen, in dem die Drohung, den Gegner zu verspeisen, jedoch in Ansätzen erhalten bleibt? (Immerhin könnte man zupacken und den Ausgelachten verschlingen.)

Wie sahen dann wiederum die Reaktionen der Europäer in solch bedrohlichen Situationen aus? In welchem Verhältnis standen Lachen und Gewalt, Lachen und Gewaltverzicht je nach historischem Kontext und beteiligten Akteuren? Sind hier bestimmte diskursive oder handlungsbezogene Muster zu erkennen? Mitunter geben europäische Reisebericht (wenn auch oft ungewollt und indirekt) zu, dass sie auf ihren “Entdeckungs”-Touren von ihren Trägern oder anderem Personal ausgelacht wurden, ohne in der Lage zu sein, den Grund dieses Gelächters zu entschlüsseln. Welche Methoden muss die heutige Forschung entwickeln, um dieses Nicht-Verstehen von Komik zu verstehen und die psychologischen Folgen des Nicht-Verstehens anschaulich zu machen? Weiterhin ist zu fragen, welche Rolle Spachbarrieren bei der Entstehung von Komik spielten und wie die verschiedenen Akteure mit Missverständnissen umgingen. Wie wurden Ernst und Komik bei Kulturkontakten jeweils ausgehandelt? Welche Rolle spielten dabei die ÜbersetzerInnen?
LinguistInnen und PsychologInnen bietet sich hier ein weites Feld zur Beackerung an. Doch auch AnthropologInnen, Film-, Literatur- und MedienwissenschaftlerInnen, HistorikerInnen, AfrikanistInnen, TibetologInnen, SinologInnen, PhilosophInnen und VertreterInnen anderer, benachbarter Fächer sind herzlich eingeladen, sich an dem gemeinsamen Projekt zu beteiligen. Theoretische Artikel sind ebenso willkommen wie Fallstudien zu verschiedenen Kolonien und unterschiedlichen historischen Epochen. Forschungs-Ansätze der post-colonial studies könnten sich als Bindeglied erweisen.

Die Organisation einer Konferenz zum selben Thema ist anvisiert – der Band ein erster, sichtender Schritt hin zu einem grösseren Vorhaben. Stattfinden würde die Konferenz an der Universität von La Réunion, d.h. auf einer Insel, die zu Frankreich gehört, jedoch im Indischen Ozean liegt und von der Sklaverei- und Kolonialgeschichte direkt betroffen war. Ich hoffe, dass das Buch ForscherInnen unterschiedlicher Fächer zusammen bringt und direkte Kontakte folgen werden. Die Herausgeberin des Bandes wird sich in jedem Fall bemühen, Geldtöpfe für das Zustandekommen dieser Kontakte ausfindig zu machen.

Die Idee, dem Ernst dieser Geschichte durch das Lachen näher zu kommen, ist zugleich als Fortsetzung eines Projektes zu verstehen, in dem “komische” Darstellungen der beiden Weltkriege und der Shoah untersucht worden waren. (Die Anführungszeichen sind wichtig.) NachwuchswissenschaftlerInnen, die sich dafür interessieren, Ernst und Lachen ins rechte Verhältnis zueinander zu setzen, sind neben etablierten WissenschaftlerInnen ausdrücklich aufgefordert, Vorschläge zu unterbreiten. Diese können in deutscher, englischer, französischer und italienischer Sprache eingereicht werden. Der Band selbst erscheint auf Deutsch. Eine Übersetzung aus anderen Sprachen ist sichergestellt. Um einen kurzen Hinweis zum eigenen Werdegang und zu aktuellen Forschungsinteressen wird gebeten. Auf die Einreichung von kürzeren oder längeren Vorschlägen und Ideenskizzen, möglichst bis zum 30. Januar 2018, freut sich:

Dr. Anne D. Peiter

(Dozentin am Germanistikdepartment der Universität von La Réunion).

Zeitplanung:

Einreichung der Abstracts: bis 30. Januar 2018
Mitteilung über die Annahme von Beiträgen: bis 15. Februar 2018
Einreichung der fertigen Beiträge: bis 15. April 2018
Auslieferung des fertigen Bandes: Sommer 2018

Kontakt:

anned.peiter@gmx.de
und
anne.peiter@univ-reunion.fr

Bibliographie:

Anne D. Peiter: “Comic citation as Subversion. Intertextuality in ‚Die Blendung’ and ‚Masse und Macht’”, in : The worlds of Elias Canetti, hg. von William Collins Donahue und Julian Preece, London 2008, S. 171-186.
Dies.: “‘Heimweh nach Auschwitz’. Komik und Lachen in der Shoah-Literatur seit 1945”, in: Rire, Mémoire, Shoah, hg. von Andréa Lauterwein, Paris, Tel Aviv 2009, S. 197-208.
Dies.: Komik und Gewalt. Zur literarischen Verarbeitung der beiden Weltkriege und der Shoah, Köln: Böhlauverlag 2007.
Dies. zusammen mit Sonja Malzner (Hg.): Der Träger. Zu einer tragenden Figur der Kolonialgeschichte, Bielefeld: Transcriptverlag 2018 (im Erscheinen begriffen).

Université de La Réunion
Département d'études germaniques
15, Avenue René Cassin
97400 St. Denis
La Réunion
Frankreich

Kontakt

Anne Peiter

Département d'études Germaniques, Université de La Réunion, 15, Avenue René Cassin, 97400 St. Denis

anned.peiter@gmx.de

Zitation
Komik und Kolonialismus, 21.12.2017 – 30.01.2018 St. Denis, in: H-Soz-Kult, 22.12.2017, <www.hsozkult.de/event/id/termine-36011>.
Redaktion
Veröffentlicht am
22.12.2017
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