‚1968‘ – Aufbrüche in den Arbeitswelten. Fachtagung Neue Perspektiven auf die Gewerkschaftsgeschichte VII

Ort
Düsseldorf
Veranstaltungsort
Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf
Veranstalter
Kooperationsprojekt „Jüngere und jüngste Gewerkschaftsgeschichte“ der Hans-Böckler-Stiftung und der Friedrich-Ebert-Stiftung
Datum
13.12.2018 - 14.12.2018
Bewerbungsschluss
15.04.2018
Von
Knud Andresen

2018 jähren sich die Ereignisse der globalen Jugendrevolte von 1968 zum fünfzigsten Mal. Die Chiffre 1968 ist dabei häufig auf studentische Proteste fokussiert und begrenzt. Gerd-Rainer Horn hat hingegen von einem „spirit of ‘68‘“ gesprochen, der in vielen Ländern, besonders südeuropäischen, auch Demokratisierungsbegehren und Unruhe in Betrieben bewirkte. In und für die Bundesrepublik Deutschland sind allerdings Erzählungen dominierend, in denen vor allem das Scheitern eines Bündnisses von Studierenden und Arbeiterschaft ausgemacht wird (Marica Tolomelli). Die Tagung möchte diesen Befund kritisch hinterfragen.

Demokratisierungsimpulse und gesellschaftliche Aufbrüche waren ein allgemeines gesellschaftliches Phänomen, das sich nicht allein an radikalen Bekundungen von Organisationen messen lässt. Auf der Tagung möchten wir vor dem Hintergrund einer gesellschaftlichen „Fundamentalpolitisierung“ (Bernd Faulenbach), die einer „Fundamentalliberalisierung“ (Ulrich Herbert in Anlehnung an Jürgen Habermas) sicherlich vorgängig war, politik-, kultur- und sozialgeschichtliche Prozesse und Entwicklungen in den Arbeitswelten der Jahre um 1968 in den Blick nehmen. Fragen hierbei sind unter anderen: Welche Veränderungen in der gesellschaftlichen Formierung gab es in Betrieben und Branchen? Welche Handlungsmuster und Debatten lassen sich in Organisationen oder bei Akteuren ausmachen, die in den Arbeitswelten agieren (Gewerkschaften, Unternehmerverbände, aber auch Kirchen)? Verbreiteten sich linke Deutungsmuster eher mit Studierenden, die in die Betriebe zogen, oder ging Kritik an autoritären Strukturen und Hierarchien auch von Arbeiter_innen und Angestellten in den Betrieben aus? Welche Rolle in der bundesdeutschen Arbeitswelt spielten beispielsweise Arbeitsmigrant_innen? Welche Spielräume eröffneten sich für gewerkschaftliche Forderungen in der Bildungs- und in der Frauenpolitik? Wie wirkte die neue Frauenbewegung auf die gewerkschaftliche Frauenpolitik und wie gestaltete sich das Verhältnis zwischen Frauenbewegung und Gewerkschaften? Welche Rolle spielten Generationskonflikte in den Betrieben? Welche Dynamiken führten zum teilweise schnellen Abbau autoritärer Alltagsstrukturen wie zum Beispiel spezifischer Kleidungselemente bei Auszubildenden?

Entsprechend dem Konzept der Tagungsreihe „Neue Perspektiven auf die Gewerkschaftsgeschichte“ fragen wir auch nach längerfristigen Entwicklungen und Trends sowie nach Ereignissen, die die Geschichte der Gewerkschaften und der Arbeitswelten geprägt haben. Die Beiträge sollten aber einen Bezug zu dem Zeitraum um 1968 haben. Von besonderem Interesse sind interdisziplinäre Ansätze und Genderperspektiven sowie Beiträge, die sich mit transnationalen Verflechtungen und Beeinflussungen befassen. Mit der Tagung sollen die Konturen eines “1968„ jenseits der heute dominanten Erinnerungskulturen erkundet werden.

Die Beiträge sollten eines oder mehrere der drei Themenfelder behandeln:

1. Politische und soziale Effekte in Organisationen und Unternehmen
Gewerkschaften und Betriebe erlebten ab Ende der 1960er-Jahre Herausforderungen durch neue soziale Bewegungen. Bei den Gewerkschaften waren es die Lehrlingsbewegung und eine Politisierung der Vertrauensleutearbeit, die bürokratische Selbstverständnisse und vermeintliche „Demokratiedefizite“ in den Gewerkschaften herausforderten und in den Betrieben neue Protestformen erprobten. Wie verstanden und konstituierten sich neue und alte Akteure hierbei? Waren es vorrangig Angehörige der jüngeren Generation, die klassenkämpferische Perspektiven wieder stärkten, welche Gegenreaktionen waren zu beobachten? Welche Entwicklungen führten dazu, dass vor allem in den 1970er-Jahren jüngere Betriebsräte in leitende Positionen kamen und nach den Wahlen 1972 auch der Anteil an Betriebsrätinnen deutlich anstieg? Handelte es sich hier um einen „natürlichen“ Generationenwechsel, oder waren die politischen und sozialen Konflikte um 1968 hierfür der wesentliche Grund? Was hatte sich in Bezug auf die Beteiligung von Arbeitnehmer_innen seit 1968 verändert? Welchen Einfluss hatten auch innergewerkschaftlich umstrittene Themen wie die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs, Lohngleichheit oder die Reform des Familienrechts? Zu Beginn der 1970er-Jahre wurde in den Gewerkschaften auf der Führungsebene die oft noch in der Weimarer Republik gewerkschaftlich sozialisierte Wiederaufbaugeneration abgelöst. Trug dieser Generationenwechsel zu einem veränderten Selbstverständnis bei? Wie veränderte sich der Umgang mit Organisationen bzw. Organisierung an sich um 1968?

2. Ideengeschichtliche Veränderungen der Arbeitswelten und des Gewerkschaftswissens
Mit dem „neuen Geist des Kapitalismus“ und der Unterscheidung von Sozial- und Künstlerkritik haben Luc Boltanski und Ève Chiapello eine zeithistorisch populäre Deutungsformel für Wandlungen in den Arbeitswelten seit den späten 1960er-Jahren vorgelegt. Didier Eribon hat seinerseits eine Distanz zwischen Beschäftigten und der politischen Linken auch aus diesem Wandel zu erklären versucht. Während Debatten um die Historisierung zeitgenössischer Großbegriffe wie „Wertewandel“ oder „Generationenkonflikt“ breitere Aufmerksamkeit erfahren haben, erfolgt bislang die an 1968 festgemachte Gegenüberstellung von „alter“ und „neuer“ Linke meist unhinterfragt. Inwieweit waren aber diese Abgrenzungen selbst Teil zeitgenössischer Strategien? Wie wurde zum Beispiel das Konzept der „Neuen sozialen Bewegungen“ genutzt, um sich etwa von Gewerkschaften abzugrenzen und diese gleichzeitig zu kritisieren? Was bedeutete die Entstehung und das Wirken der „emphatischen Gewerkschaftstheorie“ (Helmut Wiesenthal) nach 1968 für die Gewerkschaften und das Wissen von und über Gewerkschaften? Wie veränderte das auf 1968 folgende Jahrzehnt der Reflexion über „Gewerkschaftlichkeit“ die Handlungsspielräume und -felder von Gewerkschaften und ihrer Mitglieder?

3. Praktiken der Wandlungen
In diesem Feld sind Beiträge erwünscht, die sich mit sozialen Praktiken von arbeitsweltlicher Demokratisierung, Demokratisierungsforderungen und Arbeitskämpfen auseinandersetzen. Dazu können wilde Streiks des Zyklus‘ von 1969 bis 1973 gehören, aber auch ebenso die selbstständige (betriebliche) Organisierungen in oder neben den Gewerkschaften sowie Mitbestimmungsexperimente einzelner Unternehmen (z.B. Behrens in Ahrensburg, Redaktion Der Spiegel), die neue Modelle der Mitarbeiter_innenbeteiligung erprobten. Auch Bestrebungen linker (ehemaliger) Studierender, in den Betrieben Fuß zu fassen, gehören hierzu. Insbesondere interessieren uns dabei Perspektiven auf das Engagement derjenigen, die den Betrieb nicht nach kurzer Zeit wieder verließen, sondern dort ihre neue Lebenswelt fanden und teilweise bis in die 1990er-Jahre hinein die gewerkschaftliche Arbeit prägten. Lassen sich darüber hinaus anhand betrieblicher Praktiken im Sinne einer Labour History, also in den Unternehmen als politische und soziale Vergemeinschaftungsorte, Hinweise auf eine zunehmende Kritik an als „entfremdet“ wahrgenommenen Arbeitsverhältnissen finden oder darauf zurückführen? Wenn, war es von außen herangetragen worden, oder war es Teil eines Ausdifferenzierungsprozesses innerhalb der Beschäftigtengruppen, die sich innerhalb der durch den Strukturwandel zunehmend geforderten höheren Qualifikationsniveaus auf die Wahrnehmungen zurückwirkte?

Es ist wünschenswert, dass einzelne Beispiele in den Kontext eingebunden, auf Auswirkungen befragt und theoretisch innovativ angegangen werden. Die Tagung „‚1968‘ – Aufbrüche in den Arbeitswelten“ fragt nach Beiträgen in der ganzen methodischen Breite der Geschichtswissenschaft.

Die Tagung ist interdisziplinär angelegt, Beiträge aus den Sozial- und Kulturwissenschaften sowie weiteren Geisteswissenschaften sind willkommen, sollten aber eine empirische Grundierung besitzen. Auch wenn der Fokus auf der deutschen Geschichte liegt, sind international-vergleichende Untersuchungen und insbesondere der (deutsch-deutsche) Ost-West-Vergleich von Interesse. Wir bitten alle Beiträgerinnen und Beiträger, ihren Gegenstand theoretisch bzw. methodisch zu konzeptualisieren.

Die Tagung wird vom Kooperationsprojekt „Jüngere und jüngste Gewerkschaftsgeschichte“ der Hans-Böckler-Stiftung und der Friedrich-Ebert-Stiftung veranstaltet. Reisekosten und Unterkunft werden durch die Hans-Böckler-Stiftung und die Friedrich-Ebert-Stiftung getragen.

Abstracts mit etwa 400 Worten und ein kurzes akademisches CV sind bis zum 15. April 2018 an Knud Andresen (andresen@zeitgeschichte-hamburg.de) zu schicken.

Organisationsgruppe: Knud Andresen (Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg), Michaela Kuhnhenne (Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf), Stefan Müller (Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn), Johannes Platz (Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn), Jan Kellershohn (Ruhr-Universität Bochum)

Zitation
‚1968‘ – Aufbrüche in den Arbeitswelten. Fachtagung Neue Perspektiven auf die Gewerkschaftsgeschichte VII, 13.12.2018 – 14.12.2018 Düsseldorf, in: H-Soz-Kult, 04.02.2018, <www.hsozkult.de/event/id/termine-36353>.