Archiving Feminist Futures – Zeitlichkeit und Geschlecht in der Kulturanalyse

Ort
Berlin
Veranstaltungsort
Humboldt-Universität zu Berlin
Veranstalter
Kommission Frauen- und Geschlechterforschung der deutschen Gesellschaft für Volkskunde (dgv) In Kooperation mit dem Institut für Europäische Ethnologie, HU Berlin und dem Zentrum transdisziplinäre Geschlechterstudien, HU Berlin
Datum
01.11.2018 - 03.11.2018
Bewerbungsschluss
30.03.2018
Von
Chakkalakal, Silvy

Archiving Feminist Futures – Zeitlichkeit und Geschlecht in der Kulturanalyse

english text below

Herzlich laden wir zur Tagung ‚Archiving Feminist Futures’ ein. Wir möchten uns dem Thema in Form von Vorträgen, Roundtables, Projektvorstellungen und Installationen nähern.

01.11.-03.11.2018
Kommission Frauen- und Geschlechterforschung der deutschen Gesellschaft für Volkskunde (dgv)
In Kooperation mit dem Institut für Europäische Ethnologie, HU Berlin
und dem Zentrum transdisziplinäre Geschlechterstudien, HU Berlin
Organisation: Beate Binder, Silvy Chakkalakal, Urmila Goel, Sabine Hess, Alik Mazukatow, Francis Seeck

An den empathischen Aufrufen des vergangenen Wahlkampfs in Deutschland ‚Jetzt ist es Zeit’ bis hin zur ‚Rückkehr zur DM’ oder der ‚Wiederherstellung der Demokratie’ sieht man, wie Zeit als Idee und Ressource politisch eingesetzt wird. Bilder einer gerechteren Zukunft stehen neben solchen von einer Vergangenheit, in der alles besser gewesen sein soll. Das Hier und Jetzt soll transformiert werden, Wandel und Veränderung der Gegenwart stehen im Mittelpunkt solcher von Zeitkonzepten geprägten Kampagnen und wirken als Handlungsaufrufe. Im Zukunftsdenken, in Vergangenheitsbezügen, in der Haltung der Rückwärtsgewandtheit wie im Gestus der Verteidigung des Gegenwärtigen zeigt sich sehr deutlich, wie Zeit und Zeitlichkeit unterschiedliche kulturelle Ordnungen und Praktiken hervorbringen und In- und Exklusionsprozesse sowie Kollektivierungs- und Subjektivierungsprozesse in Gang setzen.

Die Tagung „Archiving Feminist Futures“ schließt an die Debatten um ‚Feminist Futures’ und ‚Queer Temporalities’ an, die anregen, Zeitlichkeit aus einer intersektionalen Perspektive zu betrachten und Zeit als vergeschlechtliches Phänomen zu begreifen. Gleichzeitig bezieht sich unser Tagungsthema auf die lange kulturanthropologische Diskussion zum Nexus ‚Time and the Other’ (Fabian 2002), die danach fragt, wie Zeit und Zeitlichkeit praktiziert, erzählt, erfahrbar gemacht und verortet werden und welche spezifischen Parameter von Macht und Ungleichheit sich daran anschließen. Vor diesem Hintergrund möchten wir uns den politischen, alltagstheoretischen und methodisch-reflexiven Dimensionen von Zeit und Zeitlichkeit nähern. Denn gerade den wissenschaftlichen Praktiken des Ethnographierens und Archivierens wohnt ein wichtiges antizipatorisches Element inne, da hier immer auch eine Zukunft angenommen wird, für die wir festhalten, beschreiben und überliefern.

Welche Rolle spielen also temporale Praktiken in der Kulturanalyse kulturanthropologischer Geschlechterforschung? Wie wirkt Zeit als Ordnungskategorie aus einer interdepentenden Perspektive im Feld aber auch in der wissenschaftlichen Untersuchung und Auswertung? Was sind die spekulativen und antizipatorischen Potentiale von queerer und feministischer Kulturanthropologie? Wie sieht die Zukunft der Untersuchung von Geschlechterverhältnissen und strukturellen Ungleichheiten aus Perspektive der Europäischen Ethnologie aus? Was können ‚Queer Futures’ oder ‚Feminist Futures’ überhaupt sein, über welche Macht- und Möglichkeitsräume sprechen wir hier und was wird in ihnen entworfen? Wird lediglich für die Zukunft archiviert? Oder kann auch die Zukunft selbst archiviert werden? Und zuletzt ganz grundlegend gefragt: Wie sind Zeit, Zeitlichkeit und die interdependent verstandene Kategorie Geschlecht miteinander verflochten?

Gerade die akademischen Debatten um Postfeminismus, Postkolonialität und Migration, aber auch breitere Diskussionen um Gender Shift und Womenomics markieren Auseinandersetzungen um die Zukunft der Kategorie Geschlecht in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen. Die Tagung „Archiving Feminist Futures“ lädt dazu ein, nach feministischen Zukünften, temporalen Praktiken und Prozessen der Verzeitlichung zu fragen, nicht nur auf dem Feld der Wissenschaft, sondern mit einem relational-verbindenden Blick auch in Feldern der Politik, der Wirtschaft, der Sorge und Pflege, dem Recht, dem Feld der Kunst und Populärkultur, den Feldern der Technologie, Nachhaltigkeit, Medizin und Biologie.

Wir möchten historisch-archivierende und theoretisch-methodologische Geschichts-, Gegenwarts- und Zukunftsbilder als breitere Gesellschaftsentwürfe verstehen, in denen feministische und Queer Theory auch als soziale Bewegungen sichtbar werden. In ihrer Behandlung von Zeit und Zeitlichkeit nehmen die angesprochenen Diskussionen um die Zukunft immer auch den Stand und Status feministischer, queer-theoretischer und methodologischer Bemühungen in den Blick (Halberstam 2005). Es werden hier Auseinandersetzungen mit unterschiedlichen feministischen Vergangenheiten sowie der eigenen Geschichtsschreibung sichtbar (Binder/Hess 2013; Hark 2005); gleichzeitig geht es auch um die Möglichkeiten und Wünschbarkeiten von feministischen Zukünften (Milojevic 1998). Das verstärkte Reden über die Zukunft in der Gegenwart wirft dabei auch die Frage nach der politischen Handlungsfähigkeit im ‚Hier und Jetzt’ auf und hat zur Kritik an der Überpräsenz der Zukunft geführt (Avanessian/Malik 2016). Auch an dieser Stelle kann die Diskussion aus einer feministischen und postkolonialen Perspektive fruchtbar weitergeführt und beispielsweise an Konzepte des provokant gemeinten ‚feeling backward’ (Love 2007) oder des ‚being anachronistic’ (Zinnenburg Carroll 2016) angeknüpft werden. Vor diesem Hintergrund geht das Nachdenken, Entwerfen, Imaginieren und Visionieren von Zukunft Hand in Hand mit einem kulturanalytisch beschreibenden Blick auf Vergangenheiten und Gegenwarten.

In diesem Sinne möchten wir für unsere Tagung die Idee vom Archivieren von Zukünften als Methode produktiv machen. Dieser empirische und ethnographische Zuschnitt soll dabei auch das antizipatorisch-reflexive Potential der Europäischen Ethnologie und ihre kulturanalytischen Methoden, Materialien und Themen selbst in den Blick nehmen.

Wir freuen uns über Abstracts für 20-minütige Vorträge oder Vorschläge für andere Präsentations- oder Veranstaltungsformate (z.B. Streitgespräche, Kurzpräsentationen, Kommentare, Ausstellungs- und Displayformate), die folgende Aspekte beleuchten:

- „How do we make use of time?“: Empirische Untersuchungen zu temporalen Praktiken und temporalen Ordnungen in Geschichte und Gegenwart, die dabei z.B. geschlechterstabilisierende Effekte bzw. aus einer dezidiert interdependenten Perspektive analysieren

und/oder

- Politics of/for the Future: Empirische Untersuchungen, die sich mit Feldern beschäftigen, in denen Zeit und/oder die Zukunft als politisches Argument eingesetzt und in ihren vergeschlechtlichten Wirkungsweisen sichtbar gemacht werden

und/oder

- Grenzgängerische Interventionen: Feminist Science Fiction, künstlerische und aktivistische Entwürfe zu Gender, Zeit und Zeitlichkeit

und/oder

- Kulturanthropologische Forschungspraktiken: Temporale Herangehensweisen in der eigenen Forschung (methodische und theoretische Beschäftigungen mit beispielsweise Entwicklungsparadigmen, Chronologie, Linearitäten, Vermächtnisse und Legacies, kulturellem Erbe, etc.).

Bitte senden Sie Ihre Vorschläge bis zum 30. März 2018 in Deutsch oder Englisch an future.archives.ifee@hu-berlin.de. Abstracts sollten 300 Wörter nicht überschreiten und auch knappe Angaben zur eigenen Person und Verortung enthalten. Noch einmal möchten wir betonen, dass wir uns explizit über ‚andere‘ Formaten (Film-, Ausstellungs-, Soundprojekte etc.) freuen. Am Tagungsort gibt es die Möglichkeit, eigene Projekte auszustellen.

Mit herzlichem Gruß aus Berlin,
Beate Binder, Silvy Chakkalakal, Urmila Goel, Sabine Hess, Alik Mazukatow, Francis Seeck

Archiving Feminist Futures – Temporality and Gender in Cultural Analysis

A warm invitation to Berlin for the conference Archiving Feminist Futures. We would like to approach this topic through
talks, roundtables, project presentations, and installations.

Throughout the recent German electoral campaign, affective invocations such as “Now is the Time!”, “Return to the Deutsche Mark”, and “Rehabilitate Democracy” were repeated continuously. As is so often the case with political events like these, one could observe how time was employed both as an idea and a resource. Images of a “fair future” stood alongside a “golden past”, and a present that—characterized by many as having gone haywire—was positioned as the main political target. Drawing upon concepts of time lies at the core of political campaigns that employ a strong request for action and change, be this progressive or reactionary. In future thinking as well as in a fixation with the past aimed at defending the status quo, time and temporality create powerful cultural orders and initiate processes of inclusion and exclusion as well as of collectivization and subjectification.

The conference “Archiving Feminist Futures” builds on current debates around “feminist futures” and “queer temporalities”, which encourage us to consider temporality from an intersectional perspective. Time, in this sense, is regarded as a gendered phenomenon. The conference theme thereby also refers to the persistent discussion within cultural anthropology about the nexus of “time and the other” (Fabian 2002). How are time and temporality being practiced, narrated, placed, and made tangible? Specifically, we aim to investigate the very parameters of power and inequality that arise from these constellations. The academic practices of ethnography and archiving include an important anticipatory element, as they always assume and imagine a future for which we describe, archive, and pass on. In this sense, we would like to approach the everyday, political, and methodological dimensions of time and temporality.

The following questions are of particular interest: What role do temporal practices play in the cultural analysis of gender studies? What are the effects of time understood as a classificatory category within fieldwork as well as during the process of scholarly exploration and evaluation? What is the speculative and anticipatory potential of a cultural anthropology informed by queer and feminist theory? How do we anticipate the future of the analysis of gender relations and structural inequalities from a perspective of European Ethnology? What do we understand by “queer futures” or “feminist futures”? What kind of spaces of power and possibility are we conceptualizing with such terms? Are we archiving for the future or can the future itself be archived? And, finally, the fundamental question: How are time and temporality intertwined with gender?

Academic debates about postfeminism, postcolonialism, and migration as well as broader discussions around Gender Shift and Womenomics address the idea of the future of gender within several social fields. “Archiving Feminist Futures” invites the interrogation of feminist futures, temporal practices, and processes of temporalization from a range of disciplines, to bring together scholars of politics, the economy, care, law, art and popular culture, as well as technology, sustainability, medicine, and biology.

We would like to approach historical, theoretical, and methodological imaginations of the past, present, and future, all of which articulate broader conceptions of society, making visible feminist and queer theory as social and political movements. In their approach to time and temporality, such discussions of the future constantly take into account the state and status of feminist and queer theoretical and methodological efforts (Halberstam 2005). Conflicts between various feminist pasts and their own specific historiographies come to the fore (Binder/Hess 2013; Hark 2005); the possibilities and desirability of feminist futures become apparent (Milojevic 1998). The intensified debate about the future raises the question of political agency in the “here and now” and leads to a critique of the so-called over-presence of the future within the present (Avanessian/Malik 2016). This discussion can also be productively informed by feminist and postcolonial perspectives, for example when connected with provocative concepts such as “feeling backward” (Love 2007) or “being anachronistic” (Zinnenburg Carroll 2016). Against this backdrop, thinking, designing, and envisioning futures goes hand in hand with the cultural analysis of past and present times.

We would like the idea of archiving futures therefore to be a productive approach for our conference. This empirical and ethnographic frame also includes the reflexive and anticipatory potential of European ethnology and its various methods and materials of cultural analysis.

We invite proposals for 20-minute talks or alternative forms of presentations (debates, short presentations, commentaries, exhibits, installations, performance). Prospective contributions may address, but are not limited to, one of the following areas:

- How do we make use of time?
Empirically informed research on temporal practices and temporal orders of the past and present, for example analyzing gender (e.g. its constituting or stabilizing effects) from an interdependent perspective.

- Politics of/for the future:
Empirically informed research exploring fields in which time and/or the future are used as a political argument with close study of its subjectivizing and gendering effects.

- Cross-boundary interventions:
Feminist science fiction, artistic and activist sketches of gender, time, and temporality.

- Research practices within Cultural Anthropology, European Ethnology, and Gender Studies:
Temporal approaches to one’s own academic work: methodological and theoretical reflections on paradigms of development, genealogies, chronologies, linearities, legacies, or cultural heritage.

Please include the title of your talk or presentation, a short bio, and brief abstract of no more than 300 words (in German or English). Please send your proposal to future.archives.ifee@hu-berlin.de by March 30, 2018. We would like to emphasize the possibility to propose other media formats (film, exhibition, sound, photography, experimental writing, etc). There will be the possibility to present such works.

With kind regards from Berlin,
Beate Binder, Silvy Chakkalakal, Urmila Goel, Sabine Hess, Alik Mazukatow, Francis Seeck

Literatur:
Avanessian, Armen & Suhail Malik eds. Der Zeitkomplex Postcontemporary. Berlin: Merve Verlag, 2016.
Binder, Beate & Sabine Hess. “Eingreifen, kritisieren, verändern. Genealogien engagierter Forschung in Kulturanthropologie und Geschlechterforschung,” in Beate Binder et al, Eingreifen, Kritisieren, Verändern!? Interventionen ethnographisch und gendertheoretisch. Münster: Westfälisches Dampfboot, 2013, 22–54.
Fabian, Johannes. Time and the Other. How Anthropology Makes Its Object. New York: Columbia University Press, 2002.
Halberstam, Jack. In a Queer Time and Place. Transgender Bodies, Subcultural Lives. New York: NYU Press, 2005.
Love, Heather. Feeling Backward. Loss and the Politics of Queer History. Cambridge, Mass.: Harvard University Press, 2007.
Milojević, I. “Learning from Feminist Futures,” in D. Hicks & R. A. Slaughter eds., 1998 World Yearbook for Education. London: Kogan Page, 1998, 83–95.
Khadija von Zinnenburg Carroll ed. The Importance of Being Anachronistic. Contemporary Aboriginal Art and Museum Reparations. Melbourne: Discipline/Third Text, 2016. 

Kontakt

Prof. Dr. Silvy Chakkalakal
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Europäische Ethnologie
Mohrenstraße 40/41
10117 Berlin

future.archives.ifee@hu-berlin.de

Zitation
Archiving Feminist Futures – Zeitlichkeit und Geschlecht in der Kulturanalyse, 01.11.2018 – 03.11.2018 Berlin, in: H-Soz-Kult, 09.02.2018, <www.hsozkult.de/event/id/termine-36432>.
Redaktion
Veröffentlicht am
09.02.2018
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