Raum und Recht

Ort
Wetzlar
Veranstaltungsort
Seminarraum der Forschungsstelle zum Reichskammergericht, Hofstatt 19, 35578 Wetzlar
Veranstalter
Gesellschaft für Reichskammergerichtsforschung e.V.
Datum
13.09.2018 - 15.09.2018
Bewerbungsschluss
06.09.2018
Von
Dr. Evelien Timpener, Prof. Dr. Sabine Schmolinsky und Prof. Dr. Anette Baumann

In raumtheoretischer Perspektive ist Raum als zentrale und dynamische Dimension von Gesellschaft und menschlichem Handeln bezeichnet worden (Susanne Rau). Nach Raum und Recht zu fragen heißt eine wichtige Dimension menschlichen Handelns: Ordnen, Normieren und Sanktionieren, in ihren Interferenzen mit Räumen zu beobachten. In Gerichtsprozessen und außergerichtlichen Einigungen erscheinen diese Fragen insbesondere auf geographische Räume und deren Nutzung bezogen und werden in sprachlicher sowie in kartographischer Form behandelt. Mit der Reichweite der streitigen Materien verbinden sich Regionalität und Lokalität; den Konfliktaustrag begleitende Karten sind Regionalkarten oder lokale Ansichten. Sie finden sich in unterschiedlichsten Regionen Europas.
Wie wurden rechtliche Verhältnisse kartographiert? Diese der Tagung zugrunde liegende Frage gilt einerseits den Objekten, den Karten, und andererseits den mit ihnen sich verbindenden performativen Praktiken, immer wieder auftretenden Handlungen, die Raum Karten und Rechtszustände in zu ermittelnden Formen betreffen könnten: Eine Kommission begeht ein Gebiet und nimmt dessen Dimensionen in Augenschein, ein mit der Anfertigung beauftragter Maler zeichnet, gegebenenfalls ebenfalls nach Augenschein, die Karte oder Karten, oder es werden gedruckte oder anderweitig bereits vorhandene Karten beigezogen. Die Rolle der Karte vor Gericht bemisst sich also zumindest nach Auftraggeber/in und Zulassung zum sowie Rolle und Auswirkungen im Prozess. Zudem fragt sich, ob ihre mediale Konfiguration, gezeichnet oder gedruckt, mit Zeichen beteiligter Herrschaftsträger/innen (z.B. Wappen, Genealogien, etc.) versehen oder nicht, den Verlauf der rechtlichen Auseinandersetzungen beeinflussen konnte.
Regionalkarten als kartographische Objekte fallen durch besondere graphische Mittel wie perspektivische Vogelschau, Klappperspektive oder Bedeutungsperspektive auf. Praktiken, wie etwa Beauftragungen und Lohnerwerb, und gegebenenfalls neue oder verbesserte Methoden, wie etwa Messtechniken, sind mit der Herstellung von Karten und Ansichten verbunden. Wie wirken sie sich auf deren Wirksamkeit in rechtlichen Verfahren aus? Wie wirkt sich das aus Aufträgen und deren Ausführung resultierende professionelle und weiterhin soziale Kapital auf Maler und gegebenenfalls auch Drucker aus? Wie ist die Praxis eines ante litteram in der Natur, aber eben nicht nach der Natur arbeitenden Malers konfiguriert?
Die Tagung will historische, kunsthistorische, kartographiegeschichtliche und rechtshistorische Fragestellungen zu Raum und Recht in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, bis etwa ins 19. Jahrhundert, zusammenführen. Die Perspektive ist eine europäische, zumal nach Entwicklungen und Einflüssen in diesem Rahmen zu fragen ist. Gibt es Flussrichtungen oder Modelle im Bereich der Darstellungsformen? Wie wirkt sich das Aufkommen perspektivischer Darstellungsformen auf Karten und Ansichten in rechtlichen Zusammenhängen aus? Kommt es zu Verfahren der Reifikation oder der Objektivierung, die den Augenschein und seine kartographische Repräsentanz zurückzudrängen geeignet sind?
Diese und andere Fragen interdisziplinär zu diskutieren sind Sie eingeladen. Eine Veröffentlichung der mit der Tagung sich verbindenden Beiträge ist vorgesehen.

Programm

Tagung „Raum und Recht“, 13.–15. September 2018 in Wetzlar
(Vorläufiges Programm; Änderungen vorbehalten.)

Donnerstag, 13. September 2018
13.00 – 13.45 Uhr Eintreffen der Teilnehmer/innen (Get together)
13.45 – 14.00 Uhr Begrüßung

KartenQualitäten
Moderation: Prof. Dr. Felicitas Schmieder
14.00 – 14.30 Uhr Dr. Evelien Timpener und Prof Dr. Sabine Schmolinsky
Einführung
14.30 – 15.30 Uhr Dr. Joachim Kemper (Aschaffenburg)
Historische Kartenüberlieferung in Archiven. Von analog zu digital?
15.30 – 16.30 Uhr Prof. Dr. Claudia Hattendorff (Gießen)
Bild und Augenzeugenschaft. Überlegungen zu einer Nahbeziehung
16.30 – 17.00 Uhr Kaffeepause
17.00 – 18.00 Uhr Dr. Annette Cremer (Gießen)
Modell und Karte – Verhältnis, Übersetzung und epistemische ̉̉̉Qualität̒
18.30 Uhr Gemeinsames Abendessen

Freitag, 14. September 2018
10.00 – 11.30 Uhr Führung Reichskammergerichtsmuseum (Prof. Dr. Anette Baumann) (Gießen/Wetzlar)

Normen
Moderation: Prof. Dr. Sabine Schmolinsky
11.30 – 12.30 Uhr Prof. Dr. Hiram Kümper (Mannheim)
Fränkisches Recht – was ist das eigentlich? Wie sich aus Zeit und Raum Freiheit konstruieren lässt
12.30 – 14.00 Uhr Mittagspause

Anwendungen I
Moderation: Dr. Evelien Timpener
14.00 – 15.00 Uhr Elisabeth Kisker M.A. (Hagen)
Territoriale Abgrenzung in Wort und Diagramm – ein westfälisches Beispiel aus dem 15./16. Jahrhundert
15.00 – 16.00 Uhr Dr. Alexander Denzler (Eichstätt)
Tangenten von Recht und Raum: Straßen in der süddeutschen Gerichtspraxis des 16. Jahrhunderts
16.00 – 16.30 Uhr Kaffeepause
16.30 – 17.30 Uhr Prof. Dr. Anette Baumann (Gießen/Wetzlar)
Beweiskommissionen zur Inaugenscheinnahme am Reichskammergericht
18.00 Uhr Gemeinsamer Stadtrundgang und Abendessen


Samstag, 15. September 2018
Anwendungen II
Moderation: Prof. Dr. Sabine Schmolinsky
09.00 – 10.00 Uhr Prof. Dr. Alexander Jendorff (Gießen)
Recht im Raum. Karten als Instrumente der Verwaltung durch Recht
10.00 – 11.00 Uhr Prof. Dr. Michael Rothmann (Hannover)
Genossenschaft und Herrschaft im Kartenbild. Der Streit um die
Biegermark
11.00 – 12.00 Uhr Dr. Evelien Timpener (Hannover/Gießen)
Einem das Wasser abgraben. Regionalkarten bei Rechtsstreitigkeiten zur Wasserregulierung
12.00 – 12.30 Uhr Abschlussdiskussion

Kontakt

Prof. Dr. Anette Baumann

Zitation
Raum und Recht, 13.09.2018 – 15.09.2018 Wetzlar, in: H-Soz-Kult, 20.04.2018, <www.hsozkult.de/event/id/termine-37067>.