Die sogenannten 'Germanen'

Ort
Göttingen
Veranstaltungsort
Georg-August-Universität Göttingen (Historisches Gebäude der SUB, Papendiek 14)
Veranstalter
Prof. Dr. Winfried Rudolf; Prof. Dr. Heike Sahm; Prof. Dr. Roland Scheel
Datum
15.06.2018 - 16.06.2018
Bewerbungsschluss
11.06.2018
Von
Heike Sahm, Winfried Rudolf, Roland Scheel

Im Europa des 21. Jahrhunderts beobachten wir verstärkt eine Hinwendung zum Nationalismus. Eine Folge hiervon ist, dass auch die 'Germanen' in populären Gedankenwelten augenblicklich Hochkunjunktur haben. Die Frage, wie darauf zu antworten sei, stellt sich selbstredend der 'Germanistik' und ihren Nachbardispziplinen Anglistik und Skandinavistik sowie der Geschichtswissenschaft, die einander durch ihre gemeinsame Fachgeschichte verbunden sind.
Zwar können die aus dem Zeitalter des Nationalismus stammenden Theoreme und deren Folgen bis zu den Katastrophen des 20. Jahrhunderts zumindest in der Fachgeschichte als grundsätzlich aufgearbeitet gelten, und die Vorstellung von einem essentialistisch aufgeladenen 'germanischen' Kulturkontinuum bzw. einer Abstammungsgemeinschaft wurde im Fachdiskurs dekonstruiert.
Dennoch ist gegenwärtig vielfach die Reaktivierung des modernen Germanenmythos und eines eng verwandten, oft rassistisch grundierten 'Nordismus' in Form des 'Wikingers' zu beobachten, was seine Gründe einerseits in der Attraktivität einer simplen und nach wie vor weithin bekannten Narration sowie der ungebrochenen Präsenz einer semantisch ausgehöhlten Terminologie des 19. Jhs. hat. Andererseits und weitaus bedenklicher ist die seit der Jahrtausendwende verstärkt zu beobachtende Vereinnahmung des frühen Mittelalters mit 'Germanen', 'Angelsachsen' und 'Wikingern' durch die extreme und die Neue Rechte mit dem Ziel ideologischer Sinnstiftung.
Die Tagung zielt auf die Verantwortung und die Rolle der Fachwissenschaft im öffentlichen Diskurs: Wie kann und wie sollte die Forschung zum früheren Mittelalter die populäre oder gar populistische Meinungsbildung zur kulturellen Identität erreichen? Wie arbeiten wir mit einer Terminologie, deren im 19. Jh. entworfene Grundlagen nicht mehr gelten? Was folgt daraus für unseren Gegenstand? Wie gehen wir in der Lehre mit dem Konzept der Nationalphilologie bzw. der Nation um? Wie kommentieren wir die neue, alte Verwendung von Wörtern ('Volk', 'völkisch', 'Heimat') vor dem Hintergrund der Diskussion in der Sprachkritik? Welche Rolle spielen die sozialen Medien in der Deutungshoheit über die kulturellen Zeugnisse des nördlichen Europa?

Die Tagung ist öffentlich. Aus organisatorischen Gründen wird jedoch um eine vorherige Anmeldung (heike.sahm@phil.uni-goettingen.de) gebeten.

Programm

Freitag, 15. Juni 2018

18:00 - 19:00 Podiumsdiskussion 'Die Popularität des frühen Mittelalters im öffentlichen Diskurs'

Moderation: Michael Schwarzbach-Dobson (Germanistik, Köln)
 
DiskutantInnen: Hans-Werner Goetz (Geschichte, Hamburg), Niels Penke (Medienwissenschaften, Siegen), Jan Raabe (Soziologie, Bielefeld), Winfried Rudolf (Anglistik, Göttingen), Julia Zernack (Skandinavistik, Frankfurt a.M.).

Veranstaltungsort der Podiumsdiskussion:
Waldweg 26 (LehrerInnen-Zimmer)

Samstag, 16. Juni 2018

09:00 - 09:30 Empfang und Begrüßung (Roland Scheel, Göttingen)

09:30 - 10:00 Ulf Ickerodt (Archäologisches Landesamt Schleswig): Zwischen Ursprungsbesinnung und Selbstlegitimierung – Germanen und die Rezeptionsbedingungen archäologischer Fakten seit dem 19. Jahrhundert

10:00 - 10:30 Katerina Kroucheva (Germanistik, Göttingen): Komparatistik und Nationalphilologie

10:30 - 11:00 Robert Nedoma (Skandinavistik, Wien): Zurück in die Vergangenheit: Seit wann gibt es die germanische Sprache(n) und welche Quellen liegen für die Frühzeit vor?

11:30 - 12:00 Lars Deile (Geschichtsdidaktik, Bielefeld): Die Germanen sind verschwunden. Spurensuche in deutschen Schulgeschichtsbüchern des 20. Jahrhunderts

12:00 - 12:30 Richard North (Anglistik, University College London): Die Darstellung von Juden in der frühsächsischen Literatur - und deren Relevanz für den Schulunterricht

ab 13:30 fakultativ: Filmvorführung durch Martin Lindner (Alte Geschichte, Göttingen): "Germanen gegen Pharaonen - Pyramiden und Stonehenge" (D 1939)

14:00 - 14:30 Paul Langeslag (Anglistik, Göttingen): Die Unleugbarkeit der eigenen Geschichte und die Problematik der Gemeinfreiheit

14:30 - 15:00 Sarah Bowden (Germanistik, King’s College, London): Germanistik und Altgermanistik in Großbritannien: Forschung, Lehre und künftige Herausforderungen

15:30 - 16:00 Lars Geiges (Göttinger Institut für Demokratieforschung): "Odin statt Jesus" - germanische Mythologie im Kontext des Phänomens der völkischen Siedler

16:00 - 16:30 Jan Raabe (Pädagogik, Bielefeld): Projektionen der "Germanen" in der extremen Rechten – und der schwierige Umgang mit diesen

16:30 - 17:00 Abschlussdiskussion (Moderation: Roland Scheel, Göttingen)

Kontakt

Heike Sahm

Universität Göttingen, Seminar für Deutsche Philologie
Käte-Hamburger-Weg 3, 37073 Göttingen

heike.sahm@phil.uni-goettingen.de

Zitation
Die sogenannten 'Germanen', 15.06.2018 – 16.06.2018 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 31.05.2018, <www.hsozkult.de/event/id/termine-37433>.