Wohnen jenseits der Normen. Historische und aktuelle Perspektiven

Ort
Marburg
Veranstaltungsort
Philipps-Universität Marburg
Veranstalter
Arbeitskreis „Das Haus im Kontext. Kommunikation und Lebenswelt“ und Institut für Europäische Ethnologie / Kulturwissenschaft der Philipps-Universität Marburg
Datum
04.04.2019 - 06.04.2019
Bewerbungsschluss
23.09.2018
Von
Manfred Seifert

Wohnen ist eine private und zugleich gesellschaftliche Kultursphäre. Gruppenspezifische Symbolisierungen, ökonomische, technische und rechtliche Faktoren formieren in der Geschichte wie in der Gegenwart gewisse Standards der Wohn- und Architekturpraxis in Europa und weltweit. Der vermeintlichen Stabilität und Eindimensionalität ideeller Wohnkonzepte steht freilich diachron wie synchron eine reale Vielfalt der Wohnroutinen gegenüber. Entsprechend erkennen geschichts- und kulturwissenschaftliche Relativierungen das Wohnen als eine variable Größe, steht es doch in einem dialektischen Austauschprozess mit der Produktionssphäre und der Öffentlichkeit. Alltägliches Wohnen stellt somit zwar die Lebenssphäre einer vom Subjekt autonom und individuell vollzogenen Gestaltung dar, doch es ist auch das Resultat einer gesellschaftlichen Vermittlung (M. Tränkle 1977). Dabei kommen also gesellschaftliche Regeln und Vorschriften, als üblich anerkannte Richtlinien und Maßstäbe sowie ästhetische Stilpräferenzen ins Spiel. Oder sie wurden und werden wohnkulturell überschritten – hinsichtlich drei Dimensionen des Wohnens:
- architektonische Lösungen: Dimension Wohnarchitektur
- Wohnpraxis: Dimension der Gebrauchsweisen und Umgangsformen mit Wohnen
- wohnkulturelle Haltungen und Intentionen: Dimension Wohnbewusstsein und -erfahrungen
Historisch motivieren z.B. ökonomische Bedingungen und existenzielle Notlagen, religiöse Transzendenzsuche und Versuche herrschaftlicher Disziplinierung sowie dann (besonders zur Gegenwart hin) Gesellschaftskritik und Wachstumskritik Wohnformen „jenseits der Normen“ des allgemein Üblichen bzw. Verbindlichen. Ausgehend von einer Matrix aus Norm und Devianz lassen sich folgende Fragen stellen:
- In welchem Maße gelten Normierungen (spezifisch) in bestimmten Zeiten und Gesellschaften?
- Inwiefern können Wohnstile zur Artikulation abweichender Normen dienen?
- Werden spezifische, von Normierungen abweichende Wohnstile passiv hingenommen oder aktiv gewählt?
- Wie stark sind architektonische und Ausstattungsdimensionen dieser Wohnstile mit spezifischen Wohnpraktiken verschränkt?
Dabei sollen insbesondere längerfristig praktizierte Wohnarrangements im Fokus stehen (d.h. keine Wochenend- und Urlaubsunterkünfte), wie sie in der Regel mit spezifischen Lebensformen und Lebensentwürfen korrespondieren und zumindest rudimentär alltagspraktischen Komfortansprüchen genügen. Komfort ist hier im Sinn einer Verbindung von äußeren Voraussetzungen und dem körperlichen Wohlbefinden zu verstehen: als praktisch-nützliche Ausstattungskomponenten einerseits und individuell-psychische Wohnbedürfnisse wie Intimität, Entspannung, Sicherheit, Identifikation usw. andererseits (W. Rybczynski 1986). Für das Wohnen als Kulturform spielen auch die raumbezogenen menschlichen Bedürfnisse eine Rolle. Sie werden gemäß dem von Erik Cohen (1976) und Ina-Maria Greverus (1974) entwickelten, als transkulturell aufgefassten Raumorientierungsmodell als grundlegend für eine satisfaktionierende Raumwahrnehmung erachtet. Dieses Modell geht hierbei von dem Zusammenwirken von vier Dimensionen der Raumorientierung aus: der instrumentalen, der kontrollierenden, der soziokulturellen und der symbolischen Raumorientierung.
Im Anschluss daran bietet Hartmut Rosas (2016) Konzept der Resonanzerfahrung für die subjektive Beziehung zur wohnkulturellen Sphäre wie auch weit darüber hinaus zu anderen Menschen, zur Welt und zur Natur weiterführende Bezüge auch hinsichtlich der Fragen nach umgebungsräumlich gebundener Lebensqualität. Hier lassen sich aus der Gegenwart alternative Lebens- und Wohngemeinschaften befragen nach ihrem Bedürfnis, in „Zeiten metaphysischer Obdachlosigkeit“ (Rebekka Reinhard 2014) und angesichts einer hyperkapitalistischen Umgebung die Rückkehr zu „authentischen“ Lebensformen zu suchen. Historische Wohnformen wären auch zu analysieren im Hinblick auf ständische, kulturelle oder gruppenspezifische Formen. Zu denken ist etwa an Gelehrtenhaushalte oder an mobile Formen des Wohnens von Schäfern, Söldnern und Schiffern u.a.
Ziel der Tagung ist es, die Vielgestaltigkeit des Wohnens im Kontext je zeitspezifischer und gesellschaftlicher Kontexte, doch jenseits des ‚Mainstreams‘ zu beleuchten, um damit die bislang unterbelichtete Forschungsperspektive auf die abseits des allgemein Üblichen bzw. Verbindlichen – eben „jenseits der Norm“ – vorfindbaren Wohnpraktiken zu richten. Dazu sollen die skizzierten Aspekte des Themas entlang spezifischer Wohnformen, institutioneller Wohnvorgaben und Machtverhältnisse analysiert werden. Eingeladen sind Vortragsangebote sowohl mit historischer als auch gegenwärtiger Ausrichtung; sie können auf europäische wie außereuropäische Wohnformen referieren. Der Call richtet sich insbesondere an die Vertreterinnen und Vertreter der Europäischen Ethnologie, der Sozialanthropologie und der Geschichtswissenschaft, zudem auch an die Vertreterinnen und Vertreter der Freilichtmuseen und Landesforschungsstellen.

Interessenten werden gebeten, eine Vortragsskizze (max. 3.000 Zeichen) zusammen mit einem kurzen CV und den Kontaktdaten bis zum 23. September 2018 einzureichen an Manfred Seifert: manfred.seifert@staff.uni-marburg.de bzw. Joachim Eibach: eibach@hist.unibe.ch

Eine anteilige Übernahme der Reisekosten der Vortragenden ist geplant.

Kontakt

Manfred Seifert

Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft, Deutschhausstraße 3, 35032 Marburg

06421-2826522
06421-2826515
manfred.seifert@staff.uni-marburg.de

Zitation
Wohnen jenseits der Normen. Historische und aktuelle Perspektiven, 04.04.2019 – 06.04.2019 Marburg, in: H-Soz-Kult, 11.07.2018, <www.hsozkult.de/event/id/termine-37715>.