Democracy Revisited

Ort
Tutzing
Veranstaltungsort
Akademie für Politische Bildung
Veranstalter
Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus, Stuttgart, in Kooperation mit der Akademie für Politische Bildung, Tutzing, und dem Lehrstuhl für Zeitgeschichte an der Universität Mannheim
Datum
10.10.2019 - 11.10.2019
Bewerbungsschluss
15.10.2018
Von
Buchna, Kristian

Theodor-Heuss-Kolloquium 2019
Democracy Revisited. Praktiken, Ordnungen und Begrenzungen der liberalen Demokratie von den 1940er Jahren bis zur Gegenwart

Leitung: Kristian Buchna/Philipp Gassert/Andreas Kalina/Ursula Münch

Entgegen allen triumphalistischen Prognosen nach Ende des Kalten Krieges hat sich die liberale Demokratie keineswegs als alternativlos erwiesen. Vielmehr drängt sich vor dem Hintergrund der schwindenden Akzeptanz und der substanziellen Aushöhlung liberal-demokratischer Systeme die Frage nach der tatsächlichen Reichweite und den Grenzen der Demokratisierungs- und Liberalisierungsprozesse nach 1945 auf. Hier setzt das Theodor-Heuss-Kolloquium 2019 an. Es fragt nach den wechselseitigen Verschränkungen von demokratischen Praktiken, institutioneller demokratischer Ordnung und Begrenzungen sowie Ausschlüssen von demokratischer Partizipation und fühlt sich so den Ansätzen einer modernen Kulturgeschichte der Politik unter Einbeziehung politik- und kommunikationswissenschaftlicher Zugänge verpflichtet. Indem aktuelle Problemlagen historisch perspektiviert werden, möchte das Kolloquium der Frage nachgehen, inwieweit die Ursachen gegenwärtiger Ernüchterungserfahrungen und Krisensymptome der repräsentativen Demokratie in früheren bzw. langfristig wirksamen Entwicklungen zu suchen sind.

Epochal wird die Phase der Demokratie-Implementierung, -Etablierung und -Transformation von der zweiten Nachkriegszeit bis in die Gegenwart in den Blick genommen. Geographisch geht es um den „historischen Westen“ des Kalten Kriegs, d.h. vor allem das alte Westeuropa und Nordamerika und damit die von den USA als Hegemonialmacht nachhaltig beeinflussten Gesellschaften und Staaten.

Als Analyserahmen dienen die drei aufeinander zu beziehenden Kategorien von Praktiken, Ordnungen und Begrenzungen der Demokratie. Unter Anlegung eines performativ geweiteten Begriffes demokratischer Praktiken kann darunter verstanden werden: reisen, reden, auftreten, wählen, abstimmen, schreiben (Petitionen, Eingaben an Politiker), demonstrieren, protestieren, plakatieren, feiern, gedenken etc. Wie ändern sich Formen demokratischen Sprechens, wie wandelt sich die parlamentarische Kultur und Praxis? Welche Praktiken charakterisieren „Demokratie als Lebensform“, und unterliegen sie einem historischen Wandel? Wie werden demokratische Praktiken rezipiert und adaptiert? Hier könnten auch undemokratische Bewegungen in den Blick genommen werden, die demokratische Praktiken anwenden. Die normative Dimension des Begriffs der Zivilgesellschaft würde dadurch gebrochen.

Beim Thema Ordnungen wäre u.a. danach zu fragen, wie die demokratischen Ordnungen und ihre institutionellen Orte in den jeweiligen Epochen und Regionen demokratische Praktiken ermöglicht und begrenzt haben, wie sie auf diese reagierten und durch sie verändert oder bedroht wurden. Wie schlug sich beispielsweise in der Verwaltungspraxis von der Ministerialbürokratie bis hin zur Kommunalverwaltung der Wandel vom „Staatsdiener“ zum „civil servant“ nieder? Änderte sich die Kommunikation zwischen Verwaltern und Verwalteten? Wie wirkten sich zunehmende internationale und globale Entgrenzungen, aber auch die Europäisierung auf die gedachten und institutionellen Ordnungen aus?

Begrenzungen sollte die streitbare, liberale Demokratie im Grunde nur gegenüber Feinden der freiheitlich demokratischen Grundordnung vorsehen. Der demokratische Alltag jedoch kennt Begrenzungen sowohl in Form von Ausschlüssen ganzer Bevölkerungsteile (Frauen, Afroamerikaner, First Nations, „Gastarbeiter“ etc.) wie auch als Nicht-Partizipation einzelner sozialer, gesellschaftlicher Schichten. Welche Ausschlussmechanismen in Bezug auf Gender/Class/Race greifen bei bestimmten demokratischen Praktiken bzw. in demokratischen Bewegungen? Welche auf den ersten Blick unpolitischen Institutionen oder Vereine bewirkten durch praktische zivilgesellschaftliche Initiativen einen Abbau demokratischer Begrenzungen bzw. eine demokratische Aktivierung abseits stehender Gruppierungen?

Räumlich ist der Analyserahmen von der transnationalen Makroebene bis zum kommunalen Nahraum bewusst weit gefasst. Kulturen demokratischer Praktiken können somit in ihren regionalen und räumlichen Prägungen erkennbar werden.

Eine strukturierende Erschließung des Analyserahmens könnte mittels folgender thematischer Zugänge erfolgen:

- Kommunikation: Die meisten demokratischen Praktiken lassen sich als kommunikative Akte verstehen und analysieren. Darüber hinaus ließe sich fragen, inwieweit performative demokratische Praktiken durch Medien und ihre Berichterstattung visualisiert, popularisiert, diskursiv eingehegt oder gehemmt werden.

- Entscheidungen und Entscheidungsprozesse: Demokratie erschöpft sich nicht in kommunikativen Prozessen, vielmehr zeichnet sie eine Kultur der Entscheidung aus – seien es Mehrheitsentscheide, Konsens- oder Einstimmigkeitsentscheidungen. Anhand von Entscheidungsmechanismen und Prozessen der Entscheidungsfindung in unterschiedlichen Institutionen und Vertretungskörperschaften lassen sich Praktiken, Ordnungen und Begrenzungen der Demokratie konkret erschließen. Ferner kann danach gefragt werden, welche Auswirkungen die Auslagerung von Entscheidungsbereichen (z. B. Geldpolitik, Normenkontrolle) in außerparlamentarische Institutionen (z. B. Bundesbank, Verfassungsgericht) auf die Akzeptanz, Legitimität und Funktionsfähigkeit demokratischer Entscheidungsfindung hat.

- Herkunft und Geschlecht: Der Zugang zu und die Ausübung von demokratischen Praktiken werden auch innerhalb eines demokratischen Ordnungsrahmens mitbestimmt durch Geschlecht und ethnische bzw. soziale Herkunft. Insbesondere die nationalen Nachkriegsdemokratien waren ausgesprochen männlich und auch ethnisch homogen gedacht. Unter Rückbezug auf Praktiken und Ordnungen ließe sich fragen: Wie wirken sich Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen auf den Willen zur Teilhabe an demokratischen Praktiken aus? In welchem Spannungsverhältnis stehen in Einwanderungsgesellschaften Prozesse der Fundamentaldemokratisierung mit der rechtlichen wie sozialen Exklusion von Migrationsanderen? Und schließlich: Ist die gegenwärtige „Krise der Demokratie“ auch als Folge einer fortgesetzten systematischen Begrenzung von Partizipationsrechten zu betrachten?

Die Tagung richtet sich an Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler wie auch an etablierte Forscherinnen und Forscher. Ausdrücklich erwünscht sind Vorträge aus aktuell laufenden und noch nicht publizierten Arbeiten. Tagungssprache ist Deutsch. Die Veranstalter übernehmen die Reise- und Übernachtungskosten nach Maßgabe des Bundesreisekostengesetzes sowie die Verpflegung vor Ort.

Bitte senden Sie Ihr Exposé (nicht länger als 500 Wörter) mit Kurzbiografie (in einer PDF-Datei) bis zum 15.10.2018 an folgende Adresse: buchna@stiftung-heuss-haus.de.

Kontakt

Kristian Buchna

Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus

buchna@stiftung-heuss-haus.de

Zitation
Democracy Revisited, 10.10.2019 – 11.10.2019 Tutzing, in: H-Soz-Kult, 22.07.2018, <www.hsozkult.de/event/id/termine-37769>.