Urbane Muße. Materialitäten, Praktiken, Repräsentationen

Ort
Freiburg im Breisgau
Veranstalter
SFB 1015 Muße
Datum
02.05.2019 - 04.05.2019
Bewerbungsschluss
31.10.2018
Von
SFB 1015

English version below

Urbane Muße. Materialitäten, Praktiken, Repräsentationen

Internationale und interdisziplinäre Tagung

Freiburg, 02.-04. Mai 2019

Call for Papers

Geschwindigkeit, Beschleunigung, Zeitverdichtung, Zweckrationalität und Effizienz sind immer wieder genannte Schlagworte unserer Gegenwart, die sich aufs Engste mit der Stadt verbinden. Im urbanen Raum sind Betriebsamkeit, Hektik und Geschäftigkeit zentrale Merkmale und unterwerfen den Menschen vermeintlich einer zunehmenden Funktionalisierung. Die Brüchigkeit dieser Dominanz zeigt sich aber bereits in Figuren wie der des Flaneurs, der sich gerade im Getriebe der Großstadt in Gelassenheit bewegt. Und auch scheinbar gänzlich gegenläufige Tendenzen lassen sich erkennen: Orte wie Stadtparks, Museen oder andere Freizeiteinrichtungen suggerieren ebenso Refugien der Entschleunigung wie eine wachsende ‚Erholungsindustrie‘. Im selben Moment können aber solche Angebote wieder den Mechanismen der Zweckgebundenheit und der Selbstoptimierung unterliegen.

Im Rahmen des SFB 1015 Muße der Universität Freiburg werden fächerübergreifend genau diese Spannungsmomente diskutiert und mit der Tagung „Urbane Muße. Materialitäten, Praktiken, Repräsentationen“ einer eingehenden Untersuchung unterzogen. Im interdisziplinären Dialog sollen Freiräume der Muße im urbanen Raum identifiziert und damit eine Diskussion darüber angestoßen werden, in welchem Zusammenhang Urbanität und Muße stehen. Muße versteht der SFB nicht primär als an bestimmte Tätigkeiten oder Räume gebunden, sondern als freies Verweilen in der Zeit, das sich jenseits von Zweckgebundenheit und Leistungserwartung wiederfindet. Sie wird in paradoxalen Wendungen wie ‚tätige Untätigkeit‘ oder ‚produktive Unproduktivität‘ fassbar, die immer auch auf ihre gesellschaftliche Dimension verweisen. Vor diesem Hintergrund bilden Muße und Arbeit genauso wenig einen polaren Gegensatz wie Muße und Freizeit als deckungsgleich zu verstehen sind. Zudem verfügt Muße über ein transgressives Potenzial: Selbst im größten Stress und in überbordender Hektik können sich Momente einstellen, in denen sich das Individuum aus diesen Umständen löst.

Die Verbindung des Konzepts Muße mit dem Komplex der Urbanität wirft vielfältige Fragen auf: Wie äußern sich Möglichkeiten der Muße im urbanen Raum und Gesellschaftsgefüge? Gibt es Unterschiede zwischen verschiedenen Stadttypen (z.B. Kleinstadt, Großstadt oder Metropole) und den Mußeformen, die sich dort ausmachen lassen? Ist die traditionelle Dichotomie zwischen Stadt und Natur in Bezug auf urbane Mußeerfahrungen haltbar? Wie verhält sich urbane Muße zu jüngsten Entwicklungen wie etwa der Herausbildung von ‚global cities‘ oder den spezifischen Bedingungen postkolonialer Städte? Wie lässt sich die Spannung zwischen Privilegienstruktur und gesellschaftlicher Autonomie in der Stadt auf Muße beziehen? Inwiefern spielen Genderaspekte eine Rolle in Bezug auf urbane Muße?

Diese Fragen stehen im Zentrum der Tagung mit Beiträgen aus verschiedenen Disziplinen, wobei geistes-, kultur- und sozialwissenschaftliche Perspektiven einander ergänzen sollen. Darauf verweisen auch die leitenden Kategorien des Tagungstitels: Muße äußert sich in der materiellen Ausgestaltung des urbanen Raums, in den Handlungen der Akteur*innen sowie in unterschiedlichen medialen Repräsentationen.

Ziel der Tagung ist es, historisch-diachrone Betrachtungen mit gegenwartsorientierten Überlegungen zu verbinden und auf diese Weise Kulturgeschichten urbaner Muße zu diskutieren. Darüber hinaus soll urbane Muße nicht aus einem rein eurozentrischen oder ‚westlichen‘ Blickwinkel betrachtet, sondern die globale Vielfalt von Mußekulturen zum Gegenstand der Debatte gemacht werden.

Folgende thematische Schwerpunkte sind vorgesehen:

Architektur und Stadtplanung

Urbane Muße äußert sich unter anderem in konkreten Räumen und baulichen Strukturen des städtischen Raumes: Angesichts neuer Stadtformen und -konzepte wie ‚creative‘ und ‚global city‘‚ der ‚funktionalen‘ oder ‚schrumpfenden‘ Stadt stellt sich die Frage, inwiefern durch freigesetzte kreative Potenziale und besondere Formen der Aneignung neue oder erweiterte Freiräume der Muße entstehen können. Vor diesem Hintergrund kann untersucht werden, wie sich die historischen, eng mit Privilegienstrukturen der Muße verbundenen Stadtformen zu neueren, gewandelten Gesellschaftskonzepten und damit zusammenhängenden Stadtbildern verhalten.

Stadt und Natur: Kontrastierungen, Dichotomien, Interdependenzen

Mußeerfahrungen in der Stadt sind in unterschiedlichen Formen und an verschiedensten Orten möglich, als paradigmatisch können hierfür heterotopische Rückzugsräume wie Parks, Alleen, Friedhöfe und andere gärtnerische Anlagen gelten. An diesen Orten kommt es zu einem komplexen Zusammenspiel von Stadt und kultivierter bzw. reglementierter Natur, in welchem das vermeintlich dichotome Verhältnis von Stadt und Natur neu ausgehandelt wird: Wollen diese naturverwandten Orte Gegenwelten zum urbanen Getriebe darstellen, kann diese Binarität angesichts der Zugehörigkeit zum städtischen Raum selbst ins Wanken geraten. Damit stellt sich nicht nur die Frage nach dem Bedeutungswandel solcher Räume, sondern in gleichem Maße geraten Bewegungen wie das Konzept der Gartenstadt oder des ‚urban gardening‘ in den Blick.

Transgressionserfahrungen von Muße im urbanen Raum

Aus den bisherigen Überlegungen des SFB ist das transgressive Potenzial von Muße hervorgegangen: Muße kann den Gegensatz von vita activa und vita contemplativa überschreiten. In Bezug auf urbane Muße ist daher zu diskutieren, ob und in welchen Formen auch abseits der ‚klassischen‘ urbanen Rückzugsräume wie Gärten, Parks und Museen an urbanen ‚hotspots‘ Mußeerfahrungen möglich sind.

Wahrnehmungsformen, Praktiken und Erlebnisstrukturen urbaner Muße

Die Beschäftigung mit Formen urbaner Muße legt in den meisten Fällen nahe, auch deren sinnliche Wahrnehmung mit in den Blick zu fassen. Gerade im urbanen Kontext – also einem, der nicht selten von einer Reizüberflutung geprägt ist – scheint dieser Aspekt eine besondere Bedeutung zu besitzen, sei es für Beobachterinnen oder für Bewohnerinnen. Figuren wie die des Flaneurs oder die zunehmende touristische Erschließung städtischer Räume sind als paradigmatische Beispiele zu nennen. Sowohl aus der Sicht literarischer Ästhetisierungen und vermittelter Erfahrungsberichte als auch lebensweltlicher Eindrücke kann hier folglich das Empfinden urbaner Muße ausgelotet werden.

Vorgesehen sind zwei mögliche Formate: Vorträge (max. 30 Minuten) und kürzere Beiträge (max. 15 Minuten)

Exposés im Umfang von einer Seite (ca. 500 Wörter) sowie ein knapper CV werden bis zum 31.10.2018 erbeten. Bitte schicken Sie beides an René Waßmer:

rene.wassmer@sfb1015.uni-freiburg.de

Für Rückfragen steht Ihnen Peter Philipp Riedl zur Verfügung:

peter.riedl@sfb1015.uni-freiburg.de
<mailto:peter.riedl@sfb1015.uni-freiburg.de>

English Version

Urban Otium: Materialities, Practices, Representations

International and interdisciplinary conference, Freiburg, 2nd-4th May 2019

Call for Papers

Speed, acceleration, the perceived intensification of time, expediency and efficiency are all recurring catchphrases of our present time, which are closely linked to the urban experience. The ‘hustle and bustle’ of city life, hectic and busyness are central characteristics of the urban space, which supposedly subject the city’s inhabitants to an increasingly functional logic. And yet it becomes apparent how fragile this domination is in characters like the flâneur who moves calmly through the bustle of the city. We can even identify seemingly opposite tendencies: places like urban parks, museums and other recreational spaces, as well as a growing leisure industry suggest to be refuges of deceleration. But at the same time such opportunities can be subject to utilitarian rationality and self-improvement.

In the interdisciplinary collaborative research centre 1015 on “Otium” at the University of Freiburg, these contradictory aspects are being discussed and at the conference on “Urban Otium: Materiality, Practices, Representations” they are going to be analysed in more detail. In interdisciplinary dialogue, free spaces of otium in the urban space can be identified, and through them a discussion on the relation of urbanity and otium can be initiated. In the context of the collaborative research centre, the term otium is not understood as being primarily tied to particular actions or spaces, but rather as the experience of a free being-in-time, an end in itself not identified with the logic of purpose-oriented achievement. The notion can be made more palpable with the help of paradoxical expressions such as ‘productive unproductiveness’ or ‘active inactivity’, which emphasise its social dimension. Against this background, otium and work are no polar opposites, nor can otium and free time (as well as an understanding of “free time” in the sense of “leisure activity”) be understood as synonyms. Moreover, there is a transgressive potential in this understanding of otium: even in situations of the greatest hectic and time pressure moments of otium can arise which enable the individual to free her- or himself of these circumstances.

The connection of the concept of otium with the thematic field of urbanity raises multiple questions: How do opportunities for otium manifest themselves in the urban space as well as in the social fabric in general? Can we establish differences between different kinds of urban spaces (e.g. small town, city or metropolis) and the forms of otium specific to them? Is the traditional dichotomy between city and nature at all tenable in the context of experiences of otium? How does the concept relate to recent developments like the forming of ‘global cities’ or the specific context of postcolonial cities? How can the tension between, on the one hand, structures furthering inequality and, on the other, social autonomy in the city be applied to otium? In what way is gender relevant for urban otium?

These questions will be at the core of the conference, which will consist of contributions from different disciplines, so that perspectives from the humanities, cultural studies and social sciences can complement one another. Already the categories mentioned in the conference title incorporate this idea: (urban) otium manifests itself in the material form of the urban space, in the actions of its agents as well as in differently mediated representations.

The aim of the conference is to connect historical-diachronic observations with reflections on the present, and thus to discuss possible cultural histories of urban otium. Above that, the conference topic should not be approached from a purely Eurocentric or Western viewpoint, but instead the debate should do justice to the global variety of cultures of otium.

The conference will be structured along the following thematic emphases:

Architecture and Urban Planning

Urban otium shows itself in concrete spaces and architectural structures of the urban space: with respect to new types and concepts of cities like the ‘creative’ or ‘global city’, the ‘functional’ or ‘shrinking’ city, the question arises in what ways new and extended open spaces of otium can emerge through the creative potential and specific forms of appropriation emerging in this context. We can observe how older forms of urban planning that facilitated social privilege are addressed by new concepts of society as well as their corresponding cityscapes.

City and Nature - Contrasts, dichotomies, interdependencies

Experiences of otium in a city are possible in various forms and diverse
places. Heterotopic retreats such as parks, alleys, graveyards and other horticultural grounds can be seen as paradigmatic examples. In these places, a complex interrelation of city and cultivated or reglemented nature can be observed, in which the seemingly dichotomous relationship between urban spaces and nature are renegotiated: whereas these nature-related places aim to represent alternative worlds to the urban hustle and bustle, the binary starts to waver in the face of their belonging to the very urban space they seem to contradict. Not only the question concerning the changing meaning of such places, but also movements such as the concept of the ‘garden city’ as well as ‘urban gardening’ come into view.

Experiences of Transgression of Otium in Urban Spaces

Already in previous work of the CRC the transgressive potential of otium became apparent: in otium, the contrast between vita activa and vita contemplativa can be overcome. Regarding urban otium, it should be discussed whether and in which forms experiences of otium become possible in urban ‘hotspots’ in addition to the ‘classical’ urban retreats like gardens, parks and museums.

Practices, Ways of Perceiving and Experience Structures of Urban Otium

Forms of urban otium in many cases also draw attention to the sensual perception during experiences of otium. Especially in the urban context – which is not uncommonly characterised by overstimulation – this aspect seems to be of particular importance for observers as well as inhabitants of cities. Figures such as the flâneur or the increasingly present tourist can be regarded as paradigmatic examples. Thus, experiences of otium in the urban context can be analysed in their aesthetic representation for instance in literary texts as well as in less mediated research with a view to the impressions and practices of a city’s inhabitants.

Two possible formats are intended: Papers (max. 30 minutes) and shorter contributions (max. 15 minutes)

Exposés of one page (approx. 500 words) as well as a short CV are requested by 31.10.2018. Please send both to René Waßmer:
rene.wassmer@sfb1015.uni-freiburg.de

Peter Philipp Riedl will be happy to answer any questions you may have:
peter.riedl@sfb1015.uni-freiburg.de

Kontakt

René Waßmer

SFB 1015
Rheinstraße 10
79104 Freiburg

rene.wassmer@sfb1015.uni-freiburg.de

Zitation
Urbane Muße. Materialitäten, Praktiken, Repräsentationen, 02.05.2019 – 04.05.2019 Freiburg im Breisgau, in: H-Soz-Kult, 18.09.2018, <www.hsozkult.de/event/id/termine-38171>.
Redaktion
Veröffentlicht am
18.09.2018
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