Die neuen Kulturkämpfe

Ort
Potsdam
Veranstaltungsort
Universität Potsdam
Veranstalter
Arbeitskreis „Politik und Kultur“ der DVPW
Datum
07.11.2018 - 20.11.2018
Bewerbungsschluss
20.11.2018
Von
Odilia Triebel, Jan Suntrup, Jörn Knobloch,

Die Gegenwart der politischen Auseinandersetzungen wird immer stärker durch polarisierende und bisweilen militante Abgrenzungen bestimmt, die sich als „unlösbar“ präsentieren. Standen ab den 1990er Jahren interzivilisatorische oder ethnische Konflikte als Kulturkämpfe im Vordergrund, ist mittlerweile kaum zu übersehen, dass sich „the new culture wars“ im Herzen demokratischer Gesellschaften abspielen, den sozialen Frieden gefährden und politische Errungenschaften in Frage stellen. Diese Kulturkonflikte schaffen neue Antagonismen von Kosmopolitismus und Kommunitarismus und reißen die Volksparteien auseinander. Sie entzünden sich an Fragen der Migration, der Familien-, Bildungs- und Erinnerungspolitik, kontaminieren durch einen extremen Grad der Politisierung auch gesellschaftliche Bereiche wie die Kunst und reichen so weit, dass mittlerweile wieder offen die Legitimität des „Systems“ angezweifelt wird, ob in Form seiner zentralen politisch-rechtlichen Institutionen oder der freien Presse. Die modernisierungstheoretische oder auf anderen Teleologien beruhende Hoffnung, dass sich eine solche Polarisierung der politischen Diskurse und Kämpfe in den liberalen Demokratien durch andere Fragen z.B. nach moderater ökonomischer Umverteilung schrittweise entschärfen würde, hat sich als trügerisch erwiesen. Damit ist aber auch die Basis der pluralistischen Demokratietheorie, die durchaus konfliktaffin die Notwendigkeit eines passionierten Aushandelns politischer Differenzen an die Existenz eines weitreichenden „nicht-kontroversen Sektors“ geknüpft hat, unter starken Druck geraten. Selbst die gegen sedierende und rationalistisch überlastete Modelle deliberativer Demokratie opponierende Theorie einer agonistischen Politik war immer darauf ausgerichtet, dass sich die opponierenden Lager als „Gegner“ akzeptieren und nicht als „Feinde“ wahrnehmen. Stattdessen ist mittlerweile vielerorts eine Radikalisierung der politischen Kommunikation zu beobachten, die Historiker wie Jürgen Zarusky mitunter an den „Sound von Weimar“ erinnert, auch wenn die Legitimität solcher historischen Vergleiche umstritten ist.
Um die Qualität der durch weitreichende Polarisierungen getragenen Auseinandersetzungen richtig einschätzen zu können, sollen diese im Rahmen der Tagung auf differenzierte Weise als Kulturkämpfe adressiert werden, um eine analytisch-normative Aufklärung über die Art der Polarisierung und ihrer Ursachen zu erreichen. Dabei soll einerseits über die einfache Definition des Populismus hinausgegangen werden, die sich mit dem Ausweis antipluralistischer und antielitärer Bestrebungen begnügt und konzeptuell einem „moralisierenden Gestus“ folgt. Andererseits soll auch nicht bei den wirksamen neuen Cleavages von Kosmopolitismus/Kommunitarismus stehengeblieben werden, denn diese Differenzierung bietet noch keine hinreichende Erklärung ihrer Entstehungsursachen an. Kaum umstritten ist zudem, dass sich die im Kontext von Kultur geführten Auseinandersetzungen nicht mehr mit dem klassischen Ansatz des „Clash of Civilizations“ von Samuel Huntington verstehen lassen. Huntington definiert die Kultur als Ordnungsrahmen einer Gesellschaft und weist ihr eine einheitliche normative Orientierung zu, weshalb es zwischen den nach innen relativ homogenen Kulturen bzw. Kulturkreisen zu Bruchlinienkonflikten kommt. Indes haben die Kultursoziologie und andere Bereiche der cultural studies längst die Obsoletheit solcher Container-Modelle von Kultur herausgearbeitet, da die Kulturen innerhalb eines „Kulturkreises“ differenziert sind. Hierzu tragen nicht nur Migrationsbewegungen bei, sondern auch die durch verschiedene Lebensstile hervorgerufene Differenzierung von Kulturverständnissen. Nachdem die Kulturalisierung des Sozialen zu einer Karriere der Kultur in allen Bereich des Sozialen beigetragen hat, stehen sich nunmehr idealtypisch zwei Positionen gegenüber: Die erste betreibt eine expansive Ästhetisierung der Lebensstile, weshalb Kultur zur Hyperkultur wird, in der „potenziell alles […] zur Kultur und zum Element äußerst mobiler Märkte der Valorisierung werden kann“. Demgegenüber sieht die zweite Auffassung in der Kultur kein „unendliches Spiel der Differenzen“ auf einem offenen Markt, sondern einen Antagonismus zwischen Innen und Außen, zwischen Wertvollem und Wertlosen, der sich insbesondere gegen das (auch im liberalen Lager alles andere als unumstrittene) Bestreben richtet, kulturellen Pluralismus nach dem Muster der „Biodiversität“ zu verstehen. Sowohl gegen solche kulturrelativistischen Ansätze als auch gegen den Ausweis der Fluidität, Hybridität und Dynamik von Kulturen opponieren identitätspolitische Bewegungen, die mit Reinheits- und Authentizitätsmythen einem invarianten Kulturessenzialismus das Wort reden. Hier entstehen neue und komplex gelagerte Konfliktlinien, die nicht mehr als Auseinandersetzung zwischen religiösen Zivilisationen gelesen werden können und die die Heterogenität von früher oftmals als kulturell geeint begriffenen Gemeinschaften deutlich werden lassen.
Um die Reichweite, das Radikalisierungspotential und auch die Möglichkeiten einer konstruktiven Bearbeitung der neuen Kulturkämpfe zu bewerten, suchen wir für die Tagung theoretische Beiträge und Fallstudien, die sich mit folgenden Themenbereichen beschäftigen:

- den komplexen Dimensionen und Konfliktlinien aktueller Kulturkämpfe, insbesondere in demokratischen Gesellschaften, um über zu simple Dichotomien wie liberal/antiliberal oder autoritär/demokratisch hinauszugelangen;
- den Gegenstandsfeldern und gesellschaftlichen Bereichen der Kulturkämpfe, gerade auch hinsichtlich ihres symbolischen Werts (z.B. Geschlechterpolitik, Migration, Kunst);
- der Analyse identitätspolitischer Kultursemantiken, ist die diskursive Kulturalisierung von Gemeinschaften oder bestimmter sozialer Praktiken doch immer ein dialektischer Prozess aus Selbst- und Fremdzuschreibungen. Entsprechend bedarf es der Untersuchung, wie „Kultur“ in gesellschaftlichen Debatten von verschiedenen, auch internationalen Seiten propagiert und instrumentalisiert wird;
- daran anschließend, den Mitteln zur Austragung des Kulturkampfes. Der „metapolitische“ Kampf um die kulturelle Hegemonie der „Neuen Rechten“ wäre hier ebenso ein Beispiel wie die von unterschiedlichen ideologischen Lagern entfachten „online culture wars“.
- der Differenzierung verschiedener sozialwissenschaftlicher Kultur- und Konfliktverständnisse, um kulturelle Dynamiken, Reproduktions- und Verständigungsprozesse in den Blick zu bekommen und eben nicht beim Bild stabiler und homogener Kulturkreise zu landen. Hybridität, innerkulturelle Deutungskämpfe, Übersetzungsverhältnisse (Joachim Renn) und Analysen symbolischer Grenzziehung wären hier genauso zu berücksichtigen wie theoretische (und nicht nur politische) Schließungsversuche von „Kultur“;
- den möglichen Versuchen zur Lösung oder Einhegung dieser Kämpfe (durch Recht, Politik, Diskurs, Kunst und Kulturpraxis, Ökonomie etc.).

Eine zügige Publikation der Beiträge wird angestrebt. Vorschläge für Vorträge sind bitte bis zum 20. November 2018 an das Organisationsteam der Tagung zu richten:
PD Dr. Jörn Knobloch (jokknob@uni-potsdam.de)
PD Dr. Jan Christoph Suntrup (jan.suntrup@uni-bonn.de)
Dr. Odila Triebel (Triebel@ifa.de)

Zitation
Die neuen Kulturkämpfe, 07.11.2018 – 20.11.2018 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 08.11.2018, <www.hsozkult.de/event/id/termine-38707>.