Ländliche Marktproduktion und Infrastruktur in Spätmittelalter und Früher Neuzeit

Ort
Göttingen
Veranstaltungsort
Georg-August-Universität, Göttingen
Veranstalter
Arbeitskreis für spätmittelalterliche Wirtschaftsgeschichte; Dr. Niels Petersen, Institut für Historische Landesforschung der Universität Göttingen
Datum
26.06.2019 - 28.06.2019
Bewerbungsschluss
01.02.2019
Von
Dr. Niels Petersen

Jahrestagung des Arbeitskreises für Spätmittelalterliche Wirtschaftsgeschichte

Die ländliche Produktion machte bis weit in das 19. Jahrhundert den größten Wirtschaftssektor aus. Sie erlebte ab dem 15. Jahrhundert in vielen Bereichen eine zunehmende Kommerzialisierung. Diese Entwicklung verlief weder geradlinig hin zu wachsender Marktorientierung, noch ist dieses Phänomen flächendeckend in gleicher Intensität anzutreffen. Die Intensivierung agrarischer Produktion insgesamt ermöglichte den Verkauf von Teilen des Ertrags, bei Gerste zum Teil bis zu zwei Dritteln der Ernte. Überdies erleichterte die bessere Bewirtschaftung den Anbau spezieller Gewächse wie Flachs oder Waid, Wein, Hopfen oder Obst, daneben spezialisierte sich auch die Tierhaltung in Zucht, Fleisch- oder Milchproduktion. Hieraus entwickelten sich spezialisierte, regional begrenzte Wirtschafts- und Produktionslandschaften, die spätestens zu Beginn des 17. Jahrhunderts voll ausgebildet waren, jedoch meist schon viel früher in Erscheinung traten. Die Regionen standen zudem oft in enger funktionaler Beziehung zueinander, so war die Viehhaltung auf Futterproduktion angewiesen, der Ackerbau auf tierischen Dünger. Ebenso war das bevölkerungsreiche Bergbaurevier in Tirol abhängig von Getreideimporten. Je nach Konjunkturen hatten solche regionalen Spezialisierungen über einige Generationen oder einige Jahrhunderte Bestand, bis letztlich alle Regionen früher oder später einer wirtschaftlichen Neuorientierung und damit einem Strukturwandel unterlagen.

Zu den Faktoren, die solche Landschaften hervorbrachten und letztlich auch prägten gehörten die kulturlandschaftlichen Grundlagen und das Klima, aber in besonderem Maße die Gravitation der städtischen Märkte und die Nachfrage des Fernhandels. Ein für diese Entwicklung neuralgisches Element ist die Ausbildung entsprechender Infrastrukturen, um Transaktionskosten niedrig zu halten oder den Absatz der Produkte überhaupt erst zu ermöglichen. Hierzu gehören physische Strukturen wie die Transportwege und die dazugehörigen Objekte und Lagerkapazitäten wie Scheuer und Speicher. Ferner jedoch auch Institutionen wie Normen und Organisationsformen der Produktion. So war beispielsweise der Absatz von Garten- und Milchprodukten im 16. Jahrhundert in Augsburg öffentlich reglementiert.

Die Theorie der zentralen Orte (Walter Christaller 1933) ist ein oft herangezogener theoretischer Ansatz, um die Entwicklungen und das Marktwirken zu erklären. Die Zentralität schaut gleichsam aus der Stadt heraus und sieht das Land als ein auf das Zentrum ausgerichtetes Hinterland. Ein polyzentrisches, vielschichtiges Modell stellte Rolf Kießling mit “Die Stadt und ihr Land” anhand von Ostschwaben dagegen. Die räumliche Verteilung landwirtschaftlicher Bewirtschaftung wird außerdem nach wie vor mit dem Modell Johann Heinrichs von Thünen aus seinem Werk “Der isolirte Staat” von 1826 nachvollzogen, das besonders auf Transportwegen und den damit verbundenen Kosten basiert. Die Reichweite der Märkte und damit der Abnehmerzentren war bis zu einem gewissen Grad abhängig von der Verfügbarkeit der Transportwege, in der Regel waren dies die Flüsse wie der Rhein, die Elbe und die Donau mit ihren Zuflüssen. Die preußischen Städte nutzten die Möglichkeit der Getreideausfuhr über die Seehäfen wie Danzig. Ochsen wurden zu den Märkten jedoch über weite Distanzen über Land getrieben.
Das Tagungsthema berührt verschiedene Forschungsfelder, darunter die Agrargeschichte und die Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Die Landesgeschichte hat zudem seit langem die jeweiligen Regionen in vielerlei Hinsicht bearbeitet.
Letztlich soll die Tagung zwei übergreifende Fragen diskutieren: Welche Infrastruktur begleitete die Ausbildung und Perpetuierung von Landschaften spezialisierter agrarischer Produktion? Was bedeutete diese Infrastruktur für die ländliche Marktproduktion?

Wissenschaftler/innen, die zum Thema eine Fallstudie oder generelle Betrachtungen beitragen möchten, sind herzlich willkommen, ihren Vortragsvorschlag mit einem kurzen Exposé (max. 1 Seite) bis zum 01.02.2019 per E-Mail an folgende Adresse richten:
Dr. Niels Petersen, Institut für Historische Landesforschung, Universität Göttingen, niels.petersen@phil.uni-goettingen.de
Tagungssprachen sind deutsch und englisch. Die Rückmeldung der Organisatoren wird Mitte Februar erfolgen.

Im unmittelbaren Anschluss an die Tagung findet am Freitag, 28. und Sonnabend, 29.6.19 ebenfalls in Göttingen die Jahrestagung der Gesellschaft für Agrargeschichte (http://www.agrargeschichte.de) statt. Das Thema der Tagung lautet „Doing Unequality – Praktiken der Ungleichheit in der ländlichen Gesellschaft des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit“. Ein Besuch beider Tagungen ist sehr willkommen und wird gern organisatorisch unterstützt.

Kontakt

Niels Petersen

Institut für Historische Landesforschung
Heinrich-Düker-Weg 14, 37073 Göttingen
0551-39-24348

niels.petersen@phil.uni-goettingen.de

Zitation
Ländliche Marktproduktion und Infrastruktur in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, 26.06.2019 – 28.06.2019 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 13.11.2018, <www.hsozkult.de/event/id/termine-38751>.