Don’t Worry, Be happy! Affekt und Emotionen im Kontext neoliberaler Subjektivierungsprozesse

Ort
Köln
Veranstaltungsort
Universität zu Köln
Veranstalter
Hans-Böckler-Stiftung
Datum
15.04.2019 - 17.04.2019
Bewerbungsschluss
14.01.2019
Von
Hans-Böckler-Stiftung

Die Beschäftigung mit Gefühlen, Emotionen und Affekten erfährt seit den 2000er Jahren eine erhöhte Aufmerksamkeit sowohl im akademischen Feld als auch in der breiten Öffentlichkeit. Vielfach werden sie zur Beschreibung aktueller soziopolitischer Verhältnisse herangezogen (u. a. Massumi 2010, Bude 2014, Rancière 2016) oder im Zusammenhang mit Populärkultur, Werbung und Konsum thematisiert (Illouz 2018). Dabei geraten auch Subjektivierungspraktiken in den Fokus, die beispielsweise auf das Management der eigenen Gefühle abzielen (Hochschild 2012 [1983]) und es mit Selbstentfaltung sowie unternehmerischem Handeln verschränken (Bröckling 2007).

Wie ist das Wuchern dieser Diskurse um Gefühle, Emotionen und Affekte zu erklären? Ist das Sprechen darüber wirklich neu oder hat es sich lediglich verändert? Schließlich demonstrieren bereits Arbeiten von Max Weber oder Norbert Elias die gesellschaftskonstituierende Funktion von Emotionen und ihrer Regulation, während sich seit Aristoteles zahlreiche Philosoph*innen mit Affekten und Leidenschaften beschäftigen, um Fragen der Ethik, Rhetorik oder des Theaters zu verhandeln (vgl. Landweer 2009). Jüngere Forschungen rücken hingegen zum Beispiel affektive Arbeit (Penz/Sauer 2016), Geschlechterverhältnisse (Bargetz/Sauer 2010) oder den Umgang mit Diversität (Ahmed 2014) ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Bezeichnend für das heutige Sprechen über Emotionen und Affekte ist das Ausmaß ihrer Kapitalisierung (Illouz 2007; Han 2014), wodurch das Innenleben von Subjekten kommodifiziert und zum Gegenstand kontinuierlicher Einwirkungen wird. Hinzu kommt die Möglichkeit der Nutzbarmachung, Übertragung und Assoziation von Gefühlen durch neue Technologien, die sich nicht zuletzt auch den Forschungserkenntnissen neurophysiologischer Untersuchungen (von Scheve 2009) verdankt.

Die Tagung knüpft an diese reichhaltige Geschichte der Emotions- und Affektforschung an. Zugleich will sie über ontologische Fixierungsversuche hinausgehen, wie sie viele Fachdebatten prägen, und stellt dagegen die sozialen Funktionsweisen von Gefühlen in den Vordergrund: Wie leiten Emotionen und Affekte das Handeln spät- oder postmoderner Subjekte an und wie weisen sie Identität(en) und Positionen in sozialen Räumen zu? In Anbetracht dessen, dass die von Subjekten erlebten Gefühle kulturell und historisch variabel sind: Welche Schlüsse lassen sich auf soziale Normen und deren Internalisierung ziehen (Frevert 2014)? Auf welche Weise wird Emotionsarbeit vor allem von als different markierten Individuen eingefordert (Ahmed 2014) und wie werden über Gefühlsnormen auch soziale Kämpfe um Ressourcen zwischen konkurrierenden Gruppen ausgetragen (Hochschild 2016)? Hierfür sollen die diversen Mechanismen, Varianten und Diskurse affekt- und emotionsbezogener Subjektkonstitution, wie sie im gegenwärtigen ‚neoliberalen Zeitalter‘ (Foucault, u. a.) zu finden sind, leitend sein: Wie verbinden sich bspw. Formen der Kultivierung und/oder Einhegung von Gefühlen und Stimmungen mit ideellen Leitbildern, wie dem eines unternehmerischen Selbst (Bröckling 2007)? Und welche Konsequenzen hat der daraus resultierende Umgang mit Emotionen im Sinne eines emotionalen (Illouz 2007) oder affektiven (Penz/Sauer 2016) Kapitals in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen? In welche Diskurse (der Bildung, Medien, u. a.) sind solche Mechanismen der Subjektkonstitution eingebunden? Und schließlich: Wie lassen sich Affekte, Gefühle und Emotionen in Verbindung mit Praktiken des Widerstands oder der Kritik gegen eine Neoliberalisierung denken?

Mögliche Themen

Wir wollen im Rahmen dieser Tagung vor allem nach den sozialen Funktionsweisen fragen, welche Emotionen und Affekte in neoliberalen Zeiten erfüllen. Hieraus ergeben sich folgende, zentrale Felder, die theoriegeleitet wie auch anhand exemplarischer Fallstudien einzelner Gefühle zum Thema werden können:
- Gefühlte Macht: Welche Akteure, Institutionen und Praktiken produzieren welche emotionalen/ affektiven Effekte? Wie verbinden sich Emotionen und Affekte mit Weisen des Regierens (z.B. über die Kultivierung von Emotionalität oder Rationalität) und wie mit politischen Umbrüchen (z.B. im Aufstieg von Populismen)?
- Arbeit an und mit Affekten: Wie funktionieren Techniken der Gefühls- und Affektregulation (z. B. im Kontext von Arbeit)? Welchen Einfluss hat die Gestaltung von Umgebungen auf das (Un)Wohlbefinden von Subjekten? Welche neuen Berufsfelder bringt das Management von Gefühlen hervor?
- Medialität von Emotionen: Wie werden Emotionen soziokulturell und medial benannt und vermittelt? Welche Rolle spielen dabei die unterschiedlichen Medien (z.B. Videospiele, Bücher, soziale Netzwerke, Smartphones) und deren technologische Fortentwicklung?
- Normativität und Fühlen: Welche emotionalen Stile (Illouz 2007) werden im emotionalen Kapitalismus als wertvoll, richtig und gut bewertet; welche gelten als legitime oder gar vernünftige Weisen des Fühlens in unterschiedlichen sozialen und klassenspezifischen Kontexten?
- Kritik mit Gefühl: Welche Formen des Widerstands gegen herrschaftliche Narrative des Fühlens sind denkbar? Wie verbinden sich Kritik und Emotionen miteinander? Gibt es gar Räume des abweichenden Fühlens, Heterotopien im Foucaultschen Sinne?

Informationen zur Teilnahme

Die Wissenschaftliche Tagung der Promovierenden 2019 dient in erster Linie als Plattform für Promovierende aller Begabtenförderwerke und Nachwuchswissenschaftlerinnen aus den Bereichen der Geistes-, Kultur-, Rechts- und Sozialwissenschaften, um mit Expertinnen zu den o. g. Phänomenen (auch in einem interkulturellen bzw. internationalen Rahmen) zu diskutieren.
Wir laden die angesprochenen Personengruppen aus dem In- und Ausland herzlich dazu ein, sich mit einem Beitrag zu beteiligen. Wir bitten um Zusendung eines Abstracts (maximal 500 Wörter) und eines kurzen wissenschaftlichen Lebenslaufes bis zum 14.01.2019 an WT2019@boeckler.de.

Der Abstract sollte folgende Aspekte umfassen:
-Titel des Beitrages und wissenschaftliche Bezugsdisziplin(en)
-Erkenntnisinteresse und Fragestellung
-Gesellschaftspolitische Relevanz
-Kontaktdaten
-Kurzer Lebenslauf

Eine Rückantwort bezüglich der eingegangenen Abstracts erfolgt bis zum 10.02.2019. Eine wissenschaftliche Publikation ausgewählter Tagungsbeiträge wird angestrebt. Ein Vortrag / Abstract ist nicht Voraussetzung für eine Teilnahme an der Tagung. Erwünscht ist allerdings ein Motivationsschreiben, aus dem Teilnahmeinteresse und Fachexpertise hervorgehen. Die Hans-Böckler-Stiftung übernimmt die Reise-, Verpflegungs- und Übernachtungskosten. Eine Tagungsgebühr fällt nicht an.
Programm und Organisation

Die Wissenschaftliche Tagung wird organisiert von:
– Christofer Schmidt, Promotionsstipendiat der Hans-Böckler-Stiftung
– Frederik Metje, Promotionsstipendiat der Hans-Böckler-Stiftung
– Yvonne Wechuli, Promotionsstipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung
– Dr. Jens Becker, Leiter des Promotionsreferats der Hans-Böckler-Stiftung

Kontakt

Hans-Böckler-Stiftung
Abteilung Studienförderung
Referat VI: Promotionsförderung
Dr. Jens Becker
Hans-Böckler-Straße 39
40476 Düsseldorf
WT2019@boeckler.de

Literatur

Ahmed, Sara (2014). Not in the Mood. New Formations, 82, 13–28.
Bargetz, Brigitte u. Sauer, Birgit (2010). Politik, Emotion und die Transformation des Politischen. Eine feministisch-machtkritische Perspektive. Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft, 39(2), 141-155.
Bröckling, Ulrich (2007). Das unternehmerische Selbst. Frankfurt am Main.
Bude, Heinz (2014). Gesellschaft der Angst. Hamburg.
Frevert, Ute et al (Hrsg.) (2014). Learning how to feel. Children's literature and the history of emotional socialization, 1870-1970. Oxford, United Kingdom.
Han, Byung-Chul (2014). Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken. Frankfurt am Main.
Hochschild, Arlie Russell (2016). Strangers in Their Own Land. Anger and Mourning on the American Right. La Vergne.
Hochschild, Arlie Russell (2012). The Managed Heart. Commercialization of Human Feeling. Berkeley.
Illouz, Eva (2018). Wa(h)re Gefühle. Authentizität im Konsumkapitalismus. Frankfurt am Main.
Illouz, Eva (2006). Gefühle in Zeiten des Kapitalismus. Adorno-Vorlesungen 2004, Institut für Sozialforschung an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, Frankfurt am Main. Frankfurt am Main.
Landweer, Hilge (Hrsg.) (2009). Gefühle - Struktur und Funktion. Berlin.
Massumi, Brian (2010). Ontomacht. Berlin.
Penz, Otto u. Sauer, Birgit (2016). Affektives Kapital. Die Ökonomisierung der Gefühle im Arbeitsleben. Frankfurt am Main.
Rancière, Jacques (2011). Der Hass der Demokratie. Berlin.
Von Scheve, Christian (2009). Emotionen und soziale Strukturen. Die affektiven Grundlagen sozialer Ordnung. Frankfurt am Main.

Kontakt

Hans-Böckler-Stiftung
Abteilung Studienförderung
Referat VI: Promotionsförderung
Dr. Jens Becker
Hans-Böckler-Straße 39
40476 Düsseldorf
WT2019@boeckler.de

Zitation
Don’t Worry, Be happy! Affekt und Emotionen im Kontext neoliberaler Subjektivierungsprozesse, 15.04.2019 – 17.04.2019 Köln, in: H-Soz-Kult, 30.11.2018, <www.hsozkult.de/event/id/termine-38880>.
Redaktion
Veröffentlicht am
30.11.2018
Klassifikation
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Veranstaltung