Sozialwissenschaften – mit oder ohne ‚Gesellschaft‘?

Ort
München
Veranstaltungsort
LMU
Veranstalter
Sektionen Kultursoziologie und Soziologische Theorie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (Heike Delitz, Julian Müller, Hilmar Schäfer)
Datum
24.05.2019 - 25.05.2019
Bewerbungsschluss
15.01.2019
Von
PD Dr. Heike Delitz, Bremen/Bamberg

‚Gesellschaft‘ ist einer der zentralen Grundbegriffe der Sozialwissenschaften – nicht etwa, weil er ausnahmslos und kritiklos Verwendung findet, sondern gerade, weil er umstritten ist. Die Veranstaltung zielt darauf, im interdisziplinären sozialwissenschaftlichen Dialog ebenso die Potentiale wie die gegenwärtige Kritiken und Alternativen des Gesellschaftsbegriffes auszuloten. Sie will also gleichermaßen das Eintreten für einen Gesellschaftsbegriff wie auch Begründungen zur Notwendigkeit seiner Auflösung und damit möglicherweise einhergehende Probleme diskutieren. Dabei lädt sie ausdrücklich nicht nur Beiträge aus der Soziologie, sondern auch aus der Anthropologie, Ethnologie, Archäologie und Politikwissenschaft sowie aus den Geschichts-, Kultur- und Medienwissenschaften ein.

Verabschiedungen des Gesellschaftsbegriffes in der soziologischen Theorie

Auf der Seite der Soziologie und soziologischen Theorie (hierzulande wie auch international) scheint derzeit Vieles in die Richtung einer Auflösung des Gesellschaftsbegriffes zu weisen. Diese Auflösung erfolgt aus mehreren Richtungen, von denen hier nur drei erwähnt sein sollen:
1. Seit ihren Anfängen hat gerade die deutschsprachige Soziologie Ansätze zu Soziologien ohne Gesellschaft entfaltet. Dabei wird jeder Soziologie, die mit dem Gesellschaftsbegriff startet und vom gesellschaftlich konstituierten Subjekt ausgeht, Essentialisierung, Ontologie oder Metaphysik unterstellt. Das finden wir klassischer Weise etwa in Georg Simmels Ersetzung des Begriffs ‚Gesellschaft‘ durch ‚Vergesellschaftung‘, in Max Webers handlungstheoretischer Kritik am ‚Spuk mit den Kollektivbegriffen‘ oder auch in Gabriel Tardes Abwehr Émile Durkheims. In dieser Linie stehen auch all jene Soziologien der Gegenwart, die eine ‚wirkliche‘ (allein erklärende) Soziologie im methodischen Individualismus verorten, die also der Auffassung sind, Soziologie sei eine Handlungswis-senschaft und eben keine Gesellschaftswissenschaft. Eine ähnliche, indes weniger absolute Kritik am Gesellschaftsbegriff findet sich in praxistheoretischen Ansätzen, wenn diese ‚Gesellschaft‘ fortan durch ‚Praktiken‘ ersetzen (Bourdieu). Ansätze einer relationalen Soziologie wiederum verstehen sich ebenso dezidiert als nicht-gesellschaftliche Projekte, etwa in der französischen Soziologie seit den 1980ern als „nouvelles sociologies relationnalistes“ (Corcuff 2015). In diesem Sinn sprechen Moebius und Peter (2004) von einer systematischen Abkehr vom Gesellschaftsbegriff gerade in der französischen Soziologie.
2. Eine zweite Kritik bezieht sich auf den Vorwurf eines „methodischen Nationalismus“. Ulrich Beck und Edgar Grande haben behauptet, dass jede Rede von Gesellschaft von einer nationalen Gesellschaft – einem territorial gebundenen ‚Container‘ – ausgehe und dabei innergesellschaftliche Kollektive ebenso unberücksichtigt lasse wie zwischengesellschaftliche Verflechtungen. Daher sei Gesellschaftstheorie und ihr doch stets impliziter „methodischer Nationalismus“ durch einen „methodischen Kosmopolitismus“ (Beck/Grande 2010) zu ersetzen. Ähnlich argumentiert auch John Urry (2000) mit Blick auf migrantische, finanzielle und sonstige „Ströme“: Er sieht ein „postgesellschaftliches“ Zeitalter vor sich, in dem die Soziologie sich vom Gesellschaftsbegriff lösen müsse.
3. Eine dritte Kritik richtet sich (etwa bei Latour, im Neopragmatismus bei Boltanski und Thévenot oder in der Anthropologie) gegen die Trennungen, die mit dem Gesellschaftsbegriff klassischer Weise einhergehen: zwischen Gesellschaft / Natur sowie Gesellschaft / Technik. An die Stelle solcher ‚anthropozentrischen‘ Gesellschaftsbegriffe treten Netzwerke aus Artefakten und Menschen (und anderen Entitäten) oder Kollektive aus Menschen und Nichtmenschen.

Gesellschaftsbegriffe und Kritiken in weiteren gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen

Unter den sozialwissenschaftlichen Disziplinen ist tatsächlich nicht allein die Soziologie mit Fragen der Konstitution und Transformation von Gesellschaft befasst. Anthropologie und Ethnologie, Archäologie, Geschichts-, Kultur-, Medien- und Politikwissenschaft haben ihre je eigenen Begriffe von Gesellschaft, wenn sie kollektive Existenzweisen, Identitätsvorstellungen, Institutionen usw. beobachten. Dabei haben sie oft soziologische Theorien, Begriffe und Fragen übernommen, transformiert oder kritisiert. Abgrenzungspunkte bilden dabei etwa der Evolutionismus der Soziologie, die notorische Rede von ‚vormodernen‘ Gesellschaften, die Geringschätzung der Geschichtswissenschaften ebenso wie die Unkenntnis extramoderner Gesellschaften und deren Abwertung wie Pauschalisierung im alleinigen Interesse für moderne Gesellschaftsformen (resp. Interessen, Subjekte, politische oder ökonomische Institutionen). Kritisiert wird damit nicht zuletzt der soziologische Begriff ‚Gesellschaft‘, vielmehr ist diese Kritik sehr facettenreich und kann hier nur angerissen werden: Eine Argumentationslinie bezieht sich darauf, dass der Gesellschaftsbegriff klassischer Weise nur humane Akteure beinhaltet. Hier schlagen die Neuen sozialen Ontologien innerhalb der Anthropologie andere Begriffe vor (Descola, Viveiros de Castro); in vergleichbarer Weise gibt es auch innerhalb der Archäologie Begriffe, die ‚Gesellschaft‘ ersetzen sollen (z.B. ‚entanglements‘ von Menschen und Artefakten bei Ian Hodder). Eine entgegengesetzte Kritik betrifft die Gleichsetzung von Kultur und Gesellschaft in der Kultursoziologie, und zwar insofern, als in einem solchen kultursoziologischen Gesellschaftsbegriff vermehrt Machtverhältnisse und Ungleichheiten aus dem Blick zu geraten scheinen (Lentz 2009). In dieser Kritik wird also gerade auf dem Gesellschaftsbegriff, aber auf einem dezidiert politischen Gesellschaftsbegriff beharrt.

Neue Gesellschaftsbegriffe in der politischen Theorie

Diesen alten und neuen Verabschiedungen stehen nun neue Ausformulierungen des Gesellschaftsbegriffs gegenüber. Sie entstammen namentlich der politischen Theorie, näm-lich den „postfundamentalistischen“ Gesellschaftstheorien, in denen Gesellschaft als ebenso „unmögliches“ wie „notwendiges“ „Objekt“ erscheint – als kontrafaktische und gleichwohl konstitutive Imagination einer Einheit (Marchart 2013). Andere Gesellschafts-begriffe, die in ähnlicher Weise funktionieren und ihrerseits nicht essentialistisch sind, lassen sich in der Theorie der Gesellschaft als imaginärer Institution (Castoriadis 1984) finden. In diesem Licht erscheint auch Durkheims Gesellschaftsbegriff als ein ganz anderer als der, den die Kritik üblicher Weise treffen will. Denn anstatt Gesellschaft zu reifizieren, hat bereits Durkheim von einer kollektiven Vorstellung gesprochen.

Pros & Contras

Ob sozialwissenschaftliche Ansätze den Gesellschaftsbegriff nun in ihr Zentrum rücken oder ganz ablehnen – als umstrittener theoretischer Bezugspunkt organisiert er die gegenwärtige Debatte. Die Tendenzen zur Auflösung des Gesellschaftsbegriffes in der sozi-ologischen Theorie, aber auch das weiterhin bestehende Interesse an ihm (auch) in anderen Disziplinen werfen viele Fragen auf: Was geht mit den Verabschiedungen einher, welche Fragen werden nicht mehr gestellt? Welche Vorteile haben die Alternativbegriffe, zu welchen Fragen führen sie? Welche Begriffe von ‚Gesellschaft‘ sind dabei eigentlich je gemeint, worauf bezieht sich also die Kritik und wie wird ‚Gesellschaft‘ zugleich – sei es unter anderen Begriffen, oder demselben – neu eingeführt? Kurz, was spricht (seitens der verschiedenen Disziplinen, differenten Theorien und Methodologien) für, und was gegen den Gesellschaftsbegriff? Dabei ist nicht zuletzt auch zu berücksichtigen, in welchem Bezug die verschiedenen Gesellschaftskonzepte zu politischen Kontexten stehen – um nur einige relevante Fragen zu nennen.

Der Workshop zielt auf eine Diskussion zwischen unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Theorien, zwischen Gesellschaftstheorie und empirischer Soziologie sowie auf einen interdisziplinären Austausch zwischen Soziologie, Ethnologie, Geschichts- und Kulturwissenschaft, Politischer Theorie, Archäologie und allen anderen Disziplinen, die mit, zum oder gegen den Gesellschaftsbegriff arbeiten.

Programm

Bitte senden Sie Ihre Beitragsvorschläge (ca. 1 Seite) bis zum 15.01.2019 an:
heike.delitz [at] uni-bamberg.de,
julian.mueller [at] soziologie.uni-muenchen.de
hschaefer [at] europa-uni.de.

Kontakt

Heike Delitz

Universität Bamberg

heike.delitz@uni-bamberg.de

Zitation
Sozialwissenschaften – mit oder ohne ‚Gesellschaft‘?, 24.05.2019 – 25.05.2019 München, in: H-Soz-Kult, 29.11.2018, <www.hsozkult.de/event/id/termine-38888>.