Konzepte für ein ‚anderes‘ Europa im 20. und 21. Jahrhundert/ Idées pour une « autre Europe » au XXe et au XXIe siècles

Ort
Lille
Veranstaltungsort
Maison européenne des sciences de l’homme et de la société
Veranstalter
Universität Lille
Datum
13.06.2019 - 14.06.2019
Bewerbungsschluss
12.03.2019
Von
Isabell Scheele

Die Europäische Union sei zu liberal, sagen viele ihrer Gegner, und daran ließe sich nichts ändern. Der euroskeptische bzw. -feindliche Diskurs, der zurzeit insbesondere im populistischen, sowohl im rechten als auch im linken Spektrum europaweit Aufwind bekommt, vermittelt den Eindruck, dass die europäischen Verträge an sich der Ausdruck einer wirtschaftlich und politisch liberalen Ausrichtung seien. Daraus folgern viele ihrer Gegner, dass die Länder und Bevölkerungen, die mit dieser vermeintlichen ideologischen Ausrichtung nicht einverstanden seien, keine andere Wahl hätten, als die EU zu verlassen.

Dabei ist der gegenwärtige Zustand der EU keine Selbstverständlichkeit, die europäische Einigung hätte anders verlaufen können. So zum Beispiel forderte Kurt Schumacher 1946 ein „sozialistisches Deutschland in einem sozialistischen Europa“ (1). In der Nachkriegszeit kämpfte die SPD zuerst gegen die Form, die der konservative Bundeskanzler Konrad Adenauer der europäischen Einigung gab. Seitdem haben manche der bekanntesten Intellektuellen in Deutschland und Frankreich (Habermas, Grass, Bourdieu, usw.) über grundlegende Reformen geschrieben, die für die EU unerlässlich seien.

Die geplante Tagung wird gegenwärtige und vergangene Konzepte für ein ‚anderes Europa‘ untersuchen; Vorschläge für eine europäische Gemeinschaft, die zum Beispiel demokratischer wäre oder eine andere politisch-ideologische Ausrichtung hätte: sozialistisch, eurokommunistisch, faschistisch, usw. Die Originalität der Tagung besteht also darin, dass sie nicht nur Gegnerschaft und Skepsis gegenüber der EU, sondern hauptsächlich Konzepte für eine alternative europäische Gemeinschaft behandeln wird.

Und das soll mit Hinblick auf die Langzeitperspektive geschehen. Europaskepsis, so erklärt Claudia Hiepel (2), habe es seit Anfang des europäischen Einigungswerkes gegeben. Die verschiedenen Akteure und Autoren der europäischen Einigung hatten von Anfang an verschiedene Ansichten darüber, wie dieser Prozess vor sich gehen und wie im Endeffekt die europäische Gemeinschaft aussehen und funktionieren sollte. Und sogar vor der europäischen Einigung gab es schon spezifische Europakonzepte, so zum Beispiel bei den Paneuropäern der Zwanziger Jahre. Der Österreicher Karl Anton Rohan etwa bewunderte den italienischen Faschismus, er „imaginierte Vereinigte Staaten von Europa, in denen die parlamentarische Demokratie, der Kapitalismus und der Bolschewismus durch eine ständestaatliche, führerorientierte Gesellschaftsordnung nach dem Vorbild des für ihn exemplarischen italienischen Faschismus ersetzt sein würden“ (3).

Wir laden Forscher in Geschichte, Politik- und Wirtschaftswissenschaften, Soziologie, Philosophie, Literaturwissenschaft und anderen Fachbereichen ein, ihre Untersuchungen zu diesem Thema vorzustellen, insbesondere zu folgenden Fragestellungen:

1) Die Vorläufer. Welche Ideen, Träume, Konzepte und Projekte einer (anderen) europäischen Einigung gab es vor der tatsächlichen Schaffung der europäischen Gemeinschaft?
- Inwieweit unterscheiden sich diese Vorläuferprojekte vom historischen Prozess der europäischen Einigung? Waren sie realistisch?
- Welchen Einfluss hatten verschiedene Vorbilder (die Panamerika-Union, usw.) und Gegen-Modelle für das europäische Einigungswerk?
- Welche Spannungen zwischen Idealismus und Pragmatik, zwischen Ideen und Realisierung können herausgestellt werden? Kann man von einer Enttäuschung über die Realität der europäischen Einigung sprechen?

2) Skepsis und Vorschläge für einen (radikalen) Wandel. Die Forderungen und Versuche, die EU und ihre Verträge zu ändern.
- Intellektuelle, Schriftsteller, Aktivisten, andere Autoren und Akteure. Ihre Betrachtungen und Abhandlungen über eine andere europäische Gemeinschaft.
- Medien: konkrete Vorschläge für einen europäischen Wandel in der Presse.
- Die öffentliche Meinung: Lassen sich hier konkrete Wünsche nach einem anderem Europa herauskristallisieren?
- Politische Parteien. Was fordern bzw. forderten diese im Hinblick auf die Möglichkeit eines europäischen Wandels?
- Transnationale Netzwerke (politisch, kulturell, usw.), die in ihrem Bereich bzw. mit ihren Mitteln versuch(t)en, ein anderes Europa entstehen zu lassen.
- Entwicklungen: Lassen sich bestimmte historische Momente und Perioden herausstellen, in denen der Wunsch nach einem europäischen Wandel stärker oder schwächer ist? (4)

Nota bene:
- Natürlich wünschen sich auch die überzeugtesten Europäer Reformen. Es soll hier aber nicht um Schönheitsfehler gehen, sondern um Forderungen nach tiefgreifenden Veränderungen.
- Auch Skepsis, sogar Ablehnung und Gegnerschaft schließen den Wunsch nach einem europäischen Wandel nicht zwangsweise aus. Es erscheint jedoch relevanter, sich auf Konzepte für ein anderes Europa zu konzentrieren, die konstruktiv und von ihren Autoren als solche kenntlich gemacht worden sind.
- Beiträge zu allen europäischen Staaten sind willkommen. Um das Thema etwas einzuschränken, soll es aber zuvorderst um den sogenannten ‚deutsch-französischen Motor‘ der EU, also um Deutschland und Frankreich gehen.

Bitte schicken Sie Ihren Vortragsvorschlag (Titel + Zusammenfassung, ca. 300 Wörter) bis zum 10. März 2019 an folgende Adresse: isabell.scheele@gmail.com
Wir bitten außerdem um präzise Angaben zu Ihren Sprachkompetenzen (Welche Sprachen verstehen Sie und in welcher Sprache könnten Sie Ihren Vortrag halten). Tagungssprachen sind Französisch, Deutsch und evtl. Englisch.
Folgende Kosten werden übernommen:
- Eine Hotel-Übernachtung in Lille (13.-14. Juni)
- Die Fahrtkosten: bis zu 80€ für eine Anfahrt aus Frankreich und bis zu 100 € für eine Anfahrt aus dem Ausland.

1) SCHUMACHER Kurt, Neue Zeitung, 1946: „Die deutsche Sozialdemokratie [...] will ein sozialistisches Deutschland in einem sozialistischen Europa.“ Zit. n.: LOTH Wilfried, „Von Heidelberg nach Godesberg: Europa-Konzepte der deutschen Sozialdemokratie zwischen Utopie und Politik“, in: CLEMENS Gabriele, KRÜGER Peter (Hrsg.), Nation und Europa: Studien zum internationalen Staatensystem im 19. und 20. Jahrhundert, Festschrift für Peter Krüger zum 65. Geburtstag, Stuttgart, Steiner, 2001, S. 203-219, hier S. 209.
2) HIEPEL Claudia, Rezension zu: Wassenberg, Birte; Clavert, Frédéric; Hamman, Philippe (Hrsg.): Contre l’Europe?. Anti-européisme, euroscepticisme et alter-européisme dans la construction européenne de 1945 à nos jours (Volume 1): les concepts. Stuttgart 2010 , in: H-Soz-Kult, 15.06.2012,
<www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17435>.
3) PAUL Ina Ulrike, «Die alte Generation hat Europa verwüstet und zerstückelt: die neue soll es einigen und schaffen!» – Die Mission der «jungen Generation» nach 1918 bei R. N. Coudenhove-Kalergi und Karl Anton Rohan, [i.E.]
4) Guido Thiemeyer erklärt z.B., dass die Gesellschaften Europas das Demokratiedefizit der europäischen Gemeinschaften bis zum Ende der 80er Jahre hingenommen haben; umgekehrt schwinde dieser Konsens über die Bedeutung der europäischen Gemeinschaft seitdem immer mehr. THIEMEYER Guido, «Das Demokratiedefizit der Europäischen Union. Geschichtswissenschaftliche Perspektiven», in : Themenportal Europäische Geschichte, 2008, URL: <http://www.europa.clio-online.de/2008/Article=292>.

Kontakt

Isabell Scheele

Université de Lille, Campus Pont-de-bois, 59650 Villeneuve d'Ascq

isabell.scheele@univ-lille.fr

Zitation
Konzepte für ein ‚anderes‘ Europa im 20. und 21. Jahrhundert/ Idées pour une « autre Europe » au XXe et au XXIe siècles, 13.06.2019 – 14.06.2019 Lille, in: H-Soz-Kult, 07.01.2019, <www.hsozkult.de/event/id/termine-39073>.