Briefkultur(en) in der deutschen Geschichtswissenschaft zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert

Ort
München
Veranstaltungsort
Historisches Kolleg, Kaulbachstr. 15, 80539 München
Veranstalter
Dr. Matthias Berg, Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Geschichtswissenschaften, Lehrstuhl für Neueste und Zeitgeschichte; Prof. Dr. Helmut Neuhaus, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften
Datum
21.02.2019 - 23.02.2019
Bewerbungsschluss
18.02.2019
Von
Berg, Matthias

Mit der Tagung „Briefkultur(en) in der deutschen Geschichtswissenschaft zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert“ soll eine materielle Grundlage der wissenschaftlichen Arbeit und Kommunikation in den Blick genommen werden, welche trotz – oder gerade wegen? – ihrer permanenten Präsenz in der historiographischen Praxis kaum gesonderte Aufmerksamkeit erfahren hat: der Brief. Wissenschaftliche Zielsetzung der Tagung ist es mithin, Briefe von, an und über Historiker(n) in historiographie- und wissenschaftsgeschichtlicher, aber auch in kulturhistorischer Hinsicht als Arbeitsinstrument und Kommunikationsmittel, als Ausdruck individueller Sinnwelten wie auch kultureller Prägungen und Normen, nicht zuletzt auch als Gegenstand von historiographiegeschichtlichen Editionen zu untersuchen.

In einem wesentlichen Teil des für die Tagung gewählten Untersuchungszeitraumes wurden Briefe in einem wissenschaftlichen Umfeld geschrieben, das diesen in der fachgeschichtlichen Selbstverortung einen hohen Rang einräumte, sie waren neben ihrem Mitteilungswert für den eigentlichen Adressaten immer auch gerichtet an eine imaginierte wissenschaftliche Gemeinschaft, deren Vorgänger in Briefeditionen zu würdigen waren und deren Nachfolger dereinst das eigene Briefwerk als Teil des wissenschaftlichen Oeuvres zur Kenntnis nehmen würden. Nicht zuletzt deshalb haben Veränderungen, Krisen oder Brüche – etwa 1914/18, 1933 oder 1945 – dieser tatsächlichen oder vermeintlichen Gemeinschaft ihren besonderen Niederschlag in den Briefen von Historikern gefunden, die auch über Epochengrenzen hinweg fachliche wie geschichts- oder politikkulturelle Entwicklungen aufzeigen. Zugleich ist nach den Grenzen und Fortentwicklungen dieses Verhältnisses zu fragen: Einte die berufspraktische Bedeutung des Briefes als Kommunikationsmittel tatsächlich die Fachvertreter einer Zeit, und wenn ja, in welcher Weise? Waren die ursprünglichen Funktionen des Briefes tatsächlich den Historikern der Reichseinigungszeit ebenso eigen wie jenen, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkten? Offerierten Briefe über diesen von disziplinären und zahllosen weiteren Brüchen geprägten Zeitraum einen vergleichbaren Informationszweck und -gehalt? Welche Veränderungen erfuhr die Kultur des Briefschreibens unter Historikern, nachdem alternative Kommunikationsformen etabliert waren?

Nicht zuletzt möchte die Tagung mit dem Brief eine jener materiellen Grundlagen der Geschichtswissenschaft in den Blick nehmen, in welcher sich die berufliche und private Person des Historikers in kaum vergleichbarer Weise begegnen, überschneiden, möglicherweise gar miteinander in Konflikt geraten. Erkenntnisleitend angewandt werden soll deshalb der Begriff der „Briefkultur(en)“, der für die Geschichte der Geschichtswissenschaften in Deutschland bislang – trotz der Fülle an Briefeditionen von Historikern – weder als empirisch tatsächlich gefüllt noch als methodisch hinreichend reflektiert anzusehen ist. Die Tagung nimmt als Ausgangshypothese an, dass die Nutzung und der Zweck von Briefen wie auch ihre sinngebende Wirkung in den untersuchten Zeiträumen jeweils sowohl eine zu identifizierende Briefkultur des Faches als auch zugleich verschiedene, möglicherweise widersprüchliche Briefkulturen geformt hat.

Programm

Donnerstag 21.2.2019

15.00-15.15 Uhr
Begrüßung und Einleitung durch die Tagungsveranstalter

15.15-16.35 Uhr
Sektion I – Grundlagen historiographischer Briefkultur(en)

Gangolf Hübinger (Frankfurt/O.)
Briefkultur(en) im bürgerlichen Zeitalter

Michael Maurer (Jena)
Selbstzeugnisse in kulturhistorischer Perspektive: Briefe, Tagebücher, Autobiographien

16.35-17.00 Uhr Kaffeepause

17.00-18.20 Uhr
Sektion II – Wissenschaftliche Briefkultur(en) im Vergleich

Hans-Harald Müller (Hamburg)
Interdisziplinär: Gelehrtenbriefe und ihre Editionen in der Germanistik seit dem 19. Jahrhundert

Genevieve Warland (Louvain)
Transnational: Korrespondenz mit dem Feind? Belgische Historiker und ihre Briefnetzwerke, ca. 1880-1950

19.30 Uhr
Abendvortrag mit Empfang

Stefan Rebenich (Bern)
Wissenschaftspolitik in Briefen: Althoff, Mommsen und Harnack

Freitag 22.2.2019

9.00-11.00 Uhr
Sektion III – Briefkultur(en) im Kaiserreich zwischen Funktion und Emotion

Matthias Berg (Berlin)
Eine Organisationsgeschichte in Briefen: Historikertage und Historikerverband um 1900

Benjamin Hasselhorn (Wittenberg)
Zorn, Spott, Verzweiflung - Die Briefe Johannes Hallers, emotionsgeschichtlich gelesen

Jonas Klein (Bonn)
Zwischen Wissenschaft und Politik: Hans Delbrücks Korrespondenz als Herausgeber der „Preußischen Jahrbücher“

11.00-11.30 Uhr Kaffeepause

11.30-12.50 Uhr
Sektion IV – Krisenreaktionen? Briefkultur(en) nach dem Ersten Weltkrieg

Hans-Christof Kraus (Passau)
Historikerbriefe in den „Deutschen Geschichtsquellen des 19. Jahrhunderts“

Philip Rosin (Potsdam/Bonn)
Vom Mittelpunkt des Faches in die Ausgrenzung: Hermann Onckens Korrespondenz zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus

13.00-14.30 Uhr Mittagspause

14.30-16.30 Uhr
Sektion V – Briefkultur(en) im Zeitalter der Extreme

Martin Koschny (Münster)
Kontinuität und Wandel eines Briefnetzwerkes: Albert Brackmann zwischen Mediävistik und Ostforschung

Birte Meinschien (Frankfurt/M.)
Briefe als Rettungsanker: Zur Korrespondenz deutschsprachiger Historikerinnen und Historiker in der britischen Emigration ab 1933

Thomas Meyer (Berlin)
Philosophen und ihre Briefe in gefährlicher Zeit, um 1930 und um 1950

16.30-17.00 Uhr Kaffeepause

17.00-18.20 Uhr
Sektion VI – Grenzen historiographischer Briefkultur(en)?

Nicolas Berg (Leipzig)
Deutsch-jüdische Historikerbriefwechsel nach 1945: Zum Erkenntnispotential einer antagonistischen Konstellation

Martin Sabrow (Potsdam/Berlin)
Briefkultur im historischen Herrschaftsdiskurs der DDR

Samstag 23.2.2019

9.00-10.20
Sektion VII – Bilanz: Briefkultur(en) zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert

Marion Kreis (Erlangen)
Karl Hegels editorische Praxis im Spiegel seiner Korrespondenz seit den 1850er Jahren

Christoph Cornelißen (Frankfurt/M.)
Briefautoren am Ende eines Zeitalters? Ausgewählte Explorationen in den Briefen westdeutscher Historiker seit den 1970er Jahren

10.20-10.50 Uhr Kaffeepause

10.50-12.10 Uhr
Sektion VIII – Aussichten: Briefeditionen im 21. Jahrhundert

Folker Reichert (Stuttgart)
Weshalb es sich lohnt, die Briefe eines Unbekannten zu edieren

Roman Göbel (Jena)
Edieren im digitalen Zeitalter – Die Ernst Haeckel Online Briefedition

12.10-13.00 Uhr Abschlussdiskussion

13.00 Uhr Ende der Tagung

Die Konferenz wird gefördert durch die Fritz Thyssen Stiftung. Tagungsort ist das Historische Kolleg (Kaulbachstr. 15, 80539 München). Die Teilnahme ist kostenfrei, bedarf jedoch einer Anmeldung bis zum 18.02.2019 (matthias.berg@geschichte.hu-berlin.de).

Kontakt

Matthias Berg

Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Geschichtswissenschaften
Lehrstuhl für Neueste und Zeitgeschichte

matthias.berg@geschichte.hu-berlin.de

Zitation
Briefkultur(en) in der deutschen Geschichtswissenschaft zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert, 21.02.2019 – 23.02.2019 München, in: H-Soz-Kult, 10.01.2019, <www.hsozkult.de/event/id/termine-39087>.