Die Schlacht am Weißen Berg 1620 als Weichenstellung für Zentraleuropa. Akteure – Ereignisse – Entscheidungen – Folgen

Ort
Wien
Veranstalter
Katrin Keller / Petr Maťa / Thomas Winkelbauer, Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Institut für Österreichische Geschichtsforschung, Universität Wien
Datum
09.11.2020 - 11.11.2020
Von
Petr Maťa

Der militärische Triumph der vereinigten Armeen Kaiser Ferdinands II. und der Katholischen Liga über das Heer der konföderierten protestantischen Stände in der Schlacht am Weißen Berg unweit Prag am 8. November 1620 und der darauffolgende Zusammenbruch der ständischen Revolte gegen die Habsburger gelten nicht zu Unrecht als eine bedeutende Zäsur in der Geschichte Zentraleuropas. In der internationalen Forschung wurde das Treffen am Weißen Berg etwa als folgenreichste Schlacht des Dreißigjährigen Krieges (Peter Wilson), als Ereignis von europäischer Dimension (Josef Polišenský) und als grundsätzliche kulturelle Zäsur in der frühmodernen Habsburgermonarchie (Robert Evans) gewertet.

Verstanden als nationale Demütigung, als Beginn einer Fremdherrschaft und „Tragödie ohne Maß und Grenze“ (Josef Pekař) war und bleibt die Schlacht am Weißen Berg zudem, nicht ohne schwarz-weiße Überzeichnung, ein Erinnerungsort par excellence der modernen tschechischen Nation. Von hier wird die herkömmliche Periodisierung der frühmodernen Epoche im tschechischen Geschichtsnarrativ abgeleitet, der Begriff ruft eine lange Kette von Assoziationen hervor: Repressionen, monumentale besitzmäßige Verschiebungen, Elitenaustausch, finanzielle Krisen, das Ende eines auf Konsensfindung und religiöse Toleranz ausgerichteten Herrschaftssystems, gewaltsame Gegenreformation und Gewissenszwang, Nemesis der ständisch-protestantischen Kultur und weitgehende Stabilisierung der Habsburgerherrschaft. Diese und andere Folgen der Konfrontation zwischen Landesherr und Ständen waren jedoch in der gesamten Habsburgermonarchie zu spüren. Die Schlacht am Weißen Berg verkündete einen tiefen strukturellen Bruch, der für einige sozialen Aufstieg und Reichtum brachte, andere in Elend, Exil und Emigration stürzte. Die Folgen – darunter die weitgehende (Re-)Katholisierung der böhmischen und österreichischen Länder – prägten die Habsburgermonarchie auf Dauer und hatten Auswirkungen weit über die habsburgischen Länder hinaus.

Der vierhundertjährige Gedenktag im Jahr 2020 bietet einen willkommenen Anlass, den Zäsurcharakter dieses Ereignisses ebenso wie weitere Forschungsfragen rund um diese politische, religiöse, soziale und kulturelle Wende neu zu durchdenken. Der Blick soll dabei weniger auf das Ereignis selbst als auf Entscheidungen, Vorgänge und Entwicklungen gelenkt werden, die auf die Schlacht bei Prag folgten. Die dramatische Art und Weise, in der das böhmisch-pfälzische Königtum zusammenbrach und Ferdinand II. und sein Beraterkreis neue Verhältnisse installierten, wurde zwar militärisch eingeleitet, doch war beides bei Weitem nicht unausweichlich. Beide Entwicklungen waren vielmehr Ergebnis von zahlreichen Teilentscheidungen, deren Entstehung und Umsetzung erklärungsbedürftig sind.

Um den „Ferdinandean moment“ der Geschichte der Habsburgermonarchie zu verstehen, muss nach Zielsetzungen, Plänen, Projekten, Vorstellungen und Erwartungen im katholischen Lager gefragt werden: Inwiefern waren sie homogen und konvergierend? Inwiefern war der auf die Schlacht am Weißen Berg folgende Umbruch Katalysator von Entwicklungen, deren Wurzeln viel älter waren? Inwiefern beschränkten ausländische Akteure – etwa die Verbündeten Ferdinands II. in Bayern, Sachsen und Polen – seinen Handlungsspielraum in den habsburgischen Territorien? Welche Strategien entwickelten die Verlierer und die durch ihre Beteiligung am Aufstand Kompromittierten, um den Schaden zu minimieren?

Ohne Gewalt, Unrecht und Verfolgung als Begleiter des Umsturzes kleinreden zu wollen, sollte dabei auch der Aspekt der Aushandlung von neuen Machtverhältnissen ernst genommen werden. Welche Interessenkonflikte mussten dazu überbrückt werden? Welche Interessenallianzen wurden geschlossen? Welche alternativen Entwicklungen zeichneten sich ab? Welche Alternativorschläge wurden artikuliert? Inwiefern ließ die Herrschafts- und Kommunikationspraxis in der Umbruchszeit eine neue politische Kultur entstehen? Welche Rolle fiel dabei den politischen Institutionen zu? Inwiefern wurden die Änderungen durch einzelne Akteure und ihre politischen, familiären und materiellen Interessen mitgestaltet?

Alle diese Fragen bedürfen einer räumlich differenzierenden Betrachtung. Das Habsburgerreich war eine composite monarchy – ein Verband von unterschiedlich strukturierten Ländergruppen. Vergleichbare Entwicklungen wurden in der Regel durch regional differierende rechtliche Traditionen modifiziert und verliefen oft auf unterschiedliche Art und Weise. Inwiefern bestimmten eigenständige Dynamiken sowie regionale Akteure und Netzwerke die konkreten Auswirkungen des Zusammenbruchs des Ständeaufstands auf die einzelnen Territorien? Inwiefern stärkte oder schwächte die Schaffung neuer Herrschaftsverhältnisse die Autorität der Herrschaftsträger im regionalen und lokalen Rahmen? Die Berücksichtigung verschiedener habsburgischer Herrschaftsräume soll dabei behilflich sein, die herkömmliche Fokussierung auf Böhmen aufzubrechen, nach regional spezifischen Auswirkungen des Umsturzes – unter Einbeziehung von weniger häufig berücksichten Regionen wie Mähren, Schlesien oder Innerösterreich – zu fragen und so neue Perspektiven auf das Thema zu eröffnen. Eine derartige Perspektivierung soll nicht zuletzt die Wirkmächtigkeit undifferenzierter Deutungsmodelle aufweichen und tradierte Klischees hinterfragen.

Der Fokus der Tagung soll schwerpunktmäßig auf dem Jahrzehnt von 1620 bis 1630 liegen, in dem folgenschwere Entscheidungen sowohl bezüglich der weiteren Gestalt der Habsburgermonarchie als auch bezüglich der habsburgischen Kriegsziele im Dreißigjährigen Krieg getroffen wurden. Berücksichtigung längerer Kontinuitäten und längerfristiger Folgen soll damit freilich ebenso wenig ausgeschlossen sein, wie die Frage, inwiefern die Erinnerung an den durch die Schlacht am Weißen Berg induzierten Umbruch in den späteren Jahrzehnten und Jahrhunderten von verschiedenen Akteuren, Interessengruppen und -gemeinschaften instrumentalisiert wurde. Erwünscht sind besonders Beiträge, die neue Perspektiven eröffnen, weniger bekannte Zusammenhänge aufhellen oder solche Aspekte thematisieren, die durch nationale und regionale Geschichtsbilder oder tradierte Erzählweisen („master narratives“) bis heute verdunkelt werden.

Rückmeldungen unter Einschluss eines Arbeitstitels auf Deutsch oder Englisch werden bis 10. Juni 2019 per E-Mail erbeten.

Reise- und Übernachtungskosten werden von den Veranstaltern übernommen.

Kontakt

Petr Maťa, Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung, ÖAW, Hollandstrasse 11-13, 1020 Wien, Österreich

petr.mata@oeaw.ac.at

Zitation
Die Schlacht am Weißen Berg 1620 als Weichenstellung für Zentraleuropa. Akteure – Ereignisse – Entscheidungen – Folgen, 09.11.2020 – 11.11.2020 Wien, in: H-Soz-Kult, 08.04.2019, <www.hsozkult.de/event/id/termine-39976>.