Vom Absacker bis zur Überdosis. Rausch-Praxis, ihre Akteure und Räume

Place
München
Venue
LMU München
Host/Organizer
Promotionsprogramm ProMoHist, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München
Date
16.08.2019 - 17.08.2019
Deadline
19.05.2019
By
Magnus Altschäfl

Rauschzustände und das Bedürfnis, sich in solche zu versetzen, sind fester Bestandteil vergangener als auch gegenwärtiger Kulturen und jeder gesellschaftlichen Gruppe. Erwartungen an und das Erleben von Rauschzuständen sind spezifisch und bedingen Vergemeinschaftung der Konsumierenden und Abgrenzung zu Außenstehenden. Solche In- und Exklusionsprozesse wirken sich auf Mikro- und Makroebene aus. Auf der Mikroebene erfüllte der kreisende Joint bei einem Hippie-Happening in Woodstock eine andere Funktion als ein einsam gesetzter Heroinschuss am Bahnhof Zoo. Auf der Makroebene ist Rausch stets Gegenstand politischer, gesellschaftlicher und religiöser Diskurse, Deutungskämpfe und daraus resultierender rechtlicher Regulierungen und Sanktionen.
Rausch ist auch an ökonomische Prozesse geknüpft, seien sie legal oder illegal und umfasst auch die Spannungsfelder age, race, class und gender. Daher gilt es, die Spezifika der jeweiligen "Rauschökonomie" zu beleuchten und ihren Konnex mit der daran gekoppelten Rauschpraxis zu analysieren. Illegale Rauschmittel bringen andere soziale Zusammenschlüsse, Organisationen und Praktiken hervor als legale. Das abendliche Glas Weinbrand in der "Wirtschaftswunder"-Bundesrepublik bedurfte einer expandierenden Spirituosenindustrie, wobei der Staat in Form von Steuern ebenfalls mitverdiente. Die leistungssteigernde Line Koks der Yuppies im Manhattan der 1980er Jahre hatte dagegen andere Strukturen von Ökonomie und Gewalt von New York bis Medellin. Diese Beispiele sind nicht zufällig gewählt. Die Tagung "Vom Absacker bis zur Überdosis. Rausch-Praxis, ihre Akteure und Räume" von ProMoHist, dem strukturierten Promotionsprogramm für Neuere und Neueste Geschichte an der LMU München, begreift Rausch im engeren Sinn substanzinduziert. Ziel der Veranstaltung ist, in diesem Sinne die Verschränkung von individuellem, gruppenbezogenem Konsumerlebnis und -verhalten sowie gesellschaftlichen Reaktionen auszuleuchten und zu diskutieren.

Das Thema Rausch erschließt sich neu, wenn man es aus der Perspektive der Praxeologie betrachtet, die soziale Praxis entschlüsselt, indem sie kollektive Praktiken identifiziert und historisch kontextualisiert. In diesem Sinn umfasst die Rausch-Praxis verschiedene, wechselseitig aufeinander bezogene Praktiken: So gibt es etwa verschiedene, je nach Rauschmittel variierende Praktiken der Beschaffung. Diese sind an bestimmte Milieus gekoppelt, deren Substanzkonsum wiederum stark divergiert. Ähnlich groß ist das Spektrum von Praktiken der Berauschung, des Rauscherlebens und der Inszenierung. Ecstasy-RaverInnen beispielsweise erleben ihren Rausch anders als Feierabend-TrinkerInnen und zeigen andere Verhaltensweisen. Hierbei gilt es, zwischen sozial bedingten und biologisch gebundenen Veränderungen zu unterscheiden.
Mit dem rauschbedingten gesundheitlichen Raubbau am Körper gehen Begleiterscheinungen einher. Die Person bleibt unter Umständen dem Arbeitsplatz fern oder versucht mit anderen Mitteln gegenzusteuern. Letztlich kann die Einweisung in eine Entzugsklinik folgen – oder gar der Tod.

Eng verbunden mit der sozialen Praxis ist die Topographie des Rausches. Räume – sowohl physisch als auch sozial oder imaginiert – prägen Praktiken: In einer Bar werden eher Cocktails getrunken, in einer Kneipe Bier und Schnaps. Preise und Positionierung des Etablissements im soziokulturellen Feld ziehen jeweils unterschiedliche Klientel an. Während Räumlichkeit auf Verhalten wirkt, sind es wiederum soziale Prozesse, die den Raum als soziales, sozial hergestelltes und sozial kodiertes Gefüge konstituieren und verändern.
KonsumentInnen können Räume besetzen und dadurch umdeuten. Dies gilt insbesondere für sog. Nicht-Orte (“non lieux”) – Bahnhöfe, Parkplätze etc. – im öffentlichen Raum, die als Ort des Rausches ihre Monofunktionalität verlieren und Kommunikationsraum werden. Eng mit Rausch verbunden sind auch sog. Heterotopien, deren Zugang an bestimmte Bedingungen geknüpft ist. Wer am Bahnhof Drogen konsumiert, hat bereits an sozialem Status verloren, während es guter Kontakte bedurfte, um Ort und Codewort eines Speakeasy zu erfahren.

Im Rahmen dieser konzeptionell-thematischen Überlegungen, die bewusst keinen engen zeitlichen Rahmen vorgeben, freuen wir uns über Bewerbungen zu den folgenden – aber auch anderen – Themenfeldern:

- Rausch und Gewalt
- Rausch und Alltag/Normalität
- Rausch und Reisen
- Rausch und Milieu
- Rausch und Beruf
- Rausch und Religion

Themenvorschläge für Vorträge (ca. 25 Minuten) können bis zum 19.05.2019, in Form eines Exposés von maximal 500 Wörtern an die OrganisatorInnen gerichtet werden (promohist@lrz.uni-muenchen.de). Für Vortragende besteht die Möglichkeit zur Übernahme von Reise- und Übernachtungskosten.
Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die OrganisatorInnen des strukturierten Promotionsprogramms ProMoHist (promohist@lrz.uni-muenchen.de). Die Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch.

Kontakt

Magnus Altschäfl
Historisches Seminar der LMU, LS Neueste und Zeitgeschichte, Schellingstraße 12, 80539 München

magnus.altschaefl@lmu.de

Citation
Vom Absacker bis zur Überdosis. Rausch-Praxis, ihre Akteure und Räume, 16.08.2019 – 17.08.2019 München, in: H-Soz-Kult, 09.04.2019, <www.hsozkult.de/event/id/termine-39988>.