Mediävistik intersektional. Forschungsansätze und -konzepte in interdisziplinärer Annäherung

Ort
Kiel
Veranstalter
Maline Kotetzki, M.A.; Rike Szill, M.Ed.
Datum
23.01.2020 - 24.01.2020
Bewerbungsschluss
15.07.2019
Von
Maline Kotetzki und Rike Szill

Die Tendenz, Unterscheidungen und Kategorisierungen vorzunehmen, gehört zu den anthropologischen Grundkonstanten (Bähr/Kühnel 2018, 9). Diese stellt, z.B. im Rahmen der #MeToo- oder Genderdebatte, nach wie vor ihre ungebrochene Aktualität und Relevanz unter Beweis. Dabei bleiben das jeweils als ‚eigen‘ Erachtete und das als ‚fremd‘ Bewertete stets relational aufeinander bezogene Größen: Denn erst „die Konfrontation mit Fremdem [stellt] eine Bedingung für das Herausbilden der eigenen Identität [dar].“ (Scior 2002, 11)
Untersuchungen zum Zusammenwirken verschiedener Konstruktionen sozialer Ungleichheit wie auch deren Wechselwirkungen miteinander haben bisher vorwiegend Eingang in die Sozialwissenschaften gefunden und sich dort unter dem Terminus der ‚Intersektionalitätsanalyse‘ als Forschungsparadigma etabliert: „Unter Intersektionalität wird dabei verstanden, dass soziale Kategorien wie gender, Ethnizität, Nation oder Klasse nicht isoliert voneinander konzeptualisiert werden können, sondern in ihren ‚Verwobenheiten‘ (intersections) analysiert werden müssen.“ (Walgenbach 2012)
Ausgehend davon wurde der Ansatz zwar auch in den historisch arbeitenden Fächern rezipiert, gleichwohl beschränkte sich der Fokus dort meist auf die (Frühe) Neuzeit (Bähr/Kühnel 2018). Demgegenüber ist die Adaption dieses Analyseinstruments erst in jüngerer Zeit Gegenstand von explizit mediävistisch ausgerichteten Fachtagungen und Workshops geworden. Während hier v.a. der germanistischen Mediävistik eine zentrale Vorreiterrolle beigemessen werden kann (zuletzt Schul/Böh/Mecklenburg 2017) und auch im Fachbereich der Mittelalterlichen Geschichte erste Qualifikationsarbeiten entstehen, die mit dem Intersektionalitätsansatz operieren, bilden interdisziplinäre Forschungsvorhaben noch die Ausnahme. Dabei weist schon Katharina Walgenbach daraufhin, dass gerade die „Offenheit bzw. Unbestimmtheit […] das Potential eines Paradigmas aus[macht].“ (Walgenbach 2012) Denn Intersektionalität als spezifisches Analyseinstrument bietet den historisch arbeitenden Wissenschaften die Möglichkeit, die geschichtliche Bedingtheit von Stereotypen, Identitäts- und Alteritätszuschreibungen sowie die Kontextgebundenheit von kategorialen Zuordnungen konzentrierter in den Blick zu nehmen und historische Phänomene von intersectional invisibility, also „den Sachverhalt, dass Mehrfachdiskriminierte oftmals nicht gesehen werden“ (Kraß 2014, 10), aufzudecken. Auf diese Weise rücken auch Personen, Figuren und Gruppen in den Fokus, die bei einer „single-axis analysis“ (Crenshaw 1989, 139) nicht ausreichend abgebildet werden. Trägt der Ansatz damit zu einem diverseren Bild von (historischen) Gesellschaft(en) und ihrer Repräsentation in literarischen Medien bei, kann im Dreiklang von Philologie, Kultur- und Geschichtswissenschaft so v.a. die Rolle symbolischer Repräsentationen (Degele/Winker 2007) von Ungleichheit untersucht werden. Dabei leistet die Mediävistik gerade durch die kulturelle Alterität des Mittelalters zur Moderne einen Beitrag zur dringend notwendigen Historisierung und Kontextualisierung (Kraß 2014) des Kategorienbegriffs: Indem die historisch arbeitenden Wissenschaften den historischen Wandel von Zuschreibungsystematiken offenlegen, zeigen sie den Konstruktionscharakter sozialer Ungleichheitsmarker auf.
Mit der geplanten Nachwuchstagung soll jungen Forscher_innen mit einem Schwerpunkt in der Mediävistik ein Forum geschaffen werden, in dem sie ihre Projekte, z.B. in Form von Werkstattberichten, sichtbar machen und zur Diskussion stellen können, um sich so untereinander zu vernetzen und den Intersektionalitätsansatz auch in den historisch arbeitenden Fächern weiter zu etablieren. Dazu ist die Tagung interdisziplinär ausgerichtet und strebt einen Dialog zwischen den mediävistischen Arbeitsbereichen wie der Anglistik, Archäologie, Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte, Mittellatinistik, Romanistik, Skandinavistik und Theologie an. Als externe Gäste konnten bereits Cordelia Heß (Greifswald), Andreas Kraß (Berlin), Susanne Schul (Kassel) und Kristin Skottki (Bayreuth) gewonnen werden.
Diesem Anliegen folgend begrüßen wir Bewerbungen zu einer Bandbreite an Themen- und Fragestellungen aus allen mediävistischen Disziplinen, jedoch mit einem klaren methodologisch-theoretischen Bezug zur Intersektionalitätsforschung. So können beispielsweise I) Identitäts- und Alteritätszuschreibungen exemplarisch analysiert und ausgewertet, II) mögliche Kategoriensets für unterschiedliche Teildisziplinen und Quellengattungen diskutiert oder III) Aspekte zum Potential und zur Anwendbarkeit des Ansatzes in der Mediävistik eruiert werden. Mögliche Fragestellungen wären dementsprechend:

I) Welche Umgangsformen mit Stereotypisierungs- und/oder Diskriminierungen lassen sich feststellen? (Wie) Werden diese hierarchisiert? Erwachsen aus dem Zusammenwirken dieser Kategorien Formen von Marginalisierung oder vielmehr von Privilegierung?

II) Wie gestaltet sich das Verhältnis von Gesellschaft und Literatur im Hinblick auf ihren Umgang mit und der Anwendbarkeit von Kategorisierungen wie der als klassisch bezeichneten Trias race/class/gender? Sind für eine Untersuchung des literarischen sowie des gesellschaftlichen Bereiches stets je unterschiedliche Kategoriensets anzusetzen?

III) Wo liegen Chancen und Möglichkeiten des Ansatzes für die mediävistische Forschung, wo ist mit Grenzen und Problemstellungen zu rechnen? Wie können etwaige Lösungsansätze gestaltet werden?

Die Tagung wird vom 23.–24. Januar 2020 in Kiel stattfinden und ist aus den Mitteln des Diversitätsfonds der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel gefördert. Die Kosten für die Unterkunft der Referent_innen werden vorbehaltlich der Einwerbung von Drittmitteln zur weiteren Finanzierung der Tagung von den Veranstalterinnen getragen. Eine Publikation der Beiträge ist angestrebt.
Erwünscht sind Beiträge von 30 Minuten aus allen mediävistischen Disziplinen. Insbesondere ist der wissenschaftliche Nachwuchs aufgerufen, sich mit Vortragsvorschlägen zu beteiligen. Bewerbungen sind mit Vortragstitel und einem Exposé (max. eine A4-Seite) sowie einigen knappen Angaben zum Lebenslauf bis zum 15. Juli 2019 elektronisch an die Veranstalterinnen zu richten.

Maline Kotetzki, M.A.
Germanistisches Seminar
kotetzki@germsem.uni-kiel.de

Rike Szill, M.Ed.
Historisches Seminar
szill@histosem.uni-kiel.de

Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Leibnizstraße 8
24118 Kiel

Kontakt

Rike Szill
Leibnizstraße 8
24118 Kiel

szill@histosem.uni-kiel.de

Zitation
Mediävistik intersektional. Forschungsansätze und -konzepte in interdisziplinärer Annäherung, 23.01.2020 – 24.01.2020 Kiel, in: H-Soz-Kult, 23.05.2019, <www.hsozkult.de/event/id/termine-40390>.