Selbstbehältnisse. Orte und Gegenstände der Aufbewahrung von Individualität

Ort
Berlin
Veranstalter
Laura Busse / Andreas Gehrlach / Waldemar Isak, Institut für Kulturwissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin
Datum
15.11.2019 - 16.11.2019
Bewerbungsschluss
07.07.2019
Von
Laura Busse

Die Definition des Menschen als werkzeugverwendendes Wesen ist ein wenig veraltet. Den Menschen als dasjenige Tier zu betrachten, das eher durch seine Mängel und seine Ergänzungsbedürftigkeit definiert ist, hat seine Stichhaltigkeit dadurch verloren, dass auch andere Tiere Werkzeuge verwenden, und dadurch, dass die Mängelwesen-Philosophien von Platon bis Gehlen dazu tendierten, den Menschen nicht nur ergänzen und unterstützen zu wollen, sondern auch zu regieren und zu verwalten. Damit haben diese Denkformen, die den Menschen als mangelhaft definierten, um ihn in Institutionen ein- und rigiden Disziplinierungen unterzuordnen, aber die tatsächlich vorliegenden und ganz materiellen Selbstergänzungen übersehen, die die Menschen in jeder Kultur entwickelt haben: Jedes Werkzeug, jedes Kleidungsstück, jede Bettdecke, Mütze, Zange und Büroklammer und jeder einzelne verfertigte Gegenstand macht den Menschen nicht nur vollständig, sondern lässt ihn überhaupt erst zum Menschen werden: Ohne die tausenden Dinge, die wir im Alltag nutzen, wäre menschliches Leben nicht möglich und auch nicht wissenschaftlich untersuchbar. Nimmt man die materielle Kultur also nicht nur als ein Provisorium wahr, mit dem sich die Menschen in einer ihnen unfreundlich gesonnenen Welt zurechtfinden können, sondern als das, was sie überhaupt zum Menschen macht, fallen auch andere Gegenstände auf: Dann sind die Betten, in denen der Mensch warm und geborgen schläft, die Zelte, in denen er sich einen Schutz baut, wenn er sonst zu exponiert wäre, und die Taschen, in denen er herumträgt, was er im Alltag braucht und auch sonst alle Umhüllungen und Arten, sich selbst in ein Behältnis einzufügen, die genuin menschlichsten Dinge: Behältnisse, Einhüllungen und Container sind etwas wie die Grundwerkzeuge des menschlichen Weltverhaltens. Sie sind als Behältnisse für andere Werkzeuge selbst eine Art Meta-Werkzeug und als seine Umhüllungen und Schutzräume sind sie die Werkzeuge mit der höchsten Körpernähe und Intimität.

- Portemonnaies, Schlüsselbunde, Hand- und Hosentaschen aber auch Smartphones und Jacken sind Dinge und gleichzeitig Räume, die wir mit uns herumtragen, die gewisse Ordnungen vorgeben und die doch hoch individualisierend sind. Wie lässt sich ihr jeweiliges Verhältnis zum benutzenden Körper und zum “Selbst” historisch und aktuell beschreiben?
- Die Kategorien des Eigenen und Intimen stehen auch in bewohnten Räumen auf dem Spiel. Welche Intimräume sind in Wohngemeinschaften jeder Art möglich und wie realisieren sie sich?
- Was ist mit quasi-öffentlichen oder nur temporär-privaten Räumen wie dem Auto, dem Airbnb-Zimmer oder dem Sitzplatz in der U-Bahn?
- In Macht- und Gewaltkontexten wurden diese “Reservate des Selbst” nicht selten umgewertet, entzogen oder gar missbraucht. Wie konnte aus körpernahen Schutzräumen ihr Gegenteil werden?

Ob nun als portabler Gegenstand, unhandliches Möbel oder körperlicher Schutzraum, diese Beispiele zeichnen sich alle dadurch aus, dass sie in dieses Nähe-, wenn nicht sogar Intimverhältnis mit dem Körper eintreten, ohne den diese Dinge ihre Präsenz und Bedeutungsmöglichkeit einbüßen. Betten, Taschen und Zelte sind nicht nur selbst Gegenstände, sie sind immer auch als Räume angelegt, die Dinge versammeln, die in seiner Reichweite bleiben sollen. Nicht selten organisieren und ordnen sie dabei, was wir als Persönlichstes verstehen, sie erlauben, “eine eigene Unordnung [zu] haben, in der das Subjekt sich zurechtfindet”. (Barthes, Wie zusammen leben, S.188) Und diese Dinge – so könnte man ergänzen – machen erst möglich, dass ein Subjekt entsteht, das sich selbst ermöglicht und behält.

Das Ziel des Workshops ist es, die Orte und Werkzeuge des Menschen zu konzeptualisieren, die ihm als ‘Selbstbehältnis’ dienen. Unter dem Begriff des Selbstbehältnisses wird dabei jeder Raum und jedes Werkzeug verstanden, durch oder mit dem eine Person Sicherheit, Geborgenheit oder eine Stabilisierung erleben kann. Betten, Taschen und jede Form der mobilen oder feststehenden Behausung können ebenso dazu dienen wie Computer, Autos und Smartphones oder auch Tagebücher und Schlafsäcke. Um diese Erfahrung des “sich selbst behaltens” und der dafür benutzten Gegenstände in einer möglichst großen Breite abzudecken, soll der Workshop Wissenschaftler/innen aus möglichst vielen Bereichen zusammenbringen und auch eine Perspektive aus der Design-Praxis eingebracht werden. Wir möchten ein Forum schaffen, in welchem aktuelle Trends eine gezielte interdisziplinäre Verschränkung (insbesondere Geistes- und Sozialwissenschaften) erfahren sollen und so gegenseitig zu möglichen Neubewertungen und/oder zu neuen Ansätzen anregen sollen. Wir streben dabei insbesondere an, den Austausch zwischen Nachwuchswissenschaftler/innen und profilierten Wissenschaftler/innen zu fördern.

Kontakt

Laura Busse <busselax@hu-berlin.de>

Zitation
Selbstbehältnisse. Orte und Gegenstände der Aufbewahrung von Individualität, 15.11.2019 – 16.11.2019 Berlin, in: H-Soz-Kult, 07.06.2019, <www.hsozkult.de/event/id/termine-40514>.