Historisierung. Formen, Praktiken, Relevanz

Ort
Berlin
Veranstaltungsort
Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung
Veranstalter
Patrick Eiden-Offe / Eva Geulen / Ernst Müller / Barbara Picht, Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Berlin
Datum
23.09.2019 - 26.09.2019
Bewerbungsschluss
30.06.2019
Von
Dominik Flügel

[ENGLISH VERSION BELOW]

Es gehört zum methodischen Kernbestand der Geistes- und Kulturwissenschaften, ihre Gegenstände zu historisieren, das heißt: sie in ihrem historischen Gewordensein zu betrachten und zu reflektieren. Seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist dieser historische Anspruch in mehrfacher Hinsicht methodisch fragwürdig geworden (Historisierung des Holocaust; Ende der ‚großen Erzählungen‘ etc.). Gleichzeitig tauchen neue Probleme auf, die die Geistes- und Kulturwissenschaften vor neue Herausforderungen stellen:

Erstens rücken aktuelle Fragen (etwa Klimawandel und Anthropozän) Bereiche ins Zentrum der Aufmerksamkeit, die lange als die ahistorische Außenseite von Geschichte überhaupt behandelt wurden. Wie historisiert man Leben und Natur, wenn Menschengeschichte jetzt auch Erdgeschichte und Erdgeschichte jetzt auch Menschengeschichte ist? Wie verhalten sich solche Historisierungskonzepte zu ehemals kategorischen Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaften, die in der Wissenschaftsforschung der letzten Jahre zunehmend infrage gestellt wurde?

Zweitens steht Historisierung angesichts der fortschreitenden Globalisierung vor neuen Herausforderungen. Welche Form von Historisierung ist beispielsweise zu wählen, wenn im Zeichen postkolonialer Globalität ehedem klar orientierende Konzepte wie ‚die Moderne‘ einer Pluralisierung unterzogen werden? Oder das Nationale kein selbstverständlicher Bezugspunkt mehr ist? Globalisierung betrifft auch den Umgang mit Big Data; die Geisteswissenschaften werden zu Digital Humanities, die sich zwischen close reading und distant reading neu verorten müssen.

Drittens befassen sich die ehemals historisch-philologischen Fächer im Zeichen einer ‚breiten Gegenwart‘ immer mehr mit ihrer eigenen Gegenwart. In der Literaturwissenschaft boomt die Beschäftigung mit Gegenwartsliteratur, in der Geschichtswissenschaft wird die Zeitgeschichte immer mehr zur politisch-kulturellen Gegenwartsdiagnose mit prognostischem Mehrwert. Wie lässt sich die Gegenwart als Gegenwart historisieren, ohne sie im Vorgriff immer schon als vergangen zu imaginieren? Gibt es möglicherweise Verbindungen zwischen der Historisierung und einer politisch instrumentalisierten Relativierung wissenschaftlicher Fakten?

Die drei Problemfelder sollen mit der praktisch-methodischen Frage verknüpft werden, wie das denn geht: Historisieren. Um die methodische Kompetenz der Teilnehmer_innen zu schulen, sollen in der Sommerakademie verschiedene Modelle von Historisierung vorgestellt und verschiedene historisierende Darstellungsweisen erprobt und reflektiert werden. Dabei ist ein disziplinärer Vergleich und Austausch vorgesehen. Wie sieht die Problemlage in der Literaturwissenschaft, der Kunstgeschichte, der Medienwissenschaft, der Musikwissenschaft, der Philosophie aus? Und liegt in der disziplinären Differenz der Modi von Historisierung vielleicht auch eine Chance der interdisziplinären Arbeit?

Öffentliche Abendvorträge:
Prof. Dr. Caroline Arni (Universität Basel) und Prof. Dr. Monika Dommann (Universität Zürich)

Teilnehmer/innen: 12–15 Promovierende und Postdocs

Arbeitssprache: Vorausgesetzt werden ein gutes Hörverständnis und eine sehr gute Lesefähigkeit im Deutschen; die Präsentation der Projekte durch die Teilnehmer_innen kann auf Deutsch oder Englisch erfolgen.

Bewerbung: Lebenslauf und Projektskizze (2 Seiten) bis zum 30. Juni 2019 per E-Mail an sekretariat@zfl-berlin.org, Benachrichtigungen erfolgen bis Mitte Juli 2019.

Dank der Förderung durch die VolkswagenStiftung werden Reisekosten, Unterkunft und
Verpflegung der Teilnehmer_innen übernommen

Die Weiterleitung dieser Ausschreibung an Interessierte ist ausdrücklich erwünscht.

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Historicizing. Forms, Practices, Significance
9th International Summer School for PhDs and Postdocs at the ZfL

Call for Applications

Abstract:

Historicizing has long been a central method and claim of the Humanities as they consider and reflect the objects of their research as having come into existence historically. However, since the 1980s, this historical self-understanding has come under scrutiny in several respects (historicization of the Holocaust; the end of ‘grand narratives’). At the same time, new problems have emerged which pose new challenges:

Firstly, with urgent questions (such as climate change and the Anthropocene) something has moved into the foreground which was long regarded the ahistorical outside of history. How is one to historicize life and nature, when writing no longer means to write the history of humans but also the history of the earth and vice versa? How do such new modes of historicizing impact and alter the formerly categorical distinction between the Natural Sciences and the Humanities, also called into question in recent decades by science studies?

Secondly, historicizing faces new challenges in view of progressive globalization. What modes of historicizing are available if formerly unquestioned notions such as ‘modernity’ are subject to pluralization under postcolonial conditions and nationhood is no longer a self-understood historical reference point? Globalization also concerns the rise of Big Data. As Digital Humanities, the Humanities have to find their place between close and distant reading.

Thirdly, predominantly historical-philological disciplines have increasingly grown concerned with a ‘wide present’. In literary studies, interest in contemporary literature is on the rise; historiography accords much attention to contemporary history, offering political and cultural diagnostics with prognostic surplus value. How can one historicize the present without imagining and anticipating it as already past?

The summer school will relate these broader issues to practical methodological questions of how one actually goes about historicizing. In order to strengthen the methodological skills of the participants, different models of historicizing will be introduced and discussed. The summer school will also address and integrate questions regarding interdisciplinarity. What are the specific problems of the different disciplines: literary studies, art history, media studies, musicology and philosophy? Do their disciplinary differences harbor the potential for interdisciplinary collaboration?

Keynote speakers: Prof. Dr. Caroline Arni (University of Basel) and Prof. Dr. Monika Dommann (University of Zurich)

Participants: 12–15 PhDs and Postdocs

Language Requirements: Very good reading ability and good listening capacity in German. Presentation and discussion of papers can be either in German or English.

Application: CV and project description (2 pages), to be sent electronically by June 30, 2019 to sekretariat@zfl-berlin.org, notifications will be made by mid-July 2019.

Kontakt

Birgit Raabe

Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung
Schützenstr. 18, 10117 Berlin

sekretariat@zfl-berlin.org

Zitation
Historisierung. Formen, Praktiken, Relevanz, 23.09.2019 – 26.09.2019 Berlin, in: H-Soz-Kult, 07.06.2019, <www.hsozkult.de/event/id/termine-40521>.
Redaktion
Veröffentlicht am
07.06.2019
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