Ontologie im Umbruch – zur Phänomenologie radikaler Geschichtlichkeit. Eine Auseinandersetzung mit Rombachs Strukturphilosophie

Ort
Tübingen
Veranstaltungsort
Eberhard Karls Universität Tübingen, Alte Aula, Münzgasse 30
Veranstalter
Dr. Niels Weidtmann, FORUM SCIENTIARUM, Universität Tübingen
Datum
14.11.2019 - 16.11.2019
Bewerbungsschluss
30.06.2019
Von
Michael Herrmann

Mit der genetischen Phänomenologie Edmund Husserls ist die Frage nach der Sinnkonstitution auf die Lebenswelt gestoßen, die immer schon unmerklich den Ausgangspunkt für das Fragen nach einer objektiven Welt bereitet. Konstituiert durch die Sedimentierung unserer Erfahrungshorizonte, ist diese Lebenswelt geschichtlich und folglich grundsätzlich endlich. Die Idee einer objektiven Welt, mit der die Wissenschaften arbeiten, ist dagegen wesentlich ahistorisch und unendlich angelegt. Heidegger radikalisiert Husserls Denken noch, indem er zeigt, dass die Konstitution der geschichtlichen Lebenswelt ihrerseits geschichtlich verstanden werden muss. Die Geschichte verläuft nicht kontinuierlich, sondern in Umbrüchen, weil sie ihren inneren Zusammenhang aus der Weise, wie sich das Sein epochal zeigt – d.h. aus dem jeweiligen Sinn von Sein, bezieht. Der Sinn von Sein zeigt sich nicht in der Geschichte, sondern als diese Geschichte. Darin liegt die Wende von der transzendentalen zur ontologischen Phänomenologie.

Rombach greift diesen Entwicklungsgang phänomenologischer Selbstklärung in seiner Strukturontologie auf und fragt nun konsequenter Weise nach der Geschichtlichkeit des Seins selbst, dessen Sinn sich in der epochalen Geschichtlichkeit der Welt ereignet. Dabei zeigt sich allerdings, dass es grundsätzlich kein letztes Fundament geben kann, in dem die Geschichtlichkeit der Geschichte und des Seins gründen, weil sich immer wieder von neuem nach der Geschichtlichkeit eines solchen Fundaments fragen ließe. An dieser Stelle muss darum ganz neu angesetzt werden. Zwar gründet die Geschichtlichkeit der Geschichte im Sein, die Geschichtlichkeit des Seins gründet nun aber nicht in wieder etwas anderem, sondern stattdessen gerade ihrerseits in der Geschichte. Nicht nur der Sinn von Sein (d.i. die Geschichte) ist geschichtlich, auch das Sein selbst ist es; Sein und geschichtlicher Sinn gehen wechselseitig an- und ineinander auf. Das Sein und die Geschichte als der jeweilige Sinn von Sein fallen zusammen, Rombach spricht von der Idemität von Moment (jeweiliger geschichtlicher Sinn von Sein) und Ganzem (Sein). Damit denkt er die Ontologie ebenso geschichtlich wie die Geschichte ontologisch. Die grundlegende Frage nach dem Sein erweist sich nunmehr als die Frage nach dem Werden, richtiger noch, als die Frage nach dem werdenden Werden.

Rombachs Denken lädt auf besondere Weise zum Weiter- und Querdenken ein und fordert aufgrund seiner Radikalität zu einer breit angelegten Auseinandersetzung auf. Ähnliche Fragen nach der Geschichtlichkeit der Phänomene und dem Verhältnis von Sinn und Sein, wie Rombach sie stellt, werden beispielsweise in der aktuellen französischen Phänomenologie, aber auch außerhalb der phänomenologischen Tradition adressiert – wenn auch auf ganz anderem Wege. Die Tagung will Rombachs Philosophie deshalb in einem breiten Kontext von Phänomenologie, Geschichtsphilosophie und Ontologie diskutieren. Unter anderen werden folgende Fragedimensionen aufgegriffen:

- Die Strukturontologie denkt nicht einfach die eine Ontologie neu. Sie denkt Ontologie so radikal geschichtlich, dass sich aus ihrer Geschichtlichkeit ein fortwährender Wandel der Ontologie ergibt. In diesem Wandel zeigt sich eine grundsätzliche ontologische Pluralität. Was bedeutet dies für das Verständnis von Ontologie und für das Verständnis von Philosophie im Ganzen?

- Auch Geschichtlichkeit gibt es strukturontologisch gedacht nur epochal, und das heißt im Plural. In welchem Zusammenhang steht dazu das, was wir gemeinhin unter epochenübergreifender Geschichte verstehen?

- Wie ist das Gefüge von Philosophie und Wissenschaften vom strukturontologischen Denken betroffen? Was bedeutet dieses Denken für die Geisteswissenschaften? Wie stehen die geschichtlich ausgerichteten Geisteswissenschaften zu den weitgehend ahistorisch arbeitenden Naturwissenschaften?

- Was ist die Rolle des Menschen, der handelnd und denkend in der Geschichte wirkt? Wenn das Sein geschichtlich verstanden werden muss, dann auch das Wesen des Menschen. Wie können wir dieser Einsicht gerecht werden und uns zur Geschichte verhalten? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die politische Verantwortung des Menschen?

Die Tagung möchte diesen und anderen Fragen nachgehen. Es geht dabei nicht allein darum, Rombachs Philosophie nachzuzeichnen, vielmehr soll um ein phänomenologisches Verständnis von radikaler Geschichtlichkeit gerungen werden. Die Tagung ist ausdrücklich auch für Beiträge aus anderen Disziplinen als der Philosophie offen.

Einreichung:

Bitte senden Sie als Bewerbung für einen Beitrag einen Abstract von ca. 500 Wörtern sowie einen einseitigen tabellarischen Lebenslauf bis zum 30. Juni 2019 an info@fsci.uni-tuebingen.de. Die Vorträge sollten nicht länger als 30 Minuten konzipiert sein, damit ausreichend Zeit zur Diskussion bleibt. Eine Auswahl der Beiträge erfolgt bis Ende Juli.

Kontakt

FORUM SCIENTIARUM
Universität Tübingen
Dr. Niels Weidtmann
Wissenschaftlicher Leiter
Doblerstr. 33, 72074 Tübingen
Phone +49-(0)7071-40716-0

niels.weidtmann@fsci.uni-tuebingen.de

Zitation
Ontologie im Umbruch – zur Phänomenologie radikaler Geschichtlichkeit. Eine Auseinandersetzung mit Rombachs Strukturphilosophie, 14.11.2019 – 16.11.2019 Tübingen, in: H-Soz-Kult, 12.06.2019, <www.hsozkult.de/event/id/termine-40547>.
Redaktion
Veröffentlicht am
12.06.2019