Betriebe, Gewerkschaften und betriebliche Proteste in der Transformationsphase der neuen Bundesländer in den 1990er Jahren

Ort
Leipzig
Veranstaltungsort
Dekanat der Fakultät für Geschichte, Kunst- und Orientwissenschaften Schillerstr. 6, 04109 Leipzig, Raum S 202
Veranstalter
Universität Leipzig, Historisches Seminar; Johannes-Sassenbach-Gesellschaft e.V.
Datum
18.07.2019 - 19.07.2019
Bewerbungsschluss
02.07.2019
Von
Brunner, Detlev

Nach der Euphorie der Einheit 1990 stellten sich schon bald Ernüchterung und Enttäuschung angesichts der massiven, mit dem Transformationsprozess der Wirtschaft verbundenen Probleme ein. Betriebsschließungen, Personalabbau, aber auch Bemühungen, zumindest industrielle „Kerne“ zu erhalten, kennzeichnen jene Phase ebenso wie Widerstandsaktionen gegen Deindustrialisierung und für den Erhalt von Arbeitsplätzen. Protestaktionen entstanden aus den Betrieben heraus, angeregt und durchgeführt durch die Belegschaften und ihre Interessenvertretungen, den Betriebsräten, sie wurden auch durch die neu aufgebauten Gewerkschaften in den neuen Bundesländern initiiert und organisiert.
Die betriebsbezogenen Protestbewegungen gingen über prominente Beispiele wie die Aktionen der Kali-Kumpel von Bischofferode hinaus und nahmen einen seit Jahrzehnten in Deutschland nicht dagewesenen Umfang an. Welche Bedeutung sie für die weitere gesellschaftliche und politische Entwicklung, auch in der Wahrnehmung der damaligen Akteurinnen und Akteure einnehmen, ist weitgehend unerforscht. Lassen sich spezifische Protestkulturen erkennen, welche Zusammenhänge zum Verständnis von Demokratie lassen sich herstellen. Sind gar Verbindungslinien zu aktuell wieder diskutierten Fragen von ostdeutscher Benachteiligung und Diskriminierung zu ziehen?
Seit dem Sommer 1990 fanden in Ostdeutschland die ersten Betriebsratswahlen nach dem Betriebsverfassungsgesetz der Bundesrepublik statt und der Aufbau der DGB-Gewerkschaften in Ostdeutschland begann; im Herbst 1991 war die Gewerkschaftstransformation formal abgeschlossen. Tatsächlich aber stellte sich dieser Prozess der Übertragung eines bewährten Vertretungsmodells in einer politisch einmaligen Situation der Transformation einer ganzen Volkswirtschaft als widersprüchlich heraus. Wie weit waren die Gewerkschaften ihrer Funktion gewachsen? Gab es Chancen neuer Handlungsoptionen? Und in welchem Spannungsverhältnis standen die damaligen Proteste ostdeutscher Belegschaften zum ge-werkschaftlichen Handeln?
Diese und andere Fragen will der Workshop aufgreifen. Ziel ist es, junge Forscherinnen und Forscher zusammenzuführen, die an Projekten zum oben beschriebenen Themenkomplex arbeiten. Die Veranstaltung soll ausdrücklich Werkstatt-Charakter tragen, sie richtet sich dabei auch an ein studentisches Publikum, Experten werden jeweils Impulsreferate zu den Schwerpunktthemen halten.
Die Zahl der Teilnehmenden ist auf 30 begrenzt.

Programm

18. Juli 2019
10.30: Begrüßung/Vorstellung:
11.00-11.30: Einführung
Detlev Brunner: Belegschaften, Betriebsräte und Gewerkschaften in Ostdeutschland 1990 bis 1994

Panel 1: Betriebsebene und Transformation
Moderation: Detlev Brunner
11.30-12.00: Impulsreferat: Rainer Karlsch
Projektvorstellungen
12.00-12.45: Jakob Warnecke: Betrieb und Gewerkschaft in der Transformation, das Fallbeispiel Hennigsdorf
(12.45-13.45: Mittagspause)
13.45-14.30: Konrad Bunk: Veränderungen für die Belegschaft im Mineralölwerk Lützkendorf in der Transformationsphase der ostdeutschen Wirtschaft
14.30-15.15: Jessica Elsner: Soziale Ungleichheiten auf betrieblicher Ebene in der Transformationszeit 1989/90 am Beispiel des Eisenacher Automobilwerkes
(15.15-15.30 Kaffeepause)


Panel 2: Gewerkschaftsaufbau/Gewerkschaftsarbeit
Moderation: Michaela Kuhnhenne
15.30-16.00: Impulsreferat: Renate Hürtgen: Gewerkschaften als Akteure zwischen Gestaltung und Protest
Projektvorstellungen:
16.00-16.45: Johanna Wolf: Aufbau der DGB-Bezirke in Ostdeutschland, 1990-1995
16.45-17.30: Jörn-Michael Goll: Die GEW im Einheits- und Transformationsprozess
17.30-18.15: Eric Weiß: Gewerkschaftsarbeit im Vereinigungsprozess. Die Industriegewerkschaft Chemie-Papier-Keramik in der Transformationszeit 1990–1994

19. Juli 2019
Panel 3: Protestkultur
Moderation: Marcus Böick
09.30-10.00: Impulsreferat: Bernd Gehrke: Betriebliche Proteste in Ostdeutschland zwischen 1990 und 1994 – Umfang, Formen und Kultur
Projektvorstellungen:
10.00-10.45: Studentische Arbeitsgruppe Uni Leipzig: Dokumentation des Aktionsbündnisses „5 vor 12 – Thüringen brennt“ (1993/94)
(10.45-11.15: Kaffeepause)
11.15-12.00: Daniela Eichhorn: Protestkultur und Demokratie in den neuen Bundesländern – historische Bezüge und gesellschaftliche Folgen
12.00-12.45: Till Goßmann: Betriebliche Proteste im deutschen Einheitsprozess am Beispiel der Aktivitäten zum Erhalt der Ilmenauer Glaswerke 1993/94
(12.45-13.45: Mittagspause)
13.45-15.30: Abschlussdiskussion

Kontakt

Detlev Brunner
Universität Leipzig, Historisches Seminar, Beethovenstr. 15, 04107 Leipzig
Lehrstuhl Deutsche und Europäische Geschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts
0341 9737050
0341 9737059

detlev.brunner@uni-leipzig.de

Zitation
Betriebe, Gewerkschaften und betriebliche Proteste in der Transformationsphase der neuen Bundesländer in den 1990er Jahren, 18.07.2019 – 19.07.2019 Leipzig, in: H-Soz-Kult, 12.06.2019, <www.hsozkult.de/event/id/termine-40551>.
Redaktion
Veröffentlicht am
12.06.2019
Beiträger