Lokal und Digital? Ein Süddeutsches Symposium zu den Möglichkeiten einer digitaler Geschichtskultur zum Zweiten Weltkrieg und seiner Folgen

Place
Erding
Venue
Prielmayerstraße 1, 85435 Erding
Host/Organizer
Museum Erding
Date
25.04.2020
Deadline
30.11.2019
By
Salvati, Giulio

Der April 2020 markiert das 75-jährige Jubiläum der Stadt Erding seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, das mit der Ankunft amerikanischer Verbände ein Ende fand. Diesem Thema wird sich die Sonderausstellung „Erding 1945 – Wessen Heimat?“ ab März 2020 annähern. Geschichten von Ankunft, Aufbruch und Abschied um das Ende des Krieges werden miteinander in Beziehung gesetzt und zugleich im Kontext von Zwangsarbeit, Vertreibung und Kriegsgefangenschaft problematisiert. Das Kriegsende bildet die Ausgangslage, um die Pluralität der Stimmen und Lebenserfahrungen zu präsentieren, die das Leben in jenen Tagen in Erding prägten. Die Vielfalt der Sprachen, die die ankommenden US-Soldaten in der bäuerlich geprägten Region im April 1945 hören konnten, umfasste Ungarndeutsch, Polnisch, Französisch, Italienisch, Ukrainisch, Serbisch, Russisch und Deutsch. Nach wie vor sind Geschichten von ZwangsarbeiterInnen, Displaced Persons und Flüchtlingen aus diesen vornehmlich osteuropäischen Ländern sowie der Kriegsgefangenen und ausländischen ZivilarbeiterInnen fester Bestand der Erdinger Familiengedächtnisse. Dagegen finden sie kaum Platz im lokalen kulturellen Gedächtnis, das vielmehr auf das Gedenken an die „eigenen“ Opfer ausgerichtet ist. Dieser Leerstelle widmet sich ein zweiter Teil der Ausstellung, der auf einem Online-Portal eine Datenbank mit den biographischen Angaben aller bekannten ZwangsarbeiterInnen sowie deren Einsatzorten im Erdinger Landkreis zugänglich machen wird.

Lokale Geschichtskultur im Spannungsfeld eines Stadt-Land Gefälles?

In einem eintägigen Symposium soll an das analoge und digitale Ausstellungsprojekt angeknüpft werden, um über Erding hinaus die Frage zu diskutieren, welche Rolle historisch-informierte lokale Projekte in der Erinnerung an und in der Erforschung des Zweiten Weltkrieges und seiner Folgen spielen können. Dabei gilt es, das zunehmende Stadt-Land Gefälle zu bedenken: In Großstädten wie München haben sich in den letzten Jahrzehnten Forschungseinrichtungen einer wissenschaftlichen Aufarbeitung des Nationalsozialismus und einer öffentlichen Erinnerung an dessen Opfer zunehmend verdichtet. ForscherInnen und AktivistInnen sprachen von einer „späten Erinnerung“ und den „vergessenen Opfern“, doch können nur wenige Städte und Gemeinden im Ballungsraum eine vergleichbare Entwicklung nachweisen. Was bedeutet schließlich der Kontrast zur Hauptstadt Berlin, wo der deutsch-israelische Comedian Shahak Shapira 2017 durch hochgradig kontroverse Montagen den „Selfie-Wahn“ der Jugend am Holocaustmahnmal medienwirksam anprangerte? In ländlichen Regionen erinnern hingegen noch immer vorwiegend Kriegsdenkmäler lediglich an die gefallenen deutschen Soldaten sowie an die zivilen Opfer des Bombenkrieges. Welches Potential beinhalten lokal angesiedelte Projekte heutzutage im Umgang mit der geschichtskulturellen Kluft zwischen Stadt und Land?

(Un-)Möglichkeit einer lokal verankerten Geschichte im digitalen Raum?

Eine lokal verankerte Geschichtsschreibung wird in der Geschichtswissenschaft insbesondere mit den 1970er Jahren assoziiert und jenen Werkstätten, die Geschichte „von unten“ schreiben wollten. Solche Initiativen bildeten das Rückgrat einer Wende im politischen Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg und der Erfahrung von Herrschaft und Gewalt, die bis heute anhält. Kann der gegenwärtige Wandel hin zu einer digitalen Geschichtsschreibung eine neue Sensibilisierungswelle auf dem Land hervorrufen?

Eine breite Definition von „digital history“ beinhaltet den Einsatz von digitalen Technologien, um mit deren Hilfe historische Inhalte zu vermitteln bzw. „erfahrbar“ zu machen. Dies erlaubt eine Reihe von neuen Möglichkeiten in der Erforschung, Aufbereitung und dem Gedenken, wie das mittlerweile etwas in die Jahre gekommene Projekt Stalag Moosburg Online beweist. Allein über diese Online-Präsenz wurden über 150 Zeitzeugenberichte und tausende von Bildern gesammelt, die von ehemaligen Kriegsgefangenen und ihren Angehörigen hochgeladen wurden und nun jedem zugänglich sind. Neueste digitale Archive wie die Arolsen Archives demonstrieren, inwieweit mediale Präsenz und das Bereitstellen von Informationen für ein Fachpublikum sowie für „digital natives“ gelingen kann. Doch der Einsatz solcher Möglichkeiten ist nur durch die Mobilisierung von erheblichen finanziellen Ressourcen oder durch technisches Wissen möglich, das nicht jedem gleichermaßen zugänglich ist. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob solche Initiativen gleichermaßen alle Alters- und Gesellschaftsschichten erreichen können.

Im Rahmen des Workshops wollen wir die hier kurz angerissenen Fragenkomplexe diskutieren. Das Symposium soll dazu dienen, einen Austausch zwischen den TeilnehmerInnen zu ermöglichen und mögliche Formen einer längerfristigen Vernetzung zu erörtern. Wir laden daher alle die sich mit lokaler (Nach-)Geschichte des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs auseinandersetzen, ein sich zu bewerben. Dabei spielt es keine Rolle, ob Sie derzeit ein neues Projekt entwickeln oder bereits ein solches abgeschlossen haben. Insbesondere begrüßen wir Initiativen, die sich mit dem ländlichen süddeutschen Raum – aber auch darüber hinaus – auseinandersetzen und dabei kritisch digitale Medien (audio-visuelle Medien, interaktive Karten, Apps, Webseiten etc) einbeziehen.

Eine Bewerbung ist bis zum 30.11.2019 möglich. Bitte senden Sie eine kurze Projektskizze und Ihren aktuellen Projektstatus an: lokalunddigital@erdinger-geschichte.de. Gerne können Sie hier bereits Fragen formulieren, die im Symposium im Museum Erding (Kooperationspartner) am 25.04.2020 diskutiert werden sollen.
Für Verpflegung während des Tages wird gesorgt.

Fahrtkosten können voraussichtlich lediglich in Ausnahmefällen übernommen werden. Sämtliche Anfragen können im Vorfeld an lokalunddigital@erdinger-geschichte.de gerichtet werden.

Kontakt

Giulio Salvati

New York University, History Department, 53 Washington Square S, New York, NY 10012, USA

giulio.salvati@nyu.edu

Citation
Lokal und Digital? Ein Süddeutsches Symposium zu den Möglichkeiten einer digitaler Geschichtskultur zum Zweiten Weltkrieg und seiner Folgen, 25.04.2020 Erding, in: H-Soz-Kult, 20.08.2019, <www.hsozkult.de/event/id/termine-40964>.