Zukunft der Sprache, Zukunft der Nation? Debatten um jüdische Sprache und Literatur im Kontext von Mehrsprachigkeit und Nationbuilding

Ort
Augsburg
Veranstaltungsort
Universität Augsburg, Raum Y1002/1003
Veranstalter
Prof. Dr. Bettina Bannasch / Prof. Dr. Alfred Wildfeuer / Dr. Carmen Reichert, Projekt "Die Nationalsprache der Juden oder eine jüdische Sprache? Die Fragen der Czernowitzer Sprachkonferenz in ihrem zeitgeschichtlichen und räumlichen Kontext", Universität Augsburg
Datum
24.09.2019 - 26.09.2019
Von
Carmen Reichert

Sprache hat seit Mitte des 18. Jahrhunderts eine wesentliche Bedeutung im Diskurs über sozialen und kulturellen Wandel der Juden in Europa (Sander L. Gilman/Stephan Braese). Mit dem Erstarken nationaljüdischer Bewegungen Ende des 19. Jahrhunderts rückte die Sprachenfrage ins Zentrum des politischen Interesses. Die gegenwärtige Situation – die bereits zu diesem Zeitpunkt von einigen als gescheitert betrachtete Emanzipation und Integration, der anhaltende Antisemitismus, die Nichtanerkennung von Jiddisch und Hebräisch als nationale Sprachen der Juden in Österreich-Ungarn – empfanden viele Zeitgenossinnen und Zeitgenossen als defizitär. Entsprechend entwickelten sie Strategien, die jüdischen Sprachen und ihre Literaturen auszubauen oder, wie Dan Miron es für Scholem Alejchem formulierte, aus einer „littérature mineure“ eine „littérature majeure“ zu machen.

Dabei war die jüdische Nation bei weitem nicht die einzige, die in Europa um Anerkennung ihrer Nationalität und ihrer Sprache(n) rang. Die jüdischen Nationalbewegungen kamen im Vergleich zu den Nachbarn sogar eher spät: Die polnische Freiheitsbewegung, die Sokolbewegung in Böhmen und Mähren und die ukrainische Nationalbewegung waren zu diesem Zeitpunkt schon einige Jahrzehnte alt, hatten aber ihre Ziele noch immer nicht erreicht.

Ziel der Tagung ist es, die Debatte um jüdische Nationalsprachen und -literaturen im frühen 20. Jahrhundert im Kontext ihrer Umgebungssprachen und der anderen mittel- und osteuropäischen Nationalismen zu verstehen. Dabei wird das Augenmerk auch auf den bisher vergleichsweise schlecht erforschten Bereich des Schulwesens und der Kinder- und Jugendliteratur gelegt werden.

Programm

Veranstaltungsort: Universität Augsburg, Alter Postweg 116, Raum Y1002/1003

Dienstag, 24.9.2019

17.15- 18.45 Efrat Gal-Ed (Düsseldorf) : Das Land Jiddisch (Eröffnungsvortrag)

Mittwoch, 25.9.19

Panel I: Jüdische Sprachen und Sprachpolitik

9.00-9.30 Andreas Kilcher (Zürich): Disproportion von Sprache und Nation. Sprachpolitiken im Zionismus um 1900

9.30-10.00 Maren Röger (Augsburg): Imperial Language Policies: Yiddish in the Habsburg and Russian Empire

10.00-10.30 Kaffeepause

10.30-11.00 Lea Schäfer (Düsseldorf): Between Multidialectalism and Supraregionalism: The Language Situation of Yiddish in Eastern Europe in the Early 20th Century

11.00-11.30 Kay Schweigmann- Greve (Hannover): Die poetische Konstruktion
der Nation – Chaim Zhitlowskys Konzept einer auf der Jiddischen Sprache basierten Kulturnation

11.30-12.00 kurze Pause (Ortswechsel)

Panel II: Konzepte und Kritik nationaler Literaturen

12.00-12.30 Judith Müller (Basel/Beer Sheva): Nationalliteratur oder europäische Literatur
in hebräischer Sprache? David Fogel und Gershon Shofman zwischen Hebräisch, Jiddisch und Deutsch

13.00-14.30 Mittagspause

14.30-15.00 Olha Kravchuk (Czernowitz/ Tscherniwzi): Elieser Steinbarg als Bukowiner Dichter

15.00-15.30 Liliana Feierstein (Berlin): Die Hoffnung: Esperanto oder über eine vergessene jüdische Sprachutopie

15.30-15.45 Kaffeepause

15.45-16.15 Hans-Joachim Hahn (Aachen) : Das Deutsche als Sprache des Zionismus. Zwischen Selbstverständigung und Sprachwechsel

16.15-16.45 Sebastian Schirrmeister (Hamburg): Broken Hebrew. Linguistic deficiencies and the comic subversion of ‘national’ expectations

Panel III: Sprachkontakt und Sprachenwahl in den jüdischen Gemeinschaften Österreich-Ungarns

12.00-12.30 Andrea Königsmarková (Pilsen/Plzeň): Jüdische Sprache, Mehrsprachigkeit und
Sprachpräferenz in der cisleithanischen ,Provinz‘. Das Beispiel der westböhmischen Kleinstadt Spálené Porící/Brennporitschen

12.30-13.00 Petr Kučera (Pilsen/Plzeň): Sprachenwahl und Kulturorientierung bei den Juden in West und Mittelböhmen

13.00-14.30 Mittagspause

14.30-15.00 Štěpán Balík (Budweis/České Budějovice): Elements of Jewish ethnolect in Czech Literature in the 20th and beginning of 21st Century

15.00-15.30 Ágota Nagy (Oradea): Das „Czernowitzerische“ der 1930er: eine deutsch-jiddische Kontaktvarietät als ostmitteleuropäischer Urbanolekt

15.45-16.15 Bohdana Labinska (Tscherniwzi): Schulbildungswesen der Juden in der Bukowina (19.- Anfang 20. Jh.)

16.15-16.45 Ingeborg Fialová (Olomouc): Deutsch als jüdische Sprache? Böhmische und mährische deutschsprachige Literatur jüdischer AutorInnen

Panel IV: Die Czernowitzer Sprachkonferenz und ihre Nachwirkungen

17:15 - 17:45 Francisca Salomon (Iaşi): Die Czernowitzer Sprachkonferenz und ihre Darstellung in Bukowinischen deutschsprachigen und jiddischsprachigen Periodika. Habsburgische und Posthabsburgische Pressediskurse

17:45 - 18:15 Armin Eidherr (Salzburg): Der Nationalsprachendiskurs in jiddischen Dichtergruppen seit 1908

Donnerstag, 26.9.19

Panel V: Sprache und Identität

9:00 - 9:30 Evita Wiecki (München): Auf dem Weg zu einer nationalen Sprache? Die Czernowitzer Konferenz und ihre Bedeutung für die Entwicklung des Jiddischen

09.30-10.00 Petro Rychlo (Czernowitz/Tscherniwzi)
Zu Aleph und Jud“: Jiddische Elemente in der dichterischen Sprache Paul Celans

10.00-10.30 Stefaniya Ptashnyk (Heidelberg): Reflexionen zu Sprache und Identität in der massenmedialen Diskursen in Galizien um die Jahrhundertwende
Panel VI: Standardisierung, Kanonisierung und Statusfragen

11.00-11.30 Martina Niedhammer: Vocabularies as a Symbol of Cultural Power: The Standardization of Yiddish and Belarusian during the 1920s and 1930s

11.30-12.00 Anruo Bao (New York) To Answer Peretz’s Question: On the Canonization of Bergelson through the Relationship between Language and Nationalism

12.00-12.30 Natalia Blum-Barth (Mainz): Vom Experiment zum ästhetischen
Projekt: Jiddische Literatur Anfang des 20. Jahrhunderts

12.30-14.00 Mittagspause

14.00-14.30 Malena Chinski (Paris): What does Yiddish mean in French? Approaches to language and translation choices of Yiddish translators in France

14.30-15.00 Vladyslava Moskalets (Lemberg/ Lviv): Search for Yiddish Galicia:
Jewish language and identity in interwar travelogues

Panel VII: Jüdische Sprachen und die deutsch-jüdische Literatur

11.00-11.30 Katharina Baur (Augsburg): Paula und Martin Bubers Chassidische Geschichten

11.30-12.00 Boris Blahak (Pilsen/Plzeň): Max Brods ,andragogisch-didaktische‘ Belletristik: konzeptionelles Jiddisch als Wegweiser zur Sprache des modernen Judentums

12.30-14.00 Mittagspause

14.00-14.30 Sarah Stoll (München) : Auf der Suche nach seinem Leser. Leah Goldbergs “Avedot” als meta-literarischer Roman

14.30-15.00 Jan Kühne (Jerusalem): A Hebrew-German French Kiss. On the Problem of Bilingual Homonymy in German-Jewish Literature

Panel VIII

15.15-15.45 Carmen Reichert (Augsburg): Bobeloshn. Language Debates and Language in Yiddish Autobiographies of Women Writers

15.45-16.15 Stephan Braese (Aachen): „for a national home, but not for a Jewish state“– Mehrsprachigkeit und zionistische Staats-Skepsis im Spiegel einiger Zeugnisse Wolfgang Hildesheimers

Leitung: Prof. Dr. Bettina Bannasch und Prof. Dr. Alfred Wildfeuer

Wissenschaftliche Koordination: Dr. Carmen Reichert, carmen.reichert@philhist.uni-augsburg.de

Das Projekt wird gefördert von der Beauftragen der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Kontakt

Carmen Reichert
Universitätsstraße 10, Augsburg

carmen.reichert@philhist.uni-muenchen.de

Zitation
Zukunft der Sprache, Zukunft der Nation? Debatten um jüdische Sprache und Literatur im Kontext von Mehrsprachigkeit und Nationbuilding, 24.09.2019 – 26.09.2019 Augsburg, in: H-Soz-Kult, 10.09.2019, <www.hsozkult.de/event/id/termine-41122>.