Zweiter Weltkrieg und Holocaust in den erinnerungspolitischen und öffentlichen Geschichtsdiskursen Ostmittel- und Osteuropas nach 1989/1991

Place
Kiel
Venue
Internationales Begegnungszentrum (IBZ), Kiellinie 5
Host/Organizer
Daria Kozlova, MA, Friedrich-Schiller-Universität Jena, KZ-Gedenkstätte Flossenbürg; Dr. Paul Srodecki, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Ostravská univerzita; In Kooperation mit dem IKGN e. V. - Nordost-Institut, Universität Hamburg; Deutschen Stiftung Friedensforschung (DSF) Osnabrück; Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung – Institut der Leibniz-Gemeinschaft (HI) Marburg
Date
27.09.2019 - 28.09.2019
Deadline
26.09.2019
By
Paul Srodecki

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im September 1939 stellt nicht nur aus einer deutschen oder westeuropäischen, sondern allem voran aus einer ostmittel- und osteuropäischen Perspektive eine tiefe Zäsur dar. Nicht umsonst wird die jüngste Geschichte in eine Zeit VOR und NACH dem Zweiten Weltkrieg unterschieden. Tatsächlich führte letzterer wie kein anderer Konflikt zuvor und danach in der Menschheitsgeschichte zu epochalen Umbrüchen nicht nur europäischen, sondern auch globalen Ausmaßes. Er brachte millionenfachen Tod, die Zerstörung von Tausenden Städten und Dörfern, Flucht und Vertreibung wie auch nicht zuletzt die Aufteilung des europäischen Kontinents und in der Folge auch fast der ganzen Welt in zwei sich feindlich gegenüberstehende Blöcke. Zugleich bot er der Nachkriegswelt die Grundlage für diverse, von Land zu Land unterschiedlich gefärbte Kriegsnarrative, verklärte Heldenmythen und alienisierende Feindbilder. Gerade im sogenannten Ostblock dominierte hier eine von der Sowjetunion vorgegebene Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, die die Heroisierung der Roten Armee und die Dämonisierung aller auf der Gegenseite stehenden Parteien vor dem Hintergrund des „Großen Vaterländischen Krieges“ zu ihrem alles beherrschenden Kern aller erinnerungspolitischen Kriegsnarrative bildete.

Von großer Symbolkraft ist auch das Jahr 1989, das hier freilich nur stellvertretend für den Beginn zahlreicher politischer Umbrüche der darauffolgenden Jahre stehen soll. Neben dem Zusammenbruch des Ostblocks und der kommunistischen, von Moskau abhängigen Volksrepubliken Ostmitteleuropas (Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien) waren dies allem voran der Zerfall der Sowjetunion und Jugoslawiens 1991. Auffällig ist für die meisten hier behandelten Länder eine von den politischen Eliten herbeibemühte Abkehr von der offiziellen kommunistischen Erinnerungspolitik, wie sie noch vor 1989/1991 propagiert worden ist. Letztere tat aber der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg keinen Abbruch, bildet sie doch bis heute in weiten Teilen des östlichen Europa eine der „wichtigste[n] Ressource[n] politischer Mobilisierung“.[1]

Einen ganz besonderen Platz nimmt hierbei die erinnerungspolitische Aufarbeitung des Holocausts ein – eines Themas, das in der Sowjetunion und seinen sozialistischen Satellitenstaaten wie auch in Jugoslawien marginalisiert wurde, indem es aus dem gesellschaftlichen Diskurs weitgehend rausgenommen wurde. Die Frage der Mitschuld beziehungsweise Mitbeteiligung am Holocaust wurde und wird in weiten Teilen Ostmittel- und Osteuropas immer noch tabuisiert oder gar vom Staate unter Strafe gestellt, wie etwa das polnische Holocaust-Gesetz von 2018 beweist. Eine tragende Rolle sollten hierbei nach den politischen Umbrüchen 1989 und in den frühen 1990er Jahren die zahlreichen jüdischen NGOs spielen, die nur zu oft eigeninitiativ und ohne offizielle staatliche Unterstützung die Erinnerung an den Holocaust im öffentlichen Raum aufrechterhielten.

Zielsetzung

Im Rahmen der Konferenz soll – anders als bei bisherigen Publikationen zum Thema, die entweder eine allem voran westliche Perspektive einnehmen oder den gesamten ostmittel- und osteuropäischen Raum als Vergleichsebene scheuen und sich mit Einzelstudien begnügen – somit einerseits vergleichend nach der erinnerungspolitischen Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges vor dem Hintergrund der (nicht nur) in Ostmittel- und Osteuropa wieder spürbar erstarkenden nationalistisch-paternalistischen Diskurse gefragt werden. Zentrale Fragen sind hierbei, welcher historischer Vorbilder sich diese Diskurse bedienen bzw. inwiefern altgediente Topoi des kollektiven Gedächtnisses (Bollwerksdiskurse in Polen, Ungarn und Kroatien; messianistische Selbstbilder in beinahe ganz Ostmittel- und Osteuropa) die Abkehr von der sozialistischen Erinnerungskultur begünstigten und schließlich auf welche Weise allem voran die rechtsnationalen Parteien diese für ihre Politik instrumentalisieren. Andererseits soll auch die öffentliche Wahrnehmung der erinnerungskulturellen Umbrüche nach 1989/1991 in den einzelnen Ländern thematisiert werden. Hat nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Beginn der politischen Umbrüche in den frühen 1990er Jahren eine Umwertung der Erinnerung an die Zeit 1939–1945 stattgefunden oder wird diese durch neue Erinnerungsnarrative überlagert? Welchen Stellenwert nimmt die Erinnerung an den Holocaust in Ostmittel- und Osteuropa nach 1989/1991 ein?

Das Spannungsverhältnis zwischen der im Zuge der Aufarbeitung der ostmittel- und osteuropäischen Diktaturen staatlich angeordneten Desowjetisierung/ Dekommunisierung und der gleichzeitigen (Re)Nationalisierung der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg eröffnet hierbei interessante, den ostmittel- und osteuropäischen Raum umspannende Vergleichsebenen: In welcher Art und Weise wird die Erinnerung an den Zweiten Krieg in von rechtsnationalen Parteien dominierten Staaten wie Polen, Ungarn, Kroatien oder der Ukraine, in der einerseits europaorientierten und andererseits immer noch von sowjetischen Kriegsmythen lebenden Republik Moldau, im russlandkritischen Georgien oder schließlich im russlandfreundlichen Serbien und Belarus geprägt?

Gerade vor dem Hintergrund der nationalistisch-populistischen Regression und dem Wiedererstarken einer zunehmend aggressiven Rhetorik in den öffentlichen Diskursen, die die Minderheiten in den jeweiligen Staaten exkludiert und die Nachbarstaaten nach außen hin alienisiert, wird die von nationalen Geschichtsbildern geprägte und nur zu oft verklärte Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zu einem zusehends beliebten Instrument der Innen- wie Außenpolitik der hier behandelten Länder. Die Zwietracht über die unterschiedliche Auslegung von Geschichte, allem voran über die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust, führte in den letzten Jahren zu zahlreichen politischen Spannungen zwischen den ostmittel- und osteuropäischen Staaten. Von Bedeutung ist somit ebenso das Verhältnis der Geschichtswissenschaft und der Friedens- und Konfliktforschung (wie auch die Instrumentalisierung allem voran ersterer durch eine gestiegene politische Einflussnahme, so u. a. im Falle des „Geschichtsinstituts der Polnischen Akademie der Wissenschaften“ [Instytut Historii im. Tadeusza Manteuffla Polskiej Akademii Nauk], des „Ukrainischen Instituts für nationales Gedenken“ [Ukrajinskyj Instytut Nacional’noji Pam’jati] oder des „Ungarischen Komitees der Nationalen Erinnerung“ [Nemzeti Emlékezet Bizottság], um nur einige wenige zu nennen) in den jeweiligen Ländern zur erinnerungskulturellen Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges und des Holocausts. Dabei ist ein Differenzieren zwischen Ländern unter Besatzungsregime und Ländern, die mit den Achsenmächten kollaborierten und/oder im letzten Moment die Seiten wechselten von großer Bedeutung.

Weitere Untersuchungsgegenstände bieten auch das Fehlen beziehungsweise eine zumindest nur teilweise Aufarbeitung oder gar Heroisierung der jeweiligen Kollaborationen mit dem nationalsozialistischen Deutschland wie auch eine bisher nur unzureichend stattgefundene kritische Auseinandersetzung mit dem Holocaust in weiten Teilen Ostmittel- und Osteuropas. Welchen Stellenwert nehmen hierbei Täter-Opfer-Diskurse bzw. die Umkehr dieser in einer zunehmend von populistischen und nationalistischen Narrativen vereinnahmten Erinnerungspolitik ein? Hierbei ist auch grundsätzlich nach einer geschichtspolitischen Opferhierarchisierung in den jeweiligen Ländern zu fragen und inwieweit letztere von den verschiedenen gesellschaftlichen Erinnerungskollektiven abweicht. Welche Ansätze können zudem dabei helfen, die erinnerungspolitischen Krisenfelder in dem Raum zu entschärfen bzw. diese präventiv zu verhindern? Welchen Einfluss nehmen – wenn denn geäußert – daran anschließend öffentliche Reuebekenntnisse – ungeachtet, ob sie in einer instrumentalistischen, rhetorischen oder normativen Motivation wurzeln – auf den Befriedungs- und Versöhnungsprozess zwischen zwei ehemals verfeindeten Akteuren ein? Im welchen Maße können politische Entschuldigungen zur Lösung und Prävention erinnerungspolitischer Konflikte beitragen und wie sind sie vor dem Hintergrund anderer Sühneformen wie beispielsweise Reparationen, deren Einfordern im östlichen Europa wieder eine regelrechte Renaissance erlebt, Tribunalen oder sogenannten Wahrheitskommissionen einzuordnen?

Originalität der Tagung

Die Konferenz ist bewusst als ein interdisziplinäres Treffen konzipiert, das die oben aufgeworfenen, von einer besonderen politischen Aktualität geprägten Fragen mittels historischer, politikwissenschaftlicher, soziologischer und kulturwissenschaftlicher Zugänge beleuchten und die Ergebnisse vergleichend gegenüberstellen soll. Diese Multiperspektivität lässt erwarten, die mannigfaltigen erinnerungspolitischen und öffentlichen Diskurse zum Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust in neuen Zusammenhängen und neuen Akzentuierungen wahrzunehmen und so die zahlreichen geschichtspolitischen Konfliktherde in dem behandelten Raum besser analysieren zu können. Zum anderen ist die Konferenz als Versuch zu werten, anhand der interdisziplinären Überprüfung und Gegenüberstellung der verschiedenen erinnerungspolitischen Krisenfelder (Polen – Ukraine, Ungarn – Slowakei – Rumänien, Russland – Ukraine, Russland – Ukraine – Moldawien – Transnistrien, Russland – Litauen – Lettland – Estland, Polen – Tschechien, Polen – Litauen, Polen – Israel, Ukraine – Israel, Ungarn – Israel etc.) Voraussetzungen erfolgreicher Krisenprävention zu synthetisieren. Die Originalität der Tagung besteht darin, einen ersten länderübergreifenden Vergleich der erinnerungskulturellen und –politischen Umbrüche am Beispiel des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts in Ostmittel- und Osteuropa zu wagen. Die interdisziplinäre Herangehensweise stellt dabei durchaus ein Novum dar, wurde doch die hier vorgestellte Problematik bisher zumeist von politik- und geschichtswissenschaftlichen Disziplinen dominiert, ohne dass für den gesamten ostmittel- und osteuropäischen Raum eine zusammenfassende, disziplinübergreifende Gegenüberstellung der einzelnen Akteure erarbeitet worden wäre. An die oben aufgeführten Ansätze der Versöhnungsforschung anknüpfend kann somit mit einer Zusammenführung der verschiedenen Perspektiven ein qualitativ verstärkter analytischer Zugang gerade zum Problemfeld der erinnerungspolitischen Konfliktlösung und Krisenprävention im östlichen Europa geleistet werden.

Anmerkung:
[1] Ekaterina Makhotina/ Martin Schulze Wessel: Neue Konfliktlinien in den Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg im östlichen Europa. Zur Einleitung, in: Ekaterina Makhotina u. a. (Hgg.): Krieg im Museum. Präsentationen des Zweiten Weltkriegs in Museen und Gedenkstätten des östlichen Europa, Göttingen 2015, S. 1–14, hier S. 1.

Programm

Friday/Freitag, 27.09.2019

09.00 Welcome and Introduction/Begrüßung und Einleitung (Kozlova/Srodecki)

Panel I „State and Remembrance. Competition of National and Local Narratives”

Sektion I „Staat und Erinnerung. Konkurrenz der nationalen und lokalen Narrative“
Moderation: Daria Kozlova (Jena/Flossenbürg)

09.15
Paul Srodecki (Kiel, Ostrava/Ostrau)
Zwischen verklärten Mythen und historischer Dekonstruktion. Kriegsdenkmäler als geschichtspolitische Zankäpfel am Beispiel Polens

10.00
Elizaveta Gaufman (Bremen)
Post-Trauma of World War II in Russia

10.45
Nino Chikovani (Tiflis/Tbilisi)
From the Great Patriotic War to World War II: How the Memory Has Changed in Georgia after Independence

11.30 Coffee Break/Kaffeepause

11.45
Pavel Kladiwa (Ostrava/Ostrau)
Deutsch denkende Tschechen? Zweiter Weltkrieg, Hultschiner Ländchen und Lokalgedächtnis

12.30
David Feest (Hamburg)
Eine rein örtliche Angelegenheit? Estland und die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg

13.15 Lunch Break/Mittagspause

Panel II „Ethnic and Religious Minorities between Tabooisation, Oblivion and Remembrance”

Sektion II „Ethnische und religiöse Minderheiten zwischen Tabuisierung, Vergessen und Erinnerung“
Moderation: Paul Srodecki (Kiel, Ostrava/Ostrau)

14.00
Beáta Márkus (Pécs/Fünfkirchen)
Von der Tabuisierung bis zum Gedenkjahr – Die Deportation der Ungarndeutschen in die Sowjetunion 1944/1945 als Teil ungarischer Erinnerungskultur

14.45
Magdalena Nowicka-Franczak (Łódź/Lodz)
Memory’s Backlash or Revival? Polish-Jewish Wartime Past in the Contemporary Public Debate in Poland

15.30
Joachim Tauber (Hamburg)
Schwierige Vergangenheit: Der Umgang mit dem Holocaust in Litauen seit 1989

16.15 Coffee Break/Kaffeepause

16.30
Georgy Kasianov (Kiev/Kiew)
Holocaust in the Ukraine: Politics of History, Public Perceptions, and Memory Debates, 1990s–2019

17.15
Goran Hutinec (Zagreb)
Holocaust in the Memory Politics and Public Historical Discourses in Croatia (1989–2019)

18.00
Frank Golczewski (Hamburg)
Key Note: Mechanismen des Umgangs mit der Vergangenheit

Saturday/Samstag, 28.09.2019

Panel III „Location-dependant and Personal-related Narratives of the Second World War”

Sektion III „Orts- und personenbezogene Narrative zum Zweiten Weltkrieg“
Moderation: Rebekka Wilpert (Kiel)

09.00
Daria Kozlova (Jena, Flossenbürg)
Museale Darstellung des Zweiten Weltkriegs in der Ukraine

09.45
Aliaksandr Dalhouski (Minsk)
Zwischen Nationalisierung, Resowjetisierung und Europäisierung: Konkurrierende Diskurse zum Erinnerungsort Malyj Trostenez

10.30 Coffee Break/Kaffeepause

10.45
Melina Hubel (Greifswald)
Der Auschwitz-Freiwillige. Eine Skizze des Heldennarratives um Witold Pilecki

11.30
Katja Wezel (Göttingen)
Abkehr von der Opferkonkurrenz? Neue museale Darstellungen des Holocaust und der sowjetischen Gewaltherrschaft in Lettland

12.15
Ludwig Steindorff (Kiel)
Conclusio

Kontakt

Dr. Paul Srodecki
Leibnizstr. 8
24118 Kiel

srodecki@oeg.uni-kiel.de

Citation
Zweiter Weltkrieg und Holocaust in den erinnerungspolitischen und öffentlichen Geschichtsdiskursen Ostmittel- und Osteuropas nach 1989/1991, 27.09.2019 – 28.09.2019 Kiel, in: H-Soz-Kult, 11.09.2019, <www.hsozkult.de/event/id/termine-41137>.
Editors Information
Published on
11.09.2019
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