Emotionslose Fakten, unbeteiligte Beobachter_innen und neutrale Lehrer_innen? - Die affektive Dimension von Forschung, Lehre und Unterricht

Ort
Potsdam
Veranstaltungsort
Universität Potsdam
Veranstalter
Dr. Sebastian Ernst, Institut für LER, Universität Potsdam
Datum
03.04.2020 - 04.04.2020
Bewerbungsschluss
01.03.2020
Von
Dr. Sebastian Ernst

In den wissenschaftlichen Diskursen der letzten Jahrzehnte nehmen die verschiedenen s.g. Cultural Turns einen wichtigen Platz ein. Im Kern geht es diesen darum, bisher vernachlässigte und erkenntnistheoretisch wie methodisch übergangene Phänomene genauer unter die Lupe zu nehmen und aus diesen neue Perspektiven zu gewinnen, um menschliches Sein und Tun zu erklären.
Zu den bisher betrachteten zentralen Phänomenen gehören neben Performanzen, Räumen und Geräuschen auch Emotionen. Deren Erforschung hat in den letzten Jahren in den verschiedensten Wissenschaften einen regelrechten Boom erlebt, der entsprechend mit einem eigenen Begriff, dem emotional turn, kommunizierbar gemacht worden ist. Auch hier richtet sich der Blick der Wissenschaftler_innen nicht nur auf die Entstehung, Funktion, Rolle, Bedeutung und Geschichte menschlicher Emotionalität. Vielmehr geht es darum, mit der Brille der Emotionalität auf den Menschen und dessen Gesellschaften zu schauen, um so neue Erkenntnisse zu gewinnen.
Dabei wird die individuelle und soziale Bedeutung emotionaler Prozesse immer wieder betont. Einige Forscher_innen erklären Emotionen dabei zur Grundbedingung von Bedeutung, Handeln, Wahrnehmen und Denken. Fehlen die nötigen emotionalen Prozesse, so sei es dem Menschen nicht möglich, seine Wahrnehmung zu filtern, eine geeignete Interpretationen vorzunehmen, zu handeln oder sich in sozialen Gruppen zu organisieren.
Eine weitere zentrale Debatte der Emotionsforschung kreist dabei um die Frage, inwieweit das menschliche Gefühlsleben biologisch-universell oder kulturell-relativistisch zu fassen ist. Auch wenn dabei im Detail Uneinigkeit herrscht, so besteht doch Konsens über einen grundsätzlichen kulturellen Einfluss.

Beide Ergebnisse zusammengenommen, scheinen die spätestens mit Verbreitung konstruktivistischer Erkenntnistheorie und Methodologie ohnehin fragwürdig gewordenen Erzählungen vom rationalen, objektiven und vom Gegenstand seiner Betrachtung unabhängigen Menschen endgültig ausgedient zu haben. Dies gilt im besonderen Maße auch für die Forschenden selbst, die sich diesbezüglich selbst bisher nicht in den Blick genommen haben.
Eine zeitgenössischen Erkenntnissen und Anforderungen gerecht werdende wissenschaftliche Reflexion muss die eigene Emotionalität einbeziehen. Dabei geht es nicht nur darum, dass auch Forscher_innen mit Versagensängsten und Erwartungsdruck zu kämpfen haben. Emotionen beeinflussen auch hier das Wahrnehmen, Denken und Handeln der Akteur_innen und somit die Forschungsergebnisse. Dies ist dabei aber keineswegs negativ zu sehen. So sind sie als körperlich spürbare Belohnungs- und Bestrafungsinstanz maßgeblich an der Generierung von Motivation beteiligt und nötig, um Entscheidungen zu treffen. Da zudem ein emotionsloser Zustand ohnehin unmöglich erscheint, muss die Frage lauten, wie die eigene Emotionalität in die Forschung (bspw. im Rahmen wissenschaftlicher Selbstreflexion und Methodendiskussion) sinnvoll zu integrieren ist anstatt diese, wie bisher, als Störfaktor zu betrachten oder mit Hilfe unreflektierter Rationalitätserzählungen schlicht zu leugnen.
Für das Forschen existieren somit auch spezifische emotionale Regeln und Normen, denen sich die einzelnen Akteur_innen gegenübergestellt sehen. Hinzu kommen durch bestimmte Erwartungen und Hierarchien hervorgerufene Wirkungen, die das forschende Individuum zu managen hat.
Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Vermittlung in Form von Lehre und Unterricht. Klassenzimmer und Hörsäle sind emotionale Räume, die durch bestimmte Regeln und Normen des Fühlens gekennzeichnet sind. Diese werden allerdings selten reflektiert und hinsichtlich ihres Konfliktpotentials untersucht. Zugleich wirken sich das Wohlbefinden und der Grad an Vertrauen stark auf die Aneignung neuer Wissensbestände und deren Nachhaltigkeit aus. Lehrenden kommt damit letztlich die Rolle als Emotionsmanager_innen zu und zwar nicht nur in Bezug auf sich selbst, sondern auch mit Hinblick auf die Lernenden. Obwohl diese Erkenntnisse nicht neu sind, mangelt es auch hier immer noch an geeigneten Methoden der Umsetzung.
Ein Grund dafür könnte sein, dass Emotionen selten überhaupt in den einzelnen Fächern thematisiert werden und dies, obwohl die Wissenschaft diese vielfach als Analysekategorie nutzbar gemacht haben. Im Unterricht aber herrscht weiterhin eine kognitive bzw. rationalistische Engführung vor, die es nicht nur versäumt, Kompetenzen im Umgang mit der eigenen Emotionalität aktiv zu fördern und Emotionen als wichtiges und vielschichtigen Aspekt menschlichen Handels in allen Bereichen zu betrachten, sondern stattdessen auch immer noch Erzählungen von emotionslosen Fakten und neutraler Wissenschaft reproduziert. Aber wie soll hier Abhilfe geschaffen werden? Wie lassen sich Emotionen als Thema in den bisherigen Lehrplänen integrieren, wie diese thematisieren und mit welchen Methoden kann eine emotionale Kompetenz nicht nur in Bezug auf andere, sondern auch auf sich selbst ausgebildet werden?

Diesen Fragen widmet sich die am 03. - 04. April 2020 an der Universität Potsdam stattfindende Workshoptagung, zu der alle Interessierten herzlich einladen sind. Ausgerichtet wird diese vom Institut für LER als genuinen Ort interdisziplinären Forschens, Lehrens und Lernens.
Entsprechend richtet sich die Einladung sowohl an Fachwissenschaftler_innen unterschiedlicher Disziplinen (Geschichte, Kulturwissenschaften, Philosophie, Soziologie, Psychologie, Religionswissenschaft), Fachdidaktiker_innen und Lehrer_innen, als auch an Psychotherapeut_innen und anderen Akteur_innen, die sich praktisch mit emotionaler Reflexion auseinandersetzen.

Das Ziel ist es, nicht nur jene Emotionalität als Einflussfaktor auf das Denken und Handeln forschender und lehrender Akteur_innen bewusst zu machen und deren Auswirkungen zu thematisieren, sondern darauf aufbauend bestehende Methoden des Umgangs, der Nutzbarmachung und der Integration in die wissenschaftliche (Selbst-)Reflexion zu diskutieren und gemeinsam neue zu entwickeln.

Die Veranstaltung ist entsprechend in mehrere Sektionen aufgeteilt, zu denen Beiträge eingereicht werden können:

1. Forschung
(Emotionen als Einflussfaktoren auf das eigene Forschen, Wissenschaft als emotionales Regime, Forscher_innen als emotionale Gemeinschaft, Erfahrungsberichte und Reflexionen zu Emotionen und eigenem Forschen, Methoden emotionaler Reflexion und der Nutzung von Emotionen in Wissenschaft und Forschung)

2. Lehre und Unterricht
(Die Rolle von Emotionen in Lehr-Lern-Prozessen, Hörsaal und Klassenzimmer als emotionale Räume, Lehrende und Lernende als emotionale Gemeinschaften, Schule und Universität als emotionale Regime, Erfahrungsberichte und Reflexionen zu Emotionen und eigenem Lehren und Lernen, Methoden emotionaler Reflexion und Nutzung von Emotionen in Unterricht und Lehre, Emotionen als Thema im Unterricht)

3. Emotionsmanagement
(Forschung zu Methoden des Emotionsmanagements, Praktiken der Bewusstmachung und Regulation von Emotionen aus Psychologie, Psychotherapie, Coaching, usw.)

4. Workshopteil
(Ausprobieren von Methoden zum Emotionsmanagement und zum Einsatz von Emotionen für den Erkenntnisgewinn, gemeinsame Erarbeitung weiterer Möglichkeiten des Umgangs und Diskussion zur Adaptierung bestehender Angebote)

Bei Interesse an einer Teilnahme bitten wir Sie, bis zum 01.03.2020 ein kurzes, 1-2 seitiges Abstract an Dr. Sebastian Ernst (seernst@uni-potsdam.de) zu schicken, indem Sie kurz sich und ihren Beitrag vorstellen.

Eine finanzielle Unterstützung zu den Reisekosten und der Unterbringung der Referent_innen wird angestrebt, kann aber noch nicht zugesagt werden.

Kontakt

Sebastian Ernst

Institut für LER, Universität Potsdam, Am Neuen Palais 10, 14469 Potsdam

seernst@uni-potsdam.de

Zitation
Emotionslose Fakten, unbeteiligte Beobachter_innen und neutrale Lehrer_innen? - Die affektive Dimension von Forschung, Lehre und Unterricht, 03.04.2020 – 04.04.2020 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 22.11.2019, <www.hsozkult.de/event/id/termine-41850>.