Architektur und Demokratisierung: Vergessene Zeugen alliierter Intervention im besetzten Deutschland nach 1945

Ort
Bamberg
Veranstalter
Lehrstuhl für Denkmalpflege, Universität Bamberg
Datum
04.06.2020 - 06.06.2020
Bewerbungsschluss
15.01.2020
Von
Johanna Blokker

Bei der Reform und dem Wiederaufbau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Architektur und der Stadtplanung eine Schlüsselrolle zugewiesen: Sowohl die BRD als auch die DDR waren Visionen eines neuen, anderen und besseren Deutschland, das zum Teil durch Planung und Bau realisiert werden sollte.

Diese Arbeit wurde zwar weitgehend von den Deutschen selbst geleistet, war aber durchaus auch ein internationales Projekt, das von den alliierten Besatzungsmächten gefördert und überwacht wurde. Durch Unterstützung für bestimmte deutsche Initiativen im Bereich des Bauens, durch die Präsentation der eigenen Städte und Strukturen als Vorbilder, und durch die Bereitstellung erheblicher finanzieller und materieller sowie intellektueller Ressourcen für demokratiefördernde Projekte und Programme mit einer mit einer baulichen oder planerischen Dimension versuchten die militärischen und zivilen Behörden der Vereinigten Staaten, Großbritanniens, Frankreichs und der Sowjetunion den Charakter des deutschen Wiederaufbaus im Einklang mit ihren jeweiligen ideologischen und politischen Zielen zu beeinflussen.

Das Erbe dieser Bemühungen ist heute in der Landschaft des wiedervereinten Deutschlands überall zu finden. Veranstaltungen wie die Berliner Ausstellung „Geschenke der Amerikaner" 2009 erinnern gelegentlich daran; in diesem wie in anderen Kontexten sind es jedoch meist nur die offenkundigsten Ausdrücke der Ideologie sowie die großen Design-Highlights, die Beachtung finden. Unterdessen wird die überwiegende Mehrheit der alliierten Eingriffe in die gebaute Umwelt Deutschlands – diejenigen, die den Hauptteil der Demokratisierungsarbeit leisten sollten – weiterhin übersehen. Tatsächlich ist die architektonische Landschaft auf beiden Seiten der ehemaligen Binnengrenze und weit über die Grenzen Berlins hinaus mit Strukturen übersät, die mal auf mehr, mal auf weniger sichtbare Weise von den Versuchen der Besatzungsmächte zeugen, dauerhafte, supranationale Werte- und Interessengemeinschaften um das dehnbare Konzept der Demokratie zu bilden.

Die Konferenz „Architektur und Demokratisierung" will diesen Missstand beheben.

Erstes Ziel ist es, die Aufmerksamkeit auf vergessene oder vernachlässigte Artefakte westlicher und sowjetischer kulturpolitischer Interventionen in die gebaute Umwelt Deutschlands zu lenken, um ein umfassenderes und detaillierteres Bild dieser Aktivitäten zu erhalten.

Zweitens möchte die Konferenz die Gedanken hinter diesen Interventionen analysieren und feststellen, wie Bauen und Planen das Ziel der Demokratisierung von West- und Ostdeutschland fördern sollten. Beitragende werden ermutigt, die folgenden Fragen zu prüfen:

- Welche Modalitäten des kulturpolitischen Einflusses schrieben die verschiedenen Besatzungsbehörden dem Bauen, Planen und Gestalten zu?

- Was verraten die aufgedeckten Beispiele über die von der jeweiligen Besatzungsmacht geförderten Konzepte der „Demokratie"? In welchem Verhältnis standen diese Konzepte zu ihren unmittelbaren Zielen für Deutschland einerseits und zu ihren größeren geopolitischen Zielen vor dem Hintergrund des sich anbahnenden Kalten Kriegs andererseits?

- Die Absichten der amerikanischen, britischen, französischen oder sowjetischen Behörden wurden oft von den Deutschen selbst verwirklicht: Wie haben diese die Absichten der Besatzer rezipiert, interpretiert und/oder transformiert im Prozess der Umsetzung?

- Welche Rolle spielten andere Kanäle des architektonischen Diskurses zwischen Besatzern und Besetzten, wie z.B. Design- und Planungsausstellungen, Fachtagungen oder Austausch von Fachleuten bei den Demokratisierungsbemühungen?

- Welche Beweise gibt es für Interaktion und Austausch unter den vier Besatzungsmächten selbst in Fragen hinsichtlich Architektur und Demokratisierung, und was war der Charakter und die Wirkung dieser Interaktion?

- Welche nachhaltigen Auswirkungen hatten die Interventionen der alliierten Besatzer auf das Planen und Bauen in Deutschland in den folgenden Jahrzehnten? Und umgekehrt, welche Lektionen oder Erkenntnisse nahmen die Besatzer von ihren Experimenten in Deutschland mit und wie wurden diese in ihren eigenen Ländern angewendet?

Ein dritter Schwerpunkt wird auf die Auseinandersetzung mit dem Wert dieses architektonischen Erbes der Vergangenheit als Quelle von Erkenntnissen für die Gegenwart gesetzt – sowohl als eine Reihe von Antworten auf eine frühere Krise der Demokratie als auch als eines der Mittel, mit denen die scheinbar dauerhafte Struktur der Nachkriegswelt verfestigt wurde. Besonders willkommen sind Beiträge, die Vorschläge für die Erhaltung und Präsentation dieser historischen Ressource – keineswegs solide oder dauerhaft, aber offensichtlich sehr anfällig und zerbrechlich – anbieten und damit die Sichtbarkeit und Zugänglichkeit für heutige und zukünftige Generationen gewährleisten.

Anträge in deutscher oder englischer Sprache werden bis zum 15. Januar 2020 erbeten, Rückmeldungen werden bis zum 31. Januar 2020 gegeben.

Abstracts mit einem Umfang von max. 300 Wörtern sind per E-Mail einzureichen an: konferenz.denkmalpflege(at)uni-bamberg.de

Es ist geplant, die Ergebnisse der Tagung zu veröffentlichen.

Rückfragen richten Sie bitte an: johanna.blokker(at)uni-bamberg.de

Kontakt

Dr. habil. Johanna Blokker
Am Zwinger 4
96047 Bamberg

johanna.blokker(at)uni-bamberg.de
+49 (0)951 863 2343

Zitation
Architektur und Demokratisierung: Vergessene Zeugen alliierter Intervention im besetzten Deutschland nach 1945, 04.06.2020 – 06.06.2020 Bamberg, in: H-Soz-Kult, 25.11.2019, <www.hsozkult.de/event/id/termine-41872>.