Gebrochene Traditionen? Jüdische Literatur und Musik im NS-Deutschland

Ort
Frankfurt an der Oder
Veranstaltungsort
Europa-Universität Viadrina Frankfurt an der Oder
Veranstalter
Axel Springer-Lehrstuhl für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), Lehrstuhl für die Geschichte der jüdischen Musik der Hochschule für Musik FRANZ LISZT in Weimar, in Kooperation mit dem Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg; Prof. Dr. Kerstin Schoor / Prof. Dr. Jascha Nemtsov / Dr. Christian Dietrich / Doris Maja Krüger / Nils Alberti
Datum
08.07.2020 - 11.07.2020
Bewerbungsschluss
28.01.2020
Von
Axel Springer-Lehrstuhl für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)

Anlässlich der Öffnung des Digitalen Archivs jüdischer Autorinnen und Autoren in Berlin 1933–1945 (DAjAB, DFG-Projekt 2014-2021) an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) veranstaltet der Axel Springer-Lehrstuhl für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration gemeinsam mit dem Lehrstuhl für die Geschichte der jüdischen Musik der Hochschule für Musik FRANZ LISZT in Weimar in einer Kooperation mit dem Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg vom 8.-11. Juli 2020 eine interdisziplinäre, DFG geförderte Konferenz, die sich mit der Frage GEBROCHENE TRADITIONEN? einer kritischen Re-Lektüre von kulturellen und künstlerisch-ästhetischen Traditionsbezügen in der zeitgenössischen deutsch-jüdischen Literatur und Musik der 1930er und frühen 1940er Jahre im NS-Deutschland widmen soll.
Bereits eine erste, 2006 gemeinsam mit dem Jüdischen Museum Berlin (Schoor/Pomerance) veranstaltete internationale Konferenz zu deutsch-jüdischer literarischer Kultur im NS-Deutschland als auch der sich seit 2014 anschließende Aufbau des DAjAB (als Element einer empirischen Grundlagenforschung) am Frankfurter Lehrstuhl reagierten auf einen Stand literaturwissenschaftlicher Forschung, der – ungeachtet verdienstvoller Vorarbeiten seit Ende der 1970er Jahre (u. a. H. Freeden, V. Dahm, Y. Cochavi u. a.) – durch eine weitgehende Abwesenheit der Darstellung charakteristischer Entwicklungen literarischer Kultur von Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft in Deutschland nach 1933, durch das Fehlen einer Reflexion über die Gründe einer verzögerten Rezeptionsgeschichte dieser Literatur seit den Nachkriegsjahren bis in die 1990er Jahre sowie durch eine desolate Quellenlage in diesem Forschungsbereich gekennzeichnet war. Auch in der Musikwissenschaft wurden die spezifischen Eigenschaften und Rezeptionsbesonderheiten der deutsch-jüdischen musikalischen Kultur jener Zeit bis vor kurzem kaum beachtet. Allerdings lassen sich im gesamten Themenfeld seit einigen Jahren wesentliche Fortschritte in der Forschung sowie in der Bereitstellung von Originaldokumenten verzeichnen, zu denen auch die Digital Humanities zunehmend beitragen.
Die in den 1930er Jahren innerhalb Deutschlands im jüdischen Kulturkreis veröffentlichte Fülle von Gedichten, Romanen, Novellen, Broschüren und Zeitungsaufsätzen wurde eindrucksvoll bereits in dem von Hans Otto Horch betreuten Projekt Compact Memory – Deutsch-jüdische Literaturgeschichte im Web sichtbar. Archive wie das Leo Baeck Institut (New York, Jerusalem, London, Berlin), das Münchner Institut für Zeitgeschichte, die israelische Gedenkstätte Yad Vashem, das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin und zahlreiche andere Institutionen sammelten aus historischer Perspektive auch zu dem vom DAjAB fokussierten Zeitraum. Ansätze breiter ausgerichteter Sammlungsbemühungen sind zudem bereits seit einigen Jahren erkennbar: Im September 2012 richtete das Deutsche Literaturarchiv Marbach (DLA) eine Koordinationsstelle ein, die die forschungsbezogene Erschließung bis dato noch unerschlossener Bestände von jüdischen SchriftstellerInnen, WissenschaftlerInnen und Intellektuellen aus Mitteleuropa, die während und nach der NS-Zeit nach Palästina/Israel emigrierten bzw. deren Nachlässe sich heute in Israel befinden, gewährleisten soll. Ein an der Freien Universität Berlin initiiertes Vorhaben zum Aufbau einer Sammlung der in Deutschland nach 1933 in jüdischen Verlagen veröffentlichten Bücher jüdischer AutorInnen wurde seit Ende 2012 von der Philologischen Bibliothek realisiert. Yad Vashem richtete unter Leitung von Prof. Dr. Guy Miron eine besondere Forschungsabteilung zum jüdischen Leben im NS-Deutschland ein. Am Leibniz-Institut für Jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow in Leipzig setzte die Jacob Toury-Bibliothek einen ausgewiesenen Schwerpunkt in „der Geschichte der nationalsozialistischen Judenverfolgung und des Holocaust“, die Hebrew University in Jerusalem erschließt ihre historischen Archive (1918–1948) usf.
Das seit 2014 konzipierte und aufgebaute Digitale Archiv jüdischer Autorinnen und Autoren in Berlin 1933–1945 (DAjAB) reiht sich daher mit einem spezifisch literatur- und kulturwissenschaftlichen Schwerpunkt zu „jüdischen Autorinnen und Autoren im nationalsozialistischen Berlin“ in diese internationalen Bemühungen in der NS- und Holocaust-Forschung ein und profitiert von daraus entstehenden internationalen Kooperationen. Es soll – vor seiner geplanten Fertigstellung 2021 – im Juli 2020 erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt werden, um Erweiterungs- und Korrekturvorschläge noch in der Projekt-Abschlussphase aufnehmen zu können.

Die auch für das DAjAB bislang sinnvolle Verschränkung von Forschung und notwendiger digitaler Quellen- und Materialerschließung prägt in einer geplanten Dreiteilung auch die Konzeption der geplanten Konferenz. Wir bitten daher um Beitragsangebote für:
1. literatur- und musikwissenschaftlich orientierte Fachvorträge,
2. einen Workshop mit thematisch einschlägigen Promotionsvorhaben,
3. einen Workshop zum Thema Digital Humanities und Jüdische Studien mit einschlägigen digitalen Projekten oder Projektvorhaben, die im weiteren thematischen Rahmen angesiedelt sind.

Wir gehen in einem ersten Schwerpunkt zunächst davon aus, dass im NS-Deutschland ein relevantes literarisches und künstlerisches Leben der aus dem öffentlichen Raum ausgegrenzten deutsch-jüdischen SchriftstellerInnen und KünstlerInnen existierte, das sowohl aus literatur- als auch musikwissenschaftlicher Perspektive noch immer einer weiteren Aufarbeitung harrt. Noch 1997 resümierte Saul Friedländer zudem in seinem Buch Nazi Germany and the Jews. The Years of Persecution, 1933–1939 (dt. 1998), dass man in vielen wissenschaftlichen Darstellungen „die Opfer dadurch, daß man implizit von ihrer generellen Hoffnungslosigkeit und Passivität ausging oder von ihrer Unfähigkeit, den Lauf der zu ihrer Vernichtung führenden Ereignisse zu ändern“, diese „in ein statisches und abstraktes Element des historischen Hintergrundes verwandelt“ habe (Friedländer 2000). Er formulierte daher gegen dieses Verständnis aus historischer Sicht einen methodischen Ausgangspunkt seiner Arbeit, der implizit auch als grundlegender Ansatz des DAjAB wie der von uns geplanten Konferenz gleichermaßen gelten kann. Dieser ist nicht nur mit einer „verstärkte[n] Hinwendung zum innerjüdischen Leben seit Anfang der 80er Jahre“ (Friedländer 2000) beschrieben, sondern formuliert den Versuch, die verfolgten SchriftstellerInnen, KünstlerInnen und Intellektuellen jüdischer Herkunft als Träger und Akteure einer literarischen und musikalischen Kultur sui generis sichtbar zu machen – immer im Bewusstsein dessen, dass dieser Kultur engste zeitliche, politische und inhaltliche Grenzen gesetzt waren und die jüdische Literatur und Kunst im NS-Deutschland alles andere war als autonom.
Dabei sehen wir uns einem Forschungsfeld gegenüber, in dem – forciert durch die damalige politische Zensur, Ausgrenzung und Verfolgung von Jüdinnen und Juden im NS-Deutschland – Entwicklungen in Literatur und Musik stärker als in anderen Zeiten geprägt wurden durch eine (kritische) Reflexion überkommener künstlerisch-ästhetischer wie kultureller Traditionen und damit einhergehender (Neu-)Bestimmungen eigener künstlerischer Positionen. Die in der Konferenz gestellte Frage nach erkennbaren künstlerisch-ästhetischen wie kulturellen Traditionsbezügen zeitgenössischer Musik und Literatur in deutscher und/oder in jüdischer und/oder in anderen Kulturen wird für SchriftstellerInnen und MusikerInnen jüdischer Herkunft in diesen Jahren daher geradezu zur Gretchenfrage künstlerisch-ästhetischer Positionsbildungen wie erkennbarer Bemühungen um kollektive Selbstverständigung in und zu einem rassistischen und antisemitischen System. Denn selbst in Zeiten der Verfolgung bleibt die Geschichte von Juden und Nicht-Juden in Deutschland eine „vielfältige, langfristige, wechselhafte und fragile gemeinsame ‚Beziehungsgeschichte‘“, deren jüdische Akteure „als Träger einer bedeutenden eigenen Kultur und Mitgestalter gemeinsamer deutscher Geschichte erscheinen“ (Schulz-Hardt 2011), einer Beziehungsgeschichte, deren viel diskutierte, reale Beschaffenheit sich hier gerade in der Katastrophe erweist.
Wir bitten um Vortragsangebote von ca. 30 min zu diesem Themenfeld.
 
Ein interdisziplinärer Workshop mit Promovierenden und NachwuchswissenschaftlerInnen aller Disziplinen, die sich in einem laufenden Projekt befinden, das sich thematisch mit dem kulturellen, literarischen, künstlerischen, politischen usf. Leben deutscher Juden im NS-Deutschland beschäftigt, ist der zweite Konferenzschwerpunkt. Der Workshop eröffnet Raum zur Diskussion methodisch-theoretischer Forschungsansätze und erlaubt die Präsentation erster Forschungsergebnisse und Arbeitsresultate. Die ReferentInnen können dabei in einen internationalen Austausch mit anderen Promovierenden treten und Beratung durch ausgewiesene FachwissenschaftlerInnen erhalten.
Promovierende mit einschlägigem Projekt sind eingeladen, Vortragsangebote von ca. 20 min für den Workshop einzureichen.
 
Den dritten Schwerpunkt der Konferenz bildet ein Workshop zum Thema Digital Humanities und Jüdische Studien. Eingeladen sind VertreterInnen mit einschlägigen digitalen Projekten oder Projektvorhaben im Bereich der Jüdischen Studien oder angrenzender Fächer. Im Gespräch von FachwissenschaftlerInnen und InformatikerInnen sollen Arbeitsabläufe diskutiert und Best-Practice-Strategien herausgestellt werden. Das DAjAB versteht sich auch in technischer Hinsicht als Ausgangspunkt weiterer Forschungsvorhaben. Mit dem Ziel, die in der Aufbauphase des DAjAB gemachten Erfahrungen zum Nutzen anderer Projekte weiterzugeben, richtet sich der Call ausdrücklich auch an FachwissenschaftlerInnen mit Projektideen. Zugleich versucht der Workshop eine Bestandsaufnahme aktueller digitaler Projekte in den Jüdischen Studien.
 
Kosten für Fahrt und Unterkunft können für die ReferentInnen übernommen werden. Eine Publikation im Anschluss an die Konferenz ist vorgesehen.

Bewerbungsschluss ist der 28.01.2020!
 
Vortragsangebote richten Sie bitte an: sekretariat-schoor@europa-uni.de
 
1. unter dem Kennwort: „Musik- und literaturwissenschaftlicher Fachvortrag“ Abstracts (max. 1.000 Zeichen + bio-bibliografische Angaben) für Beiträge von ca. 30 Minuten,
 
2. unter dem Kennwort; „Interdisziplinärer Doktoranden-Workshop“ Abstracts (max. 1.000 Zeichen + bio-bibliografische Angaben) für Beiträge von ca. 20 Minuten,
 
3. unter dem Kennwort: „Digital Humanities und Jüdische Studien“ Abstracts über das jeweils vorzustellende Projekt (max. 1.000 Zeichen + bio-bibliografische Angaben) für Beiträge von ca. 15–20 Minuten.

Kontakt

Axel Springer-Lehrstuhl für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration
Kulturwissenschaftliche Fakultät
Europa-Universität Viadrina
Große Scharrnstr. 59
15230 Frankfurt (Oder)

sekretariat-schoor@europa-uni.de

Zitation
Gebrochene Traditionen? Jüdische Literatur und Musik im NS-Deutschland, 08.07.2020 – 11.07.2020 Frankfurt an der Oder, in: H-Soz-Kult, 06.12.2019, <www.hsozkult.de/event/id/termine-41963>.
Redaktion
Veröffentlicht am
06.12.2019
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