Von der Physikotheologie zum Vitalismus? Transformationen des Verhältnisses von Naturforschung und Religion im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert

Ort
Halle an der Saale
Veranstalter
Interdisziplinäres Zentrum für Pietismusforschung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Datum
31.08.2020 - 02.09.2020
Bewerbungsschluss
15.02.2020
Von
Ruhland, Thomas

Nach konventioneller Auffassung ist spätestens mit Kants Kritik an einem theoretischen Gottesbeweis auf der Basis einer physikotheologisch basierten Teleologie in der Kritik der Urteilskraft die Physikotheologie nicht nur theoretisch erledigt worden, sondern auch aus dem Kanon von „Aufklärung“ verschwunden. Implizit wird damit auch die Trennung von Naturwissenschaft und Theologie/Religion und zugleich das tatsächliche Ende der Physikotheologie als einer Bewegung suggeriert, die Naturforschung, Naturphilosophie, Theologie und religiöse Praxis miteinander verband. Zuweilen besteht der Eindruck, die Vorgeschichten mancher modernen Naturwissenschaften würden als „esoterisch“ oder „pseudowissenschaftlich“ aus den heutigen Debatten ausgeblendet.

Diesem Befund widersprechend soll die These aufgestellt werden, dass es auch im späteren 18. bis mittleren 19. Jahrhundert wohl eine zunehmende disziplinäre Differenzierung und Verhältnisneubestimmung, aber keine Trennung zwischen Religion/Theologie und Naturforschung gegeben hat. Zur Debatte steht, inwiefern das in der „älteren“ Physikotheologie herrschende Verhältnis zwischen Naturforschung und Theologie ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in sich wandelnden disziplinären Kontexten und Interdependenzen und im Rahmen neuer Praktiken und akademischer Fächer transformiert und dadurch modifiziert fortgeführt worden ist.

So hat Peter Hanns Reill für den „Enlightened Vitalism“ um 1800 herausgearbeitet, dass die empirische Naturbeobachtung von der Annahme subtilmaterieller Kräfte, die sich der gewöhnlichen empirischen Erkenntnis entzogen und nur als Wirkung wahrnehmbar waren, abgetrennt worden ist. Dadurch wurden zeitgenössisch oftmals als „okkulte“ im Sinne von verborgen aufgefasste Kräfte angenommen, deren Herkunft entweder gar nicht hinterfragt oder – in theosophisch-aufklärerischen Kreisen – göttlich verankert worden ist. Diese Vorstellungen konnten auch in mesmeristische, medizinisch-therapeutische Theorien und Praxen eindringen, die sich um 1800 zunehmend mit religiösen Handlungen und spiritistischen Modellen verbanden. Inwiefern handelt es sich dabei um einen Paradigmenwechsel und gleichzeitig um eine Fortführung der „älteren“ Physikotheologie?

Für die Untersuchung der Spanne zwischen dem späteren 18. und frühen 19. Jahrhundert sind Perspektiven wie z.B. Vitalismus, Hermetismus, Theosophie und Pansophie zu berücksichtigen, zum anderen die Verbindung religiöser/theologischer Fragestellungen mit dem ursprünglich als materialistisch angelegten System des Mesmerismus in Gestalt von Somnambulismus, mesmeristischer Magie, „romantischer Naturphilosophie“ oder „Theologie der Elektrizität. Ebenso sind Felder zu befragen, auf denen die genannten Perspektiven und Verbindungen Wirkung entfaltet haben wie etwa in Seelenlehren, naturkundlichen Taxonomien, in medizinischer Theoriebildung und Praxis, Energietheorien, Konzepten von einer lebenden Natur, der scala naturae oder neuen Formen von Kameralismus wie den Agrartheologien. Schließlich fallen auch die Felder jenseits der unmittelbaren akademischen Debatten in den Blick, in denen das Verhältnis zwischen Naturforschung und religiösen Konzeptionen thematisiert und repräsentiert worden ist: Inszenierungen in Kunst und Musik, Ästhetisierungen in Prosa und Dichtkunst, Performationen in Pädagogik, Homiletik und Katechetik, insbesondere in der blühenden Sammlungs- und Gartenkultur mit ihren jeweiligen Praktiken und die „Volksaufklärung“.

Im Blick auf die hier konstatierten Kontinuitäten, Transformationen und Diskontinuitäten will die Tagung fragen: (1) inwiefern in der zweiten Hälfte des 18. und im frühen 19. Jahrhundert das Verhältnis von Naturforschung und theologischen sowie naturphilosophischen Debatten neu figuriert worden ist; (2) inwieweit ältere physikotheologische Praktiken im späteren 18. Jahrhundert modifiziert oder beibehalten worden sind; wie (3) klassische physikotheologische Themen in neuen Bereichen der sich differenzierenden naturforschenden Disziplinen, z.B. in den Konzepten von Präformation und Epigenese oder künstlichem und natürlichem System, modifiziert werden und sich wechselseitig auf Naturforschung und Theologie gleichermaßen auswirken. Dazu wäre (4) zu klären, auf welche Art und Weise sich im späteren 18. Jahrhundert aufklärerische Konzepte mit vitalistischen und neuformierten theosophischen und hermetischen Konzeptionen verbunden haben und dabei zeitgenössische Verständnisse von Rationalität beeinflussten; ob (5) ältere physikotheologische Naturordnungen und Naturgesetze durch Verbindungen etwa mit vitalistischen oder theosophischen Konzeptionen auf innovative Weise „re-theologisiert“ worden sind; inwiefern (6) sich diese Verbindungen auf theologische Entwürfe ausgewirkt haben; und ob (7) mit theologischer Episteme generierte Erklärungsmuster in die Naturforschung transportiert worden sind; sowie, als Ausblick, (8) inwieweit sich die Neukonstituierung des Verhältnisses zwischen modernen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften ab ca. Mitte des 19. Jahrhunderts als Bruch gegenüber den vorauslaufenden Entwicklungen beschreiben lässt.

Bitte senden Sie Ihren Titelvorschlag nebst Abstract von ca. 250 Wörtern und ein kurzes CV bis zum 15. Februar 2020 an:

Kontakt

Annegret Jummrich

Interdisziplinäres Zentrum für Pietismusforschung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Franckeplatz 1, Haus 24
06110 Halle

annegret.jummrich@izp.uni-halle.de

Zitation
Von der Physikotheologie zum Vitalismus? Transformationen des Verhältnisses von Naturforschung und Religion im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, 31.08.2020 – 02.09.2020 Halle an der Saale, in: H-Soz-Kult, 15.12.2019, <www.hsozkult.de/event/id/termine-42000>.