Migration und Diaspora als Themen der globalen Christentumsgeschichte

Ort
Center for Advanced Studies, LMU München
Veranstaltungsort
Seestraße 13 80802 München
Veranstalter
PD Dr. Ciprian Burlacioiu, Evangelisch-Theologische Fakultät, LMU München
Datum
25.03.2020 - 26.03.2020
Von
Burlacioiu, Ciprian

Ausbreitung
Die globale Ausbreitung des Christentums seit der frühen Neuzeit wird weithin als das Ergebnis der planvollen Tätigkeit westlicher Missionare angesehen. Weithin unbeachtet geblieben (oder nur einzelnen Spezialisten bekannt) ist die enorme Bedeutung, die der freiwilligen oder unfreiwilligen Migration von Christen als Individuen oder Gruppen bei diesem Prozess überregionaler Ausbreitung zukam. Vielfach begründeten indigene Migranten die Anfänge christlicher Präsenz in Regionen, lange bevor dort die ersten euroamerikanischen Missionare auftauchten. Auch die überseeischen Aktivitäten von Gruppen wie den Hugenotten oder Herrnhutern waren oft zunächst das Resultat von Flucht und Vertreibung. Christentumsgeschichtlich relevante Migrationsströme lassen sich in unterschiedlichen Jahrhunderten beobachten. Dramatisch zugenommen haben sie durch die globalen demographischen Verschiebungen in den letzten 50 Jahren – mit zahlreichen afrikanischen Kirchen etwa in Europa oder asiatischen und lateinamerikanischen Gemeinden in den USA. Diese veränderte aktuelle Situation nötigt zugleich zu einem veränderten Blick auf frühere Etappen der globalen Christentumsgeschichte.

Transformation und Mobilität
Die Bedeutung der Migration und Diaspora für das Christentum in seiner Geschichte reduziert sich nicht nur auf seine Ausbreitung. Viele seiner Facetten – von der Bibelexegese über Gottesdienstpraktiken und Frömmigkeitsformen bis hin zu theologischer Reflexion – wurden von Migration und Diasporadasein punktuell oder nachhaltiger beeinflusst oder sogar umgeformt. Die Tatsache, dass die Historiographie sich eher auf sesshafte Erscheinungsformen des Christentums wie Diözesen, Landeskirchen, Territorialverbände oder sonstige formen kirchlicher Organisation konzentriert hat, lenkte auch die Aufmerksamkeit von der räumlichen Mobilität zur Territorialität. Dennoch bleibt das Christentum eine Religion, zu deren wesentlichen historischen Merkmalen auch die Mobilität gehört. (Und das dürfte – in unterschiedlichem Ausmaß – auch für andere Religionen mit universalen Ansprüchen zutreffen.) Eine stärkere Miteinbeziehung der Migration und Diaspora dürfte auch den Aspekt der Mobilität für die Historiographie zurückgewinnen.

Globalität
Auch wenn Migration und Diaspora aus europäischer Perspektive vielfach nicht als Konstante, sondern eher als gelegentliche Phänomene wahrgenommen werden, ist deren enorme Bedeutung doch bei Berücksichtigung eines globalen Horizontes evident. Zahlreiche heute selbstverständlich das Bild des globalen Christentums konstituierenden Bewegungen führen ihre Herkunft auf Migration und Diaspora zurück. Über die Geschichte westlicher Konfessionstraditionen in der Neuen Welt hinaus, die aufgrund ihrer soliden Ausarbeitung in Rahmen dieser Konferenz nicht thematisiert werden, wurde die Geschichte des Christentums in Afrika und in Asien wenigstens genauso stark davon geprägt, wie von der Mission. Das afro-amerikanische Christentum verdankt hingegen fast vollständig seine Genese und Identität der Migration und Diaspora.

Christentumsgeschichtliche Historiographie
Mit dieser Konferenz wird nicht der Versuch unternommen, eine neue Geschichte des Christentums im Sinne eines migration turn zu entwerfen. Es wird vielmehr nach Kriterien für eine reflexive Historiographie gesucht, die traditionelle Selektionskriterien hinterfragt und aus der Perspektive der gegenwärtigen Situation zu erweitern versucht. Dies geschieht im Bewusstsein, dass durch eine solche Reflektion lange vergessene Phänomene aus den vergangenen Epochen der Kirche als globaler Gemeinschaft zurückgewonnen werden können. Mit anderen Worten: Es ist der Versuch, mit den Erfahrungen der Gegenwart auf die Geschichte zu schauen, ohne diese auf den einen oder anderen heute aktuell diskutierten Aspekt reduzieren zu wollen. Mit Sicherheit waren Migration und Diaspora im langen Verlauf der Christentumsgeschichte zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten nicht gleichermaßen wichtig.

Die auf der Konferenz erörterten Fallbeispielen zielen darauf ab, unterschiedliche Epochen der Christentumsgeschichte abzudecken. Über die bereits angedeuteten Aspekte – wie die Ausbreitung, die Transformation oder die Globalität des Christentums – suchen sie zugleich auch andere oft übersehenen Facetten dieser Weltreligion beispielhaft ins Licht zu rücken und ins Gesamtbild der Kirchengeschichte einzufügen. Das wird im Rahmen dieser Konferenz nicht nur durch die Vorträge, sondern gleichermaßen durch das zu erwartende interdisziplinäre Gespräch zwischen Vertretern verschiedener historischer Fachrichtungen geschehen.

Programm

Mittwoch, 25. März 2020

14:00 – 14:30
Ciprian Burlacioiu (LMU)
Welcome and Introduction

Panel 1 Antikes Christentum

14:30 – 15:10
Werner Kahl (Hamburg / Frankfurt a.M.)
Migration Experiences, Gospel Interpretation, and the Emergence of Multiethnic Communities in Early Christianity

15:10 – 15:50
Katharina Heyden (Bern)
Westliche Christinnen und Christen als Migranten im spätantiken Palaestina

15:50 – 16:10
Kaffeepause

16:10 – 16:50
Christoph Auffarth (Bremen)
Religion im Gepäck: Von Migranten und religiösen Virtuosen in der römischen Kaiserzeit

Panel 2 Mittelalter

16:50 – 17:30
Hacik Gazer (Erlangen/Nürnberg)
Ein Leben als Diaspora: das Fallbeispiel der Armenier

17:30 – 17:50
Kaffeepause

17:50 – 18:30
Karl Pinggéra (Marburg)
Die Apostolische Kirche des Ostens: Zentrum und Diaspora

18:30 – 19:10
Martin Wallraff (LMU)
Migration in Antiquity and the Middle Ages. A few remarks on a neglected Topic in Ecclesiastical Historiography

19:30
Abendessen

Donnerstag, 26. März 2020

Panel 3 (Frühe) Neuzeit

9:00 – 9:40
Alexander Schunka (Berlin)
Mobility and Religious Practices among Protestants in the Early Modern Age

9:40 – 10:20
Bettina Braun (Mainz)
Migration und Diaspora im europäischen Katholizismus der Frühen Neuzeit

10:20 – 11:00
Christian Büschges (Bern)
Migration, Ethnicity, and the Formation of the Clergy in Colonial Spanish America

11:00 – 11:30
Kaffeepause

Panel 4 19. und 20. Jahrhundert

11:30 – 12:10
David Maxwell (Cambridge)
Christianity, Migration and Frontiers of Change in Africa

12:10 – 12:50
Jehu Hanciles (Atlanta)
The Black Atlantic as Handmaiden of African Christianity: Race, Religion, and Rebellion

12:50 – 13:00
Pause

13:00 – 13:40
Klaus Koschorke (LMU)
Indentured Labor, Oppression, Migration. Christian Diasporas in Asia in 19th and Early 20th Centuries

13:40 – 15:00
Mittagessen

15:00 – 16:00
Rundtischdiskussion – Most Recent Developments: Migration, Urban Space, and Religion
Gäste: Silke Hensel (Münster), David Maxwell (Cambridge), und Mark Frost (Essex)

16:00 – 16:15
Kaffeepause

16:15 – 17:15
Abschlussdiskussion über die Rolle der Migration und Diaspora in einer Globalgeschichte des Christentums mit Kurzkommentaren von
Michael Hochgeschwender (LMU) - (Early) Modern Times
Klaus Koschorke (LMU) - Global Perspectives

Kontakt

Ciprian Burlacioiu

Evangelisch-Theologische Fakultät der LMU, München

C.Burlacioiu@lmu.de

Zitation
Migration und Diaspora als Themen der globalen Christentumsgeschichte, 25.03.2020 – 26.03.2020 Center for Advanced Studies, LMU München, in: H-Soz-Kult, 09.02.2020, <www.hsozkult.de/event/id/termine-42480>.
Redaktion
Veröffentlicht am
09.02.2020