Die universitäre Medizin nach 1945: Institutionelle und individuelle Strategien im Umgang mit der Vergangenheit

Ort
Gießen
Veranstaltungsort
Institut für Geschichte der Medizin, Justus Liebig-Universität Gießen
Veranstalter
Professor Dr. Volker Roelcke, Dr. Sigrid Oehler-Klein (Institut für Geschichte der Medizin, Justus Liebig-Universität Universität Gießen ), Dr. Kornelia Grundmann (Emil von Behring-Bibliothek für Geschichte und Ethik der Medizin, Philipps-Universität Marburg)
Datum
05.10.2005 - 07.10.2005
Von
Volker Roelcke, Sigrid Oehler-Klein, Kornelia Grundmann

In der geplanten Arbeitstagung sollen 60 Jahre nach Kriegsende verschiedene Phasen der Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus in der Medizin beleuchtet werden. Ausgangspunkt ist der in der historischen Forschung inzwischen breit dokumentierte Befund, dass es auf sehr vielen Ebenen in den Universitäten und anderen Wissenschaftszentren (z.B. den Instituten der Kaiser-Wilhelm Gesellschaft) vielfältige Formen der Kooperation mit den verschiedenen Machtinstanzen des nationalsozialistischen Regimes gab. Zentrale Zielsetzung der Tagung ist es, sowohl die kritischen Auseinandersetzungen als auch die zweckgebundenen Konstruktionen bzw. Verleugnungen des Vergangenen im Bereich der universitären Medizin vor dem Hintergrund der geforderten Demokratisierung zu erfassen.
Die medizinischen Fakultäten und andere Einrichtungen biomedizinischer Forschung stellen für die Frage nach den Gemeinsamkeiten und den Unterschieden in den Strategien des Umgangs mit der Vergangenheit einen besonders geeigneten und in gewisser Weise exemplarischen Untersuchungsgegenstand dar, weil hier die Auseinandersetzungen mit der eigenen Vergangenheit einerseits besonders intensiv, andererseits auffällig mangelhaft gewesen zu sein scheinen. Die möglichen Erklärungen hierfür sind vielschichtig: 1. die medizinische Versorgungsnotlage nach dem Krieg, die einen enormen unmittelbaren Handlungsdruck in Richtung Wiederherstellung und Funktionieren medizinischer Institutionen erzeugte, 2. das Interesse sowohl der Forscher selbst als auch der Alliierten an der Auswertung zuvor geleisteter „kriegswichtiger“ medizinischer Forschung, 3. die beginnende Auseinandersetzung mit den medizinischen Verbrechen zur Zeit des Nationalsozialismus und 4. die gegenüber anderen Berufsgruppen überproportional hohen Verflechtungen mit den weltanschaulichen Vorgaben des nationalsozialistischen Regimes.

Erwartet wird ein besseres Verständnis der konkreten Formen der Aufgabenbewältigung innerhalb der universitären Nachkriegsmedizin, verbunden mit einem Einblick in die Selbsteinschätzungen der Wissenschaftler hinsichtlich ihrer innerhalb des nationalsozialistischen Regimes eingenommenen Rollen. Die Tagung soll zugleich in den Kontext der gegenwärtigen Diskussion über den Umgang von Wissenschaftlern und Eliten mit politischen Umbruchsituationen eingegliedert werden.
(Die Veranstaltung wird von der Fritz Thyssen-Stiftung gefördert)

Programm

Mittwoch, 5.10.2005

Informelles Treffen zum Kennenlernen: 19.00 Uhr

Donnerstag, 6.10. 2005

9.00 - 9.15: Volker Roelcke (Gießen): Begrüßung, Einführung

9.15 - 10.00:
Sabine Schleiermacher (Berlin): Eröffnungsvortag "Die universitäre Medizin nach dem zweiten Weltkrieg – institutionelle und persönliche Strategien im Umgang mit der Vergangenheit"

10.00 - 10.45:
Jürgen Peiffer (Tübingen): Verschiedene Phasen der Auseinandersetzung mit den Krankentötungen in der NS-Zeit in Deutschland nach 1945

10.45 - 11.15: Pause

11.15 - 12.00:
Gerrit Hohendorf/Maike Rotzoll (Heidelberg): Zwischen Tabu und Reformimpuls. Die Geschichte der Heidelberger Psychiatrischen Klinik nach 1945

12.00 - 12.45:
Roland Müller (Kassel): "Viele haben mehr in Not und Tod gelitten als ich". Die Rolle Ernst Kretschmers bei der Kontinuitätssicherung der Psychiatrie

13.00 - 14.15: Pause mit Mittagsimbiss

14.15 - 15.00:
Georg Hofer (Freiburg): Erinnerungspolitik an der Freiburger medizinischen Fakultät nach dem Krieg – ein Problemaufriss

15.00 - 15.45:
Michael Schüring (Berlin): Minervas verstoßene Kinder. Vertreibung, Entschädigung und die Vergangenheitspolitik der Max-Planck-Gesellschaft

15.45 - 16.15: Pause

16. 15 - 17. 00:
Carola Sachse (Wien): Vergangenheitsbereinigung: Der Fall Verschuer und die Neugründung der Max-Planck-Gesellschaft

17.00 - 17.45:
Sigrid Oehler-Klein (Gießen): "... in der abseitigen Position des Gelehrten ..." Hermann Alois Boehm, ehemaliger Direktor des Instituts für Erb- und Rassenpflege und emeritierter Professor für Humangenetik in Gießen

19.00: Abendessen

Freitag, 7.10. 2005

9.00 - 9.45:
Kornelia Grundmann (Marburg): Zur gesundheitlichen Versorgung unter amerikanischer Besatzung – die Marburger Universitätskliniken als Garanten der Krankenversorgung

9.45 - 10.30:
Brigitte Leyendecker (Berlin): Hepatitisforschung im Kontext der deutschen Wehrmachtsmedizin und deren Aufarbeitung nach dem Krieg

10.30 - 11.00: Pause

11.00 - 11.45:
Erhard Geissler (Berlin): Eugen Haagen, andere deutsche Naturwissenschaftler und Ärzte und die biologische Wiederbewaffnung

11.45 - 12.30:
Udo Schagen (Berlin): Selbstbild der Hochschullehrer der Charité in der SBZ

12.30 - 13.30: Pause mit Mittagsimbiss

13.30 - 14.15:
Andreas Malycha (Berlin): Der Umgang mit politisch belasteten Hochschullehrern an der Medizinischen Fakultät der Berliner Universität 1945 bis 1951

14.15 - 15.00:
Frank Sparing (Düsseldorf): Der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit an der Medizinischen Akademie Düsseldorf

15.00: Volker Roelcke (Gießen): Zusammenfassung

Abschlussdiskussion

Kontakt

Sigrid Oehler-Klein

Institut für Geschichte der Medizin
Jheringstr. 6
35392 Gießen

0641-9947712
0641-9947709
sigrid.oehler-klein@histor.med.uni-giessen.de

Zitation
Die universitäre Medizin nach 1945: Institutionelle und individuelle Strategien im Umgang mit der Vergangenheit, 05.10.2005 – 07.10.2005 Gießen, in: H-Soz-Kult, 21.09.2005, <www.hsozkult.de/event/id/termine-4391>.
Redaktion
Veröffentlicht am
21.09.2005
Klassifikation
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Veranstaltung