Körperwellen. Zur Resonanz als Modell, Metapher und Methode

Ort
Berlin
Veranstaltungsort
Tesla im Podewils'schen Palais; Klosterstrasse 68-70; 10179 Berlin
Veranstalter
Graduiertenkolleg 'Körperinszenierungen' Institut fürTheaterwissenschaft Freie Universität Berlin E-Mail: koerperwellen@gmail.com
Datum
18.05.2006 - 20.05.2006
Bewerbungsschluss
30.01.2006
Von
Karsten Lichau

Call for Paper: Abschlusskonferenz des Graduiertenkollegs „Körper-Inszenierungen“
vom 18. - 20. Mai 2006

Körperwellen. Zur Resonanz als Modell, Metapher und Methode

Als Resonanz wird in der Physik das Mitschwingen eines schwingungsfähigen Systems verstanden, dessen Eigenfrequenz mit der Anregungsfrequenz einer äußeren Kraft übereinstimmt. Resonanzeffekte lassen sich auch dann feststellen, wenn Eigen- und Anregungsfrequenz leicht voneinander abweichen. Diese Unschärfe begegnet uns auch in den Verwendungen des Resonanzbegriffes in verschiedenen Epochen und Disziplinen, die auf unterschiedlichste Weise das Verhältnis sich wechselseitig bedingender und anregender Systeme, Körper und Modelle thematisieren.
Das Bedeutungsquadrat von Resonanz – „Widerhall, Mittönen, Wirkung, Anteilnahme“ – umspannt die Reichweite des Begriffs und errichtet zugleich historische sowie alltags- und fachsprachliche Wahrnehmungsschranken. Eine zentrale Bedeutung kommt dem Phänomen von jeher beim Bau von Musikinstrumenten zu. Ausschlaggebend ist dabei nicht allein, dass ein erzeugter Ton über ein Medium, den Resonanzkörper, verstärkt wird und dabei an klanglicher und räumlicher Präsenz gewinnt - im Moment des Widerhalls regt sich vielmehr auch das Medium selbst. Nicht der Atem allein erklingt in der menschlichen Stimme, sondern, um mit Roland Barthes zu sprechen, „jene Materialität des Körpers, die der Kehle entsteigt, dem Ort an dem das Lautmetall gehärtet und gestanzt wird.“
Im Rahmen der geplanten Konferenz soll der Körper als Schauplatz von Resonanzphänomenen untersucht werden: Von der physikalischen Tatsache des Mitschwingens zum sinnhaft erfahrbaren Resonanzphänomen, vom Erfahrbaren zum instrumentalen Konzept des Resonanzkörpers und von dort zum ästhetischen Prinzip verschiedener Resonanzeffekte als Kontaktfläche des menschlichen Körpers mit seiner Umwelt im Raisonnieren und schließlich als Gleichnis für die Verortung von Körpern und Systemen zwischen Eigen- und Fremddynamik. Im Hintergrund schwingt dabei die Frage mit, inwiefern der Körper nicht nur in Resonanz versetzt wird, sondern als Begriff gerade innerhalb des kulturwissenschaftlichen Feldes der letzten Jahre selbst zu einem Phänomen wurde, das Resonanzeffekte zwischen verschiedenen Disziplinen erzeugt hat.

Begriff, Theorie und Metapher der Resonanz schlagen sich zwar bereits in antiken Quellen nieder, doch kündet sich mit dem Auftreten des Terminus im englischsprachigen Raum der frühen Neuzeit eine Bedeutungsverschiebung an. Vor allem im 17. Jahrhundert werden Resonanzphänomene nicht nur experimentell erkundet, sondern auch als Erkenntnismodelle fruchtbar gemacht. Auffällig sind dabei die epistemologischen Differenzen, die sich einerseits in der metaphorischen Neukalibrierung, andererseits in den akustischen, naturphilosophischen, wahrnehmungstheoretischen und ästhetischen Revisionen von Resonanz artikulieren. So werden Modelle aus dem Instrumentenbau auf das Verhältnis von Körper und Seele übertragen wie etwa in der Leibnizschen Metapher der „zwei Saiten, die auf denselben Ton gestimmt“ sind. Um 1800 ist es vor allem die Problematisierung des akustischen Modells und seiner Implikationen, die für die physiologische Wahrnehmungstheorie (Soemmering, Ritter) und das Kantische Konzept eines Zusammenspiels von Verstand und Einbildungskraft anregend wirken.
Die experimentelle Erkundung der Resonanz führt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer physikalisch ausgerichteten Theorie der Tonempfindungen (Helmholtz). Im 20. Jahrhundert wird dieses Verständnis der Resonanz abgelöst von einer Einordnung in kognitionspsychologische Modelle. Im Zuge weit reichender medialer Umbrüche taucht die Resonanz auf zwei Ebenen auf: Sie verwirklicht sich als medienimmanente Technologie und wird damit zur Voraussetzung eines massenmedial erzeugten Kollektivkörpers.

Die Konferenz soll die Debatte um Kulturräume als Resonanzräume aufgreifen, in welcher Fragen nach der Architektonik epistemologischer Konfigurationen angelegt sind. In der Systemtheorie Niklas Luhmanns wird Resonanz zur Übertragungsmöglichkeit für Prozesse aufgrund der Gleichartigkeit miteinander verbundener Systeme. Resonanz setzt hier voraus, dass gleichartige Systemzonen existieren, zwischen denen eine Verbindung Austausch ermöglicht. Methodischen Charakter nimmt der Begriff in wissenschaftshistorischer Perspektive an, wenn von der Evidenzproduktion durch Resonanz-Effekte die Rede ist. So hat beispielsweise Hans-Jörg Rheinberger nachgewiesen, wie in der Laborwissenschaft die „Übereinstimmung von Befunden aufgrund zweier verschiedener Darstellungstechniken“ konstruiert wird.
Anregungen verspricht sich die Konferenz auch von der Suche nach Perspektiven, die der Resonanzbegriff in Theorien der Sprache, der Schrift und der Stimme sowie ihren vielfältigen Verflechtungen eröffnet. Zu untersuchen wäre dabei der „Resonanzraum der Stimme“, wie er im Rahmen der Kritik am Logozentrismus diskutiert wird. Für Jacques Derrida ist die „Resonanz (résonance) […] nicht mehr der Akt des Ertönens (résonner)“, sie oszilliert von nun an un-differenziert zwischen aktivem Bewegen und passivem Bewegt-Werden. Die Phänomenologie dagegen erkundet den grenzenlosen, halluzinatorischen Ort der Zwischenleiblichkeit, der durch Resonanzeffekte eröffnet wird (B. Waldenfels).
Von einem literaturwissenschaftlichen Zugang her ließe sich nach den Resonanzräumen von Texten fragen, nach intertextuellen Effekten ebenso wie nach der Figur des ‚horchenden Lesers’. Und immer stellt sich für die darstellenden Künste – Schauspiel, Tanz, Musiktheater, Performancekunst – die Frage der Aufschreibbarkeit der kinästhetischen Erfahrung im Resonanzraum zwischen Schrift und Choreographie. Für die Medienwissenschaft wiederum konturiert der Kracauersche Begriff des Resonanzeffekts ein weitreichendes Problemfeld. Für Stephen Greenblatt wird die Resonanz in Formen wissenschaftlicher Aufmerksamkeit des Historikers für die Quellen wirksam, die im Moment des Betrachtens ein Eigenleben annehmen, in dem historische Bezüge und Fragen laut werden.

Die mannigfaltigen Diskurse um den Begriff der Resonanz scheinen zwar stets zwischen instrumentellen und somatischen Deutungsmustern angesiedelt, dennoch drängen sich weiterführende Fragestellungen auf:

- Welche Formen der Resonanz markieren auf bislang ungeklärte Weise das Verhältnis von Technik, Kunst und Wissenschaft?
- Welche Resonanzverhältnisse zwischen Körpern und Kulturen, Systemen, Ethiken und Ästhetiken wurden bis dato vernachlässigt? Inwiefern lässt sich das Modell der Resonanz auf eine Physiologie des politischen Körpers übertragen?
- Welche sprachlichen und konkreten Inszenierungsversuche von „Resonanz-Körpern“ existieren gegenwärtig und wie lassen sich solche Versuche adäquat beschreiben?
- Wie steht es um den Begriff im Schnittpunkt von Human- und Naturwissenschaft? - Welche historischen und aktuellen Phänomene der medialen Resonanz sind zu konstatieren?
- Was sagt Resonanz in Bezug auf Wahrnehmungstechniken und Techniken des Betrachters aus?

Interdisziplinär ausgerichtete Beiträge aus (Wissenschafts-)Geschichte, Literatur-, Musik-, Theater- und Kulturwissenschaft, Psychologie, Philosophie, Anthropologie, Medienwissenschaft und Kunstgeschichte (und natürlich anderen Gebieten, die prominente Schauplätze dieses Begriffes sind!) können helfen, der Geschichte und Theorie von Resonanz Konturen zu geben, indem besonderes Augenmerk auf Resonanzphänomene gelegt wird, die im Zusammenhang mit körperlichen Effekten und Bedingungen stehen.

Stichworte: Antike – Naturmagie – Naturphilosophie – Akustik – Physiologie – Physiognomie – Biologie – Philosophie – Psychologie – Politik – Ethik – Ästhetik – Aisthetik – Körper – Stimme – Stimmung – Schwingung – Harmonie – Sympathie – Echo – Rückkopplung – Sound – Instrumentengeschichte – Systemtheorie –– Natur, Wissenschaft, Technik, Kunst – Störung – Katastrophe – Macht, Einfluss – Hören – ästhetisches Lesen – Geisterstimmen – Medien – (Text)Räume – Grenzen, Schwellen – Interferenz – Aufmerksamkeit – Performanz

Die eingereichten Proposals sollten eine Länge von 300 Worten nicht überschreiten. Ausdrücklich erwünscht sind Kooperationen zwischen Künstlern und Wissenschaftlern.
Exposés bis zum 30. 01. 2006, entweder postalisch an

Graduiertenkolleg „Körper-Inszenierungen“
Karsten Lichau
Institut für Theaterwissenschaft
Freie Universität Berlin
Grunewaldstr. 35
12 165 Berlin

oder digital an: koerperwellen@gmail.com

Kontakt

Karsten Lichau

Graduiertenkolleg 'Körperinszenierungen'
am Institut für Theaterwíssenschaft Grunewaldstrasse 35
12165 Berlin

koerperwellen@gmail.com

Zitation
Körperwellen. Zur Resonanz als Modell, Metapher und Methode, 18.05.2006 – 20.05.2006 Berlin, in: H-Soz-Kult, 13.12.2005, <www.hsozkult.de/event/id/termine-4786>.