Wie europäisch ist die Osteuropäische Geschichte? Wie osteuropäisch ist die europäische Geschichte?

Ort
Göttingen
Veranstaltungsort
Universität Göttingen, „Blauer Turm“, Platz der Göttinger Sieben 5, Raum 11.41 (erster Stock)
Veranstalter
Verband der Osteuropahistorikerinnen und -historiker (VOH); Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Universität Göttingen finanziert von der Fritz-Thyssen Stiftung
Datum
23.02.2006 - 24.02.2006
Von
PD Dr. Peter Haslinger

Ansätze zu einer Geschichte Europas gehen inzwischen bereits über die rein additive Synthetisierung und Synchronisierung einzelner Nationalgeschichten hinaus. Wie an den Debatten über Verflechtungs- oder Globalgeschichte jedoch auch deutlich wird, stellen sich für die Konzeptionalisierung einer gesamteuropäischen Geschichte durchaus ähnliche Probleme wie jene, die im Bereich der Osteuropäischen Geschichte teils schon seit Jahrzehnten diskutiert werden – z.B. die Frage der Abgrenzungen von Geschichtsregionen, der zivilisatorisch unterlegten Eigen- und Fremdwahrnehmung (West-Ost) oder die Frage nach der historischen Wirkungsmächtigkeit von konfessionellen, imperialen und nationalen Ordnungsprinzipien. Es ist daher davon auszugehen, dass die in der Osteuropäischen Geschichte bisher angehäufte Reflexionskompetenz vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen auch für die allgemeine Geschichte relevant erscheint.

Das Ziel der Tagung ist daher, mit zeitlichem Abstand zur Debatte um das Fach Osteuropäische Geschichte Ende der Neunzigerjahre den Stand der eigenen Forschungen zu bilanzieren und sich dabei auch jenen Debatten gegenüber zu positionieren, die über das Konzept „Europäische Geschichte“ zur Zeit geführt werden. Dabei sollen auch methodische Ansätze benannt werden, mit denen die Osteuropäische Geschichte bei der Analyse gesamteuropäischer und transkontinentaler Fragestellungen schon jetzt über innovatives Potenzial verfügt. In den vier Themengruppen sollen jedoch auch jene Bereiche benannt werden, in denen innerhalb der Osteuropäischen Geschichte noch Rezeptionsbedarf besteht. Anfang Dezember 2006 sollen dann die Ergebnisse dieser Tagung im Rahmen einer Nachfolgekonferenz mit Vertretern aus dem Bereich der allgemeinen Geschichte diskutiert werden. Dadurch sind innovative Effekte sowohl für das Fach Osteuropäische Geschichte als auch für zukünftige Kooperationen mit der allgemeinen Geschichte zu erwarten.

Programm

P R O G R A M M

DONNERSTAG, 23. FEBRUAR 2006

17.00 s.t.
Begrüßung
Julia MANNHERZ (Göttingen), Ludwig STEINDORFF (Kiel)

Einführung in die Tagung:
Peter HASLINGER: Die Osteuropäische Geschichte zwischen Nationalgeschichte, Europäischer Geschichte und Globalgeschichte – Herausforderungen und Chancen

17.20-19.00 Themengruppe 1
„Europa und sein Osten als Wahrnehmungsproblem – Diskurse über Großregionen, Nationen und transkontinentale Übergangsräume“

Angesichts der Debatte über die Verortung des östlichen Europa innerhalb des Kontinents wird zu diskutieren sein, ob sich im Bereich der Osteuropäischen Geschichte Fragen nach den Außengrenzen Europas in anderer Weise stellen als im Bereich etwa der westeuropäischen Kolonialgeschichte. Auch soll über Möglichkeiten und Grenzen einer Übertragbarkeit des spezifischen Umgangs der Osteuropäischen Geschichte mit Geschichtsregionen oder Imperien reflektiert werden.

Moderation: Martin SCHULZE WESSEL (München), Stefan TROEBST (Leipzig / Wroclaw)

Frithjof Benjamin SCHENK (München): Der spatial turn und die Osteuropäische Geschichte

Ricarda VULPIUS (Berlin): Die Diskussion um Imperien und Großregionen – Perspektiven für eine Europäische Geschichte aus der Sicht der Osteuropäischen Geschichte

Kerstin JOBST (Augsburg / München), Julia OBERTREIS (Freiburg i. Br.): (Post-)colonial studies: Ansätze und Impulse für eine transkontinentale Geschichtsschreibung in der Osteuropäischen Geschichte

Kommentar: Martin AUST (Kiel)

FREITAG, 24. FEBRUAR 2006

9.00 c.t.-10.30 Themengruppe 2
„Kommunikationsstrukturen und interkulturelle Kontakte aus Sicht der Osteuropäischen Geschichte – Transfers, Vernetzungen, Praktiken der Integration und Ausgrenzung“

In diesem Themenbereich soll das Hauptaugenmerk dem Problem von Kommunikation, Vernetzung und Transfer gelten. Zudem soll auf Studien und methodischen Vorgangsweisen aus dem Bereich der Osteuropäischen Geschichte hingewiesen werden, die einen eigenständigen Beitrag zu Konzepten der Verflechtungsgeschichte leisten können, etwa aus dem Bereich der Interkulturalitäts- und der Migrations- und Diasporaforschung.

Moderation: Gertrud PICKHAN (Berlin), Dietmar NEUTATZ (Freiburg i. Br.)

Veronika WENDLAND (Leipzig): Netzwerke und Transfers – Ergebnisse aus dem Bereich der Osteuropäischen Geschichte

Katrin STEFFEN (Warschau): Kommunikation und interkulturelle Kontakte – ost- oder gesamteuropäische Aspekte

Kommentar: Thomas WÜNSCH (Passau)

11.00-12.30 Themengruppe 3
„Mikrogeschichte, historische Anthropologie, Stadtgeschichte und Lebensweltforschung – Grundlagen für eine vergleichende Geschichte Europas?“

In diesem Themenbereich geht es in erster Linie um die Möglichkeiten und Grenzen des Vergleiches im Bereich einer mikrogeschichtlich und lebensweltlich orientierten Geschichtsschreibung. Einen zusätzlichen Schwerpunkt bildet die europaweit vergleichende Stadtforschung. Zentral ist dabei die Reflexion über die europaweite Übertragbarkeit von Begriffen und Kategorien sowie die Frage nach einer integrierten Geschichte Europas „von unten“.

Moderation: Bianka PIETROW-ENNKER (Konstanz), Carsten GOEHRKE (Zürich), Karl KASER (Graz)

Ekaterina EMELIANTSEVA (Zürich): Historische Anthropologie, Mikrogeschichte und Lebensweltforschung im europäischen Vergleich – Impulse und Defizite im Bereich der Osteuropäischen Geschichte

Thomas BOHN (München / Jena): Urbanisierung und Ruralisierung – Möglichkeiten und Grenzen einer vergleichenden europäischen Stadtgeschichte

Kommentar: Dietlind HÜCHTKER (Leipzig)

14.00 s.t.-15.20 Themenblock 4
„Politische Systeme, Herrschaft und Gewalt im Ost-West-Vergleich“

In diesem Themenbereich wird eine kritische Reflexion über Ansätze im Bereich der Europäischen Geschichte erfolgen, die auf einer Ost-West-Dichotomie oder einem West-Ost-Gefälle aufbauen. Außerdem wird die Frage diskutiert, welches Potenzial neue Studien im Bereich der Osteuropäischen Geschichte für eine vergleichende Forschung bietet, etwa zur Analyse von Herrschaft und Gewalt oder im Rahmen einer neuen europäischen Kulturgeschichte des Politischen.

Moderation: Manfred HILDERMEIER (Göttingen), Joachim v. PUTTKAMER (Jena)

Tatjana TÖNSMEYER (Berlin): Diktaturenvergleich, Zivilgesellschaft, Transformation – die Analyse politischer Systeme aus dem Blickwinkel der Osteuropäischen Geschichte

Benno ENNKER (Tübingen / St. Gallen): Symbol, Verkörperung und Gewalt – Beiträge zur sozialen Praxis politischer Herrschaft aus dem Bereich der Osteuropäischen Geschichte

Kommentar: Daniel URSPRUNG (Zürich)

15.40-17.00
Zusammenfassung der Ergebnisse:

Themenblock 1: Martin AUST (Kiel)
Themenblock 2: Thomas WÜNSCH (Passau)
Themenblock 3: Dietlind HÜCHTKER (Leipzig)
Themenblock 4: Daniel URSPRUNG (Zürich)

Peter HASLINGER: Fazit der Tagung und Konsequenzen für die Folgetagung im Dezember

Ende: ca. 17.00

Kontakt

PD Dr. Peter Haslinger

Collegium Carolinum
Hochtraße 8
81669 München

089-55 26 06-13
089-55 26 06-44
peter.haslinger@extern.lrz-muenchen.de

Zitation
Wie europäisch ist die Osteuropäische Geschichte? Wie osteuropäisch ist die europäische Geschichte?, 23.02.2006 – 24.02.2006 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 28.01.2006, <www.hsozkult.de/event/id/termine-4925>.