Schutzvereine in Ostmitteleuropa

Ort
Bratislava
Veranstaltungsort
Kongress- und Bildungszentrum der Slowakischen Akademie der Wissenschaften, Bárdosova 33, 83312 Bratislava 37
Veranstalter
Collegium Carolinum München, Historisches Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften, Südostdeutsche Historische Kommission (Jahrestagung 2006)
Datum
28.09.2006 - 30.09.2006
Von
Peter Haslinger

Der Begriff ‚Schutzverein’ ist Teil der zeitgenössischen Selbstcharakterisierung von Vereinen, die in der Regel durch ein breites Tätigkeitsprofil mit engerer regionaler Begrenzung gekennzeichnet sind. Sie wurden vor allem entlang von Sprachgrenzen oder in polyethnischen Regionen aktiv, deren nationale Zugehörigkeit potentiell umstritten schien. Laut der defensiven Rhetorik der ‚Schutzvereine’ sollten Assimilationsverluste der eigenen Nation durch eine Stärkung explizit nationaler Strukturen vor Ort verhindert werden. Tatsächlich enthielten die Programme jedoch eine Reihe bildungs-, sozial- und wirtschaftspolitischer Maßnahmen (bis hin zu Kolonisationsprojekten), die in offensiver Weise einen Bewusstseinswandel in den einzelnen Regionen bezweckten und damit oft im Gegensatz zur Lebenswelt auch der ‚eigenen’ Lokalbevölkerung standen.

In Studien, welche sich mit Prozessen der Nationalisierung im östlichen Preußen oder in der Habsburgermonarchie beschäftigen, wird meist auf die ‚Schutzvereine’ als ein tragendes Element nationaler Segmentierung verwiesen. Dabei wurde bisher noch kein Versuch unternommen, dieses Phänomen im Rahmen einer Tagung für die gesamte Region Ostmitteleuropa vergleichend zu untersuchen.

Die Tagung zur Geschichte der ‚Schutzvereine’ soll daher Beispiele aus dem Baltikum, dem östlichen Preußen, den polnischen Teilungsgebieten, den böhmischen Ländern und der österreichisch-slowenisch Grenzregion für die Zeit von den 1870er Jahren bis zum Zweiten Weltkrieg thematisieren. Die Bedeutung und das Selbstverständnis der ‚Schutzvereine’ wird dabei ebenso analysiert wie Fragen des Verhältnisses zu staatlichen Organen oder nach der Einbettung von Schutzvereinen in ihr jeweiliges regionales und lokales Umfeld.

Programm

DONNERSTAG, 28. September

16.00 c.t.: Begrüßung
Vorstellung der Ergebnisse der Nachwuchstagung
„Die Rolle von Vereinen im Nationalisierungsprozess 1870-1939“

16.30-17.45
„Schutzvereine“ – Versuch einer Definition

Peter HASLINGER (München): Wen und wovor schützen Schutzvereine? Problemaufriss und Versuch einer Eingrenzung

Pieter JUSDON (Swarthmore): Die Schutzvereine und das ‚Grenzland’ – Aktivitäten zur Realisierung von ‚Imagined Borderlands’

17.45-19.00
Staat und Schutzvereine – Konflikt, Tolerierung, Förderung

Rudolf JAWORSKI (Kiel): Legal aber widerständig: Das polnische Vereinswesen in Preußen vor 1914

Gerhard STAUDINGER (Graz): Landespolitik und Schutzvereine – Südsteiermark und Südkärnten 1880-1938 im Vergleich

FREITAG, 29. September

9.00 c.t.-11.00
Zur ökonomischen Funktion von Schutzvereinen

Roman HOLEC (Bratislava): Die Ökonomie des „Jeder zu den Seinen“ – zur wirtschaftlichen Programmatik und zur Funktion von Schutzvereinen

Tara ZAHRA (Harvard): Vom Weihnachtsgeschenk bis zur Kriegsrente: Die Rolle nationaler Schutzvereine beim Aufbau des Wohlfahrtsstaates in den böhmischen Ländern 1900-1918

11.30-13.00
Konkurrierende Schutzvereine zwischen Methodentransfer und nationalem Wettbewerb

Robert LUFT (München): Zur Struktur der tschechischen und deutschen Schutzvereine in den böhmischen Ländern

Jörg HACKMANN (Greifswald): Strategien des Obenbleibens. Die ‚deutschen Vereine’ in den russischen Ostseeprovinzen (1905/06-1914)

14.00 c.t.-17.00
Der „Erfolg“ der Aktivitäten von Schutzvereinen aus regionaler Perspektive

Eduard KUBU (Prag): Die tschechischen Schutzvereine und die Effektivität ihrer Bemühungen in den böhmischen Ländern

Joachim v. PUTTKAMER (Jena): Die „EMKE“ in Siebenbürgen und die „FEMKE“ in Oberungarn – die Tätigkeit zweier ungarischer Schutzvereine in ihrem unterschiedlichen regionalen Umfeld

Róbert LETZ (Bratislava): Die „Slovenská liga“ als slowakischer nationaler Schutzverein

17.30-19.30
Mitgliederversammlung der Südostdeutschen Historischen Kommission

SAMSTAG, 30. September

9.00 s.t.-10.30
Schutzvereine und ihr lokales Umfeld

Christian PROMITZER (Graz): Grenze als nationales Kolonisationsgebiet – deutsche und slowenische Schutzvereine in Steiermark/Štajerska von der Wende zum 20. Jahrhundert bis 1941

Elena MANNOVÁ (Bratislava): Der Einfluss von Behörden, Schutzvereinen und Presse auf das interethnische Klima in der Südslowakei der Zwischenkriegszeit

11.00-13.00
Ideologie und Identitäten bei Schutzvereinen

Heidrun ZETTELBAUER (Graz): „Mithelferinnen am nationalen Werke, tragen wir jede unser Scherflein bei“. Geschlechteridentitäten im deutschnational-völkischen Verein Südmark

Laurent DEDRYVÈRE (Paris): Regionale Identität und deutschnationale Ideologie bei den steirischen Schutzvereinen (1890-1919)

13.00-13.30
Zusammenfassung der Tagung:
Pieter JUDSON (Swarthmore)
Peter HASLINGER (München)

Ende der Tagung: ca. 13.30

Kontakt

Prof. Dr. Peter Haslinger
Abteilung für Geschichte Osteuropas und Südosteuropas
Historisches Seminar
Ludwig-Maximilians-Universität München
Geschwister-Scholl-Platz 1
D-80539 München
Tel.: +49-89-2180-5442
Fax: +49-89-2180-5656

Zitation
Schutzvereine in Ostmitteleuropa, 28.09.2006 – 30.09.2006 Bratislava, in: H-Soz-Kult, 16.06.2006, <www.hsozkult.de/event/id/termine-5626>.