Die Charité Berlin im Nationalsozialismus und der Nürnberger Ärzteprozess 1946/47

Ort
Berlin
Veranstaltungsort
Campus Charité Mitte, Charitéplatz 1, 10117 Berlin, Hörsaal der Medizinischen Klinik, Südflügel
Veranstalter
Dr. Sabine Schleiermacher und Dr. Udo Schagen, Forschungsschwerpunkt Zeitgeschichte, Institut für Geschichte der Medizin der Charité
Datum
25.10.2006 - 07.02.2007
Von
Dr. Udo Schagen

Medizinische Wissenschaft und medizinisches Handeln während der Zeit 1933 bis 1945 sind in breitem Umfang erforscht. Dies gilt allgemein für die Einbeziehung in die Zielsetzungen des Nationalsozialismus: die Rassenforschung und -hygiene, die Berufsverbote und Vertreibungen, die Zwangssterilisationen, die „Euthanasie“, die verstümmelnden und tödlichen Menschenversuche, die Selektion und Ermordung ganzer Bevölkerungsgruppen. Kenntnisse darüber werden im schulischen Unterricht vermittelt und sind in den vergangenen Jahren häufig Gegenstand der Berichterstattung in den Medien gewesen.
Immer noch hält sich aber die Auffassung aus den Nachkriegsjahrzehnten, es habe sich dabei um Ausnahmehandlungen einzelner Ärzte, einzelner Pfleger sowie Schwestern gehandelt. Die Wahrheit ist: die Mehrzahl von Ärzten und Pflegenden hat die Ziele der Medizin des Nationalsozialismus mitgetragen. Widerstand gegenüber einer auf Selektion und Vernichtung ausgerichteten Medizin ist nur in Einzelfällen überliefert.
Noch weniger bekannt ist die den Nationalsozialismus fast durchgehend unterstützende und fördernde Rolle der Vertreter medizinischer Wissenschaft, die Einbeziehung der Fakultäten in die entsprechende Schulung des akademischen Nachwuchses, die theoretische Begründung, die Planung und teils sogar die Umsetzung verbrecherischer oder aus heutiger Sicht ethisch nicht zu billigender medizinischer Praktiken.
In dieser Hinsicht war auch die Charité um 1933 und bis 1945 bisher kaum Gegenstand entsprechender Untersuchungen.

Die Tatsache, dass verschiedene Mitglieder der Fakultät im Nürnberger Ärzteprozess angeklagt waren oder als Zeugen fungierten, nehmen wir zum Anlass, in einer Ringvorlesung nach der Rolle der Charité im Nationalsozialismus zu fragen.
Die Ringvorlesung soll das vorhandene Wissen über die Beteiligung der Charité und ihrer Vertreter für die einzelnen Disziplinen bündeln und vorstellen. Dabei geht es nicht um meist nur äußerliche Charakterisierungen der Charité-Vertreter, wie z. B. die Benennung der Mitgliedschaft in NS-Organisationen.
Im Vordergrund der Referate soll das theoretische und praktische Handeln der Charité-Mitglieder stehen, mit dem Grenzüberschreitungen im Sinne des Eingriffs in grundlegen-de Individualrechte und die Unversehrtheit des Körpers vorbereitet und umgesetzt wurden und wo ohne Not menschenverachtende, menschenfeindliche und Vernichtungs-Aktionen durch die Vertreter der Wissenschaft indirekt oder direkt gebilligt oder sogar mitverantwortet und durchgeführt wurden.

Jeder Termin wird von einem Instituts- oder Klinikleiter eingeleitet, der kurz auf die bisherige Behandlung der Thematik in seinem Fach eingehen soll und anreißen kann, warum Fragen zur Medizin des NS und zu dem im Nürnberger Prozess entstandenen Kodex - als langfristig und weltweit gültiger Leitlinie für wissenschaftliches, ärztliches und medizinisches Handeln - auch heute von Bedeutung sind.
Ein für die jeweilige Thematik ausgewiesener Fachreferent stellt unter diesen Aspekten die vorliegenden Forschungsergebnisse in einem Überblicksreferat für ein Publikum ohne einschlägige Vorkenntnisse dar. Im Anschluss an den Vortrag soll Raum für Nachfragen und Diskussion bleiben.
Eine Publikation der Einleitungen und der (evtl. ergänzten und überarbeiteten) Referate ist vorgesehen.

Programm

25.10.2006, 17.30 Uhr
Eröffnung: Prof. Dr. Detlev Ganten, Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin
Dr. Johannes Vossen, Geschichte der Medizin, Charité Berlin
Willfährige Wissenschaft: Die Medizinische Fakultät der Berliner Universität im Nationalsozialismus ,
Einführung: Dr. Udo Schagen / Dr. Sabine Schleiermacher, Geschichte der Medizin, Charité Berlin

8. 11. 2006, 17.30 Uhr
Peter Th. Walther, Ph.D., Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Geschichtswissenschaften
Entlassungen und Exodus: Personalpolitik an der Medizinischen Fakultät und in der Charité 1933
Einführung: Prof. Dr. Gerhard Baader, Geschichte der Medizin Charité Berlin

22.11.2006, 17.30 Uhr
Prof. Dr. Volker Roelcke, Geschichte der Medizin, Gießen
Zwischen medizinischer Expertise und staatlichen Zwängen: Karl Bonhoeffer, Maximinian de Crinis und die Frage nach den Handlungsspielräumen in der Psychiatrie des Nationalsozialismus Einführung: Prof. Dr. Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, CCM, Charité Berlin

6.12.2006, 17.30 Uhr
Prof. Dr. Andreas Frewer, Geschichte, Ethik und Philosophie der Medizin, Med. Hochschule Hannover
Fachpolitik, NS-Disziplin und SS-Ethik: Medizingeschichte an der Berliner Fakultät 1939 - 1945
Einführung: Prof. Dr. Volker Hess, Geschichte der Medizin, Charité Berlin

10.1.2007, 17.30 Uhr
Dr. Andreas Winkelmann, Institut für Zell- und Neurobiologie, Centrum für Anatomie, Charité Berlin
Wann darf menschliches Material verwendet werden? Der Anatom Hermann Stieve und die Forschung an Leichen Hingerichteter Einführung: Prof. Dr. Robert Nitsch, Sprecher des Centrums für Anatomie, Charité Berlin

24.1.2007, 17.30 Uhr
Dr. Thomas Beddies, Geschichte der Medizin, Charité Berlin
Wenn Kinder "der Wissenschaft dienen":Die Kinderklinik der Charité in der Zeit des Nationalsozialismus
Einführung: Prof. Dr. Gerhard Gaedicke, Direktor der Klinik für Allgemeine Pädiatrie, CVK, Charité Berlin

7.2.2007, 17.30 Uhr
Dr. Gabriele Czarnowski, Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie, Medizinische Universität Graz
"... das unheilbar Erkrankte aus dem Volkswachstum ausschalten, ... das Verlangen nach Gesundheitspaarung stärken": Politische Gynäkologie an den Berliner Universitätsfrauenkliniken im Nationalsozialismus
Einführung: Prof. Dr. Joachim DudenhausenDirektor der Klinik für Geburtsmedizin, CVK, Charité Berlin

Für das Sommersemester 2007 sind weitere Veranstaltungen vorgesehen.

Kontakt

Dr. Udo Schagen

Geschichte der Medizin, Charité - Universitätsmedizin Berlin
Klingsorstr. 119, 12203 Berlin
030 83 00 92 20
030 83 00 92 58
udo.schagen@charite.de

Zitation
Die Charité Berlin im Nationalsozialismus und der Nürnberger Ärzteprozess 1946/47, 25.10.2006 – 07.02.2007 Berlin, in: H-Soz-Kult, 12.10.2006, <www.hsozkult.de/event/id/termine-6108>.
Redaktion
Veröffentlicht am
12.10.2006
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