Das multikulturelle Schlesien : Mythos oder Wirklichkeit?

Ort
Paris
Veranstalter
Centre Interdisciplinaire de Recherches Centre-Européennes (CIRCE, Université Paris IV - Sorbonne)
Datum
07.12.2007 - 08.12.2007
Bewerbungsschluss
15.05.2007
Von
Lelait Florence

INTERNATONALE TAGUNG (7.-8. Dezember 2007)

DAS MULTIKULTURELLE SCHLESIEN : MYTHOS ODER WIRKLICHKEIT?

Am 24. November 2006 organisierte das Centre Interdisciplinaire d’Etudes Centre-Européennes (CIRCE) mit der finanziellen Unterstützung des Graduiertenkollegs Nr. 4 und des ACCES-Programms erstmals eine Tagung zum Thema «Gedächtnis und dessen (Re)konstruktionen in Schlesien» (Mémoires de Silésie : du souvenir à la reconstruction). Die Studien konzentrierten sich vor allem auf die Nachkriegszeit.

Aufgrund des großen Erfolgs der Tagung und weil dieser Bereich, das Gebiet und die Zeitperiode in der französischen Forschung wenig präsent sind, entschied das CIRCE im Herbst 2007, in der Folge dieser Veranstaltung eine weitere, internationale Tagung zu veranstalten. Während Schlesien weiterhin im Zentrum der Reflexion steht, soll die Aufmerksamkeit diesmal der Zwischenkriegszeit bzw. der dieser vorausgehenden Zeitperiode gelten. Neben Aspekten der Memoria stehen Multikulturalität und die Koexistenz der verschiedenen Gemeinschaften im Vordergrund, und es sollen dabei insbesondere neue Phänomene wie die Konstruktion einer lokalen bzw. grenzgebietlichen Identität, Oral History, Gedächtnis und Gedenken sowie das Museumswesen betrachtet werden.

Das im Herzen Europas zwischen germanischer und slawischer Welt gelegene Schlesien war seit jeher eine Region des Völkerkontakts und der Völkervermischung. Seit dem 19. Jahrhundert und der Geburt der Nationen bzw. der Nationalstaaten erlebt es darüber hinaus das Schicksal eines Grenzgebiets. Im 20. Jahrhundert leben Deutsche und Polen hier nebeneinander und bekriegen sich. Nach der Volksabstimmung im Jahre 1921 werden die deutsche und die polnische Bevölkerungsgruppe durch die ersten Bevölkerungsbewegungen getrennt. Gleichzeitig entwickelt sich Breslau und gewinnt kulturell, wirtschaftlich und politisch immer stärker an Ausstrahlung. Im bewegten Kontext der zwanziger und dreißiger Jahre, der Wirtschaftskrise und des Aufstiegs des Nationalsozialismus erscheint die schlesische Hauptstadt in dieser Region dann als ein Ort des Austausches, wo nationale und religiöse Gemeinschaften, soziale und berufliche Milieus bis zur unheilvollen Machtergreifung Hitlers nebeneinander bzw. miteinander leben.

Das Ende der dreißiger Jahre und der Zweite Weltkrieg markieren schließlich einen zweiten Einschnitt: Das Verschwinden der jüdischen Gemeinschaft (Exil, Deportation) und die Konfrontation zwischen Polen und Deutschen aus Schlesien verwandelt den Ort des Austausches in einen Ort der Konflikte.

Nach 1945 werden die meisten Deutschen umgesiedelt und durch Polen und Ukrainer, welche aus den durch die UdSSR annektierten Ostgebieten deportiert wurden, ersetzt. Das deutsche Schlesien wird ausgelöscht und von einem polnischen bzw. einem für manche seiner Einwohner ukrainischen Schlesien abgelöst. Als Zeuge der nationalsozialistischen Barbarei, des deutschen Widerstandes, der Vertreibung der Deutschen 1945, des Kommunismus, der großen Streiks der 1980er Jahre, hat Schlesien die Erinnerung an die erlebten Leiden bewahrt, gleich welcher Staatsangehörigkeit die Opfer sind.

Die Darstellung der kulturellen Vielfältigkeit, die die verschiedenen Gemeinschaften zu dieser Zeit in Schlesien prägen, wirft die Frage nach der Dichotomie auf, welche Alltag und Vorstellungswelt möglicherweise charakterisiert. Wurde nebeneinander, miteinander oder gegeneinander gelebt? Gab es gemeinsame Lebensorte oder vielmehr getrennte Viertel? Wie sah das Leben der Breslauer und der Einwohner Schlesiens in der Zwischenkriegszeit aus? Ist die Multikulturalität eine Erfindung der Nachkriegszeit? Ist sie gleichbedeutend mit wirklichem Austausch oder gegenseitiger Ignoranz? Welches waren die Orte der städtischen Multikulturalität und wie äußerte sie sich? Die Spuren, die sie hinterlassen hat - seien sie topographischer, schriftlicher, mündlicher Art – sollen den Ausgangspunkt der verschiedenen Untersuchungen bilden.

Besondere Aufmerksamkeit soll dem Leben in der regionalen Hauptstadt Breslau während der Zwischenkriegszeit gelten, sowohl in wirtschaftlicher, politischer oder künstlerischer Hinsicht. Die Untersuchungsansätze können historisch, soziologisch, geographisch oder literarisch sein.

Die Tagung richtet sich insbesondere an Nachwuchswissenschaftler, Doktoranden und Promovierte aus allen betroffenen Fachbereichen (Literaturwissenschaft, Soziologie, Geschichte, Politikwissenschaft, Slavistik, Germanistik …).

Bitte schicken Sie bis zum 15. Mai ein ein- oder zweiseitiges Exposé an eine der folgenden Adressen:
florence_lelait@yahoo.fr, maougocha@usa.net, agajiao@yahoo.fr

Kontakt

Florence Lelait

CIRCE

florence_lelait@yahoo.fr

Zitation
Das multikulturelle Schlesien : Mythos oder Wirklichkeit?, 07.12.2007 – 08.12.2007 Paris, in: H-Soz-Kult, 15.03.2007, <www.hsozkult.de/event/id/termine-6900>.
Redaktion
Veröffentlicht am
15.03.2007
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