1989 in Zentraleuropa als transnationales Diskurs- und Medienereignis

Ort
Gießen
Veranstaltungsort
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstalter
Giessener Zentrum Östliches Europa; Graduiertenkolleg „Transnationale Medienereignisse“; Herder-Institut Marburg; Zentrum für Medien und Interaktivität (ZMI) der Universität Gießen
Datum
18.06.2009 - 20.06.2009
Bewerbungsschluss
30.09.2009
Von
Peter Haslinger (Marburg/Gießen)

Internationale Tagung "1989 in Zentraleuropa – die Wende als transnationales Diskurs- und Medienereignis"

Im kommenden Jahr jährt sich zum zwanzigsten Mal die weitgehend gewaltlose Wende in Zentraleuropa, die nicht nur die europäische, sondern auch die globale Geschichte einschneidend veränderte. Die in Gießen geplante Tagung beschränkt sich allerdings nicht nur auf die Rekonstruktion der komplexen Ereigniskette zwischen Januar und Dezember 1989. Sie fokussiert darüber hinaus in interdisziplinärer Weise auf einen zentralen Aspekt der Gesamtentwicklung, nämlich auf die Dynamik von Diskursen und Interaktionsformen, wie sie sich anhand der medialen Berichterstattung, Medienrezeption und Medienpolitik ausmachen lassen.

Entsprechend wird die Wende von 1989 als vielschichtiges mediales und diskursives Ereignis verstanden. Es wird gefragt, wie Medien als Akteure zur Konstitution und Konstruktion des Umbruches beitrugen und entsprechende Handlungen auslösen. Dieses gilt es zum einen in Hinblick auf die Logiken der transnationalen politischen „Kettenreaktion“ zu untersuchen, die die Öffnung des Eisernen Vorhangs an der österreichisch-ungarischen Grenze im Juni auslöste, zum anderen ausgehend von länderspezifischen Voraussetzungen bzw. allgemeinen europäischen und globalen Rahmenbedingungen.

In den Einzelbeiträgen können etwa der Wandel von Diskursformationen, die mobilisierende Rolle von Bildern, Begriffen und Themen (wie z. B. die Rehabilitation von Imre Nagy in Ungarn) sowie die Entwicklung und Aneignung von Protestformen in ihrer transnationalen medialen Vermittlung thematisiert werden. Die Infragestellung bzw. Preisgabe der Definitions- und Regelungsmacht der kommunistischen Nomenklatura lässt sich dabei mit den zahlreichen Modellen der Medienwirkungsforschung prüfen, und zwar hinsichtlich ihrer Binnen- wie Außendynamik für die einzelnen untersuchten Länder.

Aber auch akteurszentrierte Ansätze können eingebracht werden: Welche Gruppen und Personen bedienten sich wann und zu welchem Zweck politischer Inszenierungen und medialer Formen und Foren, von welcher Sprecherposition und in welchen institutionellen Rahmenbedingungen wurden 1989 Standpunkte und Appelle jeweils formuliert, von welchen Kernmilieus oder politischen Formaten ging die Erweiterung des politischen Diskussions- und Handlungsspielraums jeweils aus (wie im Beispiel der Leipziger Montagsdemonstrationen) und mit welchen politischen und medialen Mitteln reagierte das politische System.

Untersucht werden sollen auch Phänomene der medialen Begleitung politischer Protestformen (wie z.B. die internationale Berichterstattung über die Menschenkette im Baltikum im August 1989 oder die „öffentliche Besitznahme“ der Berliner Mauer nach ihrer Öffnung). Am Bei-spiel von Print- und elektronischen Medien sollen auch Beispiele für die öffentlich-mediale Inszenierung politischer Veränderung und die direkte Nutzung von Medien als Mittel der Transformation und des Appells (wie die Fernsehrevolution in Rumänien im Dezember) diskutiert werden. Auch soll die Rolle internationaler Akteure in das Gesamtbild mit einbezogen werden, so z.B. der Beitrag US-amerikanischer oder europäischer Fernsehsender bei der globalen „Verdolmetschung“ der Entwicklungen und bei der Übermittlung entsprechender Bilder (wie die Interpretation der Massenproteste auf dem Wenzelsplatz in Prag im November).

Der zeitliche Schwerpunkt liegt zwar auf dem Jahr 1989, jedoch sollen flankierend Beiträge auch die Voraussetzungen (wie die Innen-, Außen und Medienpolitik in der Sowjetunion seit 1985) und die Folgewirkungen der Wende von 1989 (bis zur deutschen Wiedervereinigung und zur Unabhängigkeit der baltischen Staaten und erster Nachfolgestaaten Jugoslawiens) thematisieren. Vorgeschlagen werden können daher Themen zu den zentraleuropäischen Staaten BRD, DDR, Österreich, Ungarn, Polen, der Tschechoslowakei und Rumänien sowie föde-ralen Republiken der Sowjetunion und Jugoslawiens (Litauen, Lettland, Estland, Slowenien und Kroatien), besonders willkommen sind Beiträge, die mehrer Länder miteinander vergleichen bzw. mehrere Untersuchungsperspektiven miteinander kombinieren.

Neben geschichts-, medien- und politikwissenschaftlichen Themen sind auch sprach- und literaturwissenschaftliche Beiträge sowie Themen aus den Bereichen Soziologie und Kunstgeschichte vorgesehen (etwa zum Wandel der politischen Sprache während der Wende und ihre Rückwirkungen auf sprachmediale und künstlerische Repräsentationen in den letzten 20 Jahren). Entsprechend soll ein weiterer Schwerpunkt der Tagung der wissenschaftlichen, medialen, literarischen und musealen Verarbeitung der Ereignisse von 1989 bis heute gewidmet sein.

Die Tagung findet in deutscher und englischer Sprache statt (ohne Übersetzung). Abstracts für Beiträge (von 30 Minuten) mit einem kurzen CV in deutscher oder englischer Sprache bis 30. September 2008 bitte an: peter.haslinger@herder-institut.de

Kontakt

Peter Haslinger

Herder-Institut Marburg und Justus-Liebig-Universität Gießen

+49-6421-184-101

haslinger@herder-institut.de

Zitation
1989 in Zentraleuropa als transnationales Diskurs- und Medienereignis, 18.06.2009 – 20.06.2009 Gießen, in: H-Soz-Kult, 16.07.2008, <www.hsozkult.de/event/id/termine-9629>.