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Ort
Bad Oeynhausen
Veranstalter
Deutsches Märchen- und Wesersagenmuseum, LWL-Museumsamt für Westfalen
Datum
12.07.2009 - 06.09.2009
Publikation
Thomm, Ann-Katrin; Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) (Hrsg.): Mythos Wald. Begleitbuch zur gleichnamigen Wanderausstellung des LWL-Museumsamtes für Westfalen. Münster : LWL-Museumsamt fuer Westfalen  2009. ISBN 978-3-927204-69-0 143 S. € 13,00.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Roderich von Detten, Institute of Forestry Economics, Universität Freiburg

Das Jubiläumsjahr „2000 Jahre Varusschlacht“ wird von den drei großen Ausstellungen in Haltern, Kalkriese und Detmold geprägt, in denen unter den Stichworten „Imperium“, „Konflikt“ und „Mythos“ drei unterschiedliche Ebenen der Auseinandersetzung mit dem historischen Ereignis verhandelt werden. Im Schatten des großen Ausstellungsprojektes finden jedoch auch andere, kleine und feine Ausstellungen statt, die weitere und engere Bezüge zum Thema „Schlacht im Teutoburger Wald“ knüpfen und hier auch eigenständige Bedeutung beanspruchen können.

Wenn sich der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in diesem Zusammenhang dem Thema „Mythos Wald“ in einer eigenen Wanderausstellung widmet, die zunächst zwischen März 2009 und Juli 2010 in acht Museen Westfalen-Lippes zu sehen ist, so ist das umso mutiger, als es in der Vergangenheit bereits einige Versuche gab, die vielschichtige und mythenbeladene Beziehung der Deutschen zu „ihrem Wald“ im Rahmen einer Ausstellung auszuloten. Im Vergleich zur hier maßstabsetzenden Ausstellung „Waldungen – Die Deutschen und ihr Wald“ der Akademie der Künste Berlin aus dem Jahr 1987[1], die mit ungleich größeren Mitteln arbeiten konnte, hat sich die Kuratorin Ann-Katrin Thomm denn auch für einen erkennbar anderen, gleichwohl nicht weniger ambitionierten Ansatz entschieden, mittels exemplarischen Exponaten den Blick für das Verständnis und einen kritischen Umgang mit dem „Mythos Wald“ zu schärfen. Dieser Anspruch nun, nimmt man den liebevoll und grafisch exzellent gestalteten Ausstellungskatalog zum Maßstab, erscheint in vieler Hinsicht eingelöst.

Bereits im Einleitungskapitel der Kuratorin wird die gesamte Palette an Bildern, in denen der deutsche Wald als imaginäre Heimat, Gegenwelt und sinnstiftender Ort auftaucht, aufgefächert und damit gleichzeitig der exemplarische Charakter der versammelten weiteren Texte erkennbar. Mit Beiträgen zu Walddarstellungen in der Malerei der Romantik (Eva Maringer) , zum „Ewigen Wald“ der Nationalsozialisten (Johannes Zechner) sowie zum sterbenden Wald der 1980er-Jahre (Birgit Metzger, Martin Bemmann, Roland Schäfer) werden im Ausstellungskatalog drei historische Blickwinkel auf den Wald und die dazu gehörigen Mythen näher beleuchtet. Die sehr präzise und umfassend-materialreiche Einführung in die westfälische Waldgeschichte von Bernd Tenbergen stellt umgekehrt so etwas wie den Versuch dar, hinter den „Mythos Wald“ zu schauen und die Gegenwart des westfälischen Waldes als Resultat seiner Nutzungsgeschichte zu beschreiben.

Deutlich kommt in sämtlichen Aufsätzen die Vielschichtigkeit und der wahrhaft paradoxe Charakter sowie die Wandlungsfähigkeit der zeittypischen Wald-Bilder heraus: Ort des Sich-Verlierens und der Identitätsfindung gleichermaßen, eigen- und widerständige Gegenwelt und Schatten der Zivilisation wie auch ihr Spiegel und Folie für ideologische Gesellschaftsmodelle, aufladbar für jedwede Ideologie, für Ethnisierung und Funktionalisierung. Es wäre sicherlich spannend zu zeigen, dass für die immer wieder als Kern des Waldmythos wahrgenommenen Eigenschaften der „Stabilität“, „Unveränderlichkeit“, „Beständigkeit“ (siehe die Beiträge von Maringer, Zechner und Küster) in der Kulturgeschichte auch viele Gegenbeispiele zu finden sind. Die im Ausstellungskatalog versammelten insgesamt sieben Aufsätze bieten eine hervorragende, gleichermaßen breite wie exemplarische Einführung in das Themengebiet auf einem durchwegs hohen Niveau. Neben einer Vielzahl von Anschauungsmaterialien ist auch der Bezug zu aktuellen Forschungsprojekten interessant und bietet die Möglichkeit, kulturwissenschaftliche, kulturhistorische, kunsthistorische und gesellschaftspolitische Erkenntnisse in ihrer Verknüpfung wahrzunehmen. Eher indirekt wird dabei deutlich, dass entgegen dem Ausstellungstitel von einem eigentlichen „Mythos Wald“ kaum gesprochen werden kann, sondern allenfalls einzelne mythische Erzählungen beschrieben werden können, die den Wald als Erfahrungsraum auf je eigene Weise vermessen. Dass dabei Wälder und Bäume in den jeweiligen bildlichen oder sprachlichen Darstellungen unterschiedlich konnotiert sind, auch wenn sie oft und gerne pauschal in eins gesetzt werden, soll nur nebenbei bemerkt werden.

Der sehr spannende Beitrag von Hansjörg Küster in Form einer (kultur)historischen Längsschnittbetrachtung (etwas irreführend „Mythos Wald aus pflanzenökologischer Sicht“ betitelt) wartet schließlich mit einer überraschenden Pointe auf, die die nahezu alle Beiträge hindurch ziehende Antithese von „mythischem Wald“ und „tatsächlichem realem Wald“ in Frage stellt: Wenn, wie Küster schlüssig nachweist, im scheinbar wissenschaftlichen Konzept der „Potenziell Natürlichen Vegetation“ die alte Vorstellung vom „Ewigen Wald“ erkennbar wird, so wird urplötzlich klar, dass sich in Geschichte und Gegenwart Mythos und (wissenschaftlich beschreibbare) Realität keinesfalls voneinander trennen bzw. als Gegensätze gegeneinander ausspielen lassen. Beginnt man, Wald-Bilder jenseits eines als „falsch“ oder zumindest „naiv“ apostrophierten Waldidylls zu untersuchen, das der Romantik entlehnt scheint (wobei die Gebrochenheit und die Ironie sowie der bewusst konstruierte Charakter der Idylle in der Romantik zudem leider meist komplett ausgeblendet wird), so könnte man dann auch nach der ureigenen Bedeutung und Funktion, nach dem (utopischen) Potenzial und nach der besonderen ästhetischen Qualität der Mythen fragen. Mythen, die sich an den Wald knüpfen, erschienen dann als jeweils zeittypisch aktualisierte Auseinandersetzungen mit menschlichen oder sozialen Grunderfahrungen, die nicht zuerst von Eskapismus oder naiver Verführung zeugen und deshalb in einem moralischen Diskurs entlarvt und überwunden werden müssten. Lassen wir uns tatsächlich „immer noch zu gerne von Filmen wie ‚Herr der Ringe’ verzaubern“ (S. 24f), oder wird nicht im nur scheinbar naiven Konsum immer auch die eigene Realität mitgedacht – und ist nicht gerade im Wald wie in einem Spiegel stets die eigene Zivilisation als „Negativ“ erkennbar, die ästhetisch neu aufgeladen und utopisch verändert wird?

Der Versuch, in einem eigenen Teilbeitrag der Aktualität des Waldthemas in der Alltagskultur mittels einer Untersuchung zu Werbebotschaften nachzugehen (H. Spanier: Natur und Wald in der Alltagskultur), gerät an dieser Stelle dann auch nicht überzeugend, wenn das Fehlen von Walddarstellungen in Werbeanzeigen der großen Printmagazine kurzerhand zum Beleg für das „Verschwinden des Waldes aus der Alltagskultur“ der Gegenwart erklärt wird. Abgesehen von diesem Kurzschluss könnte man die vom Autor aufgeführten und zum Beweis angeführten Befragungsergebnisse der „Sinus Sociovision –Studie zur Einstellung der deutschen Bevölkerung gegenüber dem Wald“ auch ganz anders interpretieren: Wenn nämlich über 80 Prozent aller Bundesbürger solchen Milieu-Gruppen angehören, in denen der Wald eine zumindest partielle Rolle spielt, so zeigt sich, wie wenig er aus der allgemeinen Wahrnehmung verschwunden ist. Genug Ansatzpunkte also, um nach aktuellen Realisierungen von Mythen zu fragen, die sich an den Wald knüpfen. Hier wird schließlich ein Defizit der Ausstellung wie auch des Katalogs deutlich: Der Mangel an Exponaten, anhand derer die Aktualität von waldbezogenen Mythen vor Augen geführt wird und die die Waldgemälde des vorletzten Jahrhunderts, die Papiertheater, Bilderwürfel und Filmplakate der 1950er-Jahre und Plattencover der 1980er-Jahre hätten reizvoll ergänzen können. Denn auch heute noch, trotz einer über 200jährigen „geregelten Forstwirtschaft“ mit „Umtriebszeiten“ und „schlagweisem Hochwald“ regt der Wald unsere Imagination an - etwa in auch kommerziell erfolgreichen Kinofilmen wie „Blair Witch Projekt“ (1999), „The Village“ (2004) oder auch ganz aktuell in „Rückenwind“ von Jan Krüger bzw. Lars von Triers „Antichrist“ (beide 2009). Hier wird der Wald zum Protagonisten.

Die Frage, was jenseits aller Aufklärungsbemühungen der Mythos Wald bedeuten und leisten kann, bleibt im Rahmen der Ausstellung letztlich unbeantwortet. Jedoch: Wenn die Beiträge des Begleitkatalogs sowie die Exponate derartige Fragen aufwerfen, so hat die Ausstellung immerhin ein wichtiges Ziel erreicht. Und klar wird auch: Um den Wald, zumindest den mythischen, muss man sich keine Sorgen machen.

Weitere Ausstellungsstationen:

Hellweg-Museum Unna
13. September bis 8. November

Westfälisches Schieferbergbau- und Heimatmuseum
Holthausen in Schmallenberg
15. November bis 10. Januar 2010

Hamaland-Museum in Vreden
17. Januar bis 14. März 2010

Städtisches Heimatmuseum Lippstadt
21. März bis 9. Mai 2010

Naturkundemuseum Bielefeld
16. Mai bis 11. Juli 2010

Anmerkung:
[1] Bernd Weyergraf (Hrsg.), Waldungen. Die Deutschen und ihr Wald, Berlin 1987.

Zitation
Roderich von Detten: Rezension zu: Mythos Wald, 12.07.2009 – 06.09.2009 Bad Oeynhausen, in: H-Soz-Kult, 08.08.2009, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-121>.
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08.08.2009
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