Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen

Ort
Berlin
Veranstalter
Deutsches Historisches Museum Berlin
Datum
15.10.2010 - 27.02.2011
Publikation
Thamer, Hans U.; Erpel, Simone (Hrsg.): Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen. Dresden : Sandstein Verlag  2010. ISBN 978-3-942422-10-9 328 S. € 38,00. Url: https://www.dhm.de/archiv/ausstellungen/hitler-und-die-deutschen/
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Katrin Pieper, Die Exponauten, Berlin

Ein wahres mediales Gewitter begleitete die Ausstellungseröffnung „Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen“ im Deutschen Historischen Museum Berlin (DHM). Ebenso gewaltig ist der Besucherandrang, auf den das DHM mit Sonderöffnungszeiten und einer Verlängerung reagierte.[1] Das Thema „Hitler und die Deutschen“ hat eine immer noch ungebrochene Brisanz in Deutschland. Als „Hitler-Ausstellung“ wird die Schau, kuratiert von Hans-Ulrich Thamer, Simone Erpel und Klaus-Jürgen Sembach, in den Medien zumeist bezeichnet, es wird von einer Premiere gesprochen, der bundesweit ersten Ausstellung über Adolf Hitler.[2] Doch was ist eigentlich genau der Gegenstand der Ausstellung? Werden die medialen Spotlights der Ausstellung gerecht?

Die Fragen, die in der Einleitung der Ausstellung aufgeworfen werden, sind das non plus ultra der deutschen Erinnerungskultur spätestens seit den 1990er-Jahren: „Wie war Hitler möglich? Wie konnten Hitler und der Nationalsozialismus, die für Krieg, Verbrechen und Völkermord verantwortlich waren, bis zum Schluss auf eine breite Akzeptanz in Deutschland bauen? Warum waren viele Deutsche bereit, ihr Handeln auf den »Führer« auszurichten und somit die NS-Diktatur aktiv zu unterstützen?”[3]

Gleich am Anfang stellen die Kuratoren klar, dass mögliche Antworten nicht im Leben Adolf Hitlers gesucht werden, sondern in der deutschen Gesellschaft. Thema der Ausstellung ist laut Einleitungstext das „Wechselverhältnis zwischen dem Diktator und den gesellschaftspolitischen Umständen sowie den Befindlichkeiten der Zwischenkriegszeit.“ Insofern könnte der Ausstellungstitel und besonders die schlagwortartige Verkürzung zur „Hitler-Ausstellung“ in den Medien manche irreführen in der Annahme, hier gehe es wirklich um eine Auseinandersetzung mit der Person Adolf Hitler.

Untergliedert ist der sehr umfangreiche Ausstellungsparcours im Untergeschoss des I.M. Pei Baus in acht Sequenzen, die chronologisch und inhaltlich aufeinander aufbauen. Den zeitlichen Schwerpunkt bildet die Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945.

Die Ausstellung beginnt mit einem aus vier großformatigen Bildern bestehenden Prolog. Das erste Foto zeigt eine jubelnde Menschenmasse bei einer Kundgebung zur Mobilmachung 1914 auf dem Münchener Odeonsplatz. Mittendrin steht und jubelt Adolf Hitler. Das Bild des späteren Fotografen Hitlers, Heinrich Hoffmann, wurde wahrscheinlich später manipuliert. Es folgen drei Bildcollagen, die jeweils aus zwei Ebenen bestehen. Die obere Schicht zeigt auf Stoff reproduzierte Porträts Hitlers, zwei den „starken Führer“ Hitler von Heinrich Hoffmann, das letzte den Totenschädel Hitlers mit Haarsträhne und Oberlippenbart – eine Fotomontage aus dem Jahr 1939/1940 von Marinus Jacob Kjeldgaard, einem dänischen Künstler. Diese Bilder erscheinen aus verschiedenen Blickwinkeln durchsichtig und lassen die dahinter hängenden Fotos erkennen, die Ereignisse aus der Zwischenkriegszeit, des NS-Staates (1935) und des Zweiten Weltkrieges (1939/43) verdeutlichen. So sieht man zum Beispiel jubelnde Hitler-Anhänger, Demonstrationen, Obdachlose, NS-Gefangene, die Siegesparade nach dem Frankreich-Feldzug und die Niederschlagung des Warschauer Ghettoaufstandes. Die Collagen fungieren, indem sie Facetten der NS-Gewalt sichtbar machen, als Gegenbilder zu den zeitgenössischen Propagandafotos, die Gewalt und Zerstörung versteckten. Vieles, was in der Ausstellung zu sehen ist, entstammt nationalsozialistischer Propaganda. Dieser Problematik stellen sich die Ausstellungsmacher, indem sie immer wieder versuchen, die Aura des Materials mittels Neuinszenierungen, Bildcollagen, Vitrinenanordnungen und Filmschnitten zu brechen. Vielleicht begründet der bewusste Umgang mit den NS-Dingen und -Dokumenten auch den Verzicht auf Audiomaterial, sodass das Publikum sich vom nationalsozialistischen Rednergebrüll nicht stören lassen muss. Weiterhin fällt auf, dass es keine Zeitzeugenintervieweinspielungen gibt – eine klare und gute Entscheidung für einen sachlichen Umgang mit dem Thema.

Über eine Skulpturengalerie mit diversen Führerbildern, in deren Tradition Hitler sich gerne einreihte und die die Sehnsucht im deutschen Volk nach einem starken Führer verdeutlichen sollen, geht es in media res zum Aufstieg der NSDAP. Eindrucksvoll belegen Glückwunschbriefe, Gedichte, Gebete, Kinderzeichnungen und -fotos zum 43. Geburtstag Hitlers 1932 die frühe, glühende Verehrung in der deutschen Gesellschaft für ihren „Heilsbringer“. Der folgende Raum „Machtübertragung und nationale Revolution“ bildet den Auftakt für eine bis zum Ende fortlaufende, chronologische NS-Dokumentation auf großen Wandleuchttafeln, die einschlägig bekannte Fotos, Notizen und Dokumente thematisch geordnet präsentiert. Oberhalb der Dokumentation sind Filmsequenzen und Fotos zu sehen, deren Neuanordnung ein weiteres Mal das Vorgehen der Ausstellungsmacher, die faszinierende NS-Propagandainszenierung mit Gegenbildern von Gewalt zu brechen, widerspiegelt. So tauchen unter der Überschrift „Brände“ erst filmische Ausschnitte von NS-Fackelzügen auf, plötzlich abgelöst durch eine Frequenz verschiedener Bücherverbrennungen. Eingenommen wird der Raum von einer prunkvollen SA-Standarte mit dem Schriftzug „Deutschland erwache“. Als Gegenobjekt auf der Rückseite der Vitrine wurde die kleine KPD-Schrift „Todeskampf der Freiheit“ mit einer Bleistiftzeichnung von Käthe Kollwitz ausgewählt. Leider funktioniert hier – und das wiederholt sich auch an anderen Stellen – das Ausstellungsprinzip der Kontrastierung nicht. Zwischen der Schrift und der Standarte besteht für den Betrachter ein völliges Ungleichgewicht bezüglich der auratischen Kraft, sodass die Schrift quasi bedeutungslos und unsichtbar wird.

Die nächsten Sequenzen „Die deutsche Gesellschaft und Hitler“ und „Der Führerstaat“ widmen sich hauptsächlich dem Thema der „Volksgemeinschaft“ und zwar mit zwei verschiedenen Blickrichtungen: einerseits wird sehr anschaulich die nationalsozialistische Machtverfestigung gezeigt, zum Beispiel durch die Militarisierung der Gesellschaft, die Schaffung wirtschaftlicher Anreize und die Besetzung des öffentlichen Raumes. Uniformen, Christbaumschmuck, moderne technische Geräte, Spielzeugfiguren und Spiele im Sinne der NS-Ideologie verdeutlichen die propagandistische Reichweite der Nationalsozialisten zur Schaffung einer deutschen „Volksgemeinschaft“. Andererseits belegen die Kuratoren mit überzeugenden Materialfunden die Selbstgleichschaltung der Deutschen sowie die bereits vorhandenen kollektiven Stimmungen wie Rassismus und Militarismus, die die NS-Propagandamaschine auf fruchtbaren Boden stoßen ließen. Ein Objekt der Selbstgleichschaltung ist ein großer Wandbehang, gestickt von Mitgliedern der Evangelischen Frauenhilfe und der NS-Frauenschaft der Stadt Rotenburg an der Fulda für ihre Kirche, auf dem als Motto steht: „Die Kirche gab den Anlass; die Frauenschaft den Sinn; wir tragen das Hakenkreuz in unsre Kirche.“ Den Kuratoren gelingt es, das Bild einer folgsamen, denunziatorischen Gesellschaft in eilfertiger Dienstbereitschaft für den „Führer“ zu zeichnen.

Die Kapitel „Führerherrschaft und Vernichtungskrieg“ und „Die deutsche Gesellschaft im Krieg“ behandeln die Jahre des Zweiten Weltkriegs. Die Vision einer im Kampf geeinten Volksgemeinschaft verkörpert der nationalsozialistische Propagandaschinken „Kämpfendes Volk“ (1942). Warum nur, fragt der Betrachter, wurden vor dem Bild sechs Stahlhelme in einer Linie drapiert? Bei manchen Inszenierungen ist fragwürdig, ob oder wozu sie notwendig sind. Dafür funktioniert in diesem Teil die Kontrastierung zweier Objekte sehr gut. So werden in einer Vitrine vorne drei prunkvolle Marshallstäbe präsentiert, und auf der Rückseite der schöne Schein mit einem privaten Fotoalbum über die Kriegsverbrechen der Wehrmacht gebrochen. Einem weiteren Objekt ist die Doppelseitigkeit gleich inhärent: Ein dilettantisches Frauenporträt entpuppt sich auf der Rückseite als ein Stück Thorarolle. Die Entweihung der Thora als Malunterlage ist sogleich ein subtiler und grausamer Gewaltakt. Mehrere Dokumente in diesem Ausstellungsteil belegen sehr treffend die dumpfe Grausamkeit der Täter, wie die ausgewählten Wochensprüche der NSDAP oder die Fotos von Deportationen 1942 mit bitterbösen handschriftlichen Kommentaren. Etwas abgetrennt – was nicht die beste Raumlösung ist – werden Konzentrationslager und Holocaust mit Kinderzeichnungen aus Theresienstadt, persönlichen, anonymen Überresten und Todesmärschen gezeigt. Zum Ende hin taucht dann noch mal die eigentliche Hauptperson der Ausstellung auf, der bis dahin relativ unterbelichtete Hitler. Sein Porträt von Klaus Richter ist alles andere als ein Propagandabild. Es zeigt einen schwachen, debilen Hitler, der mit leerem Blick vor sich hinstarrt.

Wirklich bedauerlich ist das folgende „fade out“ der Ausstellung. Das letzte Kapitel ist das schwächste der gesamten Schau. Ihre Überschrift für diese Sequenz „Hitler und kein Ende“ haben die Ausstellungsmacher sich selbst zu eigen gemacht. Entdeckt man anfangs noch Dinge, die nicht ihren Weg in jedes Geschichtsbuch gefunden haben, wie zum Beispiel einen Steckbrief Hitlers, abgedruckt in der New York Times vom 8. Oktober 1944, so mündet das Kapitel zur Gegenwärtigkeit der Vergangenheit uninspiriert und ohne gestalterische Linie nur noch im Ausgang. Die Verteilung des Materials erscheint beliebig, wie zum Beispiel das durchaus witzige Foto „Berühren Hitlers verboten“ aus den 1950er-Jahren, das den Besitzer des Hamburger Wachsfigurenkabinetts beim Richten der Hitlerfigur zeigt. Ärgerlich gar wird es bei einem Foto mit der Bildunterschrift „Jugendlicher vor Fotos und Objekten mit rechtsextremem Inhalt“. Der „Jugendliche“ ist ein etwa 30jähriger Neonazi im Braunhemd bei seiner Funktionärstätigkeit! Warum – und das fragt man sich in diesem Teil zumeist – wurde das Foto überhaupt ausgewählt, wenn Neonazismus, Rassismus und Antisemitismus in der Gesellschaft überhaupt nicht thematisiert werden? Und wie intensiv erfolgte die thematische Auseinandersetzung, wenn zum Thema Gegenwärtigkeit der Vergangenheit reißerische Spiegeltitelblätter und das Gedudel „Adolf, Du alte Nazisau“ von Walter Moers herhalten müssen?

Das vielfältige Material, vor allem die noch nicht so bekannten, zum Teil kuriosen Dinge und Bilder, macht die Ausstellung durchaus sehenswert. Die eingangs aufgeworfene Frage „Wie war Hitler möglich?“ wird von den Kuratoren mit einer großen Bereitschaft zur Selbstgleichschaltung und dem Aufbau einer lückenlosen Volksgemeinschaft beantwortet und mit gut ausgewählten Objekten bebildert. Doch im Angesicht der Materialfülle hätte man mutiger Verzicht üben müssen. Fraglich ist zum Beispiel, ob die klassische NS-Dokumentation anhand der Informationstafeln an den Außenwänden der Ausstellung, hier überhaupt vonnöten ist. Zu kritisieren ist weiterhin die mangelnde Stringenz in der Gestaltung und Besucherführung. Manche Textfahnen hängen drei Meter hoch, außerdem bleibt die Untergliederung in Raum-, Kapitel- oder Thementext oft unklar.

Diese Ausstellung ist bei Weitem kein Tabubruch, wie die Ausstellung „Vernichtungskrieg“ es in den 1990er-Jahren war. Das DHM stellt nicht Hitler aus, sondern – und das wissenschaftlich fundiert und mit zahlreichen sehenswerten Objekten – den Nationalsozialismus mit seinen Gewaltexzessen und Verbrechen, getragen von der deutschen Gesellschaft. Insofern ist der mediale Anfangshype um die „Hitler-Ausstellung“ unverständlich.

Anmerkungen:
[1] Siehe die DHM-Homepage zur Ausstellung: <http://www.dhm.de/ausstellungen/hitler-und-die-deutschen/besucherinfos.html> (9.1.2011).
[2] Vgl. beispielsweise: Hitler-Ausstellung in Berlin, in: Spiegel Online, 15.10.2010, <http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,723408,00.html> (9.1.2011).
[3] DHM-Homepage, <http://www.dhm.de/ausstellungen/hitler-und-die-deutschen/index.html> (9.1.2011).

Zitation
Katrin Pieper: Rezension zu: Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen, 15.10.2010 – 27.02.2011 Berlin, in: H-Soz-Kult, 22.01.2011, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-145>.
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22.01.2011
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