Ort
Mannheim
Veranstalter
Reiss-Engelhorn-Museen
Publikation
Wieczorek, Alfried; Tellenbach, Michael (Hrsg.): An die Mächte der Natur. Mythen der altperuanischen Nasca-Indianer. Mainz : Philipp von Zabern Verlag  2002. ISBN 3-8053-2941-5 264 S., zahlreiche Abb. € 14,80. Url: http://www.mannheim.de/reiss_museum/reiss-engelhorn-museen/de/ausstellungen/nasca/index.htm
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dr. Mario Koch, Düsseldorfer Institut für amerikanische Völkerkunde

In der jüngeren Altamerikanistik zeigt sich schon seit einiger Zeit ein deutlicher Trend, die Wechselbeziehungen zwischen kultureller Spezialisierung und der Naturumgebung zu thematisieren. Die Frage, die bei diesem Ansatz im Mittelpunkt steht, lautet: Inwieweit lassen sich spezifische Kulturausprägungen als Antworten auf spezifische naturräumliche Herausforderungen erklären? Dies ist eine nachvollziehbare Reaktion auf das Scheitern vermeintlich universaler Taxonomien und Klassifikationssysteme, die von den Entwicklungsvorstellungen des 19. Jh.s geprägt waren. Statt also eine Kultur pauschal einer bestimmten „Kulturstufe“ zuzuschreiben, werden die besonderen „Problemlösungen“ thematisiert, die es einer Ethnie erlaubt haben, sich an spezifische Umweltbedingungen anzupassen. Ein solcher Ansatz wird auch in der im Juli 2002 in Mannheim eröffneten Ausstellung über die Nasca-Kultur verfolgt.

Das südamerikanische Peru wird bei uns vor allem mit den Inkas in Verbindung gebracht. In unseren Breitengraden ist kaum bekannt, dass die Inkas nur eines von vielen altamerikanischen Völkern waren, die eindrucksvolle Zeugnisse im Staatsgebiet des heutigen Peru hinterlassen haben. Will man das Feld ganz grob kategorisieren, so lässt sich Peru in drei naturräumliche Großbereiche einteilen. Die Netzwerke der Inkas reichten in alle drei, hatten ihren eigentlichen Kernbereich aber in den Hochgebirgstälern der Anden. Östlich davon, wo die Anden in das Tiefland des Amazonasbeckens abfallen, breiten sich die großen Gebiete des tropischen Regenwaldes aus. Im Westen, auf der Pazifikseite der Anden, erstrecken sich dagegen ausgedehnte Wüstenregionen. Sie werden aber entlang der Flussläufe, die die Anden zum Pazifik hin entwässern, von Oasen unterbrochen, in denen sich seit dem 2. Jahrtausend vor der Zeitenwende, also lange vor der Zeit der Inkas, altamerikanische Kulturen ausbildeten, von denen die bekanntesten die Moche-, die Paracas- und zumindest teilweise auch die Chavín-Kultur sind. Auch die Nasca bewohnten solche Küstenräume. Der Name wird bei uns vor allem mit den riesenhaften Wüstenzeichnungen in Verbindung gebracht, die nur von der Luft aus erkennbar sind und um die sich viele Mythen ranken. Nicht um diese geht es aber im Katalog zur Ausstellung, sondern um die 138 Exponate, die die Reiss-Engelhorn-Museen leider nur noch bis zum 6. Januar 2003 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben. 85 Stücke stammen dabei aus den eigenen völkerkundlichen Beständen. Sie werden von wertvollen Leihgaben des Martin-von-Wagner Museums der Universität Würzburg und der Staatlichen Museen für Völkerkunde München sowie aus verschiedenen Privatsammlungen ergänzt.

Die Herausgeber des Ausstellungskataloges ordnen die Nasca-Kultur zunächst in den größeren Zusammenhang der altperuanischen Kulturen ein. Dabei weisen sie vor allem auf die zahlreichen verbindenden Elemente zwischen den verschiedenen Küstenkulturen hin. Worin die tieferen Ursachen für diese Gemeinsamkeiten liegen, ist allerdings in vielen Hinsichten noch ungeklärt. Die Darstellung ist sehr anschaulich und eindeutig mit Blick auf Leser verfasst, die sich bisher nicht mit der Thematik auseinander gesetzt haben.

Für alle indianischen Küstenkulturen Perus war Wasser meist eine äußerst knappe Ressource. Zuweilen konnte es, etwa in Zeiten der sogenannten „El-Ninjo“-Katastrophen, aber auch in zerstörerischem Übermaß vorhanden sein. Vor diesem Hintergrund kann es kaum verwundern, dass das Verhältnis der Nasca zum Wasser einer der Schlüssel zum Verständnis dieses Volkes ist, dessen Anfänge auf etwa 800 vor der Zeitenwende datiert werden. Dabei geht es nicht nur um ihre Götterkulte. Vor allem war auch die alltägliche Lebensweise der Nasca den schwierigen Umweltbedingungen angepasst. Trotzdem bedrohten Überschwemmungen, wie sie der Bonner Archäologe Markus Reindel im Palpa-Tal bei Nasca nachgewiesen hat, immer wieder den Fortbestand der Kultur, die etwa um das Jahr 200 unserer Zeitrechnung unterging und erst Anfang des 20. Jh., übrigens mit Max Uhle unter wichtiger deutscher Beteiligung, wiederentdeckt wurde. Stand das Verschwinden der Nasca-Kultur im Zusammenhang mit einer solchen Überschwemmungskatastrophe? Hatten sie sich mithin nicht hinreichend den besonderen natürlichen Gegebenheiten ihrer Umwelt angepasst? Die Ausstellung und der Katalog präsentieren eine andere Sichtweise.

Danach gelang es den Trägern der Nasca-Kultur, ihre Lebensweise geradezu optimal den vorherrschenden Bedingungen anzupassen. Beredtes Zeugnis dafür sind die sogenannten „puquios“, also die Bewässerungssysteme. Diese vermochten es, eine Region, die sonst nur drei Monate lang über Wasser verfügte, das ganze Jahr über künstlich zu bewässern. Noch heute werden im Nasca-Tal etwa fünfzig dieser „puquios“ genutzt, wobei schon einmal der Verdacht geäußert worden ist, dass sie auch erst in kolonialer Zeit angelegt worden sein könnten, denn sie weisen gewisse Ähnlichkeiten mit den arabisch-spanischen quanats auf.

Die Ausstellungsmacher heben vor allem einen Aspekt als wissenschaftliche Sensation hervor: Spätestens seit dem 19. Jh. ist die Frage, ob das Rad bzw. die Töpferscheibe in Amerika vor der Ankunft der Europäer bekannt war, immer wieder Gegenstand von Kontroversen gewesen. Im 19. Jh. wurden an dieser wie an vergleichbaren „Indikatoren“ der „objektive“ Stand der altamerikanischen Kulturen gemessen. Während die um die Erfindung einer „american tradition“ bemühten, z. T. von wissenschaftlichen Laien verfassten Schriften Hinweise auf das Rad im Alten Amerika sammelten, fiel es europäischen Autoren z. T. bis weit ins 20. Jh. schwer, Altamerika vergleichbare Kulturleistungen überhaupt zuzutrauen. Ähnliches können wir z. B. beim alten Bild von den vermeintlich „schriftlosen“ Kulturen Amerikas beobachten, das gerade angesichts der Erfolge bei der Entzifferung der Mayainschriften in den letzten Jahren einer erheblichen Revision unterzogen werden musste. Schon 1975 hatte Terence Grieder auf die Existenz von „Rotary Tools“ im alten Peru hingewiesen. [1] Diese Befunde waren bisher allerdings wenig rezipiert worden. Michael Tellenbach kann nun dank der computertomographischen Untersuchungen, die er an einigen Exponaten bei der Vorbereitung der Ausstellung unternommen hat, die Debatte um neue empirische Befunde bereichern. Einige der ausgestellten Keramiken wurden danach zweifelsfrei auf einer Töpferscheibe hergestellt. Diese Entdeckung könnte wesentlich dazu beitragen, dass eine Reihe bisher als gesichert angenommener Erkenntnisse überprüft werden müssen, denn von wenigen vereinzelten Hinweisen in der Vergangenheit abgesehen, galt bisher die Auffassung als weitgehend akzeptiert, dass das Rad und die Töpferscheibe vor der Ankunft der Europäer in Amerika unbekannt gewesen seien. Wenn dieses Pauschalurteil auch revidiert werden muss, bleibt am Ende aber doch die Frage, ob eine drehbare Unterlage allein ausreicht, um von einer der altweltlichen Töpferscheibe vergleichbaren Vorrichtung zu sprechen.

Anmerkung:
[1] Terence Grieder: Rotary Tools in Ancient Peru, Archaeology 28 (1975), S. 178-85.

Zitation
Mario Koch: Rezension zu: Mächte der Natur: Nasca in Mannheim, Mannheim, in: H-Soz-Kult, 16.12.2002, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-15>.
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16.12.2002
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