Party, Pomp und Propaganda. Die Stadtjubiläen von 1937 und 1987

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Ort
Berlin
Veranstalter
Kulturprojekte Berlin GmbH Open-Air-Ausstellung vor der Marienkirche Berlin-Mitte
Datum
25.08.2012 - 28.10.2012
Publikation
: Party, Pomp und Propaganda. Die Berliner Stadtjubiläen 1937 und 1987. Berlin : Nicolaische Verlagsbuchhandlung  2012. ISBN 978-3-89479-754-6 128 S. € 14,95.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Paul Sigel, Institut für Kunstwissenschaft und historische Urbanistik, Technische Universität Berlin

Verglichen mit den Feierlichkeiten zum 700. Stadtjubiläum 1937 und den Stadtfeiern im Jahr 1987 erscheint das 775. Jubiläum, das Berlin 2012 begeht, als eher zurückhaltend inszeniertes, kleines Fest.[1] Neben einer Reihe weiterer Veranstaltungen, etwa der von der Stiftung Stadtmuseum eingerichteten Ausstellung „BERLINmacher“, sind es vor allem drei, parallel zu einander präsentierte Schwerpunkte, mit denen das aktuelle Stadtjubiläum unter der konzeptionellen Leitung der landeseigenen Gesellschaft Kulturprojekte Berlin gefeiert wird. Auf dem Schlossplatz wird Berlin im Rahmen einer Open-Air-Ausstellung als „Stadt der Vielfalt“ thematisiert. Unter Verzicht auf eine große zusammenhängende Stadtgeschichtserzählung zeigt die Ausstellung eine Collage zahlreicher Einzelgeschichten aus unterschiedlichsten historischen Phasen. Nicht die großen Namen und die großen Ereignisse stehen im Vordergrund, erzählt werden vielmehr die Geschichten von Zuwanderern und Bleibenden, von bekannten Namen und neu zu entdeckenden Persönlichkeiten. Auf einem begehbaren Stadtplan markieren Stangen und Informationstafeln städtische Orte, die mit diesen Personen in Verbindung stehen; von hier aus werden exemplarische Facetten Berliner Geschichte vermittelt. Ein zweiter Schwerpunkt wird auf das mittelalterliche Berlin und damit auf die Ursprünge der Stadt gesetzt. Unter dem Motto „Das Mittelalter ist unter uns“ verweisen Informationsstationen, die an Litfaßsäulen erinnern, an unterschiedlichen Orten im Berliner Kerngebiet auf Spuren der mittelalterlichen Stadtgeschichte, ein Thema, das gerade auch in der gegenwärtigen Kontroverse um die zukünftige Entwicklung des Berliner Zentrums – Rückbesinnung auf altstädtische Stadtstrukturen oder Weiterentwicklung der spätmodernen Prägungen des Freiraums unter dem Fernsehturm – von hoher Aktualität ist.

Ein dritter Ausstellungsschwerpunkt liegt schließlich in der Aufarbeitung der Geschichte der Stadtjubiläen selbst. Erstmals 1937 durchgeführt folgten 50 Jahre später die Aufsehen erregenden Doppelfeierlichkeiten in der geteilten Stadt. Vor allem der Blick auf die konkurrierenden Feiern im Westteil der Stadt und in der Hauptstadt der DDR macht deutlich, welch aufschlussreiches Forschungsfeld das Thema der Berliner Stadtjubiläen im Kontext konkurrierender Geschichtsdeutungen eröffnen kann. Im Rahmen einer weiteren Open-Air-Ausstellung, diesmal vor der Marienkirche in Berlin-Mitte, wird dieses Thema öffentlichkeitswirksam aufgegriffen. Wieder sind es an Litfaßsäulen erinnernde Informationspunkte, die dieses ganz eigene Kapitel Berliner Stadtgeschichte bildreich thematisieren. Die Ausstellung und die begleitende Buchpublikation basieren auf der 2008 erschienenen Dissertation des Historikers Krijn Thijs, die 2006 an der Vrije Universiteit Amsterdam abgeschlossen wurde.[2] Für die Ausstellung hat er nun die Inhalte der Dissertation für ein breites Publikum aufbereitet, kondensiert und durch eine ansprechende Bildauswahl öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzt.

Thijs thematisiert in seiner Dissertation zunächst die Vorgeschichte der Stadtjubiläen, die die Frage nach den historischen Referenzdaten, den Akteuren und den mit der Inszenierung eines Stadtjubiläums verbundenen Interessen aufwirft. Deutlich wird, dass die Konzentration auf das Referenzjahr 1237 keineswegs selbstverständlich war, sondern dass im stadthistorischen Diskurs der späten 1920er-Jahre durchaus von früheren Phasen der Stadtgeschichte ausgegangen wurde. Die Frage nach einem verbindlichen Datum der Stadtgründung gewann jedoch vor allem in Zusammenhang mit der Forderung nach einem Stadtjubiläum an Bedeutung, dessen historischer Bezugspunkt entweder in der Zeit um 1200 liegen würde, wofür die damalige stadtgeschichtliche Forschung sprach, oder aber zu einer Empfehlung für das Jahr 1237 führen sollte, das immerhin durch die urkundliche Nennung der Schwesterstadt Cölln abgedeckt war. Die Debatte mündete 1930 in die Empfehlung des Stadtarchivars Ernst Kaeber zu Gunsten des Referenzjahrs 1237. Doch erst einige Jahre später, nun unter nationalsozialistischer Herrschaft, gewann das Thema des Stadtjubiläums eine entscheidende Aktualität.

Thijs’ Untersuchung der Geschichte der Stadtjubiläen thematisiert vor allem die hinter den Feiern stehenden Geschichtsdiskurse, aus denen die den Festaktivitäten zu Grunde liegenden „historischen Erzählungen“ abgeleitet werden. Es geht ihm darüber hinaus um die Frage nach systemaffirmativen Funktionen der Veranstaltungen, um deren ideologische Kerne und um die über die Stadt hinaus wirksame Strahlkraft der Veranstaltungen. Im Blick auf die Feiern des Jahres 1937 stellt Thijs zunächst fest, dass hier ein lokales Ereignis inszeniert wurde, dessen überregionale Bedeutung begrenzt war. Seine Inszenierung war vor allem dem Engagement des Oberbürgermeisters Julius Lippert geschuldet, der sich mit der Ausrichtung des Stadtfestes innerhalb des Machtapparats der NSDAP zu profilieren suchte. Dass dem Fest seitens der Parteiführung lediglich eine regional begrenzte Relevanz zugesprochen wurde, wird allein schon dadurch deutlich, dass Hitler die Feierlichkeiten gar nicht besuchte und lediglich Goebbels als Gauleiter am historischen Festzug, einem der Höhepunkte des Veranstaltungsreigens, teilnahm. Inhaltlich verdeutlichte die Dramaturgie der durch zahlreiche folkloristische Elemente angereicherten Veranstaltungen vor allem eine Betonung volksgemeinschaftlicher Aspekte, die unter Einschluss der germanischen Vorgeschichte organisches Wachstum und eine Identität stiftende Gegenwart unter nationalsozialistischer Führung in den Vordergrund stellte.

Den Feierlichkeiten zum 750. Jubiläum räumt Thijs mit guter Begründung den größeren Raum ein. Diese getrennt konzipierten Veranstaltungen im Ost- und Westteil der Stadt bieten nicht nur ein weit reichendes und ertragreiches Material, sie bieten sich vor dem Hintergrund konkurrierender Geschichtsdeutungen auch optimal für eine vergleichende Analyse an. Mit Ausführungen zu den Debatten um die 1981 im Westteil gezeigte Preußen-Ausstellung sowie um das von Helmut Kohl forcierte und für den Spreebogen konzipierte Deutsche Historische Museum führt Thijs in den West-Berliner und bundesdeutschen Geschichtsdiskurs ein. Die Darstellung der Stadtgeschichte, wie sie 1987 im Rahmen der im wieder aufgebauten Martin-Gropius-Bau gezeigten Ausstellung „Berlin, Berlin“ unter Federführung von Reinhard Rürup und Gottfried Korff gezeigt wurde, war keineswegs unumstritten.[3] Ihr Konzept einer Berliner Stadtgeschichte, das vor allem Offenheit, Wandel und Vielfalt thematisierte sowie einen Schwerpunkt auf das Berlin der Weimarer Republik als „Schnellste Stadt der Welt“ legte, wurde vor allem von konservativer Seite kritisch kommentiert. Die Analysen, die Thijs hier im Blick auf die unterschiedlichen, im Vorfeld der Ausstellung wirkenden Akteure darlegt, öffnen ein breites Tableau des historischen Diskurses. Darüber hinaus macht er im Blick auf weitere Beiträge zum Stadtjubiläum 1987 deutlich, dass auch aus Basisinitiativen entstandene oder von freien Trägern entwickelte Themensetzungen wie etwa die umstrittene „Mythos Berlin“-Ausstellung sowie vor allem die eindrucksvolle Ausstellung „Topographie des Terrors“ in die Gesamtschau eingebunden werden konnten. Thijs thematisiert jedoch auch Protest und Widerstand, vor allem aus der linksalternativen Szene und zeigt damit ein vielfältiges Spektrum der Auseinandersetzung mit dem Stadtjubiläum auf. Zu kurz kommen allerdings stadtplanerische Aspekte der 1980er-Jahre, denn auch die zwar bereits für 1984 geplante, jedoch schließlich 1987 gezeigte Internationale Bauausstellung konnte mit ihren Themen der „Kritischen Rekonstruktion“ und der „Behutsamen Stadterneuerung“ als international strahlkräftiger Beitrag zur Auseinandersetzung mit Stadtgeschichte, Stadtsubstanz und Aufsehen erregenden neuen Architekturkonzepten im Jubiläumsjahr wahrgenommen werden.

Die Teilung der Stadt blieb als Folie für alle Aktivitäten in West-Berlin immer erhalten, vor allem im Rahmen der offiziellen politischen Veranstaltungen des Jahres 1987 wie dem Besuch des US-Präsidenten Ronald Reagan, dessen programmatischer Auftritt vor dem Brandenburger Tor den stärksten Appell gegen die Teilung darstellte. Hinter dem Tor waren indes ganz eigene Planungen zum Stadtjubiläum umgesetzt worden. Bemühungen um eine deutsch-deutsche Kooperation zum Stadtfest hatte Ost-Berlin ausgeschlagen. Anstatt dessen dominierte dort ein geschlossenes, durch die Staatsführung gelenktes Geschichtsbild, das die Stadtgeschichte konsequent im Sinne des Marxismus-Leninismus interpretierte, gleichzeitig jedoch, wie Thijs ausführt, über zahlreiche Kontroversen im Vorfeld sowie über das sich abkühlende Verhältnis der DDR-Staatsführung zu Gorbatschow hinwegtäuschte. Die Festakte und der opulente historische Umzug sowie die umfänglichen Baumaßnahmen zwischen Großwohnsiedlungen und Rekonstruktion sollten die Identität stiftende Funktion Ost-Berlins untermauern. Doch auch hier blieben, zwei Jahre vor dem Mauerfall, Widersprüche zwischen Inszenierung und subversiver Kommentierung bestehen, der Slogan „Für Berlin das Beste, für die Republik die Reste“ geriet zum populären Schlagwort der Systemkritik. Krijn Thijs’ Ausstellung führt bildreich auch in diese Facetten der Geschichte der Berliner Stadtjubiläen ein, die mit Verweisen auf grenzübergreifende Bezüge und Spiegelungen endet.

Eine Reflexion der aktuellen Inszenierung des Stadtjubiläums bleibt dem Flaneur nach dem Besuch der Ausstellung selbst überlassen. Mit ihrer bildreichen Ausstattung und den knappen Texten bietet die Ausstellung jedenfalls einen breitenwirksamen Zugang zu diesem aufschlussreichen Thema der Berliner Stadtgeschichte. Dass dabei notwendigerweise zahlreiche Informationen fehlen und komplexe historische Zusammenhänge vereinfacht dargestellt werden, liegt in der Ausstellungskonzeption begründet und ist nachvollziehbar; eine begleitende Lektüre der gehaltvollen Dissertationsschrift ist daher empfehlenswert. Auf sie am Informationsstand der Ausstellung hinzuweisen oder sie dort auszulegen wäre für die an einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Thema interessierten Besucher zweifellos ein Gewinn.

Anmerkungen:
[1]https://www.berlin.de/775/# (aufgerufen am 17.10.2012).
[2] Krijn Thijs, Drei Geschichten, eine Stadt. Die Berliner Stadtjubiläen von 1937 und 1987, Köln / Weimar / Wien 2008.
[3] Gottfried Korff / Reinhard Rürup (Hrsg.), Berlin, Berlin. Die Ausstellung zur Geschichte der Stadt, Berlin 1987.

Zitation
Paul Sigel: Rezension zu: Party, Pomp und Propaganda. Die Stadtjubiläen von 1937 und 1987, 25.08.2012 – 28.10.2012 Berlin, in: H-Soz-Kult, 20.10.2012, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-166>.
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Veröffentlicht am
20.10.2012
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