generation pop! ...hear me! feel me! love me!

Cover
Ort
Völklingen
Veranstalter
Weltkulturerbe Völklinger Hütte Europäisches Zentrum für Kunst und Industriekultur <http://www.voelklinger-huette.org/de/generation-pop/generation-pop/>
Datum
15.09.2013 - 15.06.2014
Publikation
Grewenig, Meinrad Maria (Hrsg.): generation pop!. ...hear me! feel me! love me!. Völklingen : Wunderhorn Verlag  2013. ISBN 978-3-88423-450-1 196 S. € 19,70.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Aline Maldener, Historisches Institut, Universität des Saarlandes

Nachdem angelsächsische und US-amerikanische Wissenschaftler/innen Phänomene der Populär- bzw. Popkultur schon seit langem zum Gegenstand ihrer akademischen Auseinandersetzung gemacht haben, öffnet sich allmählich nun auch der deutsche Forschungsbetrieb für dieses Feld. Soziologen, Kulturwissenschaftler und Historiker bemühen sich, die Popkultur für ihre jeweilige Disziplin, aber auch interdisziplinär zu erschließen und zu diskutieren. Gerade in letzter Zeit zeigt sich dabei eine verstärkte Publikationstätigkeit: Es wird versucht, bekannte Theorie- und Methoden-Sets – insbesondere aus den Cultural Studies – zu genuin eigenen Methoden der Populärkulturforschung auszubauen[1] oder popkulturelle Phänomene zu historisieren.[2]

Vor diesem Hintergrund trifft die Wechselausstellung „generation pop! ...hear me! feel me! love me!“ im Weltkulturerbe Völklinger Hütte exakt den Nerv der Zeit. Auf 6.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche erstreckt sich ein „Rundumschlag“, der unterschiedlichste popkulturelle Äußerungen von den 1950er-Jahren bis in die Gegenwart präsentiert. Der Besucher durchläuft drei große Themenräume: Zunächst passiert er einen Gang, der mit Fotografien der als Popikonen deklarierten Musiker, Künstler, aber auch Politiker aus sechs Jahrzehnten gesäumt ist. Im Anschluss daran erwartet ihn eine Abteilung mit denjenigen technischen Innovationen, die einige popkulturelle Äußerungsformen überhaupt erst ermöglicht haben sollen. Im dritten und letzten Themenkomplex eröffnen sich dem Besucher, chronologisch nach Jahrzehnten geordnet und in den historischen Kontext eingebettet, diverse Pop-Insignien aus den Bereichen Musik, Kunst, Technik, aber auch Alltägliches, das die jeweiligen Jahrzehnte so „bunt“ gemacht hat.

Die Popikonen separat als „Hall of Fame“ zu konzipieren hat durchaus seinen Reiz: So werden die Besucher zunächst schlaglichtartig durch Fotografien bekannter Gesichter auf das Thema Popkultur eingestimmt und können dann im letzten, größten Abschnitt der Ausstellung noch einmal en détail die Entwicklung der Popkultur durch die einzelnen Jahrzehnte hindurch nachvollziehen. Die zweite Abteilung, die von der Dampfmaschine bis zum iPad technische Innovationen als Prämisse für Popkultur in den Blick nimmt, wurde als eigene thematische Einheit „zwischengeschaltet“. Dabei stellt sich die Frage, ob es dieser zweiten Abteilung als selbstständiger Einheit bedurft hätte. Unbestreitbar können technische Errungenschaften wie die Dampfmaschine, der erste Dynamo, frühe Transformatoren, aber auch das Grammophon als Vorläufer einiger popkultureller Erscheinungsformen gesehen werden. Hingegen sind Geräte wie Kofferplattenspieler, Tonband oder Walkman meines Erachtens keine Grundlage oder lediglich Verbreitungsmedium für Popkultur, sondern Insignien der Popkultur selbst. Insofern wäre es auch möglich gewesen, sie in den dritten Themenraum zu integrieren, wo die Popkultur in einzelnen Jahrzehnten abgehandelt wird.

Bevor hier die Präsentation der Exponate näher betrachtet wird, zunächst noch ein paar Anmerkungen zur inhaltlichen Konzeption. Der titelgebende Begriff der „Generation“ erscheint unglücklich für eine Ausstellung, die insgesamt knapp sechs Jahrzehnte in den Blick nimmt. In der Forschung ist der Generationenansatz, der vor allem auf Karl Mannheim zurückgeht, gerade im Kontext von Jugendkulturen stark umstritten und mittlerweile oft differenzierteren Termini wie „Generationalität“, „generation building“, „Alterskohorte“, „Milieu“ oder „peer-group“ gewichen, da in der Regel kein gemeinsamer, homogener Erfahrungs- und Wissensschatz einer Altersgruppe angenommen werden darf, sondern vielmehr sehr heterogene Gruppen und Erlebnissituationen zu unterscheiden sind.[3] Aus historischer Perspektive lässt sich feststellen, dass es vor allem während der 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahre in der Regel kleine, avantgardistische Zirkel kreativer Pioniere waren, die Pop-Phänomene wie „Swinging London“ oder „Flower Power“ hervorgebracht haben, während das Gros der Jugendlichen noch mehr oder weniger stark den Werthaltungen seiner Eltern verhaftet blieb.[4] In jenen Jahrzehnten war Pop definitiv kein Massenphänomen, und auch die Ausstellungsmacher selbst verweisen richtigerweise darauf, dass Pop erst im Laufe der 1970er-Jahre in den Mainstream einging. Der Begriff der „Generation“ überzeichnet daher die massenmedial geschaffenen und reproduzierten Bilder einer Jugendkultur, die erst im Rückblick zu Symbolbildern einer vermeintlichen „Generation“ stilisiert wurden. Der Umstand, dass gerade Massenmedien nicht nur neutrale Vermittler von Popkultur waren und sind, sondern ihrerseits als Akteure selbst popkulturelle Images schaffen konnten (und können), laut Frank Bösch regelrechte „Medienereignisse“[5], wird im Rahmen der Ausstellung leider ausgeblendet.

Diese terminologischen Schwierigkeiten führen uns zum größten inhaltlichen Manko: Das Konzept oder zumindest das Verständnis des „Pop“ wird an keiner Stelle erklärt. Nun kann man den Ausstellungsmachern zu Gute halten, dass dies ein vergleichsweise schwieriges Unterfangen ist, erweist sich der Begriff doch auch innerhalb der akademischen Forschung als sehr offen (und eben dadurch als attraktiv). Nichtsdestotrotz wäre zumindest ein Hinweis darauf wünschenswert gewesen, dass sich das Konzept, das erstmals um 1955 herum Erwähnung fand[6], im Laufe von sechs Jahrzehnten durchaus gewandelt und in seiner Bedeutung erweitert hat.

Die Ausstellungsgestaltung favorisiert Schaukästen anstelle von Mitmach-Elementen und folgt damit einem eher klassischen Konzept musealer Präsentation. Mittels einer cleveren Farb- und Lichtkomposition sowie durch die Verwendung bestimmter wiederkehrender Gestaltungselemente haben die Ausstellungsmacher sinnvolle Akzente gesetzt. Jedes Jahrzehnt ist mit einem eigenen Farbton unterlegt, der zumindest teilweise eine nachvollziehbare Bedeutung auf Symbolebene hat. So erstrahlen die 1960er-Jahre mit ihrem sozialistisch geprägten Studentenprotest sinnigerweise in tiefem Rot, während die 1980er-Jahre aufgrund ihrer ausgeprägten Umwelt- und Ökologiebewegung grün gehalten sind. Leitmotivisch finden sich in jedem Jahrzehnt zeitgenössische Wanduhren, die gleichzeitig auf Vergänglichkeit und Beständigkeit von Popkultur hinweisen – the times they are a-changin’.

Die rund 1.500 Original-Exponate sind die große Stärke der Ausstellung. Elvis Presleys Plattenspieler, handgeschriebene Songtexte der Beatles, Bühnenoutfits von Michael Jackson und Kiss sowie eine Reihe handsignierter E-Gitarren von Künstlern wie den Rolling Stones bieten ein faszinierendes Panorama der Popmusik und ihrer Geschichte. Vor dem Hintergrund stillgelegter Hochöfen-Turbinen in der alten Gebläsehalle reihen sich diese Relikte primär jugendlicher Lebenswelten aneinander; sie bilden derart eine dynamische Synthese aus Industrie- und Popkultur. Eine Weltkarte mit Pop-Hotspots zeigt dem Besucher für jedes Jahrzehnt, wo die zeitgenössischen Epizentren der Popkultur waren. So wird zwar deutlich, dass sich diese Hotspots im Lauf der Jahrzehnte nur unwesentlich verändert haben, d.h. dass primär die USA, Großbritannien, Deutschland und Frankreich kontinuierlich eine bedeutende Rolle spielten. Unerwähnt bleiben allerdings transnationale Verflechtungen sowie (pop)kulturelle Transfers – etwa mit Ost- und Südeuropa, besonders aber auf globaler Ebene.

Dem eher traditionellen Ausstellungskonzept folgend bildet der Einsatz von Multimedia-Elementen zusammen mit nur wenigen Hands-on-Stationen einen Schwachpunkt im Ausstellungskonzept. Es lassen sich lediglich einige Flachbildschirme mit sich immer wiederholenden, tonlosen Bilderschleifen ausmachen. Der eine oder andere Popsong dudelt aus Lautsprechern von der Decke, und in einem eigens als „Multimedia-Raum“ abgetrennten Bereich erwartet den Besucher ein „Film“, der leider nur das Gros der bereits andernorts in der Ausstellung zu betrachtenden Bilder als kommentarlose Collage repetiert. Insbesondere an dieser Stelle hätte man sich dringend eine Reportage, einen kleinen Dokumentarfilm oder Ähnliches gewünscht. Dies hätte zum Verweilen einladen und zugleich einige konzeptionelle Fragen klären können. Auch die Hands-on-Stationen haben leider nur im weiteren Sinne etwas mit Popkultur zu tun. So können Besucher zum Beispiel unter dem Motto „Elektrizität beherrschen“ – was selbstverständlich eine grundlegende Voraussetzung für viele popkulturelle Äußerungsformen ist, allen voran die Popmusik – auf einem Fahrrad durch unterschiedliche Intensität der Pedalbewegung verschiedene elektrische Geräte zum Laufen bringen. An einer weiteren Station haben sie die Möglichkeit, bei einer Plasmakugel durch Fingerberührung den Stromverlauf zu beeinflussen.

Obwohl der Blick ins Gästebuch verrät, dass sich manche Besucher durch den hohen Wiedererkennungswert einiger Ausstellungsstücke nostalgisch in ihre eigene Jugendzeit zurückversetzt und dadurch auf einer emotionalen Ebene angesprochen fühlen, bietet die Ausstellung inhaltlich und gestalterisch insgesamt wenig Neues, wenig Überraschendes. Als Zusammenstellung all jener standardmäßigen, mitunter überstrapazierten Insignien von Popkultur, die schon zuhauf in einschlägigen Fernseh-Dokutainment-Formaten gezeigt wurden, wird sie zwar einerseits dem eigenen Anspruch des „feel me“ und darüber in Teilen des „love me“ gerecht. Andererseits kommt das „hear me“ (und „see me“!) – der Einsatz audiovisueller Elemente – doch deutlich zu kurz. Anstelle einzelner Lautsprecher, die lediglich die Musik der einzelnen Jahrzehnte wiedergeben, wären auch auditive Beispiele für Popikonen aus anderen Bereichen wie Film oder Politik denkbar gewesen – mit Interviewausschnitten, einprägsamen zeitgenössischen Zitaten oder Ähnlichem.

Eine andersartige, innovative Auseinandersetzung mit oder gar eine provokativ-gewagte Erweiterung des Verständnisses von Pop sucht man daher vergeblich. Was ist zum Beispiel mit den „Bösen“ der Geschichte und Gegenwart, wie Adolf Hitler, Josef Stalin, den Terroristen der Roten Armee Fraktion oder Osama Bin Laden? Warum tauchen diese Personen der Zeitgeschichte in der Ausstellung nur teilweise als historischer Kontext auf, aber nicht als Popikonen? Sind solche Akteure nicht gerade durch die Art ihrer medialen Be- und Aufarbeitung zu regelrechten „Popstars“ avanciert? Dem eigenen Anspruch, „die bedeutendste Ausstellung zum Phänomen des Pop“ auf die Beine gestellt zu haben, kann die Völklinger Hütte höchstens gemessen an der Ausstellungsfläche oder der Zahl der Exponate gerecht werden. Wäre das Sammelsurium der Objekte nicht im beeindruckenden Setting der ehemaligen Gebläsehalle zu sehen, das den Besuch unbedingt lohnt, würde der eine oder andere die Ausstellung vielleicht enttäuscht verlassen.

Anmerkungen:
[1] Marcus S. Kleiner / Michael Rappe (Hrsg.), Methoden der Populärkulturforschung. Interdisziplinäre Perspektiven auf Film, Fernsehen, Musik, Internet und Computerspiele, Berlin 2012 (rezensiert von Philipp Baur, in: H-Soz-u-Kult, 22.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-165> [11.3.2014]).
[2] Alexa Geisthövel / Bodo Mrozek (Hrsg.), Popgeschichte, 2 Bde., Bielefeld 2014 (in Vorbereitung); Bodo Mrozek, Popgeschichte, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 6.5.2010, <http://docupedia.de/zg/Popgeschichte> (11.3.2014). Siehe auch den Blog des Arbeitskreises für Popgeschichte: <http://pophistory.hypotheses.org> (11.3.2014).
[3] Siehe etwa die Arbeiten des Göttinger Graduiertenkollegs „Generationengeschichte“: <http://www.generationengeschichte.uni-goettingen.de> (11.3.2014).
[4] Rainer Metzger, Swinging London. Kunst & Kultur in der Weltstadt der 60er Jahre. Musik, Mode, Design, Film, TV, Fotografie, Malerei, Architektur, Theater, Literatur, München 2012.
[5] Frank Bösch, Europäische Medienereignisse, in: Europäische Geschichte Online (EGO), 3.12.2010, <http://www.ieg-ego.eu/boeschf-2010-de> (11.3.2014).
[6] Vgl. Thomas Hecken, Pop. Geschichte eines Konzepts 1955–2009, Bielefeld 2009 (rezensiert von Detlef Siegfried, in: H-Soz-u-Kult, 18.5.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-2-133> [11.3.2014]).

Zitation
Aline Maldener: Rezension zu: generation pop! ...hear me! feel me! love me!, 15.09.2013 – 15.06.2014 Völklingen, in: H-Soz-Kult, 15.03.2014, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-183>.