Barbara Klemm. Fotografien 1968–2013

Cover
Ort
Berlin
Veranstalter
Berliner Festspiele, Martin-Gropius-Bau <http://www.berlinerfestspiele.de>
Datum
16.11.2013 - 09.03.2014
Publikation
: Fotografien 1968–2013. Mit Beiträgen von Durs Grünbein und Hans-Michael Koetzle. Wädenswil : Nimbus. Kunst und Bücher  2013 ISBN 978-3-907142-93-6, 380 S., 250 SW-Abb. in Duoton € 48,00 (Buchhandelsausg.)/€ 29,00 (Museumsausg.).
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Philipp Springer, Berlin

Willy Brandt und Leonid Breshnew ins Gespräch vertieft, Hans Filbinger grinsend mit gefalteten Händen, Wolf Biermann lauthals lachend bei seinem Konzert in Köln wenige Tage vor seiner Ausbürgerung, Joschka Fischer als Minister in Turnschuhen, Helmut Kohl sinnierend vor einem Porträt Friedrichs II. – zahlreiche Aufnahmen der Fotografin Barbara Klemm haben sich fest eingebrannt in das fotografische Gedächtnis der Bundesrepublik. Sie lassen sich zu den Ikonen bundesdeutscher Zeitgeschichte zählen, haben sie doch eine Vielzahl von Momenten und Debatten auf den Punkt gebracht, die die Bundesrepublik seit Ende der 1960er-Jahre bewegten. Blickt man etwa auf das Porträt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger, das Barbara Klemm 1971 fotografierte, so sieht der Betrachter eben nicht nur einen grinsenden Herrn mit gefalteten Händen. Das Foto wurde wie kaum ein anderes zeitgenössisches Bild als Ausdruck des fehlenden Unrechtsbewusstseins deutscher Funktionseliten über die eigene Rolle im Nationalsozialismus gelesen. „Aus ihrem Photoarchiv“, so urteilt der Schriftsteller Durs Grünbein in seinem Katalogessay über Barbara Klemm, „ließe sich leicht das öffentliche Tagebuch dieser Nation in den letzten vierzig Jahren rekonstruieren, und dies nicht als öde Aneinanderreihung von Haupt- und Staatsaktionen, Illustration soziologischer Thesen, sondern als Buch der Wandlungen in Politik, Lebenswelt und Gesellschaft.“ (S. 336)

Die berühmten Ikonen, aber auch weniger bekannte Aufnahmen aus dem politischen Leben bilden konsequenterweise einen Schwerpunkt der Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau, die das Werk der Fotografin umfassend zeigt. Zwar hat es zuvor schon zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen mit Klemms Arbeiten gegeben, doch wird ihr Werk nun erstmals in seiner thematischen, zeitlichen und geographischen Breite gewürdigt. Seit Ende der 1960er-Jahre begleitete die 1939 in Münster geborene Klemm als Fotografin für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) das Zeitgeschehen und wurde so zu einer der wichtigsten Beobachterinnen der Bonner Republik und ihrer Transformationen. Von den Protesten gegen den Vietnamkrieg bis zum Mauerfall, von den Feierlichkeiten beim 30. Jahrestag der DDR bis zum Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt reicht die Bandbreite der politischen Ereignisse, die Klemm fotografierte – um nur wenige Beispiele zu nennen. Dabei bildet sie das jeweilige Geschehen nicht einfach nur ab. Sie sucht vielmehr, wie es der Kurator und Publizist Hans-Michael Koetzle in seinem informativen Katalogessay formuliert, „die eher leisen und bescheidenen Gesten, in denen sich gleichwohl der Zustand einer Zeit, einer Kultur, einer Gesellschaft offenbart“ (S. 51).

Klemms vielleicht bekannteste Aufnahme, das erwähnte Foto von Brandt und Breshnew aus dem Jahr 1973, ist für diesen besonderen Blick ein beredtes Zeugnis. Die Aufnahme hängt dementsprechend großformatig als Leitmotiv im Eingangssaal der Ausstellung. Doch auch in vielen anderen Momenten hat die Fotografin ihre von Koetzle beschriebene Fähigkeit bewiesen, einen neuen, ungewohnten und oftmals entlarvenden, aber niemals herabsetzenden Blick auf die porträtierten Mitglieder der politischen Klasse zu werfen. Klemms Aufnahmen von Willy Brandt und Helmut Schmidt beim SPD-Parteitag 1973 oder von Ludwig Erhard, Rainer Barzel, Franz-Josef Strauß und Kurt-Georg Kiesinger beim CDU-Parteitag 1972 ließen sich als anschauliche Bilddokumente für eine Studie über den Typus „Parteifreund“ heranziehen. Gleiches gilt für eine Aufnahme aus der Nacht der Bundestagswahl 2002: Der Blick der damaligen CDU-Generalsekretärin Angela Merkel, die neben einem überschwänglich jubelnden Edmund Stoiber steht, der sich für kurze Zeit als Sieger fühlen konnte, besagt wohl mehr über die heutige Bundeskanzlerin als viele wortgewaltige Analysen.

Ausstellung und Katalog (der allerdings trotz seines Umfangs nicht alle im Gropius-Bau präsentierten Aufnahmen enthält) dokumentieren in großer Breite, dass Klemm während ihrer jahrzehntelangen Tätigkeit für die FAZ und auch nach ihrer Pensionierung weit mehr gesehen und fotografisch reflektiert hat als „nur“ bundesdeutsche Debatten und Ereignisse. So schuf Klemm schon seit den frühen 1970er-Jahren Aufnahmen vom Alltag in Osteuropa. Die stillen Porträts der dort lebenden Menschen – zum Beispiel aus Masuren oder aus Rumänien – sind eindrucksvolle Dokumente eines damals ganz neuen, unvoreingenommenen Blicks auf die Staaten und Gesellschaften hinter dem „Eisernen Vorhang“. Diese Bilder zeigen, dass Klemm vor allem in den 1970er-Jahren sozialen Wandel im In- und Ausland oft frühzeitig erkannte und dokumentierte, vielleicht sogar durch die millionenfache Verbreitung der Aufnahmen in der legendären FAZ-Tiefdruckbeilage „Bilder und Zeiten“, von der in der Ausstellung zahlreiche Exemplare zu sehen sind, selbst mitgestaltete. So fotografierte Klemm 1973 einen Bewohner der Psychiatrie in Bethel und einen ihn fütternden Zivildienstleistenden – eine einfühlsame Aufnahme, die das damals noch verbreitete Bild vom „Drückeberger“ widerlegte und zugleich den Patienten als Menschen und nicht nur als „Objekt“ ernstnahm.

Solche Beobachtungen des Alltags hat Klemm nicht nur in Europa unternommen. In der Ausstellung bilden ihre Reisen nach Südamerika, Asien, Afrika und in die USA einen weiteren Schwerpunkt. Bei diesen Reisen standen weniger die politischen Ereignisse im Vordergrund, selbst wenn etwa das Porträt des chilenischen Diktators Augusto Pinochet von 1986 – mit Furcht einflößendem Blick in Richtung des Betrachters – zeigt, dass Klemm auch im Ausland in den kleinen Gesten das Charakteristische der jeweiligen Ordnung zu entdecken sucht. Vor allem aber spürt die Fotografin den örtlichen Lebensrealitäten nach. Oftmals gerät dabei – anders als in ihren Aufnahmen aus Deutschland – das Elend der Menschen in den Fokus. Eine Reihe von Bildern fasst die sozialen Gegensätze in Szenen des Alltags, wenn etwa ein reicher Weißer in einer Rikscha von einem Inder gezogen wird oder eine junge, gut gekleidete Südafrikanerin auf einen am Straßenrand hockenden Schwarzen hinabblickt. Andere, weniger deutlich die Interpretation vorgebende Fotos wirken vielleicht noch stärker, weil sie den Betrachter über die Schicksale hinter den Fotos nachdenken lassen: ein einsamer Mann vor Spielautomaten in Las Vegas, ein lachendes Mädchen in Peru oder Arbeiterinnen in einer spanischen Sardinenfabrik.

Die Schwierigkeiten, unter denen die Aufnahmen insbesondere in den von Klemm besuchten Diktaturen entstanden[1], lassen sich nur erahnen. Wie in den meisten Fotoausstellungen üblich, beschränken sich die Informationen zu den Bildern auf einen äußerst knappen Titel, die Ortsangabe und die Datierung. Der Katalog liefert keine weiteren Erläuterungen – weder zu konkreten Aufnahmesituationen noch zu den politischen und gesellschaftlichen Bedingungen der jeweiligen Motive. Auch die beiden in der Ausstellung gezeigten Filme über die Fotografin können die Lücke nicht schließen. Die Bilder werden so aus ihren Entstehungszusammenhängen gerissen und mutieren auf diese Weise zu scheinbar kontextlosen Kunstwerken, in denen man häufig nur noch das „allgemein Menschliche“ erkennen kann. Je weiter der Betrachter in der thematisch gegliederten Ausstellung voranschreitet, desto mehr kommt er ins Rätseln: Welcher Besucher weiß schon Näheres über „Flüchtlinge aus Guatemala in Mexiko 1985“ oder „Tschetschenische Flüchtlinge in Inguschetien 2001“? Welche Konflikte und Debatten – auch in beiden deutschen Staaten – verbergen sich hinter „Alphabetisierung, Nicaragua, 1980“?

Darüber hinaus wirkt es irritierend, wenn manche Bildtitel eindeutig aus der Gegenwart stammen. Besonders deutlich wird dies bei der Aufnahme „Joschka Fischer vor der Universität Frankfurt am Main, 1969“, die einen jungen Mann mit einem Bauarbeiterhelm auf dem Kopf – offenbar anlässlich einer Demonstration – auf einer Leiter über einer Menschenmenge sitzend zeigt. Es ist kaum anzunehmen, dass Klemm das Foto damals bewusst als Porträt des späteren Außenministers fotografiert hat; Fischer war damals noch nicht prominent. Der Titel legt somit eine Intention für das Foto nahe, die es vermutlich gar nicht gegeben hat. Das Phänomen, dass wir Bilder aus früheren Jahrzehnten heute mit dem Wissen um spätere Ereignisse betrachten und dadurch mit anderen Bedeutungen versehen als zur Entstehungszeit, dass aus dem gegenwartsbezogenen also ein historischer Blick wird, ist für den Effekt der Ausstellung zentral, hätte aber eine eigene Reflexion und Kommentierung verdient.

Schließlich widmet sich die Ausstellung weiteren Gebieten auf Klemms fotografischem „Kontinent“ (Koetzle, S. 51). Hervorzuheben sind etwa die Künstlerporträts, die in der Gesamtschau ein umfangreiches Panoptikum der intellektuellen Szene der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts liefern: Tom Waits als eine aus dem Zwielicht auftauchende Gestalt, Friederike Mayröcker inmitten ihres papierenen Chaos, Claudio Abbado reduziert auf Gesicht und Hände. Ganz anders dagegen eine Serie von Aufnahmen, die „Menschen im Museum“ zum Thema macht: Die meist witzige Korrespondenz von Kunstwerken und Besuchern verdeutlicht, dass Barbara Klemms Werk von feinem Humor und genauer Beobachtung geprägt ist – auch dies gute Gründe, die lohnende Ausstellung im Martin-Gropius-Bau zu besuchen.

Anmerkung:
[1] Vgl. die Schilderungen Barbara Klemms in ihrem Interview mit Irmgard Zündorf und Jan-Holger Kirsch: Fotografie als visuelle Geschichtsschreibung. Ein Gespräch mit Barbara Klemm, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 2 (2005), S. 246-265, URL: <http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Klemm-2-2005> (9.12.2013).

Zitation
Philipp Springer: Rezension zu: Barbara Klemm. Fotografien 1968–2013, 16.11.2013 – 09.03.2014 Berlin, in: H-Soz-Kult, 14.12.2013, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-185>.