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Ort
Paris
Veranstalter
Mémorial de la Shoah Musée, Centre de documentation <http://regards-ghettos.memorialdelashoah.org>
Datum
13.11.2013 - 28.09.2014
Publikation
Mémorial de la Shoah (Hrsg.): Regards sur les ghettos. Scenes from the Ghetto. Paris : Éditions du Mémorial de la Shoah  2013. ISBN 978-2-916966-67-0 161 S., zahlr. Abb. € 29,80.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
René Schlott, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Seit 2005 befindet sich im Zentrum von Paris, nicht weit entfernt vom Rathaus der französischen Hauptstadt und der Île de la Cité, das Mémorial de la Shoah, hervorgegangen aus dem schon 1943 von Isaac Schneersohn in Grenoble gegründeten „Centre de documentation juive contemporaine“. Während die viel zu umfang- und detailreiche Dauerausstellung im Erdgeschoss des Gebäudes dringend einer Überarbeitung bedarf, präsentieren sich die Sonderausstellungen des Hauses in thematischer und gestalterischer Hinsicht offener, moderner und aufgeschlossener gegenüber neuesten Forschungserkenntnissen und -trends.[1]

So erzählt die jüngste Sonderausstellung des Mémorial eine Visual History der Ghettos. Die Präsentation „Regards sur les ghettos“, im Englischen von den Ausstellern mit „Scenes from the Ghetto“ übersetzt, zeigt über 500 Fotografien aus drei Kameraperspektiven: die der jüdischen Ghettoinsassen, die der deutschen Soldaten und die der Propagandakompanien der Wehrmacht. Bei jedem einzelnen Bild versuchen die Ausstellungsmacher den Fotografen zu nennen, seine Motivation und die genauen Umstände der Aufnahme zu klären sowie Informationen zur Überlieferungsgeschichte zu geben. Die eindrucksvolle und bislang einmalige Zusammenstellung der Ghettofotografie wurde im November 2013 von der deutschen Botschafterin in Frankreich feierlich eröffnet.[2] Die Ausstellung beschränkt sich allerdings mit Ausnahme des litauischen Kaunas auf Ghettos im heutigen Polen; sie lässt die existierenden Fotografien zum Beispiel aus den Ghettos von Vilnius, Riga, Minsk, Budapest und Theresienstadt außer Acht.[3]

Die Ausstellung erzählt etwa die Geschichte des Pfälzer Hoteliers Heinrich Jöst, der als deutscher Soldat im September 1941 aus Anlass seines Geburtstages auf Nachfrage eine Sondergenehmigung zum Betreten des Warschauer Ghettos erhielt und mit seiner Kamera Rolleiflex aus reiner Neugierde – so seine eigene spätere Auskunft – 137 Aufnahmen machte. Bis in die 1980er-Jahre versteckte Jöst die Fotografien, bevor er sie dem Journalisten Günther Schwarberg anvertraute, der 1988 eine Auswahl im „stern“ veröffentlichte.[4] Die Bilder zeigen Elend und Verwahrlosung auf den Straßen des Warschauer Ghettos und Leichen in Massengräbern. Gerade in Frankreich bekamen einige der Fotografien Jösts ikonischen Charakter, nachdem sie Anfang der 1990er-Jahre auf dem Cover einer französischsprachigen Taschenbuchausgabe von Raul Hilbergs Opus magnum „The Destruction of the European Jews“ erschienen waren.

Am meisten überraschen in der Ausstellung noch immer die Farbfotografien aus den Ghettos, wenngleich sie teilweise auch schon in Deutschland gezeigt wurden.[5] Die Farbe verortet unser Bildgedächtnis als etwas Zeitgenössisches, Gegenwärtiges – stärker als bei Schwarz-Weiß-Fotografien, die intuitiv einer vergangenen Epoche zugeschlagen werden.[6] Die Farbaufnahmen zeigen meist nicht Not und Elend, sondern einen Ghettoalltag, in dem Menschen auch in die Kamera lächeln und Kinder fröhlich spielen, etwa bei den Amateuraufnahmen des Wehrmachtssoldaten Max Kirnberger aus den Ghettos Lublin, Izbica und Rzeszow[7] oder denen des Fotojournalisten Hugo Jäger aus dem Ghetto Kutno, dessen Aufnahmen 2009 erstmals veröffentlicht worden sind. Die Ausstellung hinterfragt zu Recht jedoch immer die Entstehungsbedingungen solcher Aufnahmen, deren vermeintliche Unbeschwertheit auch auf den Befehl eines deutschen Fotografen zurückgehen kann.

Zu den bekannteren Farbfotos zählen die Aufnahmen Walter Geneweins, der als hoher Beamter in der deutschen Verwaltung des Ghettos Litzmannstadt mit einer vom ursprünglichen jüdischen Besitzer geraubten Movex 12 fotografierte. Seine Bilder halten vor allem arbeitende Juden fest, denn: „Das Ghetto Litzmannstadt mit seinem Judenältesten Mordechai Chaim Rumkowski galt als Prototyp für den Gedanken, dass Juden sich durch ihre Produktivität retten würden.“[8] Besonders frappierend sind in dieser Hinsicht die Farbfotos von ansprechenden Warenpräsentationen militärischer, aber auch ziviler Textilien mit dem damaligen Werbetext: „Mützen erzeugt 750,520 Stück“ (Abbildung im Katalog auf S. 70).

Indem die Ausstellung die Aufnahmen jüdischer Fotografen (wie Mendel Grossman, Henryk Ross und George Kadish) neben denen der deutschen Verfolger präsentiert, entgeht sie überzeugend einem einst von Raul Hilberg pointiert formulierten Dilemma: „Juden treten auf Fotografien aus dem Holocaust am häufigsten in Erscheinung, haben selbst jedoch nur einen kleinen Teil dieser Aufnahmen gemacht.“[9] Dabei liegen die Unterschiede zwischen Aufnahmen von Tätern und Verfolgten weniger in den Bildmotiven, zu denen auffallend oft die jüdische Ghettoverwaltung und -polizei gehörte, als vielmehr in ihrer Aufnahme- und Einsatzintention, die von Propaganda- bis zu Dokumentationszwecken reichen konnte.

Die Ausstellungsgestalter und Kuratoren – zu ihnen zählte auch Roman Polański, der einen Teil seiner Kindheit im Krakauer Ghetto erleben musste –, entschieden sich für meist vergrößerte Reproduktionen der Bilder, die nach Orten und Fotografen gruppiert frei von Deckenschienen herab gehangen wurden. In dem ohnehin eher kleinen Ausstellungsraum wurde auf den Einbau von Stellwänden verzichtet. Die Präsentation wirkt so aufgelockerter und legt den Besucher nicht auf eine einzige Möglichkeit des Rundgangs fest. Trotzdem bleiben Orientierung und Übersicht jederzeit erhalten. Selbstverständlich wäre auch eine thematische Gliederung des Bildmaterials möglich gewesen, da sich viele der Motive – etwa Deportation, „Schmuggel“, Arbeit – an mehreren Stellen finden lassen. Der realisierte Aufbau in seiner Gliederung aus Geographie und Biographie überzeugt jedoch. An verschiedenen Standorten innerhalb der Ausstellung werden in Vitrinen Negative und Fotografien in Originalgröße gezeigt. Auf andere Objekte und Artefakte aus den Ghettos wird vollständig verzichtet. Die Ausstellungstexte sind erfreulich knapp gehalten, richten sich an ein breites Publikum und sind von einer hohen Informationsdichte gekennzeichnet.

Das Mémorial hat eine eigene Website zur Ausstellung gestaltet, die ansprechend, funktional und informativ Inhalte und Fotografien wiedergibt sowie Informationen zu dem umfangreichen wissenschaftlichen Begleitprogramm der Exposition enthält.[10] Allerdings hätte es sich angeboten, hier zusätzliche Informationen und Verlinkungen einzubinden, etwa zu den leihgebenden Institutionen. Wie die Ausstellung hat auch der zugehörige Katalog[11] ein zeitgemäßes Erscheinungsbild. Er enthält qualitativ hochwertige Reproduktionen der Fotos auf mattem Papier vor einem meist weißen, zum Teil aber auch schwarzen Hintergrund. Auf Hochglanzpapier wurde dem Thema angemessen verzichtet, was gerade der Wirkung der Schwarz-Weiß-Fotografien entgegenkommt. Der Katalog bietet neben den französischen Originaltexten auch einen Anhang mit deren englischen Übersetzungen. Er dürfte die bislang größte Fülle an Ghettofotografien und an Informationen zu ihrer Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte aufweisen. Das könnte neue Forschungsimpulse gerade für die Geschichte kleinerer, unbekannterer Ghettos liefern. Die Fotos sind häufig die einzigen verbliebenen Zeugnisse dieser Ghettos, die nach ihrer „Auflösung“ meist dem Erdboden gleich gemacht wurden. Zudem sind sie die letzten Lebenszeugnisse vieler Menschen, die in die Kamera eines Fotografen blickten und die Aufnahme oft nur um Tage, Wochen oder wenige Monate überlebten.

Anmerkungen:
[1] Seit September 2012 unterhält das Mémorial eine Dependance im ehemaligen Sammellager Drancy, von dem aus fast 70.000 Menschen vor allem nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurden. Betritt man die dortige Dauerausstellung, fühlt man sich unweigerlich in einen Apple-Store versetzt. Sie erstrahlt ganz in Weiß, enthält zahlreiche Bildschirme und lädt zum interaktiven Entdecken ein – sicher eine Reminiszenz an eine neue Generation von Museumsbesucherinnen und Museumsbesuchern. Zugleich gelingt ihr der Spagat zwischen Seriosität und Popularität. Die Würde des Ortes wird nicht angetastet, die Dauerausstellung vielmehr an dessen Geschichte rückgebunden: Von der komplett verglasten Fensterfront am Ende des Ausstellungsraums im dritten Stock des neu errichteten Museums aus öffnet sich die Perspektive auf den U-förmigen Gebäudekomplex, der einst der Internierung diente und heute Sozialwohnungen beherbergt.
[2] Dieser Kurzbericht zur Eröffnung bietet auch einige Fotografien des Ausstellungsraumes: <http://www.allemagne.diplo.de/Vertretung/frankreich/de/__pr/bo2013/2013-11-18-shoa-pm.html> (5.4.2014).
[3] Im Fall Theresienstadts stammt die Bezeichnung als „Ghetto“ oder „Altersghetto“ allerdings von den Nationalsozialisten selbst, um die Deportierten über dessen eigentlichen Charakter als Durchgangslager in die Vernichtungszentren im Osten zu täuschen.
[4] Vollständig in: Günther Schwarberg (Hrsg.), Im Ghetto von Warschau. Heinrich Jösts Fotografien, Göttingen 2001, und auf der Website des United States Holocaust Memorial Museums: <http://collections.ushmm.org/search/?q=Jo%CC%88st%2C%20Heinrich.&search_field=subjectject> (5.4.2014).
[5] Siehe den Katalog zur ständigen Ausstellung: Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz (Hrsg.), Die Wannsee-Konferenz und der Völkermord an den europäischen Juden, Berlin 2006, hier insbesondere S. 138-147.
[6] Einen ähnlichen Effekt hatte in Paris die 2008 gezeigte Ausstellung „Des Parisiens sous l’occupation“ mit Farbfotos von André Zucca; vgl. die Rezension von Daniela Kneißl, in: H-Soz-u-Kult, 14.6.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=99&type=rezausstellungenngen> (5.4.2014).
[7] Beispiel eines Kinds im Schnee (Foto aus dem Bestand des Deutschen Historischen Museums): <http://regards-ghettos.memorialdelashoah.org/photos/kir_007.html> (5.4.2014).
[8] Karsten Linne, Rezension zu: Jürgen Hensel / Stephan Lehnstaedt (Hrsg.), Arbeit in den nationalsozialistischen Ghettos, Osnabrück 2013, in: H-Soz-u-Kult, 31.1.2014, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2014-1-078> (5.4.2014).
[9] Raul Hilberg, Die Quellen des Holocaust. Entschlüsseln und Interpretieren, Frankfurt am Main 2009, S. 16f. (dt. Erstausg. 2002; engl. Originalausg.: Sources of Holocaust Research. An Analysis, Chicago 2001).
[10] <http://regards-ghettos.memorialdelashoah.org/index.html> (5.4.2014).
[11] Das Inhaltsverzeichnis ist zugänglich unter <http://bvbr.bib-bvb.de:8991/exlibris/aleph/a21_1/apache_media/B9BRH2DQCTQLDFJ5H253U5B3F1UAE6.pdf> (5.4.2014).

Zitation
René Schlott: Rezension zu: Regards sur les ghettos, 13.11.2013 – 28.09.2014 Paris, in: H-Soz-Kult, 12.04.2014, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-191>.