Cover
Ort
Bayreuth
Veranstalter
Richard Wagner Museum
Datum
26.07.2015
Publikation
Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth (Hrsg.): Richard Wagner Museum Bayreuth. Berlin : Deutscher Kunstverlag  2015 ISBN 978-3-422-07338-8, 64 S., 30 meist farbige Abb. € 9,90.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bernd Buchner, Augsburg

Am 23. Dezember 1873 notiert Cosima Wagner in ihrem Tagebuch einen Besuch der im Bau befindlichen Villa Wahnfried in Bayreuth, wo die Komponistenfamilie künftig wohnen soll: „[W]ir gehen nachmittags aus, nach ‚Ärgersheim‘, wie wir das Haus nennen, da beständig irgend etwas Verfehltes und Vergessenes sich uns darin entdeckt.“ Auch die jüngst abgeschlossene Sanierung und Neugestaltung der Künstlervilla regte zu manchem Ärger an, zumindest zu kritischen Fragen. Wahnfried sollte zum Wagnerjahr 2013 fertig sein, als die Kulturwelt den 200. Geburtstag des Komponisten feierte – doch die Festgäste standen vor einer Baustelle. Das Projekt verzögerte sich aus diversen Gründen, fünf Jahre blieb das Haus geschlossen. Rund 20 Millionen Euro wurden verbaut, eine maßvolle Steigerung gegenüber den ursprünglich geplanten 15,5 Millionen. Im Sommer 2015 konnte das ehemalige Wohnhaus der Familie Wagner schließlich neu eröffnet werden.


Abb. 1: Villa Wahnfried, erbaut 1872–1874 (Wikimedia Commons, <https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Haus_Wahnfried.jpg>, Foto: Schubbay, 2005; Lizenz: GNU Free Documentation License)

Nachdem sich Richard Wagner für Bayreuth als Festspielort entschieden hatte, fand er bald auch ein Grundstück für ein privates Wohnhaus. Großzügig unterstützt durch Ludwig II., entstand Wahnfried 1872 bis 1874 am Rande des Bayreuther Hofgartens. Das an der Villa angebrachte Sgraffito stellt das „Kunstwerk der Zukunft“ dar, das Wagner auf der Bühne verwirklicht sehen wollte.[1] Die Villa wurde seit Eröffnung der Festspiele 1876 zum Treffpunkt der „Wagnerianer“, wie man Hausfreunde und Anhänger des Künstlers bald nannte. Nach Wagners Tod 1883 machte Witwe Cosima den Familiensitz zu einem Hort des völkisch-antisemitischen Flügels des deutschen Reichsnationalismus. Im benachbarten Haus des Sohnes Siegfried, erbaut in den 1890er-Jahren, logierte später der familiäre Hausfreund Hitler, genannt „Onkel Wolf“. Im Zweiten Weltkrieg teils zerstört, wurde Wahnfried provisorisch wiederaufgebaut und von den Nachfahren des Komponisten weiter als Wohnhaus genutzt. Zum Museum wurde die Villa 1976, ein Jahrhundert nach den ersten Festspielen. Den Besuchern sollte die Atmosphäre des Hauses zu Richard Wagners Lebzeiten vermittelt werden, auch wenn Synthetik den originalen Samt ersetzte. Der Komponist und seine Festspiele wurden als weithin ideologiefrei dargestellt, ganz nach dem Wagnermotto „Hier gilt's der Kunst“ (aus „Die Meistersinger von Nürnberg“).


Abb. 2: Saal in der neugestalteten Villa Wahnfried (Wikimedia Commons, <https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Saal_in_Haus_Wahnfried.JPG?uselang=de>, Foto: Martin Welp, August 2015; Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Knapp vier Jahrzehnte später präsentiert sich das Wahnfried-Areal runderneuert. Das Haus wurde grundlegend saniert, die Erdgeschossräume konnten nach historischen Quellen erstmals vollständig rekonstruiert werden. Im großen Saal, im Speisezimmer sowie in Cosimas „Lila Salon“ sollen die Gäste weiterhin nachempfinden, wie die Familie Wagner um 1880 lebte. Vom ursprünglichen Mobiliar ist allerdings nichts mehr erhalten. Stattdessen wurden durch weiße Tücher verhüllte Möbelattrappen aufgestellt, „um einen Eindruck der ursprünglichen räumlichen Anmutung zu vermitteln“, so der Begleitband. Im Salon sind Gebrauchsgegenstände, Erinnerungsstücke, Bücher und Fotos unter Glaskästen zu sehen, die wie Käseglocken anmuten. Das erste Obergeschoss zeigt den wechselvollen und ortsreichen Lebensweg des Komponisten bis hin zur Etablierung der Festspiele in Bayreuth. An Wagnerdevotionalien fehlt es nicht: Wie schon im früheren Museum sind die Totenmaske des Künstlers, der Sargschlüssel sowie das Sterbesofa aus Venedig zu bewundern. Im Zwischengeschoss wurde eine Abteilung „Hausrat und Garderobe“ eingerichtet, mit Richards Hut, Mantel, Reisetasche, Regenschirm sowie Cosimas Steckkamm, Fächer und Nähzeug hinter Glas.

Im Keller befindet sich die neue „Schatzkammer“ des Hauses, hier dreht sich alles um Wagners Werke. Gezeigt werden handschriftliche Partituren, Kompositionsskizzen und Text-Erstschriften von „Tristan und Isolde“, die Dresdner Bibliothek des Künstlers sowie als Besonderheit ein „interaktives Orchester“. Dabei können die Besucher auf einer beleuchteten Partitur Auszüge aus Musikstücken mitlesen und Instrumentengruppen ein- oder ausschalten, „um auf diese Weise spielerisch die überragende Instrumentationskunst Wagners zu erleben“, so der Begleitband. Zudem lassen sich unterschiedliche Interpretationen der Werke vergleichen.

Von der Villa Wahnfried aus gelangt man ober- oder unterirdisch in den vom Berliner Architekten Volker Staab konzipierten Neubau. Der dortige Keller (die Ausstellung gestaltete das Stuttgarter Büro HG Merz) widmet sich der Festspielgeschichte: Zu sehen sind ein Theatermodell, Dirigentenporträts, Kostüme, Exponate zur Bühnentechnik sowie die Bühnenbildmodell-Sammlung aus der alten Richard-Wagner-Gedenkstätte. Im Erdgeschoss des Neubaus wird noch bis Ende Januar 2016 die Ausstellung „‚Wahnfried‘ oder ‚Aergersheim‘. Die Geschichte Wahnfrieds“ gezeigt. Die vom Schweizer Kulturbüro „Artes“ unter Leitung der Wagner-Spezialistin Verena Naegele konzipierte Schau veranschaulicht die künstlerische, gesellschaftliche und private Historie des Hauses Wahnfried.

Im erstmals öffentlich zugänglichen Siegfried-Wagner-Haus wiederum, das sich der Sohn des Künstlers als Refugium hatte errichten lassen und das von dessen Frau Winifred in den 1930er-Jahren zum Gästehaus für Dirigenten wie Toscanini oder Strauss sowie für die NS-Prominenz erweitert wurde, findet nunmehr die politische Geschichte Wahnfrieds ihren Platz. Auf am Boden befestigten Blockmonitoren sind Filme über die Beteiligung der Festspiele und der Familie am Aufstieg des Nationalsozialismus, ihre Verstrickung in die verbrecherische Geschichte des „Dritten Reiches“ sowie die Kontinuität der Wagnerideologie nach dem Zweiten Weltkrieg zu sehen. Im Begleitband heißt es dazu, man bediene sich „in den einzelnen Räumen wie Stolpersteine auf die Böden montierter Monitore, auf denen Dokumente, Bilder und Filme gezeigt werden, während der erläuternde Kommentar als Stimme im Raum erklingt“.

Die Umgestaltung des zentralen Wagner-Erinnerungsortes war dringend notwendig und kann in Teilen als gelungen bezeichnet werden – so besticht die architektonische Idee, in der Gestalt des Neubaus das gegenüberliegende Siegfried-Wagner-Haus in punktsymmetrischer Projektion mit der Villa Wahnfried im Zentrum abzubilden. Das neue Museum hat aber auch heftige Diskussionen ausgelöst. Kritisiert wird, dass Wahnfried nicht mehr als das plüschig-samtene Wohnhaus gezeigt wird, das es zu Wagners Lebzeiten war, sondern als aseptische Kammer. Wagner-Urenkelin Nike lobte zwar die Tatsache, dass der Staat so viel Geld für das Museumsprojekt zur Verfügung gestellt hat, sowie den Versuch, die familiäre Lebenswelt zu rekonstruieren. Dann aber begännen „tödliche Fehler“, erklärte sie in einem Interview. „Wagners Einrichtung war stickig, historisch, übervoll. Diesen Eindruck hätte man herstellen müssen. Entweder durch Nachbauen des Mobiliars oder durch beharrliches Zusammenführen jener alten Möbel und Gegenstände, die sich in den Händen der Erben befinden. Nun haben wir die Leichentücher und die Leere. Sehr unwagnerisch.“[2]

Ein weiterer Kritikpunkt richtet sich gegen die Darstellung der Wirkungsgeschichte Wagners und seiner Festspiele. So begrüßenswert es ist, dass dieses Thema in Wahnfried nicht länger ausgeklammert bleibt, so bescheiden ist das Ergebnis. Im Siegfried-Wagner-Haus das Esszimmer im Stil der 1930er-Jahre und im Kaminzimmer Winifreds Büchersammlung auszustellen bietet überschaubaren historischen Erkenntniswert. Die wenigen Filmchen mit Stimme aus dem Off sind kaum dazu geeignet, Besucher nachhaltig für das Thema zu sensibilisieren. Die alte Streitfrage der kulturhistorischen Wagnerforschung, ob die Nationalsozialisten in den Künstler und seine Werke mehr hineinprojizierten oder aber aus ihnen herausdestillierten, kann so keine Antwort finden. „Geschichtsvermittlung im Stile von Guido Knopp“, urteilte die „Frankfurter Rundschau“ in Anspielung auf die von vielen als seicht empfundenen Dokumentationen des ehemaligen ZDF-Haushistorikers.[3] Zudem ist es den Bayreuther Verantwortlichen im Zuge der Umgestaltung nicht gelungen, Einvernehmen mit dem Regisseur Hans-Jürgen Syberberg zu erzielen, um dessen Film von 1975 („Winifred Wagner und die Geschichte des Hauses Wahnfried 1914–1975“) ganz oder in Teilen zeigen zu können.[4] In dieser zentralen, fünfstündigen Dokumentation sagt Wagner-Schwiegertochter Winifred, wenn ihr alter Freund Hitler „heute hier zur Tür hereinkäme, ich wäre genauso fröhlich und glücklich, ihn hier zu sehen und zu haben, als wie immer“. Dabei ist Syberberg und Nike Wagner allerdings zuzustimmen, dass der facettenreiche Film nicht auf einzelne Episoden dieser Art reduziert werden sollte.

Wahnfried sollte auch in eigener Sache dringend nacharbeiten; so wurde kurz nach Eröffnung publik, dass zwei wichtige Persönlichkeiten der Bayreuther Museumsgeschichte nach 1945, Wilhelm Einsle und Joachim Bergfeld, vor 1945 eng mit dem NS-System verbunden waren – der eine als Psychiater und mutmaßlicher Beteiligter an Medizinverbrechen, der andere als Propagandist und als Kulturbürokrat in den besetzten Niederlanden.[5] Eine Reihe weiterer Details, denen unschwer abzuhelfen wäre, machen das neue Wahnfried-Museum zu einem „Ärgersheim“. Grundsätzlich stellt sich die Frage, warum in Wagners Villa, in der der Komponist seine neun letzten Jahre verbrachte, sein ganzes vorausgehendes Leben in Fülle ausgebreitet wird und im Neubau noch ein paar verstaubte, eher nichtssagende Exponate zur Festspielgeschichte gezeigt werden müssen. Es wäre sinnvoller gewesen, die instruktive Schau zur Wahnfried-Geschichte, die jetzt als Sonderausstellung gezeigt wird, dauerhaft einzurichten. Generell fehlt es dem Museum an Wegweisern, die die Besucher etwa im ersten Obergeschoss der Villa Wahnfried vor einem Herumirren durch Wagners Lebensgeschichte bewahren würden. Die Texte der Bühnenbildmodelle im Keller des Neubaus sind kaum lesbar, da der Raum nicht vernünftig ausgeleuchtet ist und zudem Glaskästen vor den Erläuterungen stehen. In der Audiothek erscheint bei der Suche nach mehreren beliebigen Tonstücken der launige Hinweis: „Ups?! Audiostream konnte nicht geladen werden. Versuchen Sie es später nochmals. Danke.“ Überhaupt sitzt man in den Hörstudios, die sich im Neubau-Untergeschoss befinden, vor einem Terrarium ohne Tiere. Ein Besucher meinte scherzhaft, man könne dort ja ein paar wilde Wagnerianer hineinsetzen.

Schließlich sollte der Begleitband bei einer Neuauflage gründlich erweitert und revidiert werden. Er bietet viel zu wenig Informationen zur Geschichte der Wagnervilla und wartet dafür mit einer Reihe von fragwürdigen, verschwurbelten Passagen auf. „Authentizität“, liest man dort verwundert, „erscheint mithin durch den aufrichtigen und redlichen Umgang mit der Geschichte eines Ortes[,] nicht durch eine den Verlust und die Zerstörung überdeckende oder gar verleugnende künstliche Wiederherstellung einer tatsächlich unwiederbringlich vergangenen Epoche, sondern als bewusste Vermittlung einer stets vergänglichen Geschichtlichkeit der Zeitläufte.“ Museumsdirektor Sven Friedrich beginnt seine Ausführungen im Katalog, der notorisch durch Baustellenfotos bebildert ist, mit der Schilderung, wie er als junger Mann erstmals ehrfurchtsvoll Wahnfried betrat.

Am 28. April 1874 notierte Cosima Wagner in ihr Tagebuch: „Einzug im Hause! Es ist noch nicht fertig; weit davon, allein wir erzwingen es.“ Wie das neue Wagner-Museum vom Publikum angenommen wird, muss sich zeigen. Wurden in der Villa bisher jährlich rund 30.000 Besucher gezählt, zwei Drittel von ihnen während der Festspielzeit, hoffen die Verantwortlichen künftig auf bis zu 50.000 Gäste. Die regelmäßigen Kuratorenführungen sind, wie im Newsletter zu lesen ist, stets ausverkauft. Bei Eröffnung im Juli war allerdings noch nicht klar, wie die Arbeit des Museums (dessen Gebäude im Besitz der Stadt Bayreuth sind, das aber von der Richard-Wagner-Stiftung betrieben wird) über das laufende Jahr hinaus gesichert werden kann. Ein aktueller Stand war im November von den Beteiligten nicht zu erfahren; immerhin scheint der Betrieb für 2016 gesichert zu sein. Und kaum ist Wagners Wohnhaus fertig saniert, rückt das Festspielhaus selbst in den Blickpunkt. Dort musste schon vor dem Wagnerjahr 2013 die Fassade eingerüstet werden, da Steinbrocken herabzufallen drohten, und es wird seither durch eine Fototapete verhüllt. Die jüngst begonnene Restaurierung dauert bis 2020 oder länger, die Kosten liegen bei mindestens 30 Millionen Euro. Wenn die Bayreuther Festspiele 2026 ihr 150-jähriges Jubiläum feiern, sollten die Arbeiten beendet sein – ein zweites Fiasko wie bei der Villa Wahnfried möchten sich die Verantwortlichen ersparen. Ob es bis dahin vor Ort eine umfassende, differenzierte Dokumentation der Familien- und Festspielgeschichte mit ihren vielfältigen historisch-politischen Kontexten geben wird, darf allerdings bezweifelt werden. Unter den gegebenen Bedingungen ist dies schwer erreichbar, auch wenn das jetzige Museum einen bedeutenden Fortschritt darstellt.

Anmerkungen:
[1] Siehe das Foto unter <https://de.wikipedia.org/wiki/Villa_Wahnfried#/media/File:Haus_Wahnfried.jpg> (10.11.2015). Dort ist auch Wagners Leitspruch erkennbar, der den Namen der Villa erklärt: „Hier wo mein Wähnen Frieden fand / Wahnfried / sei dieses Haus von mir benannt.“
[2] Knirschende Kieswege (Interview von Goetz Thieme mit Nike Wagner), in: Stuttgarter Zeitung, 20.08.2015, <http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.interview-mit-nike-wagner-erinnerung-an-knirschende-kieswege.657ac733-dc9d-456b-a39d-95b872214c7f.html> (10.11.2015); siehe auch Nike Wagners ungewöhnliche Rede zur Museumseröffnung: Einzug der Götter nach Wahnhall, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.07.2015, S. 13, <http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/festspiele/nike-wagner-ueber-den-wandel-der-villa-wahnfried-13721107.html> (10.11.2015).
[3] Florian Leclerc, In Wolfs Quartier, in: Frankfurter Rundschau, 31.07.2015, <http://www.fr-online.de/theater/richard-wagner-museum-in-wolfs-quartier,1473346,31357746.html> (10.11.2015).
[4] Siehe auch Christine Lemke-Matwey, Tee mit dem Biedermann, in: ZEIT, 30.07.2015, S. 39, <http://www.zeit.de/2015/31/bayreuth-festspiele-hitler-winifred-film/komplettansicht> (10.11.2015).
[5] Wagners schreckliche Verwalter, in: Süddeutsche Zeitung, 26.08.2015, S. 10 (Interview mit dem Historiker Sven Fritz).

Zitation
Bernd Buchner: Rezension zu: Richard Wagner Museum Bayreuth, 26.07.2015 Bayreuth, in: H-Soz-Kult, 14.11.2015, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-230>.