Sturm auf den Winterpalast: Geschichte als Theater

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Place
Gessnerallee Zürich
Host/Organizer
Slavisches Seminar; Universität Zürich; Hartware MedienKunstVerein Dortmund
Date
23.09.2017 - 25.10.2017
Publication
Arns, Inke; Chubarov, Igor; Sasse Sylvia (Hrsg.): Evreinov & andere »Sturm auf den Winterpalast«. Zürich : diaphanes  2017 ISBN 978-3-03734-980-9, 344 S. € 30,00.
Reviewed for H-Soz-Kult by
Gleb J. Albert, DFG-Forschergruppe "Medien und Mimesis", Historisches Seminar, Universität Zürich

Wenn es um Photographie und Macht in der frühen Sowjetunion geht, denkt man in der Regel entweder an die innovativen Arbeiten der Avantgarde, wie etwa die Plakate von Gustav Klucis oder die neuartigen Aufnahmeperspektiven von Aleksandr Rodčenko – oder aber an die Photoretuschen der Stalinzeit, bei denen die jüngste Vergangenheit von „Volksfeinden“ und anderen mit dem tagesaktuellen Geschichtsnarrativ nicht kompatiblen Personen und Sachverhalten gesäubert wurde.[1] In beiden Fällen diente Photographie dazu, einen Mythos – sei es den der lichten Zukunft oder den der linientreuen Vergangenheit – zu perpetuieren. Der vielleicht größte sowjetische Mythos jedoch, nämlich die Erstürmung des Winterpalastes durch die revolutionären Massen als Schlüsselereignis der Oktoberrevolution, hat ebenfalls, so zeigt es die Ausstellung „Sturm auf den Winterpalast“, sehr viel mit Photographie zu tun – und zwar sowohl mit Avantgarde als auch mit Retuschen. Die von Inke Arns und Sylvia Sasse kuratierte Ausstellung erhellt die Medienkonstellation, die am Ursprung dieses Mythos stand, und erzählt, wie die Photographie eines Massentheaterstücks aus dem Jahr 1920 binnen weniger Jahre zu einem „authentischen“ Bild des so nicht stattgefundenen Ereignisses avancierte und als ausdrucksstarke Illustration der Oktoberrevolution einen Siegeszug antrat, der bis in die heutigen Bildagenturdatenbanken und Schulbücher fortdauert.

Der historische Sturm auf den Winterpalast war weitgehend unspektakulär: Am 25. Oktober (7. November neuen Stils) belagerten bolschewikische Aufständische stundenlang den Petrograder Winterpalast und die darin ausharrenden Angehörigen der provisorischen Regierung – während das Stadtleben weitgehend normal weiterlief. Als Premierminister Aleksandr Kerenskij schließlich unerkannt geflohen war und die Revolutionäre sahen, dass sie nicht mehr mit Widerstand zu rechnen hatten, marschierten sie in den Regierungssitz und nahmen die Minister fest: Ein hochsymbolischer Akt, der jedoch recht unspektakulär ablief und – weitaus wichtiger – keine Bilddokumente produzierte. Entsprechend wurde das Ereignis von den Bolschewiki zunächst auch nicht als der Kulminationspunkt der Revolution erinnert, sondern eher als eine von mehreren Etappen der Revolution.

Als jedoch 1920 in Petrograd das Jubiläum der Oktoberrevolution feierlich begangen werden sollte, rückte ebenjener „Sturm“ ins Zentrum der Aufmerksamkeit – und zwar in Form einer Massentheater-Inszenierung mit Tausenden von Laiendarstellern. Für das megalomanische Vorhaben engagierten die Machthaber Nikolaj Evreinov (1879-1953), einen visionären, bereits in den 1910er-Jahren mit radikalen Inszenierungen und Theorietexten hervorgetretenen Theatermacher – der jedoch, im Gegensatz zu den bekannten Avantgarde-Gestalten, weder Kommunist noch lautstarker Befürworter der Sowjetmacht war.

Die kompakte Ausstellung sowie der parallel erscheinende, von den Kuratorinnen sowie Igor Chubarov herausgegebene Dokumenten- und Essayband[2] widmen sich sowohl der Masseninszenierung von 1920 als auch ihrer photographisch-geschichtspolitischen Nachgeschichte. Dem Unterfangen gingen aufwendige Recherchen in postsowjetischen Archiven voraus. So kann die Ausstellung nicht nur mit einem neu aufgefundenen Filmausschnitt des Massenschauspiels aufwarten, sondern auch die versprengt überlieferten Photographien der Aufführung erstmals in chronologischer Reihenfolge präsentieren. Diese knapp annotierten Großaufnahmen bilden den äußeren Rundgang der Ausstellung, deren Gestaltung – ganz dem Gegenstand entsprechend – von Bühnenbildner Anton Lukas mit dezenten Anknüpfungen an die Formensprache der russischen Avantgarde umgesetzt wurde.


Abb. 1: Die Ausstellung in der Gessnerallee in Zürich, Fotografie von Sylvia Sasse.

Umso beeindruckender erscheinen diese Aufnahmen bei paralleler Lektüre der im Begleitband abgedruckten Dokumente der Inszenierung sowie der Memoiren der beteiligten Regisseure (deren Biographien – u.a. beteiligte sich der später emigrierte Hollywood-Komponist Dimitri Tiomkin an der Aufführung – der Rezensent gerne stärker in der Ausstellung beleuchtet gesehen hätte). Die Texte dokumentieren den schieren Größenwahn der politischen Entscheidungsträger, die es für möglich erachteten, im von Not und Bürgerkrieg geplagten Petrograd ein ressourcenzehrendes „Revolutions-Mysterium“ abzuhalten. Zugleich machen die abgedruckten Materialien die Affinität vieler Kulturschaffender zum neuen Regime nachvollziehbar, die oftmals nicht so sehr auf einer politischen Identifikation, sondern vielmehr auf der plötzlichen Machbarkeit lang erträumter künstlerischer Vorhaben basierte. Dies trifft erst recht für Evreinov zu, dessen Theorietexte von der „Theatralität des Lebens“ und dem natürlichen Hang aller Lebewesen zum Theaterspiel ausgingen.[3] Von der Petrograder Parteiorganisation mit im buchstäblichen Sinne militärischen Vollmachten ausgestattet und über unbegrenzte menschliche und materielle Ressourcen verfügend, konnte er seine Theorie mit Tausenden von Laiendarstellern in einem vorher undenkbaren Umfang in die Praxis umsetzen. Wie massiv die Not und wie groß zugleich der Enthusiasmus der künstlerischen Leiter gewesen sein muss, kann man aus der knappen Erwähnung des Arbeitslohns in den abgedruckten Memoiren-Ausschnitten erahnen: die künstlerischen Leiter wurden in Zigaretten und gefrorenen Äpfeln bezahlt, Evreinov als federführender Regisseur erhielt zusätzlich einen Pelzmantel (S. 96).

Warum feierten die Bolschewiki mit der Masseninszenierung ein Ereignis, das so nicht stattgefunden hatte – was nicht nur ihnen selbst, sondern zahlreichen lebenden Zeitzeugen bewusst war? Es handelte sich, wie die Essays deutlich machen, nicht bloß um eine zynische Manipulation des historischen Gedächtnisses. Zum einen hat revolutionäres Massentheater mit fiktionalisierten Sujets eine Tradition, die in die Französische Revolution zurückreicht, und auf die die Bolschewiki gerne und bewusst zurückgriffen.[4] Zum anderen aber passte das Vorhaben, wie Sylvia Sasse in ihrem Essay aufzeigt, perfekt zu Evreinovs Konzept des therapeutischen Theaters. Während herkömmliche Theatertherapie erlebte Situationen durch Betroffene theatralisch nachspielen lässt, besagt sein Konzept das radikale Gegenteil: Gerade durch das Aufführen von erträumten, jedoch real nie erlebten Situationen entfalte Theater seine therapeutische Wirkung. Somit kann das Aufführen einer nie stattgefundenen Stürmung als ein massenwirksames „Substitut“ (S. 298) für die Nicht-Theatralität der realen Revolution gelesen werden.

Auch die Geschichte der ikonischen Photographie, als Nebenprodukt der bei Tageslicht stattfindenden Generalprobe des Massensturms entstanden, lässt sich nicht auf Geschichtsklitterung und Manipulation herunterbrechen. Die ersten Abdrucke des Photos in der frühen Sowjetunion wiesen es noch klar als Bild einer Inszenierung aus. Erst im Verlauf der 1920er-Jahre avancierte das Photo zum Abbild eines realen Ereignisses, und wurde entsprechend retuschiert – allerdings nur schrittweise, wie die Ausstellung anhand der Chronologie der überlieferten Abdrucke anschaulich macht. Während zunächst nur die Zuschauermenge an den Rändern des Bildes weggeschnitten wurde, musste bald auch der in der Ursprungsfassung klar sichtbare Regieturm daran glauben. Am längsten überdauerte der für die Inszenierung auf dem Palast platzierte Sowjetstern – ein unscheinbares, jedoch den Mythos arg störendes Artefakt, da es das zu stürmende Gebäude als bereits erobert ausmachte. Als der Stern in den späten 1920er-Jahren nun auch wegretuschiert wurde, stand der „Authentizität“ des Bildes nichts mehr im Wege.

Schließlich wurde die Legende, die in den 1920er-Jahren eher en passant lanciert wurde, in der Nachkriegs-Sowjetunion gezielt durch Manipulation befeuert, wie die Ausstellung und der Band dokumentieren: So machte sich ein sowjetischer Photografiehistoriker in einem 1971 publizierten Band die Mühe, die Biographie eines relativ unbekannten, jedoch real existierenden Revolutions-Photographen heranzuziehen und durch eine kleine Veränderung an seinen in der frühsowjetischen Presse publizierten Revolutionserinnerungen ihm die Urheberschaft über das Bild angedeihen zu lassen. So wurde die Legende wissenschaftlich abgesichert und konnte umso weitere Kreise ziehen. Mit großer Materialfülle demonstriert die Ausstellung den Siegeszug dieser vermeintlichen Revolutionsphotographie im populären Geschichtsnarrativ des 20. Jahrhunderts – nicht nur in Schulbüchern von Jugoslawien bis Vietnam, sondern auch auf Briefmarken, Meißner Porzellan und Buchumschlägen von Standardwerken zur Russischen Revolution beiderseits des Eisernen Vorhangs. Davon, dass der Mythos dieser Photographie den Kommunismus überdauerte, zeugen auch die im Band abgedruckten, nach wie vor falsch attributierten Abbildungen in heutigen Bildagentur-Datenbanken.

Mit der einander hervorragend ergänzenden Kombination von Ausstellung und Band ist den Kuratorinnen und Herausgeber/innen ein Coup gelungen. Anstatt sich im 1917-Jubiläumstrubel den althergebrachten historischen Sujets und strittigen politikgeschichtlichen Fragen zu widmen, werden hier anhand einer einzelnen Quelle die Zusammenhänge von Photographie und sozialen Tatsachen, von Ereignis und historischer Erinnerung, schließlich von Geschichte, Mythos und Reenactment durchexerziert. Dabei gelingt es ihnen mit der kompakten Ausstellung, diese Kernthemen der historischen und kulturwissenschaftlichen akademischen Forschung plastisch und für ein breites Publikum verständlich darzulegen. Zudem bleibt die Exposition nicht auf die historische Ebene beschränkt, sondern präsentiert in einem eigenen Teil zeitgenössische Videoarbeiten und Installationen, die sich künstlerisch mit dem Mythos vom „Sturm auf den Winterpalast“ auseinandersetzen. Die in Zürich erfolgreich angelaufene Ausstellung befindet sich nun bis Anfang April im HMKV in Dortmund, um dann ins polnische Łódź weiterzuziehen. Ihr sind zahlreiche weitere Stationen zu wünschen.

Anmerkungen:
[1] Für Anschauungsmaterial: David King, Roter Stern über Russland. Eine visuelle Geschichte der Sowjetunion von 1917 bis zum Tode Stalins, Essen 2010; Ders., Die Kommissare verschwinden. Die Fälschung von Fotografien und Kunstwerken in Stalins Sowjetunion, Berlin 2015.
[2] Dabei ist es bemerkens- wie bewundernswert, dass die Herausgeber/innen den Band parallel in deutscher und in englischer Sprache publiziert haben: Inke Arns / Sylvia Sasse / Igor Chubarov (Hrsg.), Nikolai Evreinov „The Storming of the Winter Palace“, Zürich 2017.
[3] Nikolaj Evreinov, Theater für sich, hg. von Sylvia Sasse, Zürich 2017.
[4] Richard Stites, Revolutionary Dreams. Utopian Vision and Experimental Life in the Russian Revolution, New York 1989; Gabriel Schoenfeld, Uses of the Past. Bolshevism and the French Revolutionary Tradition, in: Gail M. Schwab / John R. Jeannanay (Hrsg.), The French Revolution of 1789 and Its Impact, Westport 1995, S. 285-304.

Citation
Gleb J. Albert: Rezension zu: Sturm auf den Winterpalast: Geschichte als Theater, 23.09.2017 – 25.10.2017 Gessnerallee Zürich, in: H-Soz-Kult, 17.02.2018, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-295>.
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Published on
17.02.2018
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