Tierisch beste Freunde

Cover
Place
Dresden
Host/Organizer
Deutsches Hygiene-Museum
Date
28.10.2017 - 01.07.2018
Publication
Krason, Viktoria; Willmitzer, Christoph (Hrsg.): Tierisch beste Freunde. Über Haustiere und ihre Menschen. Berlin : Matthes & Seitz  2017 ISBN 978-3-95757-481-7, 144 S. € 10,00.
Reviewed for H-Soz-Kult by
Andrew Wells, Leipzig

Die Beziehungen zwischen Menschen und Tieren werden mit Hilfe zahlreicher Begriffe zu verstehen gesucht, aber wohl keine Vorstellung hat dabei eine so große Relevanz im gegenwärtigen westlichen Alltagsleben wie das Konzept der „Freundschaft“. Können Menschen und Tiere wahre Freunde sein, oder sind die kognitive und affektive Entfernung sowie die Machtungleichheit zwischen beiden zu groß, als dass sich die Unterschiede zwischen den Spezies überbrücken ließen? Eine bestimmte Kategorie von Tieren – Haustiere –, die sowohl als Geschöpfe wie als Gruppe ihre eigene(n) Geschichte(n) besitzen, stehen im Zentrum dieser Überlegung. Solche Tiere, vor allem Hunde und Katzen, wurden vor Jahrtausenden (mehr oder weniger) gezähmt und sind seit vergleichsweise kurzer Zeit Mitglieder einer Familie bzw. TeilhaberInnen eines menschlichen Haushalts geworden. Deutlich langjähriger als die Geschichte des Haustiers in der Mensch-Tier-Beziehung ist demgegenüber das Verhältnis, das von der bloßen Benutzung des Tiers geprägt ist – als Arbeitskraft, zur Unterhaltung oder für die Ernährung.[1]


Abb. 1: Mensch und Hund (vermutlich das älteste Haustier). Fotoinstallation der britischen Künstlerin Jo Longhurst: „Twelve dogs, twelve bitches“, 2002/03
(Foto: Oliver Killig)

Die Ausstellung „Tierisch beste Freunde: Über Haustiere und ihre Menschen“, die im Deutschen Hygiene-Museum Dresden noch bis zum 1. Juli 2018 zu sehen ist, hat das Ziel, Verhältnisse zwischen Menschen und ihren Haustieren sowie die kulturellen, affektiven und ethisch-moralischen Aspekte solcher Beziehungen zu untersuchen. Diese Perspektive spiegelt die neuere geisteswissenschaftliche Forschung wider, die den Interaktionen zwischen „menschlichen und nicht-menschlichen Tieren“ in ihrer ganzen Breite nachgeht. Andere und schon seit längerem erforschte Aspekte dieser Beziehungen, wie Massentierhaltung, agrarischer Nutzen und die Ausbeutung von Tieren, Fleischkonsum und Hetzjagd, werden nur gelegentlich aufgegriffen und fungieren generell als Kontrapunkt zu dem Schwerpunkt der Ausstellung: Haustiere. Ein weiteres Merkmal der Human-Animal Studies, das auch bei „Tierisch beste Freunde“ deutlich wird – besonders bei denjenigen Ausstellungsstücken, die Züchtung und Grausamkeit darstellen –, ist eine grundlegende Betrachtung der Ethik und Moral des Mensch-Tier-Verhältnisses. Durch die starke Fokussierung auf Haustiere, kombiniert mit dem gezielten Einblick in etablierte Aspekte der Forschung zu Mensch-Tier-Verhältnissen, gelingt dem Deutschen Hygiene-Museum ein wertvoller Beitrag zur öffentlichen Debatte um diese Themen.

Den Ausgangspunkt der Ausstellung (kuratiert von Viktoria Krason und Christoph Willmitzer) sowie ihrer Begleitpublikation bildet eine Diskussion bzw. Definition der Hauptbegriffe „Freund“ und „Haustier“. Selbstverständlich gehen die verschiedenen Medien an die Aufgabe unterschiedlich heran, und das Buch hat bei der abstrakten Betrachtung beider Konzeptionen mehr Erfolg. Insbesondere das Thema „Freundschaft“ und die Möglichkeit, wahre Freundschaften vor dem Hintergrund einer Machtungleichheit der TeilnehmerInnen zu etablieren, diskutiert die Begleitpublikation gründlicher und aus mehr Blickwinkeln, als sie das Museum darstellen kann. Die erste Sektion der Ausstellung ist der „Entstehung des Haustiers“ gewidmet – sie zeigt von Anfang an ganz klar, dass das Haustier ein neuzeitliches Phänomen ist. Mehr noch: „Tierisch beste Freunde“ erzählt die Geschichte des Haustiers so, als ob sie vor dem 19. Jahrhundert gar nicht existiert habe. Diese Behauptung ist nicht ganz korrekt, denn es gab in der Frühen Neuzeit durchaus schon Haustiere (besser gesagt: „Companion Animals“ oder begleitende Tiere), aber sie waren fast ausschließlich Eigentum der Oberschicht. Statt von der „Entstehung“ des Haustiers im 19. Jahrhundert zu sprechen, wäre es treffender gewesen, eine „Demokratisierung“ der Haustierhaltung zu verfolgen, da schon im Laufe des 18. Jahrhunderts die moralischen Abneigungen und finanziellen Schwierigkeiten allmählich überwunden wurden, die der Haustierhaltung bei der breiten Bevölkerung im Weg standen.[2]


Abb. 2: Käfigvögel und Stubentiger – in deutschen Haushalten leben gegenwärtig schätzungsweise 30 Millionen Heimtiere.
(Foto: Oliver Killig)

Die Aufteilung der Ausstellungsfläche (insgesamt rund 800 Quadratmeter) ist gut durchgedacht und umgesetzt. Das Gefühl, sich in einem häuslichen Raum zu bewegen, wird durch mehrere raffinierte Einfälle der Inneneinrichtung hervorgerufen, zum Beispiel durch einen großen Florteppich, elegante Möbel und Streifenvorhänge. „Tierisch beste Freunde“ wird von zwei Zimmern mit sich spiegelnder Benennung flankiert: Das erste, das unverzüglich nach dem der „Entstehung des Haustiers“ gewidmeten Eingangszimmer folgt, heißt „Der Mensch und sein Haustier“, während der letzte Raum den Titel „Das Haustier und sein Mensch“ trägt. In diesen zwei Zimmern findet man Ausstellungsstücke, die sich mit Kommunikation zwischen Menschen und Tieren bzw. mit tierischen Wahrnehmungen sowie ethischen und moralischen Dimensionen der Tierhaltung beschäftigen. Andere Hauptthemen sind die menschliche Identifikation mit Tieren (auch interessant, obwohl kaum in Betracht gezogen, wären Beispiele für die tierische Identifikation mit Menschen gewesen, unter anderem von Hunden); die Treue, Gehorsamkeit und (diesmal gegenseitige) Verpflichtung von Menschen und Tieren; die Unterwerfung von Tieren und die Unberechenbarkeit des Verhaltens von menschlicher und nicht-menschlicher Seite; schließlich Klein- sowie Kuscheltiere. Außer im letzten Abschnitt, der „Nähe und Ferne“ heißt, wird stets die ganze Vielfalt von Haustieren gezeigt. Ein weiteres Merkmal von „Tierisch beste Freunde“ ist die beeindruckende Breite von Exponaten aus zahlreichen Mediengattungen, welche die bildende Kunst, Videos, Fotografien, Vogelkäfige, Keramik, Aquarien, Kostüme, taxidermische (präparierte) Exemplare sowie handschriftliche und gedruckte Texte umfassen.


Abb. 3: Hörstationen und Filmsequenzen bieten in der Ausstellung reichhaltiges Material zur Vertiefung.
(Foto: Oliver Killig)

Die Objekt- und Medienvielfalt ist eine von mehreren bemerkenswerten Eigenschaften der Ausstellung, deren gedankenreiche und miteinander verbundene Platzierung der gezeigten Stücke weitere Einblicke fördert und eigenes Nachdenken provoziert. Jeder Gegenstand der Ausstellung steht mit der allgemeinen Geschichte in Beziehung, wobei es einige Glanzpunkte zu erwähnen gilt. Besonders fesselnd sind eine Diashow mit Audiobegleitung zur Arbeit des deutschen Agrarwissenschaftlers Julius Kühn (1825–1910) im ersten Zimmer sowie die von der österreichischen Fernsehjournalistin Elizabeth T. Spira produzierten Videosequenzen. Die Diashow über Kühn, mit dem Titel „Alles was irgendwie nützt“, zeigt Bilder von Nutztieren jedes Alters (oftmals mit Nachwuchs), von deren Skeletten und Leichen, gelegentlich untermalt mit Musik aus einer Spieldose. Die Nachhaltigkeit des Eindrucks entsteht dabei weder aus dem Nebeneinander junger Tiere und ihrer Körperteile noch durch das letzte Bild, welches zweiköpfige Schafe zeigt, sondern aus der Geschwindigkeit des Übergangs der Bilder, die im Zusammenhang mit der gleichzeitig spielenden Musik fast einen Zeichentrickfilm ergeben, in dem die aufgehängten Leichen zu tanzen scheinen. Zwei Videoausschnitte aus Spiras langjähriger, 1985 begonnener Dokumentarreihe „Alltagsgeschichte“ sind nicht zuletzt deswegen wichtige Elemente der Ausstellung, weil sie die affektive und psychologische Komplexität der menschlichen Seite der Mensch-Tier-Beziehung nachdrücklich darstellen. (Ein in der Ausstellung enthaltener Teil von Ulrich Seidls Dokumentarfilm „Tierische Liebe“ aus dem Jahr 1996 erforscht diesen Komplex ebenfalls.) Eine erste Sequenz beleuchtet die Selbst- und Machtdarstellung eines Wiener Detektivs, der sich seine Hunde als „Waffen“ vorstellt und ihnen Namen wie „Capone“ und „Dillinger“ gegeben hat. Ein anderes Filmbeispiel zeigt eine alte Wiener Dame mit ihrem Papagei „Gogo“ und erzählt von der unglücklichen Kindheit und den Familienverhältnissen der Frau, um die Tiefe der Beziehung zu ihrem Vogel zu unterstreichen.

Die Verbindung der Ausstellungsstücke mit ihren jeweiligen Kontexten ist nicht immer offensichtlich. Es ist etwa naheliegend, dass in einer Ausstellung des Deutschen Hygiene-Museums taxidermische Exemplare von Tieren eine Rolle spielen. Trotzdem erscheint es (zumindest diesem Rezensenten) als ziemlich altmodisch, solche Präparate in einer aktuellen, neu konzipierten Ausstellung zu nutzen, ohne ihre Geschichte oder diejenige des Museums dabei zu erklären. Eine damit in Zusammenhang stehende Lücke ist die weitgehende Abwesenheit (mit wenigen Ausnahmen) von Objekten und Texten, die das Mensch-Tier-Verhältnis in Diktaturen verkörpern bzw. beleuchten. Der nationalsozialistische Gedanke von Natur und Züchtung wird einigermaßen berücksichtigt, nicht aber die propagandistische Nutzung der Tierliebe – insbesondere derjenigen Hitlers – oder auch die Verwendung von Tierallegorien durch den politischen Gegner (z.B. in George Orwells „Animal Farm“ von 1945 oder in Michail Bulgakows 1925 entstandener satirischer Erzählung „Hundeherz“).

Das letzte Zimmer enthält eine Mischung von Ausstellungsstücken, die tierische Wahrnehmungen mit menschlicher Verantwortung gegenüber Tieren zu verknüpfen sucht. Wie bereits erwähnt, ist dieses Zimmer konzeptionell verbunden mit dem zweiten, welches der Mensch-Tier-Kommunikation gewidmet ist. Im letzten Zimmer vermitteln Objekte, wie Menschen ihre Tiere einsetzen, um ehrlich und vertrauenswürdig zu erscheinen, wie Menschen Tiere behandeln und pflegen sollten und inwieweit Menschen die tierische Wahrnehmung verstehen können. Einige technische Hilfsmittel, die besonders für Kinder gut geeignet sind, geben BesucherInnen die Möglichkeit, die Welt aus der Perspektive eines Vogels oder Fisches zu erleben. Dieser Versuch, tierische Wahrnehmungen zu berücksichtigen, ist lobenswert, aber noch besser hätten dies Ausstellungsstücke leisten können, die Einsichten in tierisches Verhalten oder in die Tierpsychologie bieten. Das einzige Beispiel für einen solchen Ansatz behandelt das soziale Leben von Meerschweinchen – aber die Forschung, die sich mit tierischen Vorstellungen von Gerechtigkeit und Moral sowie deren evolutionärer Grundlage beschäftigt[3], wäre ebenfalls zu erwähnen gewesen. Nichtsdestoweniger ist die Aufnahme der „tierischen Wahrnehmungsstücke“ ein klares Zeichen, dass „Tierisch beste Freunde“ sich zum Ziel gesetzt hat, die ganze Breite der Mensch-Tier-Beziehungen darzustellen.


Abb. 4: Mit Virtual-Reality-Technik können die BesucherInnen tierische Sinneswahrnehmungen nachempfinden, etwa von Fischen.
(Foto: Oliver Killig)

Die Begleitpublikation entwickelt die Ausstellung in zahlreiche Richtungen weiter. Eine Kulturwissenschaftlerin, ein Historiker und eine Journalistin haben Beiträge geschrieben, die Freundschaft und deren Möglichkeit zwischen Menschen und Tieren diskutieren (Iris Därmann), die aktive Teilnahme des Tiers an seiner eigenen Geschichte zeigen (Clemens Wischermann) sowie ethische Überlegungen zur Haustierhaltung anstellen (Hilal Sezgin). Nicht allem, was im letztgenannten, ziemlich polemischen Aufsatz behauptet wird, kann ohne weiteres zugestimmt werden, am wenigsten der vorschnellen Missachtung einiger Argumente Donna Haraways (S. 112). Dass die Begleitpublikation einer so vielfältigen Ausstellung auch provoziert, ist jedoch kein Grund zur Klage, sondern vorbehaltlos zu begrüßen.[4]

„Tierisch beste Freunde“ ist eine beeindruckende Ausstellung, die sich mit einem sehr relevanten, aber noch kaum erforschten Thema beschäftigt. Die breit angelegte und in die Tiefe gehende Erkundung des Mensch-Tier-Verhältnisses sowie die Auswahl der Exponate sind hervorragend. Die kleinen Lücken, die in dieser Rezension erwähnt werden, beeinträchtigen die Errungenschaften der Ausstellung in keiner Weise. Obwohl eine längerfristige Perspektive auf Mensch-Haustier-Beziehungen zu wünschen wäre, die das 18. Jahrhundert oder sogar die gesamte Frühe Neuzeit unter Berücksichtigung der aktuellen Forschung über Haustiere von GeschichtswissenschaftlerInnen wie Ingrid H. Tague einschließen würde, ist es zunächst einmal wichtig, dass dieses Thema überhaupt eine eigene Ausstellung bekommen hat.

Anmerkungen:
[1] Eine breite Perspektive, mit Schwerpunkt auf künstlerischen Arbeiten, verfolgte das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe in seiner von November 2017 bis März 2018 gezeigten Ausstellung „Tiere. Respekt / Harmonie / Unterwerfung“: http://www.mkg-hamburg.de/de/ausstellungen/archiv/2018/tiere.html (19.05.2018).
[2] Siehe Ingrid H. Tague, Animal Companions. Pets and Social Change in Eighteenth-Century Britain, University Park 2015.
[3] Siehe z.B. Sarah F. Brosnan / Frans B.M. de Waal, Monkeys reject unequal pay, in: Nature 425 (2003), S. 297-299, http://www.emory.edu/LIVING_LINKS/publications/articles/Brosnan_deWaal_2003.pdf (19.05.2018); Jennifer L. Essler / Sarah Marshall-Pescini / Friederike Range, Domestication Does Not Explain the Presence of Inequity Aversion in Dogs, in: Current Biology 27 (2017), S. 1861-1865.
[4] In Verbindung mit der Dresdner Ausstellung erschien bei Matthes & Seitz zudem ein Band der Reihe „Naturkunden“: Josef H. Reichholf, Haustiere. Unsere nahen und doch so fremden Begleiter, Berlin 2017. Siehe dazu auch die Rezension von Frederike Middelhoff, Menschen, Haustiere, Emotionen, in: literaturkritik.de Nr. 2, Februar 2018, http://literaturkritik.de/reichholf-haustiere-krason-willmitzer-tierisch-beste-freunde-menschen-haustiere-und-emotionen,24160.html (19.05.2018).

Citation
Andrew Wells: Rezension zu: Tierisch beste Freunde, 28.10.2017 – 01.07.2018 Dresden, in: H-Soz-Kult, 05.06.2018, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-296>.
Editors Information
Published on
05.06.2018
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