Cover
Ort
Berlin
Veranstalter
Jüdisches Museum Berlin
Datum
11.12.2017 - 30.04.2019
Publikation
Kampmeyer, Margret; Kugelmann, Cilly (Hrsg.): Welcome to Jerusalem. Köln : Wienand Verlag GmbH  2017 ISBN 978-3-86832-404-4, 264 S., 155 farb. Abb. € 39,80.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Achim Rohde, Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Als im Jüdischen Museum Berlin die Planungen für die Themenausstellung „Welcome to Jerusalem“ begannen, die im Dezember 2017 als Ersatz für die in Überarbeitung befindliche Dauerausstellung eröffnet wurde und bis April 2019 laufen wird, war noch nicht absehbar, dass mit Donald Trump ein wahrhaftiger US-Präsident zum wirkungsvollsten Werbeträger für die Ausstellung avancieren würde. Dessen Entscheidung im Dezember 2017, in Abkehr von internationalen Gepflogenheiten und unter Missachtung palästinensischer Ansprüche die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, sowie das weltweite – überwiegend kritische – Echo auf diesen Schritt verdeutlichten einmal mehr den Ausnahmestatus der geschichtsträchtigen Metropole am Rande der Judäischen Wüste, die drei Weltreligionen als heilig gilt und von zwei konkurrierenden Nationalbewegungen als Hauptstadt betrachtet wird.


Abb. 1: Blick in den zentralen Ausstellungsraum „Die heilige Stadt“
(© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff)

Der symbolischen und emotionalen Überfrachtung begegnen die beiden Ausstellungsmacherinnen Cilly Kugelmann und Margret Kampmeyer mit einer erstaunlichen, geradezu aufreizenden Gelassenheit, mit Mut zu kuratorischem Eklektizismus und einer dezidiert multiperspektivischen Erzählung, welche widerstreitende politische Ansprüche und wechselnde Machtkonstellationen im historischen Längsschnitt zur Kenntnis nimmt sowie unterschiedlichste kulturelle Einflüsse und lebensweltliche Kontexte porträtiert, ohne dabei für eine bestimmte Seite Partei zu ergreifen. Die über die gesamte Ausstellung verteilten Einspielungen aus dem 2013/14 im Auftrag von arte produzierten monumentalen Dokumentarfilm-Projekt „24h Jerusalem“ von Volker Heise und Thomas Kufus, für das 70 Filmteams einen Tag lang Bewohner/innen Jerusalems in ihrem Alltag begleitet haben[1], implizieren gleichwohl einen auf die gelebte Gegenwart zielenden Kosmopolitismus als normative Leitlinie dieser Ausstellung: Jerusalem gehört allen, die darin leben. Schön wär’s. So werden Besucher/innen gleich im ersten Ausstellungsraum von drei großformatigen Bildschirmen begrüßt, auf denen wechselnde Alltagsszenen aus verschiedenen Vierteln und sozialen Milieus dieser Stadt präsentiert werden, die heute entlang religiöser, ethnischer und sozio-ökonomischer Bruchlinien und physischer Barrieren stark fragmentiert ist. Im hinteren Teil der Ausstellung läuft die gesamte Dokumentation als Endlosschleife.


Abb. 2: Blick in den Raum „Welcome to Jerusalem“ mit Ausschnitten aus der Dokumentation „24h Jerusalem“
(© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff)

„Welcome to Jerusalem“ lädt Besucher/innen ein zur Erkundung von 15 Räumen, die eine diachrone Darstellung entlang ausgewählter Themen bieten. Wer einen enzyklopädischen Überblick zur Geschichte Jerusalems erwartet, womöglich Loyalität gegenüber einem bestimmten Narrativ voraussetzt, wird hier enttäuscht. Die Ausstellung funktioniert vielmehr als Anregung zur Auseinandersetzung mit der komplexen Geschichte und widersprüchlichen Realität der Stadt, konfrontiert Besucher/innen mit ihren eigenen Vorstellungen und Projektionen, indem es diese permanent herausfordert. Besondere Aufmerksamkeit gilt der religiösen Bedeutung Jerusalems in allen drei abrahamitischen Traditionen; aber auch die wechselhafte und konfliktträchtige Geschichte der Stadt wird ausgiebig thematisiert. Ein drittes Leitmotiv bilden die erwähnten Einspielungen mit Szenen aus dem Alltagsleben zeitgenössischer Einwohner/innen Jerusalems. Auf insgesamt 1.000 Quadratmetern sind 170 Exponate verteilt, eine wilde Mischung aus Alltagsgegenständen, Stadtplänen, religiösen Utensilien, Kunstwerken (oder deren Repliken) aus verschiedenen Epochen und in unterschiedlichsten Formen, historischen Dokumenten und Filmsequenzen sowie Audio- und Videoinstallationen. Die Zusammenstellung dieser verschiedenen Arten von Exponaten jeweils innerhalb eines Ausstellungsraumes, wiewohl gelegentlich als pragmatische Notlösung erkennbar, erweist sich bei näherem Hinsehen als überaus produktiv, denn die eigenwilligen Arrangements bieten überraschende Eindrücke, erregen spontanen Widerspruch oder Zustimmung, gelegentlich auch ein Schmunzeln, regen auf jeden Fall zum Weiterdenken an. Diesem Zweck dienen auch die eigens für die Ausstellung konzipierten, allwöchentlich angebotenen „Tandem-Führungen“.[2] Dabei werden Besucher/innen gleichzeitig von zwei gut informierten Guides begleitet, die über unterschiedliche biographische Bezüge zu Jerusalem verfügen.[3]


Abb. 3: Blick in den Raum „Die Reise nach Jerusalem“, der dem Thema Pilger gewidmet ist
(© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff)

Die religiösen Bedeutungsschichten der Stadt werden in mehreren Räumen thematisiert. Ein einleitender, kartographisch illustrierter Abriss der wechselhaften Siedlungsgeschichte Jerusalems wird gefolgt von einer Darstellung des für die lokale Wirtschaft über die Jahrhunderte lebenswichtigen Pilgertourismus, die sich seltsamerweise vor allem auf christliche Pilger konzentriert. Dies mag derzeit die zahlenmäßig größte Gruppe sein. Doch der heute vergleichsweise geringe Anteil des religiös motivierten muslimischen Tourismus in Jerusalem ist einzig eine Folge restriktiver politischer Rahmenbedingungen. Nebenan rückt Jerusalem als bevorzugter Begräbnisort bei Angehörigen aller drei Religionen in den Blick. Eine detaillierte Betrachtung der Relevanz der „heiligen Stadt“ in Judentum, Christentum und Islam, in deren Zentrum Modelle der herausragenden Jerusalemer Baudenkmäler mit kultischer Bedeutung stehen, bildet einen Schwerpunkt der Ausstellung: Ein Raum wird dominiert von historischen Modellen des Tempelberges mit Felsendom und Al-Aqsa-Moschee sowie der Grabeskirche. Dem antiken jüdischen Tempel und der nach dessen Zerstörung durch die Römer im Jahr 70 n.Chr. einsetzenden Jerusalem-Sehnsucht im rabbinischen Judentum ist ein eigener Raum gewidmet. Dort können Besucher/innen unter anderem eine 3D-Projektion einer Opferzeremonie im Modell des antiken Tempels erleben und eine Teil-Replik des Titusbogens aus der Nähe betrachten. Historische Ölgemälde stehen neben zeitgenössischen Videoinstallationen, und selbst PLO-Poster sind berücksichtigt – ein virtuoses Potpourri, das die zentrale Rolle Jerusalems als Projektionsfläche religiöser und politischer Sehnsüchte durch die Jahrhunderte illustriert, wie überall ergänzt durch Alltagsszenen aus dem Dokumentarfilmprojekt „24h Jerusalem“.


Abb. 4: Blick in den Raum „Der Tempel im Judentum“ mit dem Gipsabguss (um 1900) des sogenannten Beutereliefs vom Titusbogen in Rom
(© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff)

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchlebte Jerusalem eine tiefgreifende Transformation von einem verschlafenen Provinznest zu einer schnell wachsenden modernen Stadt, die zunehmend in den Fokus europäischer Mächte rückte – auch Deutschlands. Die Ausstellung vermittelt einen lebhaften, aber kursorischen Eindruck dieser komplexen Geschichte. Es lohnt sich, dazu auch den Katalog zu konsultieren. Das spätosmanische Jerusalem scheint hier dramaturgisch als eine Art kosmopolitischer Sehnsuchtsort zu fungieren, als verschiedenste Communities die Stadt in einer Art temporären Convivencia bewohnten, gleichsam als Kontrastfolie zu den folgenden Räumen, welche den israelisch-palästinensischen Konflikt thematisieren, in dessen Zentrum Jerusalem seit jeher steht: Mit einem weiteren Verweis auf die Bedeutung des Tourismus für die lokale Ökonomie werden ausgewählte historische Ereignisse und Besuche ausländischer Politiker/innen in vier geschichtsträchtigen Luxushotels der Stadt dargestellt, vom Bombenanschlag militanter Zionisten auf das King David Hotel im Jahr 1946 bis zu rezenten Treffen von US-Präsident Trump und Bundeskanzlerin Merkel mit Premierminister Netanjahu. Angenehm beiläufig wird dabei Kontextwissen zur Entwicklung des israelisch-palästinensischen Konfliktes über die Jahrzehnte vermittelt. Im folgenden, einzig durch historische Filmsequenzen auf großflächigen Bildschirmen belebten Raum unternehmen die Kuratorinnen den aussichtslosen Versuch, die wichtigsten Etappen des Konfliktes vom Einmarsch der britischen Armee im Jahr 1918 bis zum Ausbruch der zweiten Intifada im Jahr 2000 auf dokumentarische, quasi neutrale Weise zusammenzufassen, ohne weitere Kommentare. Die Auswahl der Filmsequenzen und O-Töne zentraler Protagonist/innen bietet natürlich dennoch mannigfaltiges Aufregungspotential für Bannerträger/innen der einen oder anderen Seite. Die negativen Kritiken seitens mancher israelischer Rezensent/innen bezogen sich besonders vehement auf diesen Teil der Ausstellung.[4]


Abb. 5: Blick auf die Film-Rotunde „Konflikt“
(© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff)

Im Begleitprogramm der Akademie des Jüdischen Museums, bestehend aus Filmabenden, Vorträgen und Podiumsdiskussionen, präsentierte unter anderem der Jerusalemer Historiker Menachem Klein seine ins Deutsche übersetzte Mikrogeschichte lokaler Beziehungen zwischen Angehörigen unterschiedlicher Communities[5], und der israelische Menschenrechtsanwalt Michael Sfard stellte seine Erfahrungen mit israelischen Gerichten zur Diskussion.[6] Doch eine für Juni 2018 angekündigte Veranstaltung mit dem palästinensischen Friedensforscher und LGBTQ-Aktivisten Sa’ed Atshan zum Thema „Being Queer and Palestinian in East-Jerusalem“ musste letztlich an einem anderen Ort stattfinden, weil der Referent auf Druck der israelischen Botschaft in Berlin kurzfristig wieder ausgeladen wurde.[7] Diese Begebenheit verweist auf den mitunter schwierigen Balanceakt, welchen eines der bedeutendsten jüdischen Museen in Europa zu leisten hat, wenn es gegenüber politischen Sensibilitäten auf seiner Eigenständigkeit beharrt.[8]

Für Aufsehen sorgt zudem die Darstellung innerjüdischer Konflikte in der Ausstellung. Drei unterschiedliche, in ihrer politischen Orientierung gegensätzliche jüdische Bewegungen werden porträtiert: Neturei Karta („Wächter der Stadt“) ist eine antizionistische Sekte innerhalb des orthodoxen Judentums, deren Anhänger den Staat Israel als Gotteslästerung ablehnen und diese Meinung auch schon mal im Rahmen eines Treffens mit dem ehemaligen iranischen Präsidenten Ahmedinedjad und auf Konferenzen in Teheran zum Besten gaben.[9] Ne’emanei Har ha-Bayt („Bewegung der Getreuen des Tempelberges“) ist eine rechtsextreme Splittergruppe, die messianisch aufgeladene Phantasien hegt vom Wiederaufbau des jüdischen Tempels anstelle der auf dem Tempelberg seit über 1.000 Jahren existierenden islamischen Sakralbauten.[10] Diese Forderung widerspricht der etablierten jüdischen Theologie: Um das versehentliche Betreten jenes Ortes zu vermeiden, wo sich einst das Allerheiligste des antiken jüdischen Tempels befand, ist gläubigen Jüdinnen und Juden der Weg auf den Tempelberg verboten. Im ehemals dominanten säkularen Zionismus stand die Idee einer Wiederrichtung des Tempels als Metapher für den Aufbau der Nation. Doch als Folge der Diskursverschiebung in der israelischen Gesellschaft in Richtung national-religiöser Positionen werden in der jüdisch-israelischen Öffentlichkeit heute Forderungen wie diejenigen der Ne’emanei Har ha-Bayt zunehmend als legitim empfunden, die früher allenfalls mit der in den 1980er-Jahren verbotenen Kach-Partei assoziiert wurden.[11] Als liberaler Kontrast wird schließlich die feministische jüdische Bewegung „Women of the Wall“ porträtiert, die von Aktivistinnen aus dem konservativen und reformorientierten Judentum getragen wird. Sie engagiert sich für den freien Zugang von Frauen zur Klagemauer und für ihr Recht, dort eigene Gottesdienste abzuhalten.[12] Aus Sicht der in Israel tonangebenden und politisch einflussreichen orthodoxen Strömung des Judentums sind solche Forderungen inakzeptabel.

Einen weiteren Perspektivwechsel ermöglichen ausgewählte Werke von vier höchst unterschiedlichen Künstler/innen zum Thema Jerusalem und Israel/Palästina: Mit Mona Hatoum hat eine namhafte palästinensische Künstlerin ein Werk zur Ausstellung beigesteuert. Weitere stammen vom 2017 in London verstorbenen, im Rahmen des Kindertransports 1939 geretteten Gustav Metzger sowie von den US-Amerikanern Fazal Sheikh und Andi LaVine Arnovitz. Im hinteren Teil der Ausstellung werden Videoinstallationen der israelischen Künstlerinnen Yael Bartana und Nira Pereg präsentiert. Vier von Dani Levy eigens für die Ausstellung mit 360°/Virtual-Reality-Technik produzierte Kurzfilme sind zwar nicht mehr im Museum, aber noch immer auf arte und beim ZDF einsehbar.[13]


Abb. 6: Blick in den Raum „Künstlerische Positionen“ mit Installationen von Gustav Metzger, Mona Hatoum und Andi LaVine Arnovitz
(© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff)

Am Ende werden Besucher/innen dieser gelungenen und gut frequentierten Ausstellung wieder im Hier und Jetzt abgesetzt, indem sie einen Raum voll wechselnder Medienberichte zu aktuellen Ereignissen in und um Jerusalem durchqueren. Auch ein Hinweis auf die vielfältigen, bis heute im Berliner Stadtbild sichtbaren lokalen Bezüge darf nicht fehlen (Jerusalemer Straße, Jerusalemkirche etc.). Nächstes Jahr in Jerusalem?

Anmerkungen:
[1]https://www.zeroone.de/movies/24h-jerusalem/ (03.10.2018).
[2]https://www.jmberlin.de/fuehrung-jerusalem-im-dialog-oeffentlich (03.10.2018).
[3]https://www.jmberlin.de/blog/2018/08/wie-waers-mit-etwas-mehr-ambiguitaetstoleranz/ (03.10.2018).
[4] Siehe etwa Eldad Beck, Die Wandlung des Jüdischen Museums Berlin zur anti-israelischen Institution, in: Jüdische Rundschau, 11.01.2018, http://juedischerundschau.de/die-wandlung-des-juedischen-museums-berlin-zur-anti-israelischen-institution-135911180/ (03.10.2018).
[5]https://www.jmberlin.de/buchvorstellung-jerusalem-geteilt-vereint-araber-und-juden-einer-stadt (03.10.2018); Menachem Klein, Jerusalem – geteilt, vereint. Araber und Juden in einer Stadt, Berlin 2018.
[6]https://www.jmberlin.de/vortrag-streitsache-jerusalem (03.10.2018).
[7] Thorsten Schmitz, Geschlossene Gesellschaft, in: Süddeutsche Zeitung, 15./16.07.2018, https://www.sueddeutsche.de/kultur/kulturpolitik-geschlossene-gesellschaft-1.4055253 (03.10.2018).
[8] Siehe auch die „Standortbestimmung“ des Museumsdirektors Peter Schäfer, Produktive Unruhe in die Gesellschaft tragen, in: Tagesspiegel, 01.10.2018, https://www.tagesspiegel.de/kultur/juedisches-museum-berlin-produktive-unruhe-in-die-gesellschaft-tragen/23132572.html (03.10.2018).
[9] Kobi Nachshoni, A rabbi in Iran – the Neturei Karta’s fight against Israel, in: Ynetnews, 25.02.2017, https://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-4927401,00.html (03.10.2018); https://www.youtube.com/watch?v=R-r04SQ97_Q (03.10.2018).
[10]https://www.templemountfaithful.org/articles/build-the-temple-now-no-need-to-wait-for-the-messiah.php (03.10.2018).
[11] Amanda Borschel-Dan, As support widens for Jewish prayer on Temple Mount, should we fear apocalyptic consequences?, in: The Times of Israel, 28.04.2016, https://www.timesofisrael.com/as-support-widens-for-jewish-prayer-on-temple-mount-should-we-fear-apocalyptic-consequences/ (03.10.2018).
[12]https://www.womenofthewall.org.il (03.10.2018).
[13]https://www.jmberlin.de/ausstellung-geschichten-aus-jerusalem-glaube-liebe-hoffnung-angst (03.10.2018).

Zitation
Achim Rohde: Rezension zu: Welcome to Jerusalem, 11.12.2017 – 30.04.2019 Berlin, in: H-Soz-Kult, 13.10.2018, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-307>.